28. November 2009

Gake no ue no Ponyo

J…E…R…K!!!!!!

Der 68-jährige Hayao Miyazaki gilt als Asiens Walt Disney, zählen die Werke seines Studios Ghibli doch zu den erfolgreichsten Filmen aller Zeiten, speziell in seiner Heimat Japan. Seit über einem Vierteljahrhundert beehrt Miyazaki seine Fans nun bereits mit seinen phantasievollen Geschichten, von denen überraschenderweise nur seine letzten beiden Werke für einen Academy Award nominiert wurden. In der westlichen Welt brachte ihm sein oscarprämierter Sen to Chihiro no kamikakushi sicherlich am meisten Ruhm ein, während bereits seine Filme aus den Achtzigern wie Tonari no Totoro den Produkten Disneys in nichts nachstanden. Folgte noch vor etwas mehr als einem Jahrzehnt fast Film auf Film, scheint Miyazaki allmählich seinen Ruhestand einzuläuten. Vier Jahre musste man seit Hauru no ugoku shiro auf eine neue Geschichte aus der Feder des Japaners warten. Und während sich zwar wieder viele typische miyazakische Momente in Gake no ue no Ponyo finden, enttäuscht der Film im Vergleich zu seinen großen Brüdern doch ein wenig.

Für seine Geschichte ließ sich Miyazaki diesmal bei Hans Christian Andersens The Little Mermaid inspirieren und das merkt man dem Film auch an. Die kleine Ponyo, die eigentlich Brundhilde heißt, erinnert von ihrem Äußeren her an eine Handpuppe. Eines Tages büxt sie aus der Obhut ihres Vaters, dem Herrn des Meeres, aus und lässt sich von einer Qualle gen Küste treiben. Als ein Fischkutter den Meeresboden aufwühlt, landet Brunhilde in einem Marmeladenglas und dieses wiederum am Strand. Der fünfjährige Sōsuke findet das Glas und kümmert sich um Brunhilde, die er nun Ponyo tauft. Doch nach einem Tag kann Ponyos Vater, Fujimoto, seine Tochter wieder zurück ins Meer holen. Sōsuke, der gemeinsam mit seiner Mutter Lisa am Abend auch auf seinen Vater, einen Schiffkapitän, verzichten muss, ist untröstlich. Ebenso Ponyo, die sich in Sōsuke verliebt hat und fortan viel lieber Füße und Hände hätte. Kurzum: menschlich sein möchte. Erneut büxt sie aus und kommt dabei mit dem magischen Elixir ihres Vaters in Verbindung. Als sich Ponyo in einen Menschen verwandelt und Sōsuke aufsucht, bringt sie die Meeresordnung durcheinander und beschwört einen riesigen Tsunami herauf.

Große politische Botschaften wie Miyazakis Umweltbewusstsein kommen in Gake no ue no Ponyo nur sporadisch zu Beginn zum Tragen, wenn gerade Fujimoto bemäkelt, wie verschmutzt das Meer dank der Müllabladung der Menschen ist („Such filth! Intolerable!“). Aber damit hat es sich dann auch und Ponyo schwingt nicht so sehr die Moralkeule, wie es Kaze no tani no Naushika oder Mononoke-hime einst erfolgreich taten. Allerdings verliert sich der Film auch nicht in seiner phantastischen Welt, wie ein Totoro oder Chihiro. Im Gegenteil biedert sich die Geschichte eher als kindliche Variante von Disneys The Little Mermaid an. Mit der Humanisierung Ponyos zentriert sich das Geschehen auf die reale Welt und Sōsukes und Lisas Haus. Wo gerade Chihiro eine Ausgeburt an wahnwitzigen Orten und Charakteren war, wirkt Ponyo erschreckend langweilig. Gerade in seiner ersten Hälfte bezieht Miyazaki dabei seine Inspiration aus Ponyos Verortung in ihre neue Umgebung. Ohnehin ist Ponyo ob ihres Niedlichkeitsfaktors oft das Zünglein an der Waage, das den Film meist alleine tragen muss.

Enttäuschend ist insbesondere, wie ideenlos die Handlung daherkommt. Miyazaki erschafft eine vermeintliche Prüfung, die es für Sōsuke und Ponyo zu bestehen gilt, indem sich die beiden ihre Liebe gestehen. Damit Ponyo Mensch bleiben und das Meer sich beruhigen kann. Nun wirkt es zum einen reichlich befremdlich, wenn sich zwei Fünfjährige Liebe schwören sollen. Ein Begriff, den sie noch gar nicht richtig erfassen können. Zum anderen etablierte sich die Liebe der beiden ohnehin schon zu Beginn des Films, sodass von einer Prüfung als solcher nicht die Rede sein kann. Wo Sen to Chihiro no kamikakushi noch mit einer spannenden Prämisse – die kleine Chihiro muss ihre Eltern zurückverwandeln – aufwartete, verkommt Ponyo zu einem bisweilen eintönigen Road-Movie. Welche Funktionen Figuren wie Sōsukes Vater Kōichi haben, will einem dabei auch nicht klar werden. Wie es genauso verstörend ist, dass Sōsuke seine Eltern beim Vornamen anspricht, sodass man erst meinen könnte/würde, dass Lisa eigentlich seine Schwester denn seine Mutter ist.

Was jedoch gefällt, ist die ungefragte Annahme der phantastischen Elemente. Wo in anderen Fantasyfilmen erst groß gezweifelt und negiert wird, stellt Lisa zu keinem Zeitpunkt in Frage, dass das Mädchen Ponyo einst der Fisch Ponyo war und der Tsunami mit dem rothaarigen Mädchen zusammenhängt. Diese Voraussetzung von Phantasie, die willkommen geheißen wird, ist ein untrügliches Merkmal eines Ghibli-Films. Andere Eigenschaften kann Miyazaki jedoch nicht herüber retten. Eine Szene, in der Ponyo ihre Suppe und Sandwiches einem Baby abgibt, wirkt süß, will aber keinen bestimmten Zweck erfüllen. Ähnlich eine als wichtig eingeführte Unterredung zwischen Lisa und Guranmamare, Ponyos Mutter, die wohl die Verbindung der beiden Kinder besiegeln soll. Insofern will und kann Gake no ue no Ponyo nicht vollends überzeugen, fehlen ihm doch die gewinnenden Eigenschaften der anderen Ghibli-Werke. Was bleibt ist eine weitestgehend inhaltsfreie, wenn auch verspielte und sympathische Geschichte einer Kinderfreundschaft jenseits von äußerlichen Erscheinungsbildern.

8/10

26. November 2009

Revanche

In der Stadt wird man entweder arrogant oder ein Lump.

Schon lange gilt Österreich als der kleine Bruder von Deutschland. Wenn es nach den Österreichern geht, wohl schon zu lange. Stets im Schatten der Deutschen können sich die Österreicher weder in der Musik (DJ Ötzi zählt nicht), noch im Sport für ihren Status revanchieren. Wenn es ums Filme drehen geht, haben sie jedoch dem großen Bruder in den letzten Jahren wenn schon nicht einiges voraus, dann doch zumindest Augenhöhe erreicht (was hinsichtlich des deutschen Kinos allerdings nicht unbedingt als Kompliment anzusehen ist). Die Fälscher gewann im Vorjahr den Oscar als bester fremdsprachiger Film. Was hinsichtlich des Status’ des Oscars auch nicht unbedingt viel heißen muss, aber immerhin bringt es Aufmerksamkeit. Mit Revanche waren die Österreicher dieses Jahr erneut bei der prestigereichsten Preisverleihung vertreten, mussten jedoch – zu recht – dem japanischen Vertreter den Vorrang lassen. Nichtsdestotrotz eine bemerkenswerte Leistung, innerhalb von einem Jahr zwei Mal nominiert zu werden. Schließlich hatte es zuvor lediglich 1986 mit 38 – Auch das war Wien eine österreichische Oscarnominierung in dieser Rubrik gegeben.

Zu Beginn nimmt Regisseur Götz Spielmann nicht nur eine Szene vorweg, sondern deutet sie sogleich zur Metapher für den ganzen Film um. Ein Gegenstand wird in einen See geworfen. Der Aufprall ins Wasser löst Wellen aus, die schließlich wieder verebben. Sinnbildlich für das Bild wird hier aufgeschlüsselt, dass ein Ereignis Wellen schlagen kann. Revanche erzählt die Geschichte von Alex, aber auch von Tamara, Susanne und Robert. Tamara (Irina Potapenko) ist eine Prostituierte in Wien. Sie stammt aus der Ukraine, spricht aber durchaus Deutsch, wenn auch mit grammatikalischen Fehlern. Diese sind dafür sehr süß und charmant („Gehe ich spazieren“). In den Augen von Tamaras Zuhälter Konecny (Hanno Pöschl) ist Tamara „zu Schad’ für’s Puff“. Er will sie in eine eigene Wohnung stecken, wo sie zur Edelhure für die Beletage Wiens umfunktioniert werden soll. Damit Tamara das verdeutlicht wird, lässt sie Konecny auch gerne mal von einem Freier zusammenschlagen, um sie in die „sichere“ Wohnung zu treiben.

Was Konecny nicht weiß: Tamara ist mit Alex (Johannes Krisch), einem Ex-Häftling und Aushilfe im Puff, liiert. Bei ihm darf Tamara sogar ihre Familie in der Ukraine anrufen. In Konecnys Wohnung will Tamara daher nicht. Der Zuhälter ist ihr verständlicherweise unheimlich. Wenn es nach Alex geht, könnten sie auch lieber heute als morgen nach Ibiza abhauen. Dort kann er bei einem Kumpel in einer Bar als Teilhaber einsteigen. Nur fehlen ihm 80.000 Euro. Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Eben. Sein Plan, eine örtliche Bank zu überfallen, wird von Tamara wenig enthusiastisch aufgenommen. Aber auch sie will ihrem tristen Leben entfliehen. Bei der Flucht kommt es allerdings zu einer Schießerei mit dem Streifenpolizisten Robert (Andreas Lust). Der hat nach eigener Aussage „auf die Reifen gezielt“, aber stattdessen Tamara getroffen. Diese verstirbt im Wald, Alex wiederum sucht Unterschlupf bei seinem Großvater (Johannes Thanheiser), der in der Umgebung lebt. Erstmal Gras über die Sache wachsen lassen. Wäre da nicht Susanne (Ursula Strauss), Roberts Ehefrau und Bekannte von Alex’ Großvater, die sich ständig auf dem Gut der beiden herumtreibt.

Spannend wird es schließlich, als Alex herausfindet, dass Robert für Tamaras Tod verantwortlich ist und im selben Ort wie sein Großvater wohnt. Während er diesem beim Holzhacken behilflich ist, nähert sich Susanne allmählich an Alex an. Beide beginnen aus individuellen Gründen eine Affäre miteinander. Alex selbst befasst sich mehr und mehr mit seinem Zielobjekt Robert. Sonntags joggt dieser an einem kleinen See entlang und Alex wartet auf ihn. Manchmal die Umgebung auslotend, dann wieder mit geladener Waffe auf Robert zielend. Was Revanche nun auszeichnet, ist die nicht vorhandene Effekthascherei, mit der Spielmann seine Geschichte erzählt. Sehr ruhig und besonnen lässt der Österreicher seine Bilder für sich sprechen, wirkt dabei nie aufgeregt. Weder beim Banküberfall, noch während der Flucht. Als Tamara stirbt und Alex im Wald hält, fokussiert Spielmann die Kamera von außen gut eine halbe Minute auf den stillstehenden Wagen. Man hört Alex nicht Schreien, hört ihn nicht Weinen. Man sieht einfach nur das Bild.

