30. Dezember 2010

Filmjahresrückblick 2010: Die Top Ten

All of life’s riddles are answered in the movies.
(Steve Martin)

Noch zwei Tage, dann ist auch das erste Jahr im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts rum. Und damit geht Symparanekronemoi nunmehr in sein fünftes Jahr, mit dem traditionellen Filmjahresrückblick als Abschlusspost eines in seiner Summe ziemlich schwachen Filmjahres. Dies lässt sich auch in meiner persönlicher Konsumierung begutachten, lag mein Filmverschleiß 2010 mit 116 Filmen schließlich sowohl unter dem des Vorjahres (134 Filme) wie auch dem von 2008 (120 Filme). Richtig deutlich wird das Ganze bei den Kinobesuchen, die dieses Jahr nur 57 Mal vorkamen (Zweitsichtungen nicht einberechnet) und damit im Vergleich zu 2008 um fast 50 Prozent zurückgegangen sind. So kam es, dass ich dieses Jahr mehr Filme auf DVD, denn im Kino gesichtet habe (59 DVD-Sichtungen).

Einen weiteren Anhaltspunkt zum qualitativen Rückgang der Kinolandschaft findet sich in der Tatsache, dass von meinen 57 Kinobesuchen immerhin 28 Sichtungen auf Pressevorführungen entfielen, was bei einer prozentualen Auswertung von 49 Prozent jeden zweiten Film ausmacht und einem höheren Wert entspricht als in den Vorjahren (2008: 48,6%, 2009: 43,3%). Mein persönlicher Trend ging somit weg vom Wagnis ins Unbekannte (das dann ohne Mehrkosten auf DVD nachgeholt wurde) und hin zur Zweitsichtung von Filmen, was im Kino immerhin bei fünf Werken geschah. Diese hatten entweder Anklang gefunden, der ihre erneute Kinoauswertung rechtfertigte oder wie Inception in bester Indiana Jones-Manier einfach eine zweite Chance verdient (und in diesem Fall verspielt).

Wo Inception bei mir versagte, gefiel er anderswo. Auch wenn er auf der Zielgerade noch vom Podest der drei ertragreichsten Filme 2010 gestoßen wurde. Die ersten beiden Plätze nehmen hierbei Toy Story 3 und Alice in Wonderland mit jeweils mehr als einer Milliarde US-Dollar Einspiel ein. Eine Marke, die sicherlich auch der drittplatzierte Harry Potter and the Deathly Hallows: Part I erreicht hätte, wäre die 3-D-Konvertierung wie bei den Kollegen noch rechtzeitig gelungen. Ein kleiner Trost für Christopher Nolan und seine Traumfänger: Inception avancierte in der Schweiz wie in Dänemark und Schweden zum erfolgreichsten Film des Jahres. Und auch bei der Internet Movie Database (IMDb) nimmt das „Blockbuster-Arthouse-Kino“ mit 8.9/10 die Spitzenposition in diesem Jahr ein.

Dicht gefolgt wurde Nolans gefeiertes Meisterwerk dabei von ebenjenem Jahressieger Toy Story 3 (8.7/10), mit einem abgeschlagenen The Social Network (8.1/10) als zweitem Verlierer (Stand: 29.12.2010). Seinen Siegeszug verdankte der Pixar-Spaß speziell den englischsprachigen Nationen des ehemaligen British Empire, war Toy Story 3 doch in den USA wie auch in Großbritannien (hier spielte er doppelt so viel ein wie Inception) und Australien, sowie zusätzlich in Spanien die unangefochtene Nummer Eins. Und auch dieses Jahr ging der Zweikampf Pixar-DreamWorks in eine neue Runde. Länder wie Polen, Portugal und Russland konsumierten lieber Shrek Forever After, der in Brasilien ebenfalls vor Pixar landete. Was nicht bedeutet, dass er der Favorit am Zuckerhut war.

Vielmehr gehört Brasilien zu den Ländern, die am liebsten Eigenware sahen. War hier Tropa de Elite 2 dieses Jahr der Renner, schaute man auch in Neuseeland (Boy), Südkorea (This Man), Japan (Kari-gurashi no Arietti), Tschechien (Ženy v pokušení), der Türkei (New Yorkta 5 Minare), Norwegen (Knerten gifter seg), Finnland (Napapiirin Sankarit) und Frankreich (Les petits mouchoirs) keinen Film öfter als eine nationale Produktion. Die Kanadier folgten dagegen Alice in Wonderland, der in Italien ebenfalls sehr gut lief (Platz 2), allerdings trotz allem nur halb so viel einbrachte wie Jahressieger Avatar. Und so viel Deutsche und Niederländer auch trennen mag, es einte sie 2010 ihre gemeinsame Vorliebe für Harry Potter 7.1, der in beiden Ländern an der Spitze stand.

Erfolgreichster deutscher Film war nebenbei Markus Gollers Friendship!, der hierzulande immerhin auf Platz 12 mit rund anderthalb Millionen Besuchern landete. Das sind fast neun Mal mehr als der sehr gelungene 13 Semester anlocken konnte, aber was will man von einem Publikum erwarten, das sich mit Eclipse und Inception ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefert? Ist Goller der Gewinner des deutschen Films, springen international unterschiedliche Gewinner ins Auge. Tim Burton beispielsweise, dessen Alice in Wonderland zu seinem finanziell größten Erfolg wurde. Oder Gemma Arterton, die 2010 in gleich vier Filmen auftrat, die zusammen beinahe 850 Millionen US-Dollar einspielten. Allen voran jedoch wohl Christopher Nolan, der nun endgültig Narrenfreiheit genießen dürfte.

Wirklich beeindruckend war dagegen der englische Schauspieler Christian McKay, dessen Portraitierung der unvergleichlichen Filmlegende Orson Welles in Richard Linklaters Me and Orson Welles herausragend ausfiel. McKay verschmilzt bisweilen derart mit dem großen Mann, dass man glaubt, ihn vor sich zu sehen. Auf weiblicher Seite blieb das Spiel der 69-jährigen Südkoreanerin Kim Hye-ja in Bong Joon-hos Madeo in Erinnerung und stahl sich noch an Greta Gerwigs erfrischender Leistung in Greenberg vorbei. Die beste Newcomerin dürfte Bethany Whitmore sein, die in Mary and Max zwar nur zu hören ist, aber dabei dennoch manchen Kollegen in den Schatten stellte. Was die TV-Landschaft anging, eilte Dexter seiner Konkurrenz dieses Jahr mit Siebenmeilenstiefeln davon.  

Ansonsten bleibt 2010 in Erinnerung als das Jahr des schlechten 3-D. Auf Quentin Tarantino geht das Zitat zurück: “This CGI bullshit is the death knell of cinema. If I’d wanted all that computer game bullshit, I’d have stuck my dick in a Nintendo”. Was man angesichts der ganzen schlechten 3-D-Konvertierungen von Alice in Wonderland bis zum Super-GAU Clash of the Titans und bezüglich mancher Verwendung von Spezialeffekten (zum Beispiel in Black Swan) so stehen lassen kann. Auch sonst war das in den letzten Zügen liegende Jahr weitestgehend ereignislos, ohne nennenswerte Höhepunkte - und 2011 verspricht nicht besser zu werden. In diesem Sinne: Es folgen meine besten zehn Filme des Jahres, die Flop Ten (diesmal als Link-Liste) dabei wie gewöhnlich in den Kommentaren:


10. Mary and Max (Adam Elliot, AUS 2009): In seinem Langfilmdebüt erzählt Adam Elliot eine berührende Geschichte um Freundschaft, Einsamkeit, Außenseitertum und Tod. Die Brieffreundschaft zwischen einem an Asperger leidenden New Yorker und einem australischen Mädchen wird bestimmt von vielen tragischen-komischen Momenten. Die erstaunliche Idee und überzeugende Umsetzung entschädigen im besten Animationsfilm des Jahres manche Redundanz und inhaltliche Mängel.

9. I Love You Phillip Morris (Glenn Ficarra/John Requa, F/USA 2009): Auch Glenn Ficarra und John Requa landen mit ihrem Debütfilm direkt in der diesjährigen Bestenliste. Ihre Liebestragödie um zwei homosexuelle Gefängnisinsassen gefällt durch ihre Aufrichtigkeit und das exzellente Darstellerduo um Jim Carrey und Ewan McGregor. Die etwas zu kurz kommenden, aber ungemein unterhaltsamen Gefängnisausbrüche lassen den Film und die Geschichte seines Protagonisten im Gedächtnis bleiben.

8. An Education (Lone Scherfig, GB/USA 2009): Popliterat Nick Hornby erzählt in wunderbarer ´60er-Ausstattung mit subtiler Sozialkritik und gefälligem Ensemble die Liebes- und Lebensgeschichte einer 16-Jährigen, die den Avancen eines älteren Tunichtguts und der Kultur verfällt. Von Lone Scherfig glaubhaft inszeniert und vom überzeugenden Spiel Carey Mulligans und Alfred Molinas Witz lebend, kommt dem Coming-of-Age-Drama und period piece nur sein überhastetes Ende in die Quere.

7. Un prophète (Jacques Audiard, F/I 2009): Mit L'ennemi public n°1 legten die Franzosen im Vorjahr zwei überschätzte Gangsterfilme vor. Und mit Un prophète zog der Pariser Regisseur Jacques Audiard zu Beginn des Jahres gleich nach. Sein Gefängnisdrama vermischt Elemente des klassischen Mafiafilms mit Akira Kurosawas Yojimbo und der HBO-Serie Oz. Zwar verläuft dies nicht ganz ohne manche Schwachstelle, grundsätzlich präsentiert Audiard jedoch überaus gelungenes und fesselndes Genrekino.

6. The End of the Line (Rupert Murray, GB 2009): Für 1,2 Milliarden Menschen ist Fisch der Hauptbestandteil ihrer Ernährung. Nach Ansicht von Experten könnten unsere Meere jedoch bei derzeitigem Stand in sechzig Jahren leer gefischt sein. Die Schuld tragen neben den verantwortungslos handelnden Politikern auch wir selbst. Rupert Murray gelingt eine wichtige und zugleich erschreckende Bestandsaufnahme, sowie ein Weckruf, dem jeder Folge leisten sollte, ehe es vielleicht zu spät für Veränderungen ist.

5. A Single Man (Tom Ford, USA 2009): In Tom Fords Debütfilm ist die Regie zwar das Schlechteste, aber deswegen keineswegs schlecht. Dafür zeichnet sich neben dem Schauspielensemble, dem Soundtrack und den Kostümen vor allem das beeindruckende Drehbuch aus, dessen Zeilen oft wie Poesie anmuten, mit wunderbar subtil-philosophischen Einstreuungen und Reflektionen über das Leben. Insgesamt ist A Single Man ein Film, der wenig falsch macht und zu den ehrlichsten Beiträgen dieses Jahres zählt.

4. Exit Through the Gift Shop (Banksy, GB 2010): Eine Mockumentary, in der sich Banksy auf brillante Weise mittels Mise en abyme selbst inszeniert. Seinen Debütfilm zeichnet die Tatsache aus, dass er es nicht versäumt, authentische Einblicke in die Streetart-Szene zu liefern und sich zugleich als narrativ-stringentes Gesamtpaket verkauft. Dabei verdankt der Film es primär dem Schauspiel von Thierry Guetta, dass die Illusion, es könnte sich um eine Dokumentation handeln, aufrecht erhalten wird.

3. Sin Nombre (Cary Fukunaga, MEX/USA 2009): Eine halbe Millionen Menschen wandern jedes Jahr illegal in die USA ein, drei Viertel davon aus Mexiko und den lateinamerikanischen Ländern. In seinem Debütfilm Sin Nombre gelingt es dem Einwandererkind Cary Fukunaga gekonnt, eine Border-Crossing-Story mit einem intensiven Gang-Drama zu verknüpfen. Eine beeindruckende Kulisse und visuell wunderschöne Bilder unterstützen mit glaubwürdigen Jungschauspielern diese eindringliche Geschichte.

2. Food Inc. (Robert Kenner, USA 2008): Man ist, was man isst - speziell in den USA, wo jeder Dritte Bürger fettleibig ist. Schuld hat das von Lobbyismus und Korruption durchzogene nationale Lebensmittelsystem. Robert Kenner verfolgt in seiner Dokumentation den Weg der US-Lebensmittelgesellschaft und zeigt dabei schockierende Bilder von legalisierter Tierquälerei, die nicht nur für die misshandelten Tiere Sorge bereiten, sondern letztlich auch für die Gesundheit ihrer Konsumenten.

1. Herbstgold (Jan Tenhaven, D/A 2010): Über ein Jahr begleitete Jan Tenhaven eine illustre kleine Gruppe rüstiger Seniorensportler, die einem nach dieser Dokumentation wie die eigenen Großeltern ans Herz gewachsen sind. Dabei ist Herbstgold weniger Sportfilm, sondern ein Manifest von fünf Menschen, die vor Lebenslust sprühen und dadurch dem trüben Rentnerdasein und auch dem Tod trotzen. Letztlich gelang Tenhaven damit ein so außergewöhnlicher wie außerordentlicher Film.

26. Dezember 2010

Léon - Director's Cut

I like these calm little moments before a storm. It reminds me of Beethoven.

Es hätte ein Tag wie jeder andere werden können. Genügend Dope am Start, die bevorzugte Prostituierte griffbereit, zuvor noch eine entspannende Massage. Da knackt es plötzlich im Walkie-Talkie. Eine Meldung, ein Schuss. Panik macht sich breit. “Somebody’s coming up. Somebody serious”, presst Fatman (Frank Senger), wie ihn das Drehbuch nennt, hervor. Im Angesicht der Gefahr zieht sich einer seiner Männer noch eine Line Koks in die Nase, während draußen im Flur bereits die ersten Kollegen sterben. Der eine fliegt kopfüber das Treppenhaus hinunter, der andere wird stranguliert. Währenddessen nimmt Eric Serras Komposition an Tempo auf, wird schneller, lauter, präsenter und repräsentiert dabei die Hauptfigur, die man bisher nur schemenhaft sieht.

Der Protagonist ist Léon (Jean Reno), für die US-amerikanische und deutsche Kinoauswertung mit dem Beinamen “The Professional” respektive „Der Profi“ versehen. Léon ist präzise, abgeklärt, cool. Und so schnell wie er kam, verschwindet er auch wieder. Als er seinen Wohnkomplex betritt, führt die Kamera die zweite Hauptfigur ein. Kindliche Xylophon-Musik begleitet den vertikalen Kameraschwenk auf die 12-jährigen Mathilda (Natalie Portman), deren jugendliches Bild konterkariert wird durch die Zigarette, die sie raucht. “I’m already grown up”, verrät Mathilda später. “I’m just getting older.” Sie ist das mittlere Kind in einer dysfunktionalen Familie, von ihrer Halbschwester und Stiefmutter verhasst, weil Sinnbild einer Affäre des Vaters, der sie dafür mit Schläge abstraft.

“Is life always this hard or just when you’re a kid?”, fragt Mathilda mit ihrer blutenden Nase Léon. Sie ahnt nicht, dass ihre Insubordination ihr an diesem Morgen das Leben retten und zugleich das Damoklesschwert über Léons Schicksal platzieren wird. Weil ihre Halbschwester sie nicht Transformers schauen lassen wollte, um stattdessen ihr Gymnastikprogramm einzuschalten, und sich Mathilda weigerte, für die Familie einzukaufen, erhält sie mal wieder eine Tracht Prügel. Es ist Léons Hilfsbereitschaft, die dazu führt, dass sie ihm Milch mitbringen will und während des Überfalls des korrupten Drogenermittlers Stansfield (Gary Oldman) auf Mathildas Vater - einen kleinen Gangster, der Stansfield und seine Männer um zehn Prozent ihres Stoffes gebracht hat - abwesend ist.

Stansfield wiederum ist ein perfektionierter Soziopath. Auf Drogen stürmt er in die Wohnung der Patchwork-Familie und exekutiert erst Mutter, dann Tochter, ehe letztlich auch Mathildas kleiner Halbbruder und ihr Vater dran glauben müssen. Stansfield selbst vergleicht die Lage mit Beethoven: kraftvoll zu Beginn und dann schwach im Abschluss. Das Making Of des Films zeigt, wie Oldman die ursprüngliche Szene in jeder Einstellung erweiterte, ehe das fertige Produkt des imitierenden Klavierspiels vorlag, welches es in Léon geschafft hat. Stansfield wird in bester Manier von Auteur Luc Besson stark überzeichnet, wie er blindlings ein Wohngebäude stürmt, wild um sich ballert, Kinder exekutiert und sogar auf die Nachbarn schießt. Kraftvoll zu Beginn, mit einem ermüdeten Abschluss.

Für Léon, dessen Topfpflanze das einzige Lebewesen ist, dass er in seiner Umgebung duldet (“It’s my best friend. Always happy. No questions”), spielt sich all das in einer anderen Welt ab. Bis diese Welt auf einmal mit tränenden Augen an seiner Tür zu klingeln beginnt. Gedankenschnell hat Mathilda die drohende Gefahr durch Stansfields Anwesenheit erkannt und Léons Wohnung am Ende des Gangs als einzige Rettung ausgemacht. “Please open the door. Please”, fleht sie mit weinenden Augen, während sie immer wieder die Klingel zu Léons Wohnung betätigt. Die Szene wird zur Schicksalsgabelung für beide Figuren, das Öffnen der Tür zugleich symbolisch zum Öffnen einer neuen Welt respektive zur Verschmelzung zweier Welten, die nicht miteinander verschmelzen sollten.

Als sich die Tür schließlich öffnet, wird Mathilda von einem erlösenden Schwall Licht eingebettet. Es ist ihre Rettung in diesem heiklen Moment, gleichzeitig jedoch auch die Errettung vor einem trostlosen Leben, wie sie es bisher gekannt hat. Bemerkenswert auch Léons erste Handlung, wenn er seinen als Schwein verkleideten Topfhandschuh aus der Küche holt, um die unter Schock stehende Mathilda aufzuheitern. Gab der unterkühlte Italiener mit den großen Geheimratsecken Minuten zuvor im Flur noch den Lebensweisen Erwachsenen, sind die Rollen mit dem Einlass von Mathilda nunmehr vertauscht. Léon, der “brutal killer with the emotional core of a child” ist es ab sofort, der reagiert, während die Handlung von der 12-Jährigen bestimmt wird, die sich nur nach Rache sehnt.