Auch auf die Eskalation zwischen Alex und Robert wartet man vergeblich. Revanche ist weniger Thriller als Charakterstudie. Des Öfteren sieht man Alex gemeinsam mit seinem Großvater ihr Vesper zu sich nehmen. Die Männer kommen sich wieder näher, wenn auch in Stille. Susanne und Robert wiederum haben ihre eigenen Probleme. Nachdem Robert den Tod Tamaras nicht verarbeiten kann, schließt er seine Frau emotional aus. Übernimmt Nachtschichten und bricht schließlich zusammen. Er hat doch auf die Reifen gezielt. Da Spielmann zu Beginn den Polizisten bei Schießübungen gezeigt hat, kann man sich denken wie sehr ihn Tamaras Tod mitnimmt. Er ist ein guter Schütze. Und er hat doch auf die Reifen gezielt. Die Entwicklung, die Spielmanns Film später nimmt, ist letztlich wenig überraschend und doch unerwartet. Als Zuschauer ist man einen Film wie Revanche nicht (mehr) gewöhnt. Zum Vergleich ließe sich Reservation Road heranziehen – den Roman, nicht den Film –, der am Ende einen ganz anderen und irgendwie typisch amerikanischen Verlauf nimmt. Nicht so Revanche, der durchweg stimmig, stringent und spannend ist. Und das ohne allzu viel Aufheben und besser als alles, was wir Deutschen dieses Jahr hervorbrachten.

8.5/10

24. November 2009

Anvil! The Story of Anvil

We’re gonna be rock stars.

Robb hat die Schnauze voll. Will nicht mehr. Nur Ärger, die ganze Zeit. Sein Band-Kumpel Steve redet auf ihn ein. „The place is jammed. Fucking packed!“ Gut, die Fans will man dann auch nicht enttäuschen. Also wieder rein in den Münchener Club. Dort wird dann vor sprichwörtlich einer Handvoll Gästen gespielt. Später gesteht Gitarrist und Leadsinger Steve „Lips“ Kudlow dann ein, dass er nicht gerne vor 5 Leuten in Hallen spielt, die vierzig Mal so viele Besucher fassen. Und am Ende behauptet er, dass es ihm eigentlich egal ist. Denn er spiele ja um des Spielens Willen. Denn die Musik vergeht nie. Der Tod zwar auch nicht, das weiß auch Lips, aber dennoch, die Musik vergeht trotzdem nie. Lebt immer weiter, ist unsterblich. Und mit ihr auch die Person, die sie hervorgebracht hat. Deswegen gibt Lips auch nicht auf. Kämpft um die Produktion des 13. Studioalbums und später darum, ein Label für dieses zu finden.

Steve und Robb sind die besten Freunde seit sie 14 Jahre alt waren. Sie haben einiges gemeinsam, nicht nur die Liebe zur Musik. Beide entstammen jüdischen Familien mit osteuropäischer Vergangenheit. Als Steve und Robb in den siebziger Jahren ihre erste Band gründeten, die Anfang der Achtziger dann ihren heutigen Namen „Anvil“ erhielt, waren sie vielversprechende Musiker. Neben einigen anderen bekannten Bands wie den Scorpions oder Bon Jovi traten sie 1984 auf einem großen Konzert in Japan auf. „These guys are going to turn the music world upside down“, war sich Lars Ulrich, Schlagzeuger von Metallica, damals bereits sicher. Doch Anvil! The Story of Anvil verrät bereits zu Beginn, dass Anvil im Gegensatz zu den anderen Bands nicht zu Weltruhm aufstieg. Dabei waren sie Wegbereiter für Gruppen wie eben Metallica oder auch Slayer. Ihre frühen Alben, allen voran Metal on Metal, zählen zu den Begründern des Speed Metal. „It’s over. It’s been over for a long time“, resümiert Droid, Robbs Schwester, im Zuge der Dokumentation den Zustand von Anvil.

„Sometimes life deals you a hard deck“, blickt auch Slash, der Gitarrist von Guns N’ Roses etwas betrübt auf die Entwicklung von Anvil zurück. Was lief schief? Ulrich meint, die kanadische Nationalität der Gruppe könnte ein Grund gewesen sein. Lemmy Kilmister von Motörhead ist dagegen der Ansicht, dass es entscheidend sei, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Die erfolgreiche Phase von Anvil ist jedenfalls vorbei. Eigentlich schon lange. Inzwischen arbeitet Lips als Fahrer für einen Schulcatering Service. Nur noch gelegentlich, wie an seinem 50. Geburtstag, spielt er mit Robb und den anderen beiden Bandmitgliedern, Glenn und Ivan. Meistens sind dann auch ihre treuesten Fans, Cut Loose und Mad Dog, anwesend. Deren Spitznamen sind Programm, Mad Dog konsumiert dann auch gleich sein Bier durch sein rechtes Nasenloch. Die Zeiten, in denen Lips mit einem Dildo seine E-Gitarre rockte, sind lange vorbei. Inzwischen gilt es, über die Runden zu kommen. Frau und Kinder zu ernähren. Glenn zum Beispiel hat nicht einmal ein Haus, sondern lebt in einer Garage.

Für Anvil! The Story of Anvil begleitete nun Drehbuchautor Sacha Gervasi, Anvil-Fan erster Stunde und dreimaliger Roadie der Gruppe, die Europatournee der Band, sowie ihre Bemühungen ihr 13. Studioalbum auf den Weg zu kriegen. Doch die Probleme werden bald nach Beginn der Tournee offensichtlich. Es fehlt ein „fucking“ Management. Zwar haben Lips und Robb eine Tourmanagerin, doch diese scheint mit der Aufgabe schlichtweg überfordert. In Prag verfahren sich die Jungs, kommen schließlich zwei Stunden zu spät zu ihrem Gig und werden hinterher nicht einmal bezahlt, sondern lediglich mit einem Teller Gulasch abgespeist. Ein richtiges Rock-Star-Leben ist dies nicht. Erst recht, wenn anschließend im rumänischen Transylvanien in einer Halle mit Kapazität von 10.000 Menschen nur 174 aufkreuzen. Doch Lips, der ewige Optimist, lässt sich nicht unterkriegen. Er bereue keine einzige Minute, erzählt er einige Wochen später in Nordamerika. Suboptimal verlief vielleicht die Tour, aber das neue Album steht. Oder auch nicht.

Zwar springt ihr ehemaliger Produzent wieder mit an Bord, doch $13.000 fehlen dennoch. Woher nehmen, wenn nicht Stehlen? Lips heuert kurzerhand als Aushilfe bei seinem Fan Cut Loose an. Dieser betreibt eine Telemarketing-Firma. Lips soll Sonnenbrillen verkaufen, die damit angepriesen werden, dass Keanu Reeves sie in The Matrix getragen hat und sie zu 45% dafür sorgen, dass man eher flachgelegt wird. Natürlich kriegt Lips so das Geld nicht zusammen, dafür findet sich schließlich eine andere Quelle. Das Album wird also aufgenommen, Streitigkeiten entspinnen sich, kein Label will das Teil haben, usw. Anvil! The Story of Anvil erzählt nicht so sehr die (Back-)Story von Anvil, sondern fokussiert sich vielmehr auf einen möglich Comeback-Versuch. Dabei macht der Dokumentarfilm die meiste Zeit sehr deutlich, dass Gervasi alles ist, aber kein guter Regisseur. Die Liebe zur Band ist da, das merkt man spätestens in seiner Vergangenheit als Roadie, die Gervasi ermöglich mit der Kamera auch dann ungestört draufzuhalten, wenn zwischen den Bandmitgliedern mal richtig die Fetzen fliegen.

Die meiste Zeit versucht Anvil! The Story of Anvil jedoch nur eine real life version von Rob Reiners Kulthit This is Spinal Tap zu sein. Die Ähnlichkeiten sind offensichtlich, angefangen mit Schlagzeuger Robb Reiner, der zwar für seinen Namen nichts kann und auch nur das letzte Glied der Kette darstellt. Da gibt es die Amplitude, die natürlich bis 11 reicht, ein Interview mit den beiden Freunden und Begründern in einem Bistro, die beinahe stattfindende Bandauflösung, weil sich ebenjene Freunde und Begründer in die Haare kriegen und sogar einen Ausflug nach Stonehenge enthält Gervasi seinen Zuschauern nicht vor. Die Parallelen zu Reiners Klassiker sind unübersehbar, was an sich nicht allzu tragisch ist, bestätigten doch zahlreiche Musiker wie Van Halen, dass This is Spinal Tap sehr nahe an einer echten Musiktournee sei. Doch wie gekünstelt Gervasi diese Parallelen heraufbeschwört, lässt einen am authentischen Charakter einiger Handlungsverläufe zweifeln. Zahlt vielleicht das Filmstudio das 13. Album? Und die Fans, die schließlich jubelnd die Halle strömen? Ist alles nur fingiert, um den Erfolg von Anvil! The Story of Anvil zu beschwören?

Die Lobeshymnen sind überbordend. Es sei der beste Dokumentarfilm, den er seit langem gesehen habe, meinte Dokumentarfilmer und Oscarpreisträger Michael Moore. Und daher verwundert es nicht, dass auch Anvil! für die Kategorie des Besten Dokumentarfilms bei der Academy eingereicht wurde. Vollends überzeugen will Gervasis Film dann aber nicht. Zwar ist er des Öfteren sehr „spinal tap“, gerade wenn Lips Matrix-Sonnenbrillen übers Telefon verkaufen will, um das nächste Album zu finanzieren. Doch zu viel bleibt einfach außen vor. Wie kann Lips seinen Job behalten, wenn er ständig hierhin und dorthin fünf Wochen lang fliegt? Wie kann sich Lips Schwester leisten, das 13. Studioalbum zu finanzieren, das am Ende nicht mal erscheint? Wieso streiten sich plötzlich Lips und Robb? Gervasi löst es nicht wirklich auf, sodass man das Gefühl hat, der Streit wurde nur inszeniert, um einen Streit – und eine Versöhnung – in den Film integrieren zu können. Wenn dann ein Interview mit Lars Ulrich im Bonus-Teil der DVD mit 30 Minuten fast halb so lange dauert, wie Anvil! selbst, kann irgendwas nicht stimmen. Insofern ist Gervasis Film bisweilen unterhaltsam, nett und sympathisch. Aber wenn ich This is Spinal Tap sehen will, dann schau ich mir lieber das Original an.

7/10

22. November 2009

Okuribito

The last shopping of your life is done by others.

Im August gab es in Japan einen politischen Umsturz. Die seit fast einem halben Jahrhundert regierende Partei der Konservativen wurde von den Liberaldemokraten mit einem erdrutschartigen Sieg abgewählt - und damit auch die jahrelange politische Tradition. Für viel Aufhebens sorgte dieser politische Wechsel jedoch nicht, Japan ist schließlich eher ein Land der leisen Töne. Die japanische Gesellschaft orientiert sich an wa, dem Streben nach Harmonie. Es gilt als unehrenhaft, die Harmonie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Um Harmonie und unehrenhaftes Verhalten geht es auch in Yôjirô Takitas neuem Film Okuribito (bei uns: Nokan – Die Kunst des Ausklangs).

Wegen mangelndem Interesse wird das Orchester des jungen Cellisten Daigo Kobayashi (Masahiro Motoki) aufgelöst. Dabei muss der sein wertvolles Instrument noch abbezahlen. Um einen Neuanfang zu wagen, verkauft er sein Cello und zieht mit seiner Frau Mika (Ryôko Hirosue) von Tokio in seine Heimatstadt im japanischen Norden. Eine Zeitungsannonce verspricht einen Job für Unerfahrene, und plötzlich sieht sich Kobayashi der Aufgabe eines nokanshi, eines Aufbahrers und Einsargers, gegenüber. Doch die Stelle ist gut bezahlt, also verschweigt er sein eigentliches Tätigkeitsfeld, während er langsam die Leidenschaft für das nokan, das Aufbahren, entdeckt.

Die Arbeit des Aufbahrens und Herrichtens des Leichnams wurde früher übrigens auch in Deutschland separat von einem eigenen Berufszweig vorgenommen. Inzwischen ist dies jedoch in den Aufgabenbereich des Bestatters gefallen, wie auch jahrelang in der exzellenten US-Serie Six Feet Under zu sehen war. Dies ist auch in Takitas Film der Fall, in dem die nokanshi die Ausnahme von der Regel darstellen oder eine Nische besetzen, wie es die Sekretärin der neuen Firma von Kobayashi diesem erklärt. Das Herrichten und Aufbahren des Leichnams zum letzten Abschiednehmen ist dabei zur Tradition verkommen, gerade auch bei Unfallopfern.

Dass die Prozedur nicht nur etwas Kaltes und Steriles haben muss, zeigt sich in Okuribito. Die sprichwörtliche „letzte Reise“ kommt in Takitas Film zuhauf vor. Sei es Kobayashi, der scheinbar seine letzte berufliche Reise in Angriff nimmt, oder sein alternder Chef Sasaki (Tsutomu Yamazaki), der als letzte Unternehmung in Kobayashi selbst seinen designierten Nachfolger ausfindig macht. Dass dabei auch die letzte Reise nur einen Anfang darstellt (womit sich der Kreis schließt), wird fortwährend deutlich. Takita selbst schenkt dem Film eine Metapher, wenn Kobayashi eines Morgens auf dem Arbeitsweg Lachse beobachtet, die gegen die Strömung zum Laichplatz gelangen wollen.

Auch Kobayashi ist ein Lachs, der wieder heimisch werden will. Nachdem Takita erst das nokan selbst unter verschiedenen Umständen präsentiert, ist die Überraschung – zumindest für den westlichen Zuschauer – doch recht groß, als ein alter Jugendfreund Kobayashi plötzlich die kalte Schulter zeigt. Auch Gattin Mika reagiert mehr als unterkühlt. Es hat den Anschein, als sei der Beruf eines nokanshi in der Gesellschaft verpönt, was eine emotional ausufernde Aufbahrung nochmals verstärkt. Obschon die Arbeit von Sasaki und Kobayashi etwas von einer zeremoniellen Schönheit hat, scheint sie für ihre Mitmenschen die Harmonie aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Wie so viele japanische Dramen - man denke an Shôhei Imamuras Unagi - gefällt auch Takitas Film durch seine ausgeglichene Ruhe. Eigentlich könnte man den ganzen Tag dabei zusehen, wie Kobayashi nokan ausübt und in der Freizeit versucht, auf seinem abgenutzten Kindercello Erinnerungen an den Vater zu evozieren. Takita erschafft Bilder von berührend schöner Simplizität, unterlegt von Joe Hisaishis Musik. Hier fügt sich auch das Ensemble um Motoko, Yamazaki und Hirosue nahtlos ein, die Okuribito zum exzellenten japanischen Drama machen. Selten hat man sich im Kino wohl respektvoller und anmutiger dem Tod und dem, was danach kommt, gewidmet.

8.5/10

20. November 2009

South Park - Season Thirteen

The fuck?

In der Wirtschaft folgt auf jedes Hoch unabdingbar ein Tief, was natürlich ist, da das eine das andere bedingt. Konstant auf einem Level zu sein und zu bleiben ist dabei eine herausragende Leistung, insbesondere in der Unterhaltungsbranche. Nur wenigen Formaten, als Beispiel sei The Office angeführt, gelingt es Jahr für Jahr, Staffel für Staffel, auf einem konstant guten Level zu bleiben. Eine Eigenschaft, die anderen Serien wie The Simpsons nach einen Dutzend Staffeln allmählich abhanden ging. Umso erfreulicher war es, dass Matt Stones und Trey Parkers Gesellschaftssatire South Park Herbst für Herbst zu überzeugen wusste. Zwar gab es stets ein, zwei etwas enttäuschende Folgen, doch im Gros waren die meisten Staffeln sehr gute Unterhaltung. Doch auf jedes Hoch folgt auch ein Tief und somit dürfte es im Nachhinein nur eine Frage der Zeit gewesen sein, ehe auch South Park einen qualitativen Absturz erleben musste. Was die erste Hälfte der dreizehnten Staffel bot, war erschreckend schlecht (für die Verhältnisse der Serie). Zwar vermochten die verbliebenen sieben Folgen noch ein wenig zu retten, doch am Ende dürfte dies wohl die bisher schlechteste Staffel von Stone und Parker geworden sein.

Wie so oft sind inhaltlich dabei gut die Hälfte der Episoden sehr nah dran am Zeitgeschehen. So befasst sich die zweite Episode The Coon mit der neuen Welle an Superhelden-Filmen, indem speziell The Dark Knight und Watchmen auf den Arm genommen werden. Gelingt dies noch mitunter recht nett, so verkommt die darauffolgende Episode Margaritaville zu einer der mit Abstand schlechtesten Folgen der Seriengeschichte. Löblich, dass sich Stone und Parker der Wirtschaftskrise und daraus resultierenden Rezession annehmen, aber ihr Versuch will im Grunde zu keinem Zeitpunkt wirklich funktionieren. Gemeinsam mit der anschließenden Episode Eat, Pray, Queef – die das Phänomen des Vaginalfurzes behandelt und damit zu den alljährlichen „Ekelfolgen“ zählt – erreicht die Show hier ihren Tiefpunkt. Auch die Geschichten, die sich mit der Piraterie in Somalia (Fatbeard) und Michael Jacksons Ableben (Dead Celebrities) beschäftigen, zünden eher schlecht als recht. Es mag daran liegen, dass das Jahr 2009 bisher nicht viel zur Persiflage hergegeben hat, wahrscheinlicher ist jedoch, dass nach über einem Jahrzehnt den Machern wohl langsam die Kreativität flöten geht.

Während das gesellschaftspolitische Geschehen nicht sonderlich gelungen einfangen ist, wissen wenigstens die Anspielungen an die eigene Branche zu gefallen. Sei es der Auftakt The Ring, in dem die überhypten Jonas Brothers thematisiert werden oder Fishsticks, wo man sich mit dem Ego von Kanye West („I’m the voice of a generation“) auseinandersetzt. Filmische Referenzen finden sich diesmal zu den oben genannten Superheldenfilmen, sowie in Whaling Whores auch ebenso aktuell wie in Pee den Werken The Cove bzw. 2012. Grundsätzlich sind es die Geschichten, die für sich stehen – und somit keine wirkliche Verbindung zum Alltagsgeschehen haben -, die runder ausfallen als die anderen. Am unterhaltsamsten funktionieren hierbei Butters’ Bottom Bitch, in welcher Butters zum Schulhofzuhälter aufsteigt, und W.T.F., die sehr schön die Wrestling-Euphorie der Amerikaner auf den Arm nimmt. Auch Pinewood Derby kann zu diesen Folgen gezählt werden, indem sich jene Folge speziell durch ihre skurrile Naivität auszeichnet. In vielen dieser Folgen (u.a. Margaritaville, Pinewood Derby, Pee) nimmt Randy eine zentrale Rolle ein, sodass konstatiert werden kann, dass er im Grunde sogar noch vor Kenny zu den fünf Hauptfiguren der Serie zu rechnen ist.

Das große Thema des H1N1-Virus haben sich Stone und Parker überraschenderweise dieses Jahr gespart, wie auch die Sozialismusprojektion auf Obama (selbst wenn sich in Dances With Smurfs eine Parodie auf Glenn Beck – den aber außerhalb der USA kaum jemand kennen wird – findet). Andere Themen wie Angelina Jolies Bestreben die ganze Welt zu adoptieren sind dann wiederum so ausgelutscht, dass sie eines Kommentars entweder nicht würdig sind oder eben bereits zu einem Zeitpunkt in der Show kommentiert wurden. Gut möglich also, dass die dreizehnte Staffel keinen Ausrutscher darstellt, sondern einen Trend einleitet. Zu wünschen wäre es South Park jedoch keineswegs, auch in dieser Hinsicht zum neuen The Simpsons zu verkommen. Dafür ist die Serie gerade wegen ihrer sozialkritischen Komponente viel zu wichtig. Insofern sollte also die Hoffnung geäußert werden, dass es im Mai in alter Frische und mit möglichst vielen zu kommentierenden Vorfällen in South Park weitergeht.

6.5/10

18. November 2009

Die Top 5: Klo-Szenen

Come on! Toilets are always funny!
(The Spirit)

Über Toiletten und was auf ihnen geschieht spricht man in gesellschaftlichen Kreisen eher ungern. Als zu delikat gilt das persönliche „Geschäft“. Dabei war dies nicht immer so, eher im Gegenteil. Die Funktion der Toilette als Ort für das Entsorgen der eigenen Exkremente gibt es schon seit fast fünftausend Jahren. So finden sich derartige Einrichtungen bereits um 2.800 vor Christus in Mesopotamien. Ihren Namen verdankt die Toilette der französischen Sprache. Als toile bezeichnete man das Tuch, das empor gehalten wurde, um die Verrichtung des Geschäfts zu verdecken. In der frühen Neuzeit verdiente sich Mancher sein Geld damit, in Parks und anderen Orten ein toile bereit zu halten, sollte jemand diesen Dienst in Anspruch nehmen müssen. Eine ähnliche Privatsphäre besaßen im alten Rom nur die Reichen. Für den Plebs waren öffentliche Latrinen vorgesehen, welche über aneinandergereihte Öffnungen verfügten, die Platz für 50 bis 60 Personen boten. Hier wurde der Gang zum Klo zum gesellschaftlichen Treffpunkt. Die Exkremente flossen dabei in Abwasserkanäle, von denen die Cloaca Maxima wohl die bekannteste war. Mit dem Ende des Römischen Reichs ging jedoch auch erst einmal ein Ende dieser Kloaken daher.

Im Mittelalter verlor der Stuhlgang seinen gesellschaftlichen Charakter. Man verrichtete sein Geschäft wann man wollte, wo man wollte. So mussten in Schlössern und anderen Bauten auch gerne mal Korridore und Flure herhalten, genauso wie auch Gärten und Parks hemmungslos beschmutzt wurden. Typisch waren damals Nachttöpfe, wie man sie beispielsweise in Pier Paolo Passolinis Salò o le 120 giornate di Sodoma bewundern kann. Die Inhalte dieses Nachttopfs wurden dann ungeniert einfach auf der Straße entleert, was auch Großstädten wie Paris oder London stinkenden Fäkalgeruch anhaftete. Dabei hatte der Dichter Sir John Harington bereits 1596 einen Prototyp unseres heutigen Wasserklosetts erfunden, war bei seinen Landsleuten jedoch trotz genauer Bauanleitung auf Unverständnis gestoßen. Erst 1775 ließ Alexander Cummings das Wasserklosett patentieren. Was aber nicht bedeutet, dass es anschließend flächendeckend zum Einsatz kam. Erst in den 1860er Jahren begann man in Manchester Häuser mit derartigen Toiletten zu bauen. Eine der ersten deutschen Toiletten wurde 1820 im Schloss Bad Homburg auf Geheiß der Ehefrau des dortigen Landgrafen installiert.


In Sam Mendes Kriegsfilm Jarhead erfährt Protagonist Swafford (Jake Gyllenhaal) seine Ernennung zum Scharfschützen auf dem Lokus.

Die meisten Namen für diese sanitäre Anlage zur Aufnahme von Körperausscheidungen haben dabei meist nichts mit dem Klo als solchem zu tun. Stattdessen versuchen sie vielmehr durch die Umschreibung des Ortes von jener Anlage und damit dem „schmutzigen Geschäft“ abzulenken. Während die Toilette jenes Tuch umschreibt, das einen abgeschirmten Privatraum erschuf, versteckt sich hinter dem Abort das „Austreten“, wohingegen in China die Toilette auch als „Halle der Inneren Harmonie“ tituliert wird. So werden Toiletten auch spezifisch nach Geschlechtern getrennt, an öffentlichen Plätzen verlangt man zudem meistens Geld als Gegenleistung. Inzwischen gibt es eine Welttoilettenorganisation, einen Welttoilettentag (der morgige 19. November) und verschiedene Toilettenbräuche wie Gebläse zur Geruchsüberdeckung in Italien oder kleine Lautsprecher zur Übertönung der Körpergeräusche in Japan. Dennoch ist auch ein Klo kein Allerweltgut. Planet Wissen erklärte zu Beginn des Jahres, dass obschon jeder Mensch gut ein Jahr seines Lebens auf der Toilette verbringt, circa 2,6 Milliarden Menschen - und damit 40 Prozent der Weltbevölkerung - über keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen verfügen.