Ihren Vorschlag, Stansfield und seine Einheit für sie auszuschalten, lehnt Léon selbst dann ab, als Mathilda die dafür notwendige Branchensumme (“Five grand a head”) auf den Tisch legt. “Revenge is not a good thing, it’s better to forget”, weist der Auftragskiller das Mädchen an, aus Motiven, die im dritten Akt des Director’s Cut letztlich deutlich werden. Angesichts der verwehrten Dienstleistung verlangt Mathilda, von Léon selbst zur Killerin ausgebildet zu werden und verleiht dem Wunsch mit einer Schusssalve aus dessen Fenster entsprechend Nachdruck. Widerwillig gibt der Italiener nach. “Change ain’t good”, erinnert ihn anschließend sein Auftraggeber und Mafiapatron Tony (Danny Aiello), doch Léon hat inzwischen durch die Freundschaft von und zu Mathilda bereits “a taste for life” gewonnen.

Jene Beziehung ist das zentrale Element des Films. Für Léon stellt Mathilda einen Freund dar, für den in seinem einsamen Leben bisher kein Platz war. Und für die 12-Jährige ist Léon die ersehnte Vaterfigur und Beschützer, auf die sie in ihrer ödipalen Phase ihre Idee von Sexualität projiziert (“I think I’m kinda falling in love with you”). Es dürfte das erste Mal sein, dass sich jemand tatsächlich um Mathilda kümmert und sorgt, abgesehen von ihrem kleinen Halbbruder, der ihr einziger Anker in ihrer verstorbenen Familie darstellte. Dass Léon sie, im Gegensatz zu ihrem echten Vater, nach Fehlverhalten nicht körperlich züchtigt, spielt dabei zum einen in ihr Vertrauen zu dem Killer, sorgt jedoch andererseits für ein Maß an Selbstverantwortung, dem sie (noch) nicht gewachsen scheint.

Im Gegensatz zur Kinoversion legt die ursprüngliche Schnittfassung einen größeren Fokus auf die Beziehung von Léon und Mathilda. Diese nimmt schließlich an Léons einfacheren Aufträgen teil und wird von ihm zugleich angelernt, während eine weitere Szene erneut die Gefühle von Mathilda aufgreift und die sexuelle Spannung zwischen den Figuren ein wenig löst. Bezeichnend, dass diese Szene aufgrund von Gelächter des sexuell prüden US-amerikanischen Testpublikums der Schere zum Opfer fiel. Man kann darüber streiten, ob die vielen, den Fokus auf die romantische Beziehung zwischen Léon und Mathilda legenden Szenen nicht leicht redundant geraten - so fällt speziell die Restaurantszene zu lang aus -, dennoch sind sie essentiell, um den Kern von Léon zu erfassen.

Obschon die Handlung durchaus Actiongeladen ist und gerade zu Beginn wie im Finale von dieser bestimmt wird, gelingt es Besson bestens, komödiantische Puffer zu integrieren. Sei es ganz subtil das Milchritual von Léon, das wie ein Ernährungstipp einer Mutter anmutet, die vor langer Zeit und viel zu früh verstarb, das Prominentenraten mit den exzellent aufgelegten Hauptdarstellern oder die ironische Einbettung, dass Mathilda letztlich die „männlichen“ Rumpfbeugen von Léon durch jene Gymnastiksendung ersetzt, die sie ihrer Halbschwester zuvor nie gönnte. Eine weitere, wenn auch bedrohlich konnotierte, Auflockerung findet sich in dem meist theatralischen, aber wohl gerade deswegen ausgesprochen effektiven Spiel von Gary Oldmans exzentrischem Stansfield.

Es sind fraglos die Leistungen der drei Hauptdarsteller, die dafür sorgen, dass Léon trotz seines übertriebenen Charakters so wunderbar funktioniert. Angefangen mit Jean Renos wunderbar naivem Spiel des vermeintlich eiskalten Killers mit Prinzipien (“No women, no kids“) und einer Affinität zu Filmen von Gene Kelly, bis hin zur Debütleistung der jungen Natalie Portman, die angesichts ihrer Probeaufnahmen einen gewaltigen Sprung im fertigen Film gemacht hat, der über viele Jahre hinweg als ihr Portfolio-Aushängeschild gelten durfte, ehe sie mit Black Swan eine ähnlich starke Leistung ablieferte. Nicht nur durch die inzwischen vorhandene Einprägung wäre Léon mit den damals ebenfalls interessierten Mel Gibson oder Keanu Reeves kaum denkbar gewesen.

Für Reno war es die letzte Zusammenarbeit unter der Regie von Besson und zugleich die vermutlich beste und einprägsamste Figur seiner Karriere. Sein Léon ist eine liebevolle und zugleich bedrohliche Figur, perfekt nuanciert von dem gebürtigen Marokkaner. Eben “a brutal killer with the emotional core of a child”. Dass Léon lediglich als Füller zwischen Bessons Nikita und The Fifth Element entstand, während Ersterer die Inspiration lieferte, avanciert zur Randnotiz. Was bleibt, ist ein emotionaler Thriller über zwei Figuren, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch füreinander geschaffen waren, sowie einer Geschichte von zwei Welten, die nicht miteinander verschmelzen sollten und es doch taten. Aber wie Tony richtig sagte: “One thing has nothin’ to do with the other.”

9/10

21. Dezember 2010

The X Files - Season Nine

Your lack of imagination saved our lives.

Es ist die vorletzte Folge einer Serie, die seit 1993 im amerikanischen Fernsehen lief und dabei dieses zwar nicht revolutioniert aber durchaus beeinflusst hat. „I’ve been working this unit for nine years now“, erzählt Special Agent Dana Scully (Gillian Anderson), „I’ve investigated nearly 200 cases“. Serienschöpfer Chris Carter und seine Produzenten rund um Vince Gilligan präsentieren in Sunshine Days diesen schönen Moment eines seriellen Kurzrückblicks, der sehr viel harmonischer und gelungener ausfällt, als das anschließende Serienfinale The Truth. Neun Jahre und 202 Folgen war es her, seit Dana Scully an die Seite von Special Agent Fox „Spooky“ Mulder (David Duchovny) versetzt wurde. Neun Jahre mit Höhen (die Staffeln 1, 2 und 6) und in Form der achten und neunten Staffeln auch Tiefen. In der siebten Staffel überschritt The X Files ihren Zenit und erfand sich nicht neu - zumindest nicht früh genug. Zu spät merkte man, dass man nichts mehr zu erzählen hatte oder sich etwas Neues einfallen ließ.

Das neunte Jahr ist eine Mulder-freie Zone. Abgesehen von fragmentarischen Bildern ist Duchovny weitestgehend abwesend, übernahm er zwar in William die Regie, blieb jedoch als Darsteller bis zum Serienfinale fern. Nothing Important Happened Today führt sein selbst auferlegtes Exil ein, da die Supersoldaten um Knowle Rohrer (Adam Baldwin) hinter ihm her seien. Und dabei bleibt es auch für die restlichen 18 Episoden, zumindest insofern sie nicht mythologischer Natur sind. Scully hingegen fokussiert sich auf die Erziehung ihres Sohnes William und ihrer neuen Aufgabe als medizinische Ausbilderin in Quantico. So sind es zuvorderst Special Agent John Doggett (Robert Patrick) und seine Partnerin Special Agent Monica Reyes (Annabeth Gish), inzwischen offiziell mit den X-Akten betraut, die sich mit Rohrer und Co. herumschlagen dürfen. Untergraben werden ihre Bemühungen innerhalb des Bureau von Deputy Director Alvin Kersh (James Pickens Jr.) und Assistant Director Brad Follmer (Cary Elwes), dem Ex-Freund von Monica Reyes.

Der Wechsel von der sechsjährigen Alien-Invasion und dem dazugehörigen Syndikat zu den Supersoldaten ist unsauberer und wenig nachvollziehbar. Denn dass das Syndikat nicht nur aus der Handvoll Männer besteht, die am Ende von One Son eliminiert wurden, sah man im Kinofilm. So gab sich bereits die siebte Staffel in allerlei Mulder-Wirren ziemlich planlos, ehe im Vorjahr die Supersoldaten peu a peu eingeführt wurden. Dass diese trotz allen Charmes von Adam Baldwin nur leidlich als Antagonisten funktionieren, zeigt sich in der Doppelepisode zum Auftakt. Auch in den weiteren Folgen, Trust No 1 sowie dem traditionellen Mittelstück Provenance/Providence und William, zeigt sich wie in den Jahren zuvor die Schwäche der mythologischen Handlungsstränge. Denn auch William kann wie die Supersoldaten keine Faszination ausüben, da seine Bedeutung selbst in William nie genügend erörtert wird (wieso muss Mulder zum Beispiel fliehen, während William in D.C. bleiben kann?).