Auch im Film zählt die Toilette im Grunde eher zu den Tabuzonen. Der Vorgang der Exkrementausscheidung wird wenn gezeigt, dann meist ins Groteske verzerrt. Beispielsweise in Filmen wie Dumb and Dumber, American Pie oder der South Park-Episode More Crap. Als Rückzugsort für sexuelle Selbstbefriedigung findet sich – abseits der pornographischen Medien – fast ausschließlich Amy Heckerlings Fast Times at Ridgemont High. Dagegen wird in Filmen und Serien die Toilette sehr viel häufiger mit einem Hort von Gewalt, sei sie physisch oder psychisch, assoziiert. Ein beliebtes Motiv ist hierbei die Rache, die – wenn auch indirekt – in Richard Donners The Goonies zum Tragen kam oder im Finale von American History X. Besonders in Szene gesetzt wurde die Toilette bei Alfred Hitchcock zur Vernichtung von Beweismaterial in Psycho, was wiederum in Francis Ford Coppolas The Conversation eine Referenz fand, wenn die Toilette Beweismaterial zu Tage förderte. Als Ausgangsbasis für die eigentliche Geschichte findet sich das Klo in Werken wie The Big Lebowski oder der Simpsons-Folge Bart vs. Australia.


In der TV-Serie Dead Like Me wird die Hauptfigur als Ausgangsbasis für die Handlung von der Toilette der Weltraumstation MIR erschlagen.

Am häufigsten dient die Toilette jedoch als Herberge für Gewalt, meist mit beabsichtigter oder resultierender Todesfolge für das Opfer. Während sich Jason Lee in Dreamcatcher eines Angriffs aus seinem Klo erwehren muss, führen die stillen Orten in Filmen wie Pulp Fiction oder Full Metal Jacket meist während Schusswaffengebrauchs zum Tod, während sich Danny Glover und Mel Gibson in Lethal Weapon 2 gar eines Bombenanschlags auf dem Lokus erwehren mussten. Wenn auch der Angriff auf oder mit dem Klo das meistverwendete Motiv einer Toilettenszene darstellt, inszenieren Look Who’ Talking Too, Slumdog Millionaire oder die Scrubs-Episode My Porcelain God den Abort als Hindernis, das es für die Hauptfigur zu überwinden gilt. Letztlich lässt sich somit wohl resümieren, dass das Klo auch im Film eine eher unbeliebte Location ist, die ob ihrer vermeintlichen Obszönität für möglichst widerwärtigen Humor herhalten muss oder ein Vorlagengeber für eine Racheaktion bis hin zum Tod einer Person in möglichst ungewöhnlicher Umgebung ist. Die folgenden fünf Filmszenen stehen wie immer natürlich in der subjektiven Sicht eines jeden Betrachters zur Diskussion, zählen für mich jedoch zu den gelungensten Vertretern und sind in manchen Fällen wenig überraschend:

5. Jurassic Park (Steven Spielberg, USA 1993): Die einzige Szene in Spielbergs Blockbuster-Meisterwerk, in welcher man den Angriff eines Dinosauriers – in diesem Fall des Tyrannosaurus Rex – auf eine der menschlichen Figuren in ihrer Vollständigkeit sieht. Nicht nur ob der technischen Brillanz ein würdiger Vertreter in dieser Rangliste, sondern einfach nur eine großartige Szene, wenn die mit Abstand unsympathischste Figur im spielberg'schen Dinospektakel von dem König der Echsen verspeist wird. Da kriegt die Phrase „you don’t shit where you eat“ eine völlig neue Bedeutung.

4. The Boondock Saints (Troy Duffy, CDN/USA 1999): Nach ihrer Kneipenschlägerei hätten die McManus-Brüder auch nicht gedacht, dass sie morgens plötzlich ihrem Tod ins Auge sehen könnten. Während Murphy auf die Straße gebracht wird, um neben dem Müllcontainer abgeknallt zu werden, reißt Connor kurzerhand den Lokus, an den er gefesselt ist, aus den Angeln, schleppt das Klo aufs Dach und wirft es mit gekonnter Hand zur Rettung seines Bruders auf dessen potentiellen Henker, ehe er sich selbst wagemutig vom Dach stürzt. Einen cooleren Angriff mit einer Toilette dürfte man vergeblich suchen.

3. Clerks. (Kevin Smith, USA 1994): Smiths Debütfilm gehört fraglos seinen beiden Ladenhütern Randal und Dante. Doch die geniale Kloszene rückt die weitestgehend abwesende Caitlin ins Geschehen. Als sie das Mitarbeiterklo des Quick Stop aufsucht und dort auf einen erigierten Penis stößt, vermutet sie ihren Freund Dante vor Ort und entschließt sich zu einem spontanen Quickie. Doch wie sich herausstellt, handelte es sich um einen älteren und inzwischen verstorbenen Besucher, der während Dantes Hockeyspiel das Klo mit einem Pornoheftchen besuchte, aber aufgrund seines Todes dieses nicht mehr verließ. What kind of convenience store do you run here?

2. La haine (Mathieu Kassovitz, FRA 1995): Kassovitz’ Geschichte vom Hass, der Gegenhass erzeugt, findet in seiner Mitte die Auseinandersetzung zwischen den Jugendlichen Vinz und Hubert auf einer öffentlichen Toilette, als Vinz seine Absichten einen Polizisten zu ermorden bekräftigt. Ein älterer Mann tritt überraschend aus einem der Klosetts, unterbricht dadurch den Streit und philosophiert über das erleichterte Gefühl nach dem Scheißen. Er verfällt in eine Anekdote über den Holocaust, die veranschaulicht, dass der Tod eine bemitleidenswerte Erscheinung ist, oft einhergehend mit gekränktem Stolz. Gerade für die Auflösung des Filmes eine intensive, nachdenklich stimmende und somit entscheidende Szene.

1. Trainspotting (Danny Boyle, UK 1996): Natürlich, an Rentons großartigem toilet dive führt kein Weg vorbei. Die Einführung der widerlichsten Toilette Schottlands mündet in der überraschend surrealen Szene von Rentons Versuch, seine soeben ausgeschiedenen Drogen wieder aus jener Toilette zu fischen. Der kontrastreiche visuelle Wechsel des schmutzigen Klos in das helle, klare Wasser in strahlendem Blau und Rentons Ein- wie Ausstieg aus dem Lokus zählt sicherlich neben dem Baby an der Decke zu den erinnerungswürdigsten Szenen in Boyles cineastischem Meisterwerk, das bis heute stellvertretend für die Filmographie des Briten steht.

16. November 2009

Henry Poole Is Here

Not everything needs an explanation.

Mark Pellington ist ein Mann, der scheinbar ein Faible für Verschwörungen hat. In seinem kleinen Meisterwerk Arlington Road musste sich Jeff Bridges einer terroristischen Verschwörung erwehren – oder ergeben, wenn man so will – und in Pellingtons Nachfolgefilm The Mothman Prophecies bekam es Richard Gere mit Mottenmännern und Brückeneinstürzen zu tun. Nachdem dieser Mystery-Thriller auf wenig Gegenliebe gestoßen war, zog sich Pellington für die nächsten sechs Jahre wieder zu seiner Musikvideo-Regie zurück. Lediglich für einige Episoden Cold Case ließ er sich wieder ins Business zurückschleifen, ehe er im vergangenen Jahr sein Glück erneut an einer kleinen Verschwörungsgeschichte versuchen wollte. Henry Poole Is Here erzählt von einem Mann – sinnigerweise Henry Poole benannt -, der sich einer Verschwörung von ganz Oben zu erwehren versucht. Und mit seiner Glaubensparabel beweist der Regisseur letztlich – obschon Kritiker und Zuschauer wenig begeistert waren -, dass er wieder unter den Lebenden wandelt.

Eigentlich wollte Henry Poole (Luke Wilson) sein altes Elternhaus kaufen, doch die Besitzer gaben es nicht her. Stattdessen also eine marode Bude am andern Ende der Straße. Die Maklerin (Cheryl Hines) will noch ein kleines Sparpaket für Henry rausschlagen, doch dieser weist sie strikt zurück. „You need to just let this go“, erklärt er und verfällt anschließend in sein wieder und wieder geäußertes Mantra: „I’m not gonna be here that long.“ Henry stirbt. Eine unheilbare europäische Krankheit. Mehr erfährt man nicht. Braucht man aber auch nicht. Henry hat mit seinem Leben abgeschlossen. Verbringt die Tage in seinem Garten oder auf der Couch mit Vodka und Margaritas. Seine extrovertierte Nachbarin Esperanza (Adriana Barraza) geht ihm dabei nur auf den Keks. Speziell als sie glaubt, in einem Wasserfleck an seiner Hauswand das Antlitz Jesu Christi auszumachen. Mit derlei schnödem religiösen Hokuspokus will sich Henry nicht aufhalten und auch die Freundlichkeit der Supermarktangestellten Patience (Rachel Seiferth) nervt ihn eigentlich nur. Lediglich seine andere Nachbarin, Dawn (Radha Mitchell), und ihre kleine Tochter Millie können den Misanthropen etwas aus seiner Lethargie befreien.

Mit Henry Poole Is Here ist Pellington erneut ein klitzekleines Meisterwerk gelungen. Anstatt sich nach dem missglückten Mothman Prophecies auf ewig in seine Musikvideos zu verkriechen, hat sich der Amerikaner wieder heran gekämpft. Auch wenn sein Film wenig ankam, in Deutschland nicht einmal in den Kinos lief. Was Pellingtons Film vor allem anderen auszeichnet, ist sein Spiel mit Worten und Musik. Selten hat man einen Film gesehen, dessen Soundtrack stimmiger zusammengestellt wurde als hier. Nicht nur passen sich die musikalischen Noten an die Stimmung der jeweiligen Szenen an, sondern die Songtexte wirken wie ein verlängerter Arm des Drehbuchs, wenn sie nicht nur beschreiben, was offensichtlich ist, sondern auch einen Einblick in das Innenleben der Figur geben. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, dass Drehbuchautor Albert Torres entweder sein Skript auf Basis der Lieder geschrieben hat oder die Musiker ihre Songs explizit für Pellingtons vierten Spielfilm komponiert haben. Denn diese hier auftretende Synergie zwischen Film und Musik erlebt man nur sehr selten.

Es singen die Eels zu Beginn „Don’t got a lot of time, don’t give a damn“ (Love of the Loveless), wenn Henry im Supermark einen Einkaufswagen voller Alkohol an die Kasse schiebt. Da kreischt Damon Albarn mit seiner Band Blur die Textzeile „well I lie and I’m easy, all of the time but I’m never sure when I need you – pleased to meet you“ (Song 2) als Henry mit einem Gartenschlauch versucht das Antlitz Jesu von seiner Wand zu spritzen. Und Bob Dylan stimmt Liedzeilen wie „my sense of humanity has gone down the drain“ und „I was born here and I’ll die here against my will“ (Not Dark Yet) an, wenn Henry in der Mitte des Filmes sein altes Elternhaus begutachtet. Als er dann Dawn und Millie schließlich in sein Herz geschlossen hat, erklingt Golden State und singt traurig-schön „I don’t want to go that way“ (All Roads Lead Home). Womit an dieser Stelle nur einige Textzeilen von manchen der Lieder namentlich angeführt werden sollen.

Auch sonst hält sich Torres nicht mit Symbolik zurück. So erhält die Supermarktangestellte, die Henry als erste Mitgefühl und Zuneigung entgegenbringt, den Namen Patience, während schließlich die designierte neue Liebe in seinem Leben auf den vielversprechenden Namen Dawn hört. Seine gläubige Nachbarin und Stein des Anstoßes heißt dann wie selbstverständlich Esperanza (span. Hoffnung). Über all diese Figuren verrät Torres letztlich mehr als über Henry. Dieser meint, sein Elternhaus sei der letzte Ort, an dem er glücklich gewesen sei. Dabei stellt sich heraus, dass er ein Scheidungskind ist, das vor den elterlichen Ehestreits Zuflucht in den Flusskanälen von Los Angeles suchte. „Never felt at home“ besangen die Eels zu Beginn, wenn sie quasi von Henry berichten, der kaum Freunde hat und meist alleine ist. Wieso er so ist, verrät uns der Film nicht. Er beschränkt sich darauf Henry als gefühlslose Figur zu zeichnen, die ihren Glauben verloren hat. Dabei geht es trotz all der christlichen Metaphorik nicht zwingend um das Christentum. „It doesn't say that religious beliefs are real. It simply says that belief is real”, hat Roger Ebert in seiner Kritik zum Film richtig konstatiert.

„You are not looking“, fleht Esperanza Henry an, als dieser sich immer wieder weigert, dem Wasserstigmata eine Chance zu geben. Und Patience resümiert später, dass man manchmal traurig sein muss, um sich daran zu erinnern, am Leben zu sein. „Better than feeling nothing, right?“ Aber Henry kämpft dagegen an. Kämpft gegen den reinen Aberglauben, gegen den Funken Hoffnung. Als er eines Tages vor dem Wasserfleck steht, die Hände zur Berührung ausgefahren, bricht er weinend zusammen. Er will nicht schon wieder enttäuscht werden, wie er wohl seiner Zeit an die Rettung der elterlichen Ehe geglaubt hat. „I still got the scars that the sun didn’t heal“, hatte Bob Dylan zuvor noch gesungen. Das Charakterensemble selbst stellt in Henry Poole Is Here ein Mosaik dar. Über Geduld findet Henry zu Hoffnung und die Hoffnung wiederum mündet schlussendlich in der Morgendämmerung eines neuen Tages. „I chose to believe“, bringt es Patience für Henry am Ende auf einen einfachen Nenner.

Sicher, Pellingtons Film rutscht zum Finale hin ein wenig ins Pathetische ab. Wie auch die Romanze zwischen Henry und Dawn relativ schnell ins Rollen kommt. Und auch wenn es um den Glauben an sich geht, nehmen die christlichen Elemente manchmal überhand. Nichtsdestotrotz ist Henry Poole Is Here aber ein außerordentlicher Film, der natürlich etwas Märchenhaftes sprich Religiöses an sich hat. Der aber durch seine positive Geschichte der Hoffnung des Glaubens oder des Glaubens an die Hoffnung zu bestechen weiß. Ein Film, in dessen exzellent aufspielendem Ensemble die großartige Adriana Barraza noch hervorsticht und der wie schon angesprochen insbesondere durch den überragenden Soundtrack funktioniert. Es bleibt zu hoffen, dass sich Pellington wegen der negativen Stimmen (nur 27% bei Rotten Tomatoes, ein weltweites Einspielergebnis von nicht mal zwei Millionen Dollar) nicht schon wieder sechs Jahre verkriecht, sondern alsbald einen ebenso starken Film abliefern kann, wie er in Henry Poole Is Here zu finden ist.

8/10 - in anderer Form erschienen bei MovieMaze

14. November 2009

La teta asustada

Look at the sea.

In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts herrschte Bürgerkrieg in Peru zwischen dem Staatsmilitär und der maoistischen Terrororganisation „Senderos Luminoso“. Ähnlich wie im Vietnamkrieg hatte die Bevölkerung unter diesem Konflikt zu leiden. Wo Kollaborateure – je nachdem ob mit dem Militär oder Senderos Luminoso – vermutet wurden, statuierte man ein Exempel. Und dies an Tausenden von Menschen. Frauen wurden in Massen vergewaltigt. Eine unrühmliche Seite im Geschichtsbuch Perus, wie sie sich in der Historie eigentlich jedes Landes finden lässt. Die 32-jährige Regisseurin Claudia Llosa widmet sich mit La teta asustada diesem dunklen Kapitel ihres Landes, wenn auch nur als Ausgangsbasis für ihre eigentliche Geschichte. Zu Beginn, wenn das Bild noch schwarz ist, besingt die alte Perpetua, wie sie einst vergewaltigt wurde und man ihr den mit Pfeffer gewürzten Penis ihres getöteten Mannes in den Hals steckte. Als Perpetua im Bild erscheint, wirkt sie apatisch. Der Blick ist leer, die Regungen auch. Nur der Mund bewegt sich und besingt mit melancholischer Stimme das traurige Schicksal.

Dann beugt sich ihre Tochter Fausta (Magaly Solier) ins Bild. Perpetua war mit Fausta schwanger, als sie vergewaltigt und gedemütigt wurde. Auf dem peruanischen Lande glaubt man nun, dass der Schrecken, den eine Frau während ihrer Schwangerschaft erlebt, durch die Muttermilch an ihr Kind weitergegeben wird. La teta asustada nennt man diese Krankheit – die angsterfüllte Brust. Auch Fausta wirkt apatisch, singt mit ihrer Mutter, scheint aber in ihrer eigenen Welt zu leben. Als Perpetua stirbt, will Faustas Onkel Lucido (Marino Ballón) sie im Hinterhof vergraben. Doch Fautsa ist dagegen, will den Leichnam der Mutter lieber in deren Heimatdorf überführen. Allerdings fehlen ihr die 700 Sols, die dies kosten würde. Faustas Tante vermittelt ihr einen Job als Hausmädchen der wohlhabenden Pianistin Aída (Susi Sánchez) in Lima. Für die verschreckte Fausta ein Schock-Erlebnis, fürchtet sie sich doch ohne Familienmitglied aus dem Haus zu gehen. Und Männer gleich jeden Alters sind ihr ohnehin suspekt und potentielle Vergewaltiger. Daher führte sich Fausta auch eine Kartoffelknolle in ihre Vagina ein. Dadurch verspricht sie sich, mögliche Vergewaltiger abzuschrecken.

Wirkt die Mär von der verschreckten Brust noch glaubwürdig, unabhängig ob diese nun genetisch oder psychologisch bedingt ist, so beschreitet die vaginale Kartoffelknolle durchaus phantastische Pfade. Ihre Keimung infiziert Faustas Gebärmutter und die Ärzte raten zur operativen Entfernung, der sich Fausta jedoch verweigert. Wie die junge Frau auf die Idee kam, sich das Gewächs einzuführen, erfährt man nicht. Ohnehin ist es eher ein Symbol von Faustas Angst vor dem mütterlichen Schicksal, dass sich jedoch weitaus gelungener in den Szenen zeigt, in denen Fausta auf einer Bergtreppe auf ihre schwangere Freundin wartet, um dem aufsteigenden Fremden nicht allein gegenüberzustehen oder wenn sie rückwärts laufend eine Horde junger Burschen in Aídas Hof lotst, wo diese einen Klavierflügel liefern. Die Prämisse des Filmes ist nun, dass Fausta das Geld für die Überführung des mütterlichen Leichnams bei Aída verdient. Als diese eines von Faustas Klageliedern hört, sieht sie in ihnen die langersehnte Inspiration für ein anstehendes Konzert. Sie ist willig, Fausta für jedes gesungene Lied eine Perle ihrer Kette zu schenken. Eine Abmachung, die schlussendlich Faustas kathartischen Moment herbeiführen wird.

Llosas Film, der den ersten peruanischen Beitrag bei der Berlinale darstellte und dort dieses Frühjahr auf Anhieb den Goldenen Bären gewann, fokussiert sich auf die kleinen Dinge. Die Kartoffelknolle, die verschreckte Brust, die Beschäftigung bei Aída und allen voran die zu singenden Lieder spielen nur eine kleine Rolle, obschon sie im Grunde die Geschichte ausmachen. Stattdessen „flüchtet“ Llosa stets zurück in Faustas Dorf, wo ihr Onkel Lucido quasi wöchentlich eine Hochzeit ausrichtet. Egal ob einzeln, in Massen oder für die eigene Tochter. „Der Film erzählt von dem Schmerz der bleibt“, schrieb Martina Knoben in der Süddeutschen Zeitung. Dieser Satz trifft freilich nur auf Fausta zu, wohingegen die Hochzeiten in ihrem Dorf als Gegenteil davon, als Aufbruch in die Freude verstanden werden wollen. Ein Kontrastbild, wenn Llosa die Stille von Aídas Anwesen einer tanzen Hochzeitsgesellschaft gegenüberstellt. Vieles von dem was man in La teta asustada sieht, muss man sich selbst zu einem kohärenten Ganzen zusammenfügen.

Insofern schreit der Film quasi aus allen Poren „Arthouse!“, was man zwar tolerieren kann, aber nicht zwingend akzeptieren muss. In einigen Szenen lässt Llosa ihre Titelfigur sich dem älteren Gärtner Noé (Efraín Solís) annähern, sodass man denken könnte, man beobachte hier eine mögliche romantische Beziehung. Wobei man viel denken könnte im Laufe der neunzig Minuten, ohne mit Sicherheit zu einer bestimmten Erkenntnis zu kommen. Am Ende stellt sich heraus, dass Aída Fausta nur benutzt hat, um ihr beachtetes Werk zu erschaffen. Bedenkt man, dass auch Llosa aus Limas Oberschicht und Solier einem ländlichen Dorf entstammt, findet sich hier eine – beabsichtigte? – Analogie. Weniger ist im Falle von La teta asustada aber nicht unbedingt mehr und so bleibt das Gesehene ein ums andere Mal irgendwie in der Luft hängen. Die Wendungen kommen so plötzlich wie auf gewisse Art unerklärlich, schließlich hat sich Llosa auch sonst keine Mühe gegeben, ihren Film in einen Rahmen zu pressen. Nun ist Kunst, gerade auch die des Kinos, prägnant „Arthouse“ betitelt, frei, speziell von Rahmen oder Schubladendenken. Mit einem Kunstwerk verhält es sich jedoch einfacher, wenn man den Zugang zu diesem für den Beobachter etwas erleichtert. Dies ist in Llosas Fall nur bedingt gegeben und sorgt schließlich zwar auch für Faszination, aber in begrenzter Form.

7/10

12. November 2009

Forrest Gump

Are you stupid or somethin’?

Die Academy Awards sind eine oft missverstandene Veranstaltung. Die meisten oder zumindest viele Menschen glauben wahrscheinlich, dass hier wie bei der Olympiade der Beste jedes Jahr gekürt wird. Der beste Film, der beste Regisseur und so weiter. Dabei geht es bei den Oscars nicht darum, den Besten auszuzeichnen, sondern Denjenigen, der der Mehrheit der Academy inklusive Mitgliedern wie Michael Bay am besten gefallen hat. Ein kleiner aber feiner Unterschied, der im Laufe der Jahre dazu führt, dass Filme wie Rocky (gegen Taxi Driver und All the President’s Men), Chicago (gegen The Pianist), Shakespeare in Love (gegen The Thin Red Line) oder The Departed (gegen Letters from Iwo Jima) ausgezeichnet werden. Wobei auch dies natürlich im Auge des Betrachters liegt. Jedenfalls machen Oscarnominierungen noch lange keinen guten Film aus. Gerade in ihrer Höhe (s. The Return of the King) sind sie eher trügerisch. In die Kategorie dieser fragwürdigen Oscargewinner gehört auch Robert Zemeckis’ Forrest Gump von 1994. Bei 13 Nominierungen erhielt der Film sechs Auszeichnungen, davon in vier der Kardinalskategorien.

Heutzutage ist Forrest Gump aufgrund seiner visuellen Effekte, die den Protagonisten in Archivmaterial mit historischen Persönlichkeiten wie John Lennon oder John F. Kennedy und dessen Nachfolger integrieren, sowie Zitaten wie “Life is like a box of chocolates“ in Erinnerung geblieben. Die Adaption von Winston Grooms Roman aus den Achtzigern erzählt von rund drei Jahrzehnten aus dem Leben von Forrest Gump (Tom Hanks). Benannt nach seinem Vorfahren und Ku-Klux-Klan-Gründer Nathan Bedford Forrest hat Forrest ein Problem: er ist anders. Speziell. Nicht normal. Will man ihm zumindest einreden, da er nur einen Intelligenzquotienten von 75 hat und damit exakt fünf Punkte zuwenig, um als „normal“ zu gelten. Fünf Punkte hier oder da, denkt sich seine Mutter (Sally Field) und schläft kurzerhand mit dem Schulpsychologen, um Forrest (s)eine Schulbildung zu ermöglichen. Der Anfang einer beeindruckenden Karriere, wie man sie wohl nur als vermeintlich Minderbemittelter ausleben kann. Auch Homer Simpsons „Feind“ Frank Grimes würde drei Jahre später in Homer’s Enemy bestaunen, was der glatzköpfige Springfeldianer erreichen konnte.