Den Fehler, den Carter mit The X Files begangen hat, war die frühe Auflösung der Syndikatshandlung beziehungsweise die Fortführung der Geschichte nach jener Auflösung. Die Serie hätte einen Trennungsstrich gebraucht, ein neues Gesicht - nicht nur im Ensemble. Denn die Monster-of-the-Week-Episoden können immer noch überzeugen, wenn auch mal mehr und mal weniger. Es sind Folgen wie Lord of the Flies, die ob ihrer pop-kulturellen Anspielung (Teenager verfallen dem Jackass-Hype) und ihrer Besetzung (in diesem Fall: Aaron Paul, Jane Lynch, Samaire Armstrong und Erick Avari) gefallen. Dass sie nicht immer genauso funktionieren wie ihre früheren Pendants, liegt zum einen an ihrer unsauberen Ausarbeitung, aber natürlich auch an der Paarung Doggett-Reyes, die weniger Charme besitzen als ihre Vorgänger. Dies trifft hauptsächlich auf Annabeth Gish zu, deren Figur selbst in einer Folge wie Audrey Pauley wenig bis gar keine Sympathien erzeugt, was einem ihr Schicksal hier wie auch in Scary Monsters relativ egal macht.

Hinzu kommt noch, dass nun, da Mulder zum einen weg und zum anderen inzwischen als Partner Scullys etabliert ist, die Charaktere von Patrick und Gish in dieselbe Schablone gepresst werden. So thematisieren Folgen wie Audrey Pauley, Release und Sunshine Days die romantischen Gefühle zwischen den Beiden, derer sich speziell Doggett verwehrt. In Anbetracht der Tatsache, wie viel Zeit sich für die Mulder-Scully-Beziehung genommen wurde, kein sonderlich kluger Schritt, die neunte Staffel wie die Vorherigen aufzuziehen nur mit anderen Hauptfiguren. Dass Anderson diese in Geschichten wie Dæmonicus oder Improbable auch weiterhin an die Hand nehmen muss, zeugt umso mehr davon, dass es The X Files versäumt hat, sich in eine neue, Mulder- und Scully-freie Richtung zu entwickeln. So wirkt auch der Abschluss des Doggett’schen Traumas um dessen ermordeten Sohn in Release nicht minder gezwungen wie es bei Mulder und seiner Schwester in Closure der Fall gewesen ist.

Aber obschon aufgrund der diese Staffel auftretenden DTV-Qualität (besonders an den Effekten scheint man, wie in Scary Monsters zu sehen ist, gespart zu haben), des unglaublich hässlichen neuen Intros und der Vielzahl an unterdurchschnittlichen Folgen, versagt die neunte Staffel nicht vollständig. Mit Lord of the Flies oder Audrey Pauley gibt es Lichtblicke, zu denen auch Episoden wie John Doe, Sunshine Days oder Scary Monsters zählen. Speziell die Letztgenannte gefällt durch ihre kluge Einbindung von Doggetts Charakter sowie der Rückkehr von Special Agent Leyla Harrison (Jolie Jenkins), der lebenden X-Akten-Fibel. Gerade die Figur von Harrison ist ein gutes Beispiel für das verschenkte Potential, welches eine Neuerfindung der Serie hätte mit sich bringen können. Dennoch ist die Rückkehr von Jenkins wie auch ein letzter (erneuter) Auftritt von Terry O’Quinn nicht minder schön, wie ohnehin zumindest versucht wurde, in jeglicher Hinsicht mit einem reinen Gewissen abzutreten.

So kriegen die Lone Gunmen eine Einzelverabschiedung in Jump the Shark und eine letztmalige Integration neben X (Steven Williams), Marita Covarrubias (Lauren Holden), Gibson Praise (Jeff Gulka), C.G.B. Spender (William B. Davis) und Alex Krycek (Nicholas Lea) im Serienfinale The Truth. Dass sich dieses lediglich wie eine Best-Of-Clipshow anfühlt, fällt da kaum ins Gewicht. Die Stärken der neunten Staffel liegen ohnehin in der weiterführenden Tradition, ein Gespür für zukünftige „Losties“ zu haben (neben O’Quinn sind auch Alan Dale, Zuleikha Robinson und Michael Emerson von der Partie), sowie mit bekannten Gesichtern als Gaststars aufzuwarten. Cary Elwes ist dabei mit sechs Folgen fast schon Ensemblemitglied, während neben Lucy Lawless und James Remar besonders David Faustino (Sunshine Days) und Burt Reynolds Freude bereiten. Gerade Reynolds, dessen Auftritt als Gott in Improbable ein Vergnügen ist, umso passender, da es sich hierbei auch um die beste Episode der neunten Staffel handelt.

Sie braucht sich vor ihrer Konkurrenz der früheren Jahrgänge nicht zu scheuen und bildet zusammen mit 4-D den Höhepunkt dieser letzten Staffel. Mit The Truth hieß es schließlich Abschied nehmen von Figuren und Schauspielern, die einen neun Jahre lang - und auch darüber hinaus - begleitet haben. Die man hat hadern und zweifeln, ihre Skepsis aufgeben, Hoffnung gewinnen und ineinander verlieben sehen. Es gab nicht auf alle Fragen eine Antwort, auch nicht im die neun Jahre rekapitulierenden Serienfinale. Was aus Armin Müller-Stahl und den genetischen Bienen in Tunesien wurde, wie Mulder je über das schwarze Öl und seine neurologische Alien-Krankheit hinweg kam, was Mulder und Scully während ihrer Obduktionen wirklich durchstehen mussten und welche Wege Figuren wie Alan Dales Toothpick Man oder Jeff Gulkas Gibson Praise nun nehmen würden - die Wahrheit hierauf, so würde es Mulder wohl sagen, liegt weiterhin irgendwo da draußen.

7/10

18. Dezember 2010

Videocracy

Menomale che Silvio c’é.        

„Italien ist ein verkommenes Land“, sagt einer, der es wissen muss. Fabrizio Corona leitet ein Paparazzi-Unternehmen, sozusagen. Er lässt Prominente photographieren und verkauft ihnen dann die Bilder, damit diese nicht veröffentlicht werden. Ein Vorgehen, das Corona mit der Sagengestalt Robin Hood vergleicht. Von den Reichen nehmen, dann allerdings doch nicht den Armen geben, sondern stattdessen lieber für sich behalten. Ein moderner Robin Hood eben, findet Corona, der sich sowieso an ganz anderen Vorbildern orientiert. Beispielsweise an Scarface, prangt doch das Konterfei von Al Pacino an der Wand. „Eine Spur negativ, aber die Menschen wollen so sein“, zuckt Corona lapidar mit den Schultern, während er sein bananenförmiges Glied mit einer Hautcreme einschmiert.

Fabrizio Corona ist ein mediales Enfant terrible in Italien und saß vor drei Jahren wegen Erpressung 80 Tage im Gefängnis. Daraufhin stieg seine Popularität noch, angeheizt durch Selbstvermarktung. Eine Spur negativ, aber die Menschen wollen das so. Jetzt kriegt er 10.000 Euro, wenn er sich eine Stunde lang in einem Club zeigt. Dann sitzt er auf einem Sofa, legt den Arm um die Person neben sich und blickt gelangweilt in die Digitalkameras. „Ich rede eine Menge Scheiß“, erzählt er hinterher auf der Heimfahrt. „Die Leute achten gar nicht darauf, was ich sage. Die sehen einfach nur den Star.“ Corona zeugt von der Macht, die Bilder über eine Gesellschaft haben können. Videokratie nennt man das. Ein Phänomen, dem sich Erik Gandini in seiner gleichnamigen Dokumentation widmete.

Gandini, von schwedisch-italienischer Abstammung, charakterisiert Italien in Videocracy als „Land, das vom Fernsehen regiert wird“. Und in der Tat dient das Fernsehen für 80 Prozent der Italiener als primäres Informationsmedium. Was wiederum suggeriert, dass wer das Fernsehen kontrolliert, auch das Volk kontrolliert. Wenig verwunderlich also, dass seit jeher ein gewisses Maß an Kritik auf Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi einprasselt, der sich Anfang dieser Woche erst eines Misstrauensvotums im Senat wie Abgeordnetenhaus erwehren musste. Mit drei kommerziellen TV-Sendern, sowie dem staatlichen Fernsehsender RAI unter seiner Fuchtel, kontrolliert Berlusconi gut 90 Prozent der italienischen Fernsehsender. Und damit zu 90 Prozent 80 Prozent seines Volkes.

Ein Umstand, der vor sechs Jahren dazu führte, dass die Organisation „Freedom of the Press“ Italien von einem pressefreien Staat als „teilweise pressefrei“ zurückstufte. Bei „Reporters Sans Frontières“ wird Italien was die Pressefreiheit angeht auf Platz 50 geführt. Damit stehen die Italiener zwar noch vor El Salvador, aber abgeschlagen hinter Surinam, Trinidad und Tobago oder Kap Verde. Dabei widmet Berlusconi immerhin stolze „50 Prozent seiner Zeit“, um aus Italien ein „international glaubwürdiges Land zu machen“, wie Videocracy den Regierungschef an einer Stelle zitiert. Wohin die anderen 50 Prozent vermutlich fließen, lässt sich dagegen in verschiedenen Klatschpressen nachlesen, von seinen unzähligen Partys und Affären bis hin zu Kontakten zur Mafia und anderen Geschichten.