Auf einer Parkbank in Savannah, Georgia sitzend, resümiert Forrest schließlich über sein bisheriges Leben. Die Zuhörer wechseln sich ab, ehe eine ältere Dame ganz fasziniert sogar Bus um Bus vorbeifahren lässt, um Forrests Geschichte zu Ende zu hören. Es ist eine Geschichte über seine große Liebe Jenny (Robin Wright Penn), die er im Kindesalter an seinem ersten Schultag kennen gelernt hat. Sein bester Freund bzw. sein einziger Freund damals in Greenbow, Alabama. Die Wege von Forrest und Jenny führen sie von der Grundschule in die High School, von dort aufs College, wo sie sich schließlich verlaufen und nur gelegentlich wieder kreuzen. „And just like that…she was gone“ wird zum geflügelten Satz in Forrests Wortschatz werden. So sehr Forrest Gump eine Liebesgeschichte ist, so ist versucht es auch eine Geschichte über Amerika zu sein. Immer wieder verwebt der Film historische Ereignisse oder Persönlichkeiten mit dem Leben von Forrest. Sei es Elvis Presley, der einst kurz bei den Gumps lebte und seinen einzigartigen Tanzstil von dem Jungen mit den Beinschienen lernte. Oder Forrests Ausflüge nach Washington D.C., wo er nicht weniger als drei US-Präsidenten im Oval Office besuchen würde.

Die visuelle Einbettung von Hanks in die Archivbilder ist in der Tat einer der Trümpfe des Filmes. Egal ob er als Vorlagengeber für John Lennon fungiert oder Präsident Johnson seinen Allerwertesten entgegenstreckt. Natürlich sind all diese Verknüpfungen unglaublich konstruiert, vielleicht noch am deutlichsten, wenn Forrest einen Dreijährigen-Marathon beginnt und nebenbei Symbole wie „Shit Happens“ und den „Have a nice day“-Smiley initiiert. Nichts im Film, was nicht reines Mittel zum Zweck ist, dabei stets bloßes comic relief ohne jeglichen inhaltlichen Bezug. Dies ist zu Beginn noch amüsant, wenn Forrest dabei ist, wenn zum ersten Mal Afroamerikaner in ein College gelassen werden, wirkt aber spätestens dann verbraucht, wenn er ebenjenes Smiley-Symbol unwissentlich kreiert. Abseits der Liebesgeschichte findet sich also eigentlich keinerlei Substanz, was den Film nicht nur zu einer ausufernden Laufzeit bringt, sondern ihn auch letztlich ab einem gewissen Zeitpunkt redundant werden lässt.

Ein viel größeres Problem liegt jedoch in dem extensiven Konservatismus, den der Film an den Tag legt. Exemplarisch werden zwei Lebenswege am Beispiel von Forrest und Jenny präsentiert. Während Forrest quasi von Erfolg zu Erfolg eilt – sein Shrimp-Unternehmen sowie seine Beteiligung an Apple Computer machen ihn zum Millionär -, dabei stets von naiver Unschuld geschlagen, stagniert Jenny in all ihren Stationen des Lebens. Fraglos ist Forrest sympathisch, das liegt schon in der Natur der Sache. Harmlos wie eine Fliege ist er, der Junge, der Football spielte, danach sein Land in Vietnam verteidigte, seine gesamte Einheit rettete, der großen Nation China den Arsch beim Ping Pong versohlte und dabei all die Zeit schön die Finger von Sex, Drugs und Rock ’n Roll ließ. Ganz im Gegensatz zum white trash girl Jenny, die vom Vater misshandelt wurde und wohl deshalb eine destruktive Persönlichkeit entwickelte. Sie sucht sich stets die falschen Partner aus, prostituiert sich, nimmt Drogen und wird zur politischen Aktivistin, als sie sich mit den anderen 68ern der Hippie-Bewegung anschließt. Kein Wunder, dass die Zeitschrift National Review Forrest Gump zum viertkonservativsten Film aller Zeiten gewählt hat.

Noch trauriger ist jedoch, dass Zemeckis’ Film so gnadenlos inhaltsleer ist, selbst wenn ständig etwas passiert. Eigentlich erhält das Publikum nie eine Erklärung, für das, was es sieht. Wer war eigentlich Forrests Vater und was ist aus ihm geworden? Selbiges gilt für Jennys angebliche Schwestern, die Drehbuchautor Eric Roth an einem Punkt erwähnt, während er Jenny dann alleine zu ihrer Großmutter schickt, nachdem der Vater in den Knast kam. Wieso und wovor rennt Jenny stets davon? Oder andersherum: Warum kommt sie plötzlich eines Tages wieder zu Forrest nach Greenbow, lehnt dann seinen Heiratsantrag ab, hat aber Sex mit ihm und verschwindet erneut? Warum beginnt Forrest am Tag darauf ziellos zu rennen? Immerhin hat er Jenny nicht das erste Mal verloren. Und viel wichtiger: Wenn Jenny am Ende aufgrund ihres Lebensstils an HIV leidet und letztlich auch daran stirbt, wie kommt es, dass Forrest und Forrest, Jr. nicht an dem Virus leiden? Selbst wenn sie sich das Virus erst nach der Trennung von Forrest zuzog, ist zumindest die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Forrest, Jr. (Haley Joel Osment) das HI-Virus in sich trägt.

Selbst die beiden Audiokommentare liefern keine Erklärungen, keinen Inhalt. Der Film enttäuscht hier doch immens, wenn er sich nur auf die Liebesgeschichte stützen kann, der er nicht einmal gerecht wird. “And that’s all I have to say about that“, schließt Forrest oft eine seiner Erzählungen ab. Nach fast zweieinhalb Stunden ist man als Zuschauer jedoch keiner der Figuren auch nur ansatzweise näher gekommen. Weder dem suizidalen Lieutenant Dan (Gary Sinise), noch Forrest und erst recht nicht Jenny. Dabei ist auch nicht alles schlecht, was Roth und Zemeckis hier „verbrochen“ haben. Die Liebesgeschichte hat durchaus Potential und schöpft dieses in einigen Fällen auch entsprechend aus. Gerade die letzte Viertelstunde ist dabei ausgesprochen gelungen. Dagegen dient die andere Hälfte des Filmes mittels der chronologischen Folge amerikanischer Geschichte ausschließlich der humoristischen Auflockerung. Dies funktioniert mitunter sehr gut, manchmal wiederum aber auch gar nicht.

Ohnehin ist Forrest Gump ein Film, der primär von seinem brillanten Hauptdarsteller getragen wird. Was Hanks hier schauspielerisch darbietet ist ganz großes Kino. Allein die Szene, in der er von Forrest, Jr. erfährt und diese Emotionen und Ängste ausschließlich mit seinen Augen spielt, rechtfertigt schon seine Nominierung. Sein Oscar ist am Ende vielleicht der einzig verdiente, bedenkt man dass der Film sich gegen die weitaus gelungeneren The Shawshank Redemption und Pulp Fiction, Regisseur Robert Zemeckis wiederum gegen Kollegen wie Krzysztof Kieslowski durchgesetzt hat. Im Gegensatz dazu wurde Komponist Alan Silvestri, dessen wunderschöner Soundtrack neben Hanks der zweite Star ist, zwar nominiert, aber nicht ausgezeichnet. Im Nachhinein ist Forrest Gump ein zwiespältiges Erlebnis. Ähnlich wie A Beautiful Mind hat man hier keinen wirklich guten Film, aber einen, der dennoch seine (vor allem bewegende) Momente hat. In diesen besten Momenten präsentiert Zemeckis ein bezauberndes Märchen, das so unschuldig wie seine Hauptfigur ist. Aber all der aufgesetzte Konservatismus und die offensichtliche Inhaltsleere trüben am Ende das Bild von Forrest Gump als guten und gelungenen Film.

5.5/10

10. November 2009

Jericho

The battle ahead is not only for our survival, it is for our humanity.

Zugegeben, im letzten Jahrzehnt haben die Vereinigten Staaten einiges mitgemacht. Zuerst die Terroranschläge vom 11. September 2001, dann noch Hurrikan Katrina im August 2005 und letztlich der Irakkrieg, der nach sechsjährigem Aufenthalt inzwischen durchaus zum neuen Vietnam verkommen ist. Die Angst um das eigene Wohl und die Zukunft des Landes scheint in den USA also gefährdet zu sein – zumindest in den Augen einiger Amerikaner. Allerdings auch keine neue Angst, wurde doch während des Kalten Krieges stets die kommunistische Bedrohung ins Gedächtnis gerufen. Ereignisse wie die Kuba-Krise sorgten für Befürchtungen eines kommenden Nuklearkrieges, die schließlich auch Geschichten wie Alan Moores Watchmen Nahrung gaben. In Zeiten der „Achse des Bösen“ mit Atom-Mächten wie Nordkorea und potentiellen Kandidaten wie Iran oder – laut Bush-Regierung damals – auch Irak verschieben sich dann schnell die Grenzen der USA jenseits des eigenes Kontinents. Die Bedrohung der eigenen Freiheit wird überall wahrgenommen und findet jederzeit statt.

Ein derartiges Szenario dient nun als Grundlage von Jericho, einer, wenn man so will, typisch amerikanischen Serie. Aufgrund von schlechten Quoten wurde die Serie 2007 nach der ersten Staffel eingestellt, erhielt dann aber nochmals eine Verlängerung als die Proteste der Fans zugenommen haben. Ähnlich hatte es sich einst mit Serenity von Joss Whedon verhalten, der nach der Absetzung seiner Serie Firefly seine Geschichte in einem Kinofilm weitererzählen durfte. Da allerdings entgegen der Hoffnung der hartgesottenen Fans die zweite Staffel erneut dreißig Prozent an Zuschauerzahlen einbüßte, wurde es nichts mit einer möglichen und antizipierten dritten Staffel. Zumindest nicht im Fernsehformat. Denn nichts stirbt wirklich und so wurde für 2010 eine dritte Staffel in Form eines Comics angekündigt, während man auch einer Kinoauskopplung der Serie nicht abgeneigt ist. Was insofern fragwürdig ist, da Jericho einst als Kinoidee ins Leben gerufen wurde, ob ihres Umfangs dann aber nur im Serienformat durchsetzbar schien.

Speziell der 11. September und Katrina dienten nun wegen ihrer Reaktion in der Bevölkerung – 9/11, wo das Beste der Menschen zum Vorschein kam, Katrina, wo das Gegenteil der Fall war – als direkte Vorlage für Jericho. Erzählt wird die Geschichte der Kleinstadt Jericho, Kansas. Diese wird eines Tages Zeuge eines nuklearen Anschlags auf Denver, Colorado. Kurz darauf stellt sich heraus, dass auch andere Großstädte wie Atlanta, Chicago oder Washington D.C. angegriffen wurden. Ingesamt gingen Nuklearwaffen in 23 amerikanischen Metropolen hoch. Fragen kommen auf. Wer hat die USA angegriffen? Und weshalb? Gibt es die Vereinigten Staaten bzw. eine Regierung überhaupt noch? Immerhin zählt auch Washington D.C. zu den angegriffenen Zielen. Es gilt also erst einmal Ruhe zu bewahren und dafür zu sorgen, dass der städtische Alltag nicht aus dem Ruder läuft. Während die Generatoren im Krankenhaus streiken, entflohene Häftlinge Geiseln nehmen und sich der radioaktive Niederschlag Jericho nähert, muss sich Bürgermeister Johnston Green (Gerald McRaney) mit Gray Anderson (Michael Gaston) auch noch eines Konkurrenten um sein Amt gegenüber sehen.

Die Ungewissheit eines möglichen Angriffs auf die USA ist in Jericho lediglich der Rahmen für ein ausuferndes Charakterdrama. Über ein Dutzend Figuren beherbergt die Serie, die Regisseur Jon Turtletaub zum Paten hat. Thematisiert wird der Konflikt zwischen Johnston Green und Gray Anderson um die Kontrolle über die Stadt, aber insbesondere der Zwist zwischen allen anderen Einwohnern der Stadt. Auf der einen Seite findet sich die Stadt-Dynastie der Greens, rund um den Bürgermeister, seinen Sohn und Stellvertreter Eric (Kenneth Mitchell) sowie Jake (Skeet Ulrich), den anderen Sohn und schwarzes Schaf der Familie. Jake hatte Jericho vor fünf Jahren verlassen, nachdem er sich mit einer Diebesbande einließ, die den Bruder von Jakes großer Liebe Emily (Ashley Scott) das Leben kostete. Nun kam Jake gerade am Tag des Anschlags wieder zurück und die Serie macht um seine vollkommen unspektakuläre Vergangenheit – er arbeitete als Söldner im Irakkrieg – ein Aufhebens, wie man es zuvor selten in einer Serie gesehen hat.

Ähnlich verhält es sich mit Robert Hawkins (Lennie James), einen Undercover-Agenten der CIA, der gegen die Terroristen ermittelte, die Massenanschläge jedoch nicht verhindern konnte. Mit einer der Bomben im Gepäck verschanzt sich Hawkins nun im Sammeltreffpunkt Jericho. Die Kontrolle der Greens über die Stadt bzw. das Wohl seiner Bürger und Hawkins Fortsetzung seiner Ermittlungen gegen die Verschwörer sind die beiden Hauptthematiken von Jericho. Kleinere Handlungsstränge konzentrieren sich auf Farmer Stanley (Brad Beyer), der sich mit Steuerbeamtin Mimi (Alicia Coppola) auseinandersetzen muss – man braucht kein Genie sein, um sich denken zu können, dass sich hier bald Schmetterlinge im Bauch einstellen –, auf Erics Affäre mit der hiesigen Kneipenbesitzerin hinter dem Rücken seiner Ehefrau April (Darby Stanchfield) oder auf Dale (Erik Knudsen), der ein Lebensmittelgeschäft übernimmt und sein Loser-Dasein ablegt, um zum neuen Untergrundboss der Stadt aufzusteigen und nebenbei das schärfste und reichste Mädchen der Schule, Skylar (Candace Bailey), zu ergattern.

Ein Problem von Jericho ist, dass gerne mehr erzählt wird als letztlich gezeigt wird. Erstaunlich zivilisiert läuft hier alles, ein Anflug von Anarchie direkt nach dem Anschlag wird von Bürgermeister Green mit einer kurzen Moralpredigt zu den Akten gelegt. In einer der späteren Folgen wird von einem der Deputy Sheriffs beklagt, dass es zu Ausschreitungen und Diebstählen kommt. Davon sieht man allerdings nichts in der Serie. Sicherlich, ein Mal wird Gracie, die Lebensmittelladenbesitzerin, umgebracht, aber das ist weniger die Schuld der Einwohner als vielmehr die einer Gruppe Gesetzloser rund um Emilys Vater Jonah (James Remar). Eigentlich alles Friede, Freude, Eierkuchen in Jericho. Nur zu Essen hat man zu wenig. Auch wenn die Nachbarstadt New Bern später das Gegenteil behaupten wird. Würde man es jedenfalls nicht besser wüsste, könnte man bis auf einige wenige anarchische Szenen meinen, es hätte überhaupt keinen Nuklearanschlag gegeben. Kurz aufkommende Probleme wie räuberische Söldner werden dann meist von Hauptprotagonist Jake in die Flucht geschlagen, während Hawkins stets bemüht ist, dass niemand dahinterkommt wer er ist und was genau er vorhat.

Dies ist nun nicht unbedingt schlechte Unterhaltung, aber wirklich gute ist es auch nicht. Die Serie dümpelt die gesamte erste Staffel vor sich hin, setzt sich mal mit den Söldnern auseinander, dann mit entflohenen Gefangenen, brennenden Bibliotheken und anderen Ereignissen, die die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf sich ziehen. Mittendrin dann stets charakterliche Dramatisierungen wie ein an Grippe erkrankender Green, eine in die Wehen geratende April oder Flüchtlinge, die im Grunde niemand in der Stadt haben möchte. Das ist gefällig, aber eigentlich selten spannend. Die potentiellen Gefahren stellen keine Gefahr dar, da man schon vorab ahnt, dass Jake das Kind schon schaukeln wird und so betrachtet man die einzelnen Geschichten mit einem Mindestmaß an Interesse, das nicht mal in Hawkins allmählicher Aufdeckung der Verschwörung richtig geweckt werden will. Gegen Ende der ersten Staffel spitzt sich dann der Konflikt mit der Nachbarstadt New Bern dermaßen zu, dass es zum Krieg kommt. Es sind die finalen beiden Episoden, allen voran jedoch die vorletzte Folge Coalition of the Willing, die endlich einlösen, was die Serie zuvor ständig zu versprechen schien.

Erst zum Ende kommt also Tempo rein und die Geschichte wird authentischer. Der Sprung zur zweiten Staffel ist dann reichlich harsch und deutet an, unter welchen Umständen die Fortsetzung der Serie zustande kam. In wenigen Bildern macht Jericho zwei Schritte vorwärts. Die US- bzw. AS-Armee (aus den United States of America werden die Allied States of America, dementsprechend ASA) übernimmt in Form von Major Beck (Esai Morales) die Kontrolle in Jericho. Fortan rutscht die Serie wieder auf das Vorjahresniveau zurück, dümpelt erneut vor sich hin, auch wenn man versucht mittels des Söldner-Verwalters Goetz (D.B. Sweeney) ein actionreiches Tempo beizubehalten. Hawkins ermittelt derweil weiter und erhält in bester X Files-Manier Unterstützung von seinem persönlichen Deep Throat - hier mit Namen John Smith (Xander Berkeley). Vielleicht aus Kostengründen, eher aber wohl aus Zeitlichen, muss man auf einige der Darsteller wie Pamela Reed als Familienmutter Green oder auch Hawkins 'Kinder und damit auf weiteres Charakterdrama verzichten. Die zweite Staffel konzentriert sich ganz auf die neue Situation der Regierungsbelagerung, wenn man diese so nennen möchte.

Die begrenzt vorhandenen Effekte der Serie wissen zu überzeugen. Ansonsten fokussiert sich die Serie ohnehin weniger auf das, was stattfindet, als auf die Darsteller, die sich inmitten des Ganzen bewegen. Die Besetzung der Charaktere kann als gelungen bezeichnet werden. Zwar sind gerade Ulrichs schauspielerische Fähigkeiten ziemlich begrenzt, aber als verlorenes Sohn weiß er zu überzeugen. Das Szenario des nuklearen Angriffs verkauft Jericho dabei so lange sehr gut, wie sich die Serie um die Auflösung jenes Angriffes drückt. Je mehr Hintergründenbekannt werden, gipfelnd im ziemlich enttäuschenden Serienfinale (dessen alternatives oder ursprüngliches Ende als möglicher Cliffhanger für die dritte Staffel noch weniger überzeugen will), desto unglaubwürdiger wird die Verschwörung. Am Ende können natürlich nicht alle offenen Fragen beantwortet werden, die Serie endet quasi auf ein Versprechen hinaus, dessen Einlösung sich in den Köpfen der Zuschauer abspielt. Grundsätzlich ist Jericho somit eine bisweilen durchaus unterhaltsame Serie, die jedoch bis auf zwei, drei Folgen nicht herausragend ausgefallen ist und insofern letztlich zu recht ihren schlechten Quoten zum Opfer fiel.

7/10 - erschienen bei Wicked-Vision

8. November 2009

2012

We’re gonna need a bigger plane.

Er gilt als der Master of Desaster und die Rede ist bei weitem nicht von Michael Bay. Niemand zerstört so gerne und genüsslich wie der Sindelfinger Roland Emmerich. Egal ob die Hauptstädte der Erde durch eine sommerliche, außerirdische Invasion dran glauben müssen oder eine mutierte Riesenechse New York City zerlegt. Roland kennt keine Gnade. Nachdem ihn sein Wahl-Lokalpatriotismus mit The Patriot in etwas überzogen-pathetische Gefilde getrieben hatte, versuchte Emmerich parallel zur Rot-Grünen Bundesregierung eine politische Botschaft mit seinem liebsten Hobby bzw. Beruf in Einklang zu bringen. In The Day After Tomorrow stellte Wissenschaftler Dennis Quaid fest, dass die Erde den Bach runtergehen wird. Von wegen Klimawandel, globale Erwärmung und so. Ein Szenario, dass nun in Emmerichs neustem Film 2012 ein Echo erfährt. Hier darf Wissenschaftler Chiwetel Ejiofor dem US-Präsidenten die „frohe“ Botschaft bringen, dass die Menschheit so 2009 ist.

Zum ersten Mal seit er in Hollywood arbeitet hatte sich Emmerich nach einem Film gleich wieder ans Steuer gesetzt. Vielleicht auch deshalb, weil 10.000 BC alles andere als gelungen war. Und obschon Emmerich mit dem Zerstören der Erde eigentlich abgeschlossen hatte, lieferte ihm sein Filmkomponist nach dem Urzeit-Actioner ein Drehbuch, dass der Schwabe nicht ablehnen konnte. Nach dem Motto „wenn ich die Welt nicht zerstöre, zerstört sie ein Anderer“ rief sich Emmerich ins Gedächtnis, dass niemand die Welt so gut zerstört wie er. Gesagt getan und mehrere Tausend Digitaleffekte später ist sie nun fertig gestellt: Emmerichs Interpretation einer Maya-Prophezeiung, die vorsieht, dass wir alle am 21. Dezember 2012 sterben. Im Gegensatz zu The Day After Tomorrow also ein unverschuldetes Sterben, was die Bezüge zur Gegenwart auf ein Mindestmaß beschränkt. Weshalb der Film auch besser in den USA ankommen könnte, selbst wenn Emmerich das tollste Land der Erde – nach eigenem Selbstverständnis – als Erstes sprichwörtlich den Bach runtergehen lässt.

Die Prophezeiung der Mayas dreht sich nun um Sonnenstürme, die für eine Überhitzung des Erdkerns sorgen – so zumindest die aktuelle Deutung. Emmerich lässt daher die Erdkruste zerfallen, was zu Erdbeben, Vulkanausbrüchen und Riesentsunamis führt. Ein Doomsday-Szenario, von dem der US-amerikanische Geologe Dr. Adrian Helmsley (Chiwetel Ejiofor) 2009 mittels eines indischen Kollegen in Kenntnis gesetzt wird. Die US-Regierung wird informiert und baut in Abstimmung mit den anderen großen Nationen – die Kleinen müssen sich um sich selbst kümmern – Riesenarchen, deren Plätze für 1 Milliarde Euro, pro Person versteht sich, auf den Markt geschmissen werden. Etwas von dem Ottonormalbürger nichts mitbekommt, man will ja keine Panik verursachen. Aber als sich Helmsley in seinen Kalkulationen irrt und die Kacke statt kurz vor Weihnachten 2012 bereits im Sommer desselben Jahres am Dampfen ist – warum haben die Mayas das nicht gewusst? -, muss alles Schlag auf Schlag gehen. Mittendrin der gescheiterte Schriftsteller Jackson Curtis (John Cusack), der eigentlich nur wieder eine richtige Beziehung zu seiner Ex-Frau (Amanda Peet) und den gemeinsamen Kindern haben möchte.

Nun macht der deutsche Regisseur keinen Hehl aus seinen Ambitionen und räumt seinem Prolog zum Weltuntergang lediglich so viel Raum ein, wie absolut nötig ist. Ganz kurz wird die Vorbereitungsphase abgehandelt, ehe Emmerich zum Punkt kommt. Nach einigen Erdbeben stürzt der Deutsche schließlich erst Los Angeles und dann die ganze Westküste der Vereinigten Staaten ins Unglück. Curtis, der während eines Camping-Ausflugs mit seinen Kindern dank dem überdrehten Radiomoderator Charlie (Woody Harrelson) vom Ende der Welt und den Archen Kenntnis erhalten hat, schnappt sich kurzerhand seine Familie und rettet sich mit einer Stretch-Limo (!) aus dem zusammenstürzenden L.A. Spätestens hier wird klar, dass Emmerich seinen Film vollkommen selbstironisch ausgelegt hat. Was jetzt beginnt, wird sich die kommende Stunde fortsetzen und 2012 zur teuersten Komödie aller Zeiten werden lassen.