Aber „die Menschen lieben ihn“, weiß Gandinis Film zu berichten. Anders lässt es sich auch nicht erklären, dass sich der Ministerpräsident in seiner dritten Legislaturperiode befindet. „Berlusconi ist (…) ein bedeutender Führer“, erzählt Italiens einflussreichster TV-Agent Lele Mara. Zwar sei der Regierungschef „nicht genau Mussolini“, von dem Mara im Übrigen ein großer Fan ist - er hat sogar ein faschistisches Video auf seinem Handy, welches er stolz mit den Worten „Hübsch, nicht wahr?“ in die Kamera hält -, aber dennoch „eine große Persönlichkeit“. Man kann davon ausgehen, dass Mara und Berlusconi per Du sind. Schließlich hat der TV-Agent „die Macht, aus gewöhnlichen Menschen TV-Stars zu machen“. Und zum TV-Star, so scheint es, wollen die meisten Italiener avancieren.

„Mehr Ruhm heißt mehr Mädchen“, weiß Riccardo, ein 26-jähriger Mechaniker, der davon träumt, als Mischung aus Ricky Martins Gesangstalent und Jean-Claude van Dammes Kampfkunst die Bildschirme (und damit die Herzen Lenden der Frauen) zu erobern. Doch Riccardo, der noch Daheim wohnt und dessen Mutter ihm auf seinen Verabredungen nachspioniert, weiß, dass es für Männer schwer ist, ins Fernsehen zu kommen. Schließlich finden sich dort bevorzugt halbnackte Frauen, so genannte Showgirls oder auch „veline“. Glaubt man Riccardo, dann wollen 80 Prozent der italienischen Frauen eine velina werden, um anschließend einen Fußballer zu heiraten. Das Absurde daran ist, dass dies tatsächlich der natürliche Prozess in der italienischen TV-Landschaft zu sein scheint.

Die veline kommen primär in der Nachrichtensatiresendung „Striscia la notizia“ zum Einsatz, sind Anfang 20 - die Eine blond, die Andere brünett - und dienen als leicht bekleideter optischer Anreiz, unterstützt von einem 30 Sekunden dauernden Tänzchen, dem stracchetto. Für die Rolle einer velina gibt es in Italien ein eigenes Casting - mit großem Andrang. Denn wer eine velina wird oder war, kann es weit schaffen. Ehemalige Showgirls wie Alessia Merz, Giorgia Palmas oder Ilary Blasi sind mit Fußballern liiert. Blasi mit Nationalheld Francesco Totti, Melissa Satta wiederum mit Ex-Nationalstürmer Christian Vieri. Dem haben es die veline besonders angetan, garnierte seine Seite früher Elisabetta Canalis, die inzwischen jedoch zum aktuellen Betthäschen von George Clooney aufgestiegen ist.

Eine Liga weiter oben spielt das Ex-Showgirl Mara Carfagna, die einst beim Berlusconi-Medienunternehmen Mediaset arbeitete und seit 2008 als Ministerin für Gleichstellungsfragen angestellt ist (unglaublich, aber wahr). Wüsste man es nicht besser, man könnte all dies für eine brillante Sitcom aus der hollywoodschen Traumfabrik halten. Betrachtet man es in Videocracy, mutet es doch eher wie ein einziger großer Fremdschämfaktor für eine ganze Nation an. Eine Nation, die als Römisches Reich in der Antike eine unanfechtbare Weltmacht war, und die nun, rund anderthalb Jahrtausende später, Frauen zu halbnackten Püppchen in einer Gesellschaft degradiert, in der Männer noch Macher sind und Showgirls als Trophäen an oft zweitklassige Fußballspieler weitergereicht werden wollen.

So amüsant Gandinis Film inhaltlich auch sein mag, ist Videocracy aus journalistischer Sicht inszenatorisch doch etwas dilettantisch. So schaut gerade Mara in jeder seiner Szenen treudoof in die Kamera, als warte er auf einen Sprechbefehl. Etwas mehr Informationen zur verzweigten Berlusconischen Medienlandschaft und was das nun genau für diese, aber auch für die Demokratie und Meinungsbildung - und damit den eigentlichen Auftrag der Presse - bedeutet, hätte man dann schon integrieren müssen (das Thema „Pressefreiheit“ spricht Gandini erst im Abspann in einer kurzen Einblendung, ohne Nennung der Quelle, an). Damit ist Videocracy von einem journalistischen Standpunkt zwar nur bedingt gelungen, als Realsatire über Italiens Medienlandschaft unterhält er jedoch bestens.

7/10

15. Dezember 2010

Dexter - Season Five

Tic. Tic. Tic. That’s the sound of your life running out.

Seit 2005 läuft die Showtime-Serie Dexter im Fernsehen, doch erst im vergangenen Dezember ließen sich die Autoren zu einem für Drama-Formate gewöhnlich traditionellen Cliffhanger hinreißen. Am Ende der vierten Staffel brachte Serien(killer)held Dexter Morgan (Michael C. Hall) zwar seinen Gegenspieler Arthur (John Lithgow) um, fand jedoch anschließend Zuhause seine tote Ehefrau Rita (Julie Benz) und den gemeinsamen Sohn Harrison in einer Blutlache vor. Kein Happy End, kein zufriedenes Durchatmen nach zwölf strapaziösen Episoden. Dexters Welt würde im fünften Jahr nicht mehr dieselbe sein, so viel stand fest. Und mit dem Tod einer der zentralen Figuren eröffneten sich die Autoren nun die Möglichkeit, ihren Hauptprotagonisten in eine neue Richtung zu lenken.

Plötzlich ist der gefühlskalte Serienkiller, der eine Patchwork-Familie nur deswegen gründete, um eine soziale Tarnung zu haben, auf Gefühle angewiesen. Der Tod von Rita führt bei Dexter - so sehr er seine Frau auch schätzen und „lieben“ lernte - mehr zu einem Verantwortungsschock, denn zu einem emotionalen Einbruch. Selbst der Nachbar betrauert Ritas Ableben mehr als Dexter, was schließlich auch dessen Kollegen Detective Quinn (Desmond Harrington) auffällt, der den Blutforensiker ohnehin auf dem Kieker hat. Für Dexter hingegen heißt es umzudenken, ist er, der die Familienpflichten seiner Frau anvertraute, um nachts Serienmörder zur Strecke zu bringen, doch nun selbst für seine Kinder verantwortlich (auch wenn Astor und Cody anschließend zu ihren Großeltern ziehen).    

Und wie immer, wenn Dexter unter Anspannungen leidet, müssen diese in seinen Mordgelüsten gelöst werden. Allerdings kommt alles anders, nachdem er bei einem seiner Morde von Lumen (Julia Stiles), einem der Opfer von Dexters Opfer, beobachtet wird. Hin- und hergerissen zwischen Harrys (James Remar) Code und seinem Gewissen, nimmt sich Dexter schließlich Lumens an. Die ist wiederum nur daran interessiert, jene Männer zur Strecke zu bringen, die sie entführt, vergewaltigt und fast umgebracht haben. Widerwillig bietet Dexter seine Hilfe an und warum auch nicht, lassen sich doch Lumens Rache- und Dexters Tötungsgelüste auf diese Weise geschickt kombinieren. Dumm nur, dass Quinns Recherchen in bester Doakes-Manier Dexter in die Ecke drängen.

In gewisser Hinsicht ist die fünfte Staffel eine Art „Best Of“ der Vorgänger. Hadert Dexter in den ersten Folgen damit, seiner Außenwelt glaubhaft zu vermitteln, dass ihn Ritas Tod trifft, so tritt anschließend mit Lumen eine Frau in sein Leben, in deren Gegenwart er wie bei Lila (Jaime Murray) so sei kann, wie er wirklich ist, und die zugleich - wie Miguel (Jimmy Smits) vor ihr - zu seiner Komplizin wird. Zudem bestärkt das Cliffhanger-Szenario Dexters Ängste, dass sein Sohn genauso werden könnte wie er selbst. Allerdings wäre Dexter nicht Dexter, würde er sich nicht weiterentwickeln. Eine besonders schöne Episode ist hierbei Teenage Wasteland, in der Dexter sogar so weit als sozialer Mensch und Vater reift, dass ihn selbst Harry respektive sein eigenes Unterbewusstsein dafür lobt.

Dass die Serienmacher viele der dieser Punkte eher zu Beginn aufgreifen und sie bei Tempo 50 der eigentlichen Handlung über Bord werfen, ist verzeihlich. So verschwindet die nach außen entstandene emotionale Leere nach Ritas Tod ebenso schnell, wie die Sorge, dass Harrison ein ernsthaftes Trauma erlitten hat. In charakterlicher Hinsicht ist diese persönliche Komponente von Dexter fraglos gut herausgearbeitet, jedoch auch in den ersten vier Episoden - obschon der Auftakt My Bad ausgesprochen gelungen ist - eine etwas langatmige Prozedur, die die Handlung zum Stehen bringt und sich im Seelen-Sightseeing verliert. Was die fünfte Staffel von Dexter nun zu etwas Besonderem macht, ist die Tatsache, dass anschließend ein wahres Feuerwerk abgebrannt wird.