Immer wieder, oder besser gesagt die ganze Zeit, können Curtis und seine Patchwork-Familie – der neue Freund seiner Ex-Frau, Gordon (Thomas McCarthy), darf mit und dankt es, indem er praktischerweise Flugerfahrung hat – in letzter Sekunde den zerstörerischen Erdmassen entfliehen. Dass Curtis derweil für seinen Sohn von „Jackson“ wieder zu „Dad“ avanciert, ist ein nettes Zubrot. Die Flucht der Familie Curtis ist dabei fernab jeglicher Realität von Emmerich inszeniert, natürlich ihrer eigenen Lächerlichkeit bewusst und kostet diese mit Vergnügen aus. Wo Klosers Drehbuch bei 10,000 BC noch jenseits jeglichen guten Geschmacks war – und auch nicht mehr als Trash durchgehen konnte -, funktionieren speziell die Dialoge dieses Mal erstaunlich gut. Gerade weil sie wirken, wie etwas, das von den Figuren erwartet, aber von ihnen auch bewusst so wahrgenommen wird. Da blufft Curtis auch seine kleine Tochter nicht, wenn er sie zur Beruhigung fragt, ob er ängstlich aussieht, während hinter ihm der Yellowstone Nationalpark in Flammen aufgeht.

Weitaus dramatischer und seriöser geht es dagegen bei Helmsley zu. Zwar kommentiert Emmerich auch diesen Handlungsstrang gerade im Finale sehr selbstironisch, doch primär hier findet sich die emotionale Keule des Regisseurs. Abschiedsanrufe an den eigenen Vater führen zu einer Massenaussöhnung von Vätern mit ihren Kindern, die auch vor dem US-Präsidenten (Danny Glover) selbst nicht Halt macht. Dabei sollte man sich nicht wundern, wenn alle Figuren in 2012 am Ende über drei Ecken entweder verwandt oder bekannt miteinander sind. Im Auge des Massen-Genozids der Menschheit ist es eben wirklich eine kleine Welt, in der man fortan lebt. Nach gut anderthalb Stunden beginnt Emmerich dann sein Katastrophenfilm-Schema beiseite zu legen. Die Zerstörungswut, die gerade noch das Weiße Haus und den Petersdom befallen hat, nimmt ab und die Handlung selbst beruhigt sich etwas, als sie an ihrem Endpunkt im chinesischen Hochgebirge anlangt. Und scheinbar endet mit den Katastrophen auch der Humor, der 2012 bisher so überraschend gut im Rennen gehalten hat. Stattdessen beginnt das letzte Reise-nach-Jerusalem-Spiel in der Geschichte der Menschheit.

Plötzlich also die Kehrtwende und die Handlung wird dramatisch. Es wird gebettelt, gefleht und geweint. Emmerich verirrt sich nun in eine überlange Referenz an Filme wie Wolfgang Petersens Poseidon, wenn sich das Schauspiel auf der Arche schließlich fortsetzt. Unspannend ist das nicht, auch wenn klar ist wie das Ganze ausgehen wird, aber seine Längen hat es nichtsdestotrotz. Eine halbe Stunde weniger hätte hier alles andere als geschadet, speziell da vieles im Finale unnötig hinausgezögert wird, wahrscheinlich um dem Film mehr Tiefe zu verleihen. Hier verliert sich Emmerich etwas und zerstört die überaus gelungene Unterhaltung zuvor, wenn er nach all dem Jux aus dem Nichts heraus ein ernstes Gesicht aufsetzt. Zwar setzen sich bis zum Schluss die überzogenen Spielereien fort, verkommen jedoch nur zu comic relief in dieser überbordenden Dramatik. Dabei konnte Emmerich mit 2012 einiges wieder wett machen, was er letztes Jahr seinen Zuschauern mit seinem Wüste-an-Gletscher-Vehikel noch eingebrockt hatte.

Die Charaktere werden nicht vernachlässigt, was ob des Weltuntergangs im Hintergrund durchaus beachtlich ist. Besonders bei der Patchwork-Familie haben sich Kloser und Emmerich Mühe gegeben, gerade in Bezug auf die Konstellation von Curtis, Gordon und Curtis’ Sohn Noah (Liam James). Zwar verflacht das Ganze dann gegen Ende wieder in Klischeemuster, ähnlich wie im Falle des anderen Handlungsstrangs um Thandie Newtons Figur der First Daughter, generell sind die Bemühungen, den Figuren eine entsprechende Tiefe und Glaubwürdigkeit, auch oder gerade in diesem teils nicht ernst zu nehmendem Umfeld, zu verleihen aber sehr löblich. Die in Vielfalt vorhandenen Spezialeffekte sind hierbei nicht unbedingt state of the art, überzeugen jedoch im Kontext des Filmes ausreichend, um keine Augenbrauen hochschnellen zu lassen. Weitaus nerviger sind dagegen fehlbesetzte Figuren wie Danny Glover – passenderweise bemühte Emmerich sich die Staatsoberhäupter authentisch zu besetzen, vom afroamerikanischen US-Präsidenten bis hin zur weiblichen Bundeskanzlerin – geraten.

Was 2012 auszeichnet, ist die Tatsache, dass er die meiste Zeit total Gaga daherkommt und dies auch gewollt. Das hat in diesem Zusammenhang nichts mehr mit einem schlechten Drehbuch zu tun, weil es weitestgehend das sein will, was es ist. Das sollte man Emmerich anrechnen und letztlich ändert daran auch die Überlänge und überschwängliche Dramatik im dritten Akt nicht sonderlich viel. Insofern konsolidiert sich der Schwabe mit seinem neuesten/letzten Desasterfilmle, das hinsichtlich seiner Stärken und Schwächen in etwa auf eine Stufe neben Godzilla zu stellen wäre. Sollte dies wirklich Emmerichs Abschied vom Genre darstellen, so ist es ein gebührender Abschied in all seiner Kompromisslosigkeit. Denn wie oft haben sich Filmemacher schon getraut, die ganze Menschheit zur Unterhaltung auszurotten? Ein Vorhaben, dasswohl nur aus einer deutsch-österreichischen Kollaboration wie der von Emmerich und Kloser stammen kann. Wer sich an zweieinhalb Stunden Explosionen und Katastrophen erfreuen kann und dabei im Gegensatz zu einem Michael-Bay-Film auch etwas von seinen Figuren mitnehmen möchte, der ist bei 2012 fraglos an der richtigen Adresse.

6/10

6. November 2009

Breaking Bad - Season One

I can’t even pronounce half this shit.

Wenn eine Serie fast ein Jahrzehnt lang läuft, ist davon auszugehen, dass innerhalb dieser vielen Jahre mehr als ein Talent zu Tage gefördert wird. Wie unter anderem auch bei The X Files der Fall. Das Mysteryformat brachte nicht nur Entwickler Chris Carter sowie die Hauptdarsteller David Duchovny und Gillian Anderson groß heraus, sondern öffnete auch Regisseuren wie Rob Bowman und James Wong die Pforte nach Hollywood. Einer der treuen Produzenten von Carters Serie war auch Vince Gilligan, der im vergangenen Jahr nach sechsjähriger Ebbe – sieht man von einem Drehbuchbeitrag für Hancock ab – mit Breaking Bad wieder einen richtigen Erfolg feiern durfte. Neben vier Emmy-Nominierungen – und zwei Auszeichnungen – wurden Gilligan und seine Serie auch von der WGA geehrt. Kein Wunder also, dass die erste Staffel mit nur sieben Episoden für eine Fortsetzung in 2009 verlängert wurde. Und auch im zweiten Jahr blieb der Erfolg der Serie treu.

Walter White (Bryan Cranston) hat kein leichtes Leben. Einst zockte ihn sein Studienkollege bei ihrer gemeinsamen Firmengründung ab, weshalb Walter nun ein Dasein als High School Chemielehrer fristet. Kontinuierlich wird er von seinem Schwager Hank (Dean Norris), einem Drogencop, in seine Männlichkeitsschranken verwiesen, während er versucht seinem behinderten Sohn Walter Jr. (RJ Mitte) ein guter Vater zu sein. Doch das aktuelle Jahr meint es noch schlechter mit Walter. Zwar erwartet seine Frau Skylar (Anna Gunn) ihr zweites Kind, eine Tochter, doch Walter erhält die schlechte Nachricht, dass er an Lungenkrebs leidet. Um für seine Chemotherapie zu zahlen und im Falle seines Ablebens seiner Familie eine finanzielle Stütze zu verleihen, beginnt Walter mit seinem ehemaligen Schüler Jesse (Aaron Paul) in dessen Wohnwagen draußen in der Wüste New Mexikos Meth zu kochen. Und ehe sich die beiden versehen, haben sie es mit konkurrierenden Drogendealern, soziopathischen Unterweltbossen und aufdringlichen Hausbesichtigern zu tun.

Vorab kann bereits gesagt werden, dass Breaking Bad keine überragende Serie ist. Sicherlich ist die Prämisse des Drogen kochenden Chemielehrers reizvoll und gewinnt vor allem in der Kombination mit dem Ex-Schüler im Hip-Hop-Style. Doch Gilligans Serie hat ihre Längen, weshalb sich auch hier, wie in einigen anderen Fällen, vielleicht ein 20- oder 30-minütiges Format eher angeboten hätte. Gerade die ersten Folgen nach der guten Pilot-Episode wirken etwas dröge und ohne richtigen Antrieb, bevor die Serie nach hinten raus dann noch einigen Boden gutmachen kann. Speziell die Doppelfolge The Cat’s in the Bag and the Bag’s in the River, die sich mit der Beseitigung zweier Leichen beschäftigt, will nicht richtig funktionieren. Oder kommt einfach zu früh, denn einen harmlosen Ottonormalbürger wie Walter neben seiner Drogenkriminalität nun auch noch gleich zum Doppelmörder werden zu lassen, wirkt in der zweiten Episode etwas zu viel des Guten.

Ansonsten ist es beachtlich, dass Gilligan gerade die Krankheit und ihren Heilungsprozess so ins Geschehen einbaut. Walters Chemotherapie nimmt nicht wenig Raum ein, bedenkt man dass die Serie eigentlich primär aus ihrer irrwitzigen Prämisse heraus funktioniert. Gilligan schenkt zudem auch seinen Nebenfiguren, allen voran Skylar, Walter Jr. und Hank, ihren Anteil an Aufmerksamkeit, sodass Breaking Bad nicht vollends zur Bryan-Cranston-Show verkommt. Dessen zweifache Emmy-Auszeichnung wirkt bei ordentlichem Spiel des ehemaligen Malcolm in the Middle-Darstellers dann allerdings doch zuviel des Guten. Auch wenn es wie schon angesprochen gerade sein und Aaron Pauls Verdienst ist – was allerdings auch ihren Figuren geschuldet ist -, dass die Serie durchaus gefällt. Die vorletzte Folge der ersten Staffel, Crazy Handful of Nothin’, führt eindrucksvoll vor Augen, welches Potential in dieser Serie steckt und gegebenenfalls bzw. hoffentlich auch in der zweiten und fast doppelt so langen zweiten Staffel ausgeschöpft wird.

Dabei ist Breaking Bad eigentlich schlecht in eine Schublade zu stecken. Es gibt vereinzelt Action, aber nur gelegentlich. Manchmal Humor, aber nicht durchweg. Ein wenig Drama, aber trotz der Prämisse ist die Serie nicht wirklich dramatisch. Sieht man die Serie als Erlenmeyerkolben, mischt Gilligan hiervon eine Unze und davon eine Messerspitze zu seinem Fernsehcocktail zusammen. Und dies erstaunlich gut, wenn auch – wie erwähnt – nicht herausragend. Die Lockerheit und Innovativität der Serie – die Titelsequenz referiert passenderweise das Periodensystem – ist jedoch begrüßenswert und verdeutlicht erneut, dass es an spritzigen Ideen in Hollywood nicht mangelt. Auch wenn dabei nicht immer zwingend eine neue über-Serie entstehen muss. Doch was im Falle von Breaking Bad nicht ist, kann ja noch werden. In der zweiten Staffel hat Gilligan die Chance seinen Figuren noch mehr Tiefe zu verleihen, die Konstellationen auszureizen und die Spannung anzuheben. Denn je größer der Erlenmeyerkolben, desto umfangreicher können die Zutaten sein.

7.5/10