Die fünfte Folge First Blood nimmt Anlauf, sowohl was die Handlung um den Rachefeldzug von Dexter und Lumen angeht, als auch bezüglich Quinns Involvierung des korrupten und entlassenen Cops Liddy (Peter Weller) in seine Ermittlungen gegen Dexter. In ihrer zweiten Hälfte gewinnt Dexter dann eine derartige Spannung, dass man sich an die guten alten Zeiten des Debütjahres erinnert fühlt. Dexters Recherchen nach den Tätern von Lumens Entführung führen schließlich zum Selbsthilfe-Guru Jordan Chase (Johnny Lee Miller) und dessen bizarrem Unternehmen. Und als einer von Chases Komplizen (zu denen Chris Vance, Scott Grimes und Shawn Hatosy zählen) einen Fehler begeht, wird Dexters „Fall“ auch zu einer Angelegenheit für seine Schwester Debra (Jennifer Carpenter).

Für Dexter selbst bedeutet dies, dass er alle Hände voll zu tun hat. Denn neben seinen Vaterpflichten gegenüber Harrison muss er sich auch noch Quinn vom Leib halten und auf Lumen aufpassen, während er gleichzeitig versucht, näher an Jordan Chase heranzukommen. All diese Szenarien werden so gekonnt ausbalanciert und zum Ende der Staffel gesteigert (die letzten beiden Folgen Hop a Freighter und The Big One dürfen als Highlights angesehen werden), dass sie selbst den nervigen Subplot um die Beziehung von Batista (David Zayas) und LaGuerta (Lauren Vélez) vergessen machen, sowie für die eher uninteressiert zu Beginn nebenbei laufende Santa Muerte Ermittlung entschädigen. Und natürlich ist sich auch Masuka (C.S. Lee) nicht zu schade, für comic relief zu sorgen.

Insgesamt waren die Besetzungen mit Julia Stiles, Johnny Lee Miller und Peter Weller in diesem Herbst ein Geschenk. Zwar wurde Dexter nicht in eine komplett neue Richtung gelenkt, eher alte Aspekte neu aufgegriffen und reformiert. Und selbst wenn man sich im Staffelfinale vielleicht die eine oder andere, die Serie auf eine neue Ebene hievende, Wendung gewünscht hätte, hat die fünfte Staffel von Dexter Laune gemacht und fasziniert. Dass es gelungen ist, qualitativ fast an das erste Jahr anzuknüpfen (lediglich der holprige Start verhinderte mehr) ist für eine fünfte Staffel ein großer Verdienst. Und man darf gespannt sein, welche Überraschungen die Autoren im nächsten Herbst für den beliebtesten Serienmörder der US-amerikanischen Fernsehlandschaft bereithalten.

8.5/10

13. Dezember 2010

Enslaved: Odyssey to the West

In Strangehold vereinten sich John Woo und Chow Yun-fat, Vin Diesel wiederum gab den Protagonisten in Wheelman. Videogames werden auch für Hollywood immer interessanter, was sich einerseits an Kinoadaptionen wie Kane & Lynch lesen lässt, anderseits an immer cineastischer werdenden Spielen wie Uncharted 2: Among Thieves oder Heavy Rain. Für Enslaved: Odyssey to the West konnten Namco Bandai Games und Ninja Theory nicht nur Andy Serkis als Protagonisten und Co-Regisseur gewinnen, sondern auch Sci-Fi-Autor Alex Garland für das Drehbuch. Das Ergebnis ist ein vom Gameplay zwar redundantes, aber dennoch fraglos unterhaltsames Action-Adventure. Mehr zum Spiel erfahrt ihr bei evolver.

7/10

10. Dezember 2010

Black Swan

The only person standing in your way is you.

Das Ballettstück „Schwanensee“ von Vladimir Begichev und Vasiliy Geltser erzählt die Geschichte der Schwanenkönigin Odette, einer verzauberten Prinzessin, die nur durch die Liebe von ihrem Fluch befreit werden kann. Das Ganze basiert auf einem Märchen, wie könnte es anders sein, trifft man derartige Versatzstücke (wie das Biest in La Belle et la Bête oder den Grimm’schen Froschkönig) doch durch die Jahrhunderte hindurch. Jene Liebe tritt im „Schwanensee“ in Gestalt von Prinz Siegfried auf, wird jedoch unterminiert, als der für den Fluch verantwortliche Zauberer Rotbart das Treffen von Siegfried und Odette überhört und beginnt, zu intervenieren. Rotbart gibt sich anschließend als Baron aus und erschafft eine Doppelgängerin für Odette namens Odile, der Siegfried daraufhin verfällt.

Das von Tschaikowski komponierte Ballettstück von 1875/1876 ist eines der bekanntesten seines Faches, die Figur der Schwanenkönigin aufgrund ihrer unterschiedlichen Choreographien für Odette und Odile zudem eine der anspruchsvollsten und anstrengendsten Rollen des klassischen Balletts. Eine aufreibende Welt also, in der sich die Darsteller zu Unterhaltungs- und Kunstzwecken körperlich verausgaben, was das Publikum jedoch nicht immer angemessen schätzt. Nicht unähnlich dem Wrestling, das als Schaukampf gilt, das jedoch der Authentizität wegen viele seiner Vertreter an die physische Belastungsgrenze treibt. Regisseur Darren Aronofsky widmete sich beiden Welten und liefert nun mit Black Swan einen Gegenentwurf zu seinem letztjährigen The Wrestler ab.

Im Mittelpunkt von Black Swan steht die junge Balletttänzerin Nina (Natalie Portman) - eine unsichere und zerbrechliche Perfektionistin, die von ihrer Mutter und Ex-Ballerina Erica (Barbara Hershey) dazu auserkoren wird, die Karriere zu haben, die Erica aufgrund ihrer Schwangerschaft einst versagt geblieben ist. Beide Frauen leben in einer kontrollierten Welt, abhängig von einander, die Mutter von der Tochter, die Tochter von der Mutter. Als in Ninas Ballettkompanie die Primaballerina Beth Macintyre (Winona Ryder) vom Chefchoreographen Thomas (Vincent Cassel) in die berufliche Wüste geschickt wird, setzt Nina alles daran, die Hauptrolle in Thomas’ Neuinszenierung von „Schwanensee“ zu erlangen. Ihre Versagensängste und Paranoia wiederum sorgen bald für eine mise en abyme.

Zwar tanzt das ewige Mädchen Nina den weißen Schwan perfekt, mit ihrer verführerischen Doppelgängerin Odile hat die psychisch angeknackste Bulimikerin jedoch Probleme. Da hilft es schon gar nicht, dass mit Lily (Mila Kunis) eine vor Extrovertiertheit und Sexappeal sprießende neue Tänzerin zum Ballett stößt. Mit fortschreitender Dauer steigt einerseits Ninas Stellung innerhalb der Kompanie, andererseits aber auch ihre Unsicherheit. In einer Szene dehnen und strecken sich alle Ballerinas, während Thomas durch ihre Reihen schreitet und einige von ihnen antippt - nur Nina nicht. Deren Anspannung springt fast von der Leinwand, ihre anschließende Erleichterung, als sie erfährt, dass diejenigen Vortanzen dürfen, die nicht angetippt wurden, bleibt dagegen nahezu unmerklich.

Ninas Verunsicherung hat Auswirkungen auf ihre Psyche. Sie fühlt sich verfolgt, zum einen von Lily und zum anderen weitaus prominenter von sich selbst. Die Folge: ein Ausschlag auf dem rechten Schulterblatt, Verletzungen am Nagelbett, Gewichtsverlust. Es sei ihr Moment, ihre Chance, flüstert Thomas seiner neuen Primaballerina in einer Szene ins Ohr. In einer anderen weist er sie an, ein wenig zu leben (“Live a little”). Ein Rat, den ihr später auch Lily gibt, aber den Nina nicht befolgen kann. Als Thomas ihr aufgibt, zur Entspannung zu masturbieren, scheitert das Unterfangen an dem plötzlichen Auftauchen von Erica. In dem für die Mutter gelebten Leben von Nina ist für eigene Erfahrungen kein Platz. Was letztlich bei beiden Frauen zu irreparablen Schäden an der Psyche führt.

War „Schwanensee“ ein stets neu interpretierbares Ballett, ist es dies auch bei Aronofsky. So spielt Siegfried in Black Swan gar keine Rolle, vielmehr fragt sich der Film, was wäre, wenn nicht der Prinz von Odile getäuscht würde, sondern Odette. Dementsprechend verschwimmen für Nina verstärkt ihre Wahrnehmungen von Lily und sich selbst, beziehungsweise ihrer eigenen, verführerischen Doppelgängerin - ihrem schwarzen Schwan. Was wahr ist und was nur eingebildet, darunter auch die im Vorfeld viel kolportierte Sexszene zwischen den beiden Darstellerinnen, verwischt dabei vielleicht für die Hauptfigur, nicht jedoch für das Publikum. Denn obschon sich Aronofskys fünfter Film als Psychodrama und/oder Balletthorror anbiedert, vermag er selten wirklich Spannung aufzubauen.

Damit das Filmgeschehen den Zuschauer fesselt, fehlt der Geschichte der Zugang zu ihren Figuren. So bleibt Lily durchweg eine Schimäre, die sie allerdings nicht ist, schwankt Thomas zwischen berechnendem Arsch und kaltherzigem Perfektionisten oder ist Beth im Grunde total verschenkt. Ein Verständnis für die Charaktere geht Black Swan gänzlich ab, was ihn wohl am meisten von The Wrestler, seinem Bruder im Geiste, unterscheidet. Hier wie da folgt die Kamera gerne der Hauptfigur im Rücken, schenkt ihr Hoffnung, nur um sie kurz darauf wieder ins Straucheln kommen zu lassen. Scheiterte Randy the Ram an der Vergänglichkeit seines Ruhmes (so gesehen ist ihm Beth hier noch am ähnlichsten), droht Nina an der von ihrer Mutter aufgelasteten Erwartungshaltung zu zerbrechen.

Nagte im Vorgänger sein Beruf an Randys Physis, zerfrisst ihre Chance hier an Ninas Psyche. Dieser vermeintliche Identitätsverlust als mise en abyme ist zwar über weite Strecken interessant, wenn Nina und Lily als charakterliche Gegenentwürfe zueinander - und was Nina angeht auch füreinander - entworfen werden. Doch Aronofsky verliert sich nach dem zweiten Akt zu sehr in der Aufeinanderfolge dieses Psychospieles sowie in seiner Intensität. Denn diese drückt sich primär durch den Einsatz von CGI-Spielereien aus, die nicht nur unnötig, sondern auch störend ausfallen. Von der geerdeten Etablierung der Handlung zu Beginn bleibt am Ende nicht mehr viel übrig, wenn Black Swan im dritten Akt die Transformation vom Psychodrama zum Balletthorror unternimmt.

Über allem erhaben ist dabei jedoch das Ensemble. Wie die Schwanenkönigin für die Primaballerina eine anspruchsvolle und anstrengende Rolle ist, verkommt sie auch für Natalie Portman zu einer solchen. Stärker als in Black Swan sah man sie wohl selten, weshalb sie beste Chancen haben sollte, im Februar ihre zweite Oscarnominierung zu erhalten. Spielen Mila Kunis und Vincent Cassel - Letzterer mit den besten Dialogzeilen ausgestattet - zwar überzeugend, aber weitestgehend unauffällig, vermag neben Portman noch Barbara Hershey besonders hervorzustechen. Hin- und hergerissen zwischen fürsorglicher Mutter und labilem Kontrollfreak, hinterlässt die 62-Jährige einen bleibenden Eindruck, der ebenfalls von der Academy gewürdigt werden könnte.

Dieses Jahr erhielt Black Swan stürmenden Beifall beim 67. Filmfestival in Venedig, jenem Ort, an dem vor vier Jahren noch Darren Aronofskys Meisterwerk The Fountain ausgebuht wurde. Ein Erlebnis, das beim New Yorker hängen geblieben und Wunden gerissen zu haben scheint. Von visuellen Spielereien verabschiedete er sich daraufhin in The Wrestler, der erstaunlich straight und konsequent daherkam. Zwar blieb damals die Anerkennung der Academy aus, für seinen allseits gelobten jüngsten Film könnte sie nun jedoch ins Haus stehen. Dass sich der 41-jährige Amerikaner seit The Wrestler weiterentwickelt hat, lässt sich dagegen nicht sagen, sind sich beide Filme doch zu ähnlich (Thrillerelemente ersetzen Charaktertiefe), um einen wirklichen Fortschritt erkennbar zu machen.

So ähneln sich Darren Aronofsky und die Schwanenkönigin vielleicht mehr als sie glauben, wenn die von den Kritikern zuletzt verehrten The Wrestler und Black Swan mit der verführerischen Doppelgängerin gleichgesetzt werden, die Aronofskys künstlerisch wertvolle, ambitionierte und oftmals unterschätzte Vorgänger in Vergessenheit geraten lassen. Doch die wahre Schönheit liegt unter der von außen bisweilen als hässlich erachteten Form, sodass es Aronofsky seinem Märchenvorreiter Prinz Siegfried gleich tun sollte, indem er der Verführung widersteht (für 2014 inszeniert er eine Bibel-Adaption um Noah) und zurück zu seiner ewigen und wahren Liebe kehrt. Einen entscheidenden Hinweis hat er sich dabei in Black Swan bereits selbst gegeben: The only person standing in your way is you.

6.5/10

7. Dezember 2010

Monsters

Im vergangenen Jahr hat District 9 vorgemacht, dass gute Science Fiction auch zu guten Preisen möglich ist. Zugleich hat Neill Blomkamps Filmerfolg jedoch auch eine Lawine von neuen Alien-Invasion-Filmen ausgelöst, als deren Speerspitze in Deutschland nun Gareth Edwards No-Budget-Werk Monsters vor den noch kommenden Skyline und Battle: Los Angeles erscheint. Dabei ist Edwards' Debüt weniger Science Fiction denn Road-Movie mit starker Romantikkomponente, gewürzt mit subtiler Kritik an US-Grenzpolitik. Leider will alles zusammen nicht so recht funktionieren. Wieso, weshalb, warum - lest es bei evolver nach.

6/10

4. Dezember 2010

Toy Story 3

This is where the magic happens.

Es gibt sie immer, die Vorreiter, diejenigen, die etwas Neues als Erste tun. Oder, wie im Fall von Blade, etwas Altbekanntem neues Leben verleihen. Holte der 1998er Vampir-Thriller von Stephen Norrington die Comics wieder ins Kino, war es drei Jahre zuvor John Lasseters Toy Story, der den Animationsfilm auf eine völlig neue Ebene hob und sein produzierendes Studio Pixar zu einem der einträglichsten Studios aller Zeiten machte. War Toy Story vor 15 Jahren der erste komplett per CGI kreierte Film, sind es nun, anderthalb Jahrzehnte später, die 2D-Zeichentrickfilme, die zur Rarität wurden. Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht ein Studio ein CGI-Abenteuer in die Welt hinausschickt. Bevorzugt inzwischen in 3D, wie Despicable Me, Megamind, How to Train Your Dragon und Co. zeigen.

Denn 3D ist das neue El Dorado, weshalb es sich auch Pixar nicht nehmen ließ, das Finale ihres Toy Story-Franchises als Toy Story 3D ins Rennen zu schicken. Der Lohn: Der (finanziell) erfolgreichste Animationsfilm aller Zeiten (insofern man nicht Avatar als solchen erachtet), mit einem Einspiel von über eine Milliarde Dollar. Pixar also wieder obenauf und wenig dürfte dem obligatorischen Academy Award im Wege stehen, der in Kalifornien meist nach Emeryville statt Glendale wandert. Denn Toy Story 3 folgt der Tradition des Studios, welches liebevolle Charaktere in eine abenteuerreiche und dabei berührende Geschichte schickt, die mit nahezu perfekter CGI erzählt wird. So verwundert es auch nicht, dass mit einem Jahrzehnt Abstand Toy Story 3 der beste Teil der Reihe ist.

Was von Woody (Tom Hanks) im zweiten Teil befürchtet wurde, ist zu Beginn des dritten Teils schon lange eingetreten. Andy, inzwischen ein Jugendlicher, der in wenigen Tagen ans College wechselt, spielt seit Jahren nicht mehr mit seinem Lieblingssheriff, Buzz Lightyear (Tim Allen) und seinem übrigen Spielzeug. Die Sternenwände sind mit Postern verklebt, das Mobiltelefon und Laptop zu den neuen Unterhaltungsmedien aufgestiegen. Doch Wegwerfen will Andy seine alten Sachen dann doch (noch) nicht. Zu viele Erinnerungen an schöne Zeiten hängen an Rex, Hamm, Slinky und Co. Stattdessen sollen sie auf dem Dachboden eingelagert werden, doch nach einem Missverständnis spendet Andys Mutter das alte Spielzeug nebst der Barbie (Jodi Benson) von Andys kleiner Schwester an die Kindertagesstätte Sunnyside.

In Toy Story 3 greift Regisseur und Co-Autor Lee Unkrich die bereits aus den Vorgängern bekannten Themen (Trennungsängsten, Rettungsaktionen) wieder auf. Gegrämt von Andys Verhalten freuen sich Buzz und Co. darauf, in Sunnyside neue Spielpartner zu finden. Woody wiederum, der als Einziger mit Andy aufs College darf, appelliert an die Loyalität gegenüber ihrem Besitzer. Doch wie in Toy Story und Toy Story 2 wird die Gruppe versprengt. Woody landet bei einem gut erzogenen Mädchen mit Spiellaune, während seine Freunde in Sunnyside unter das tyrannische Kasten-System von Teddybär Lotso (Ned Beatty) fallen. Während sich Lotso, Ken (Michael Keaton) und einige Erlesene von reiferen Kindern knuddeln lassen, muss der Rest als Aggressionsableiter herhalten.

Bezeichnend, dass die beiden unterschiedlichen Räume dementsprechend in Caterpillar- und Butterfly-Raum benannt sind. Der Wechsel nach Sunnyside und die erneute Trennung von Woody offeriert Pixar nun die Chance, ihr ganzes Talent zur Schau zu stellen. Dies wird bereits in dem actionreichen und enorm unterhaltsamen Intro deutlich, bleibt jedoch bis zum Finale aufrecht erhalten (wie in der exzellent animierten Mülldeponie-Szene). Toy Story 3 strotzt nur so vor makellosem CGI, sodass man bisweilen glaubt, Lotsos Naht sehen zu können. Auch eine Rückblende von ihm, die erklärt, wieso der Knuddelbär zum moralischen Schmuddelbär verkam, hebt sich in Sepiatönen schön vom restlichen Geschehen ab.

Inhaltlich folgt das Studio dem bekannten Hollywood-Rezept der Wiederverwertung. So hebt sich die Handlung zwar von den vorangegangenen beiden Teilen nicht wirklich ab, besticht jedoch durch das Angebot kreativer Ideen, welche Unkrich zwischenstreut. Gerade der finale Ausbruchplan aus Sunnyside sprießt vor Einfallsreichtum, der nicht einmal von einem Buzz im Spanischmodus torpediert werden kann. Hilfreich sind hierbei auch die vielen neuen Figuren, von denen Stretch (Whoopie Goldberg), Bookworm (Richard Kind) oder Buttercup (Jeff Garlin) nicht minder überzeugen, wie die etwas überpräsenten (und redundanten) Ken und Lotso. Vermag Ken immerhin im kongenialen Duo mit Barbie zu gefallen, hätte man auf den pinken Teddybären gerade im dritten Akt auf der Mülldeponie gerne verzichten können.

Ansonsten wird besonders das mögliche Ende der Spielzeuge in den Vordergrund gerückt, die alt und unbeachtet in ein „Heim“ abgeschoben werden und sich somit in gewisser Hinsicht auch als Senioren lesen lassen. Toy Story 3 erzählt eine Geschichte von Liebe, die ab einem gewissen Punkt einseitig wurde, jedoch nur dem Kreislauf des Lebens folgte. Während manche wie Woody das Beste daraus machen, zerbrechen andere wie Lotso innerlich. Das aus den Augen aber nicht aus dem Sinn bedeutet, veranschaulicht dann das sehr berührende Finale, wenn nicht nur von Woody und Co. Abschied genommen wird, sondern auch von Toy Story. “I always wanted to go out with a bang“, sagte Mr. Potato Head zu Beginn. Unkrichs Film ist dies für dieses Pixar-Franchise gelungen.

8/10

1. Dezember 2010

You Will Meet a Tall Dark Stranger

Life was full of sound and fury - and in the end, signified nothing.

Seinem Macbeth legte Shakespeare das Urteil in den Mund, dass das Leben eine Geschichte sei, „von einem Idioten erzählt, voller Schall und Raserei, ohne Bedeutung“. Wenn man so will, nahm sich Woody Allen für seinen 41. Spielfilm in 44 Jahren jenes Shakespeare-Zitates an und verfilmte es sehr selbstironisch. Sein You Will Meet a Tall Dark Stranger ist eine Geschichte über das Leben und über die Liebe, voller Schall und Raserei, letztlich jedoch ohne Bedeutung. Es ist eine klassische allensche Geschichte, die der 75-jährige Auteur dem Publikum präsentiert. Aufgemacht wie immer mit weißem Windsor Elongated auf schwarzem Hintergrund, präsentiert der New Yorker sein Darstellerensemble in alphabethischer Reihenfolge. Und wie so oft, sind illustre Namen darunter, wie Naomi Watts, Anthony Hopkins, Josh Brolin und Antonio Banderas.

Es geht um zerrüttete Ehen, sei es die von Alfie (Anthony Hopkins) und seiner Frau Helena (Gemma Jones), die sich nach 40 Jahren scheiden lassen, oder die ihrer Tochter Sally (Naomi Watts) mit ihrem Mann Roy (Josh Brolin), einem gescheiterten Schriftsteller. Während sich Alfie nicht so alt fühlt, wie er ist, und deswegen eine neue Ehe mit der halb so alten Prostituierten Charmaine (Lucy Punch) eingeht, will Roy dem Kindeswunsch von Sally nicht nachkommen und verliert sich stattdessen in voyeuristischen Blicken ins gegenüberliegende Schlafzimmer der Nachbarin Dia (Freido Pinto). Auch Sally entwickelt Gefühle für jemand anders, namentlich ihren Chef und Galeriebesitzer Greg (Antonio Banderas), der ebenfalls unter seiner zerrütteten Ehe leidet. Helena gibt sich derweil ganz den Prophezeiungen der Wahrsagerin Cristal hin.

Im Folgenden wechselt der Film nun die Perspektiven der vier Familienmitglieder, wobei es ihm gelingt, allen gleich viel Aufmerksamkeit zu schenken. Angefangen mit Alfie, einem klassischen Fall von (später) Midlife Crisis. Während sich Helena so alt fühlt, wie sie ist, strebt Alfie die gegensätzliche Richtung an. Der Scheidung folgen Besuche im Fitness-Center, Sonnenstudio, Zahnbleichung und ein Sportauto. Da versteht es sich von selbst, dass das Ganze in der Beziehung zu einer jüngeren Frau enden muss, die so alt wie seine Tochter ist. Das verbindet Alfie in gewisser Weise mit anderen allenschen Figuren wie zuletzt Larry Davids Boris in Whatever Works, nur dass in diesen Fällen immerhin ein gewisses Maß Gegenliebe vorhanden war. Vermutlich weil Alfie nicht vom selbstironischen Witz der allenschen Intellektuellenfigur beseelt ist.

Was ihn wie seine übrigen Familienmitglieder eint, ist die Angst vor dem Alleinsein. Speziell Helena befällt diese, weshalb sie die vermeintliche Scharlatanin Cristal aufsucht. Deren Prophezeiungen wirken sich im Laufe des Filmes vor allem für Roy und Sally noch negativ aus, wobei gerade Sally jenen Hokuspokus anfangs unterstützt. Dagegen sind Nebenfiguren wie die Musikstudentin Dia weitaus charakterloser. Von ihr erfährt man letztlich nur, dass ihr Verlobter beim Auswärtigen Amt in Brüssel arbeitet und deshalb die meiste Zeit abwesend ist. Wieso sich daraufhin Gefühle - ausgerechnet - für Roy entwickeln, bleibt ein Rätsel und vermutlich eher Mittel zum Zweck. Ähnlich verhält es sich mit Antonio Banderas’ Galeriebesitzer Greg, der scheinbar mit Sally in einer Szene nur deswegen flirtet, damit diese sich wiederum in romantische Gefühle verrennen kann.

Obschon Tall Dark Stranger wie die meisten Filme von Allen nur rund 90 Minuten dauert, ist sein jüngstes Werk zugleich eines seiner Langatmigsten. Nach zuletzt Whatever Works und Vicky Cristina Barcelona, verschlägt es den Auteur erneut nach London. Hierbei ähnelt die Atmosphäre am ehesten Cassandra’s Dream, auch wenn die Thematik der klassischen allenschen Komödie entspricht. Vielleicht liegt es am unterkühlten und etwas bieder wirkenden London, dass die vierfache Liebes- und Lebenskrise nicht richtig in Fahrt kommt. Eventuell ist dies jedoch auch auf die zumeist unsympathischen Figuren zurückzuführen. So erfährt man von Roy zwar, dass er erst nach seinem Medizinstudium Schriftsteller wurde (anfangs sogar ein Vielversprechender), aber was ihn genau von der Medizin zur Literatur trieb, bleibt im Dunklen.

Bei seiner Ehefrau ist es dasselbe. Zwar verfügt sie über ein Kunststudium, scheint aber beruflich dennoch in einer Sackgasse zu stecken (Roy deutet in einer Szene an, dass sie zuvor bereits aus drei anderen Jobs ausgestiegen ist). Egal ob der bemitleidenswert jüngliche Alfie, die extrem naive Helena, der hoffnungslose Roy oder die verloren wirkende Sally - sie alle werden zwar gut gespielt und interpretiert (Lucy Punch setzt neben Gemma Jones besondere Akzente), vermögen jedoch selten zu greifbaren Figuren zu avancieren, deren Verhalten nachvollziehbar ist oder mitreißen kann. Dass Allen seine Geschichte dabei offensichtlich als shakespearesches Stück anlegt (oft untermalt von bardischer Musik, die jedoch eher nervt) - und somit in gewissen Sinne der Tradition seiner Filme wie Mighty Aphrodite folgt -, hilft ebenfalls wenig.

Von seinen Londoner Werken ist dies klar sein schwächster Beitrag, der jedoch immerhin runder daherkommt als sein jüngster Ausflug zurück in den Big Apple. Zwar zeichnen den Film zahlreiche allensche Merkmale aus, doch ein wirklich stimmiges Ergebnis will in diesem Fall am Ende nicht dabei herauskommen. Dass es schlussendlich zu einem etwas absurden Ende kommt (auch wenn Allen an sich weiterhin dem shakespeareschen Einfluss folgt), wirkt ebenfalls reichlich bitter-süß. Insgesamt entschuldigt den Film auch nicht die eingangs angesprochene unterstellende Prämisse, dass es sich bei You Will Meet a Tall Dark Stranger um eine selbstironische Adaption von Shakespeares Macbeth-Zitat handelt. Denn auch wenn Woody Allen hier einen bedeutungslosen Film über Schall und Raserei inszeniert, macht das ebenjenen Film deshalb noch nicht zu einem Guten.

6.5/10