12. September 2012

Herr Wichmann aus der dritten Reihe

Manchmal hilft es ja, wenn die Politik sich einschaltet.

Man könnte meinen, Politiker hängen ihr Fähnchen immer nach Wind. Oder nach dem aktuellen Gegenüber aus der Bevölkerung. Dass das nicht bigott sein muss, zeigt der brandenburgische CDU-Landtagsabgeordnete Henryk Wichmann in Andreas Dresens Herr Wichmann aus der dritten Reihe. Eine Gruppe älterer Frauen beschwert sich über eine fehlende Bahnanbindung ihres vom Weihnachtstourismus lebenden Orts. Der Schreiadler sei Schuld, der sich laut Naturschutzbund (NABU) gestört fühlen könnte. Der Schreiadler, versichert Wichmann den Damen, habe schon so viel verhindert in der Region. Und etwas später schwärmt der 35-jährige Politiker dann gegenüber dem NABU von der Majestät des Vogels.

In einer anderen Szene streiten sich zwei Parteien, Privatbesitzer und Naturschützer, um eine Moorfläche. Wichmann agiert als Mediator und führt den Konflikt letztlich zu einem Kompromiss. Hier wie im Fall des Schreiadlers wird jene Behauptung deutlich, die Henryk Wichmann im Laufe von Dresens Dokumentation mehrfach von sich gibt. Die Bürger müssen ihm sagen, wo ihnen der Schuh drückt. Und dann schaut er als ihr Landtagsabgeordneter, wie er ihnen helfen kann. Das hatte er schon vor zehn Jahren in Herr Wichmann von der CDU immerzu erklärt, nur wollte er damals als 25-Jähriger in den Bundestag gewählt werden und sitzt nun bereits seit 2009 im Landtag. Wenn auch nur als Nachrücker für jemanden.

Seit 2002 hat Henryk Wichmann eine merkliche Wandlung erfahren. War er damals jung, naiv und brauchte die Aufmerksamkeit, ist er nun sichtlich reifer geworden. Dies mag zum einen daran liegen, dass er nun zehn Jahre älter, verheiratet und Vater dreier Töchter ist. Zum anderen vielleicht aber auch daran, dass er inzwischen seit drei Jahren tagtäglich in politische Prozesse involviert ist. Versicherte er in Dresens erstem Teil noch auf die Frage eines Bürgers, wem man denn noch vertrauen könne wie aus der Pistole geschossen „Der Frau Merkel!“, so erklärt er inzwischen, dass weder er selbst die Welt retten könne, noch Angela Merkel. Henryk Wichmann ist scheinbar in der Realität angekommen.

Das soll nicht heißen, dass der alte Herr Wichmann von der CDU völlig verschwunden ist. In gewisser Weise ist sich der gebürtige Templiner durchaus treu geblieben, wenn er einem jungen Kollegen im Landtag aus besagter dritter Reihe in die Rede schimpft. Oder wenn er im Auto darüber philosophiert, dass ein Chauffeur nicht schlecht wäre, sodass er nebenher arbeiten könne. „Tote Zeit“ sei das Autofahren, klagt Wichmann und stellt fest, dass er sich verfahren hat. Es ist einer der wenigen „klassischen“ Wichmann-Momente wie man sie aus Herr Wichmann von der CDU kennt. Diese wiederum sind deutlich rarer gesät als noch vor zehn Jahren. Die Fortsetzung von Dresens Film nimmt sich somit durchaus ernster.

Bezog das Original seinen Humor aus dem Zusammenprall von Wichmanns naiv geführtem Wahlkampf und der Politikverdrossenheit seiner brandenburgischen Provinz, seziert Herr Wichmann aus der dritten Reihe nun bisweilen überaus geschickt den politischen Alltag in Deutschlands Gemeinden. Zwischen Schreiadlern und Mooren befasst sich Wichmann mit Kürzungen im Schulfördergeld und der Schließung einer Polizeiwache, mit einer Durchfahrerlaubnis für Segelboote und Bahnübergangsproblemen in der Einöde. Eben mit jenen Dingen, bei denen den Bürgern der Schuh drückt. Wichmann schenkt ihnen Zeit und hört ihnen zu, was vermutlich mehr ist, als andere Landtagsabgeordnete bisher für sie getan haben.

Zugleich zeigt Herr Wichmann aus der dritten Reihe jedoch auch, was möglich ist in der Politik, wenn alle Parteien zusammenarbeiten – in diesem Fall sprichwörtlich. Die Bereitschaft ist da, sowohl von Linken als auch von Regierungspräsident Matthias Platzeck (SPD), verschiedene Probleme zu lösen. Und so nährt Dresens Film abseits seiner humorigen Momente am Ende die Hoffnung, dass die Parteipolitik in Deutschland noch nicht ganz verloren ist. Henryk Wichmann ist – und wer hätte das 2002 schon gedacht? - ein positives Beispiel für diesen möglichen Prozess, der sich näher am Volk verortet. Und wer weiß, vielleicht sehen wir ja 2022 dann den Trilogie-Abschluss „Herr Wichmann von der Bundesregierung“.

7.5/10

6. September 2012

Whore’s Glory

Never say never.

Prostitution gilt als ältestes Gewerbe der Menschheit und deckt wohl eine Nachfrage, die nie abebbt. Weltweit soll es rund 40 Millionen Prostituierte geben – das sind mehr als es Einwohner in Australien oder Kanada gibt. Mit 80 Prozent ist ein Großteil von ihnen weiblich und davon wiederum sind drei von vier Mädchen zwischen 13 und 25 Jahren alt. Faktische Daten, die sich auch in Michael Glawoggers Dokumentation Whore’s Glory im Ansatz widerspiegeln, wenn sich der Regisseur der Prostitutionsszene in Thailand, Bangladesch und Mexiko widmet. Für wenig Geld verkaufen junge Frauen dort auf Zeit ihre Körper einer Welt, die von Sex bestimmt zu sein scheint.

In Bangkok berichten sich zwei Prostituierte, dass ihre Freunde ständig Sex haben wollen. Auf der Arbeit sei das Ganze zumindest nach 30 bis 60 Minuten vorbei, „aber Zuhause lassen sie dich nie in Ruhe“, klagt eine. Das Bild vom notgeilen Mann findet sich unentwegt wieder in Glawoggers Film, nirgends mehr als in Bangladesch. Dort besucht der österreichische Regisseur das Hurenviertel von Faridpur, in dem sich mehrere hundert Frauen feilbieten. Eine junge Frau verlangt von einem Freier 200 Taka, was umgerechnet 2 Euro sind. Am Ende wird sie sich mit 50 Taka, also 50 Cent, begnügen müssen. Bei solchen Preisen erklärt sich wohl, dass viele Einwohner nicht nur ein Mal am Tag im Hurenviertel vorbeischauen.

„Ich denke an nichts anderes“, gesteht ein junger Mann. Zugleich ist er sicher, dass das Hurenviertel eine wichtige Rolle in der Gemeinde spielt. Wären die Prostituierten nicht, normale Frauen könnten gar nicht mehr auf die Straße gehen, erzählt er. „Ohne das Hurenviertel würden es die Männer mit Kühen und Ziegen treiben.“ Es herrscht ein reges Treiben in den Gängen des Viertels, wo junge Mädchen versuchen, Männer zum Verweilen zu bewegen oder zumindest zum Versprechen auf eine baldige Rückkehr. „Die Straße ist unsere Zukunft“, sagt eine ältere Prostituierte, die als „Hurenmutter“ inzwischen selbst drei junge Frauen für sich arbeiten lässt.

Teil eines größeren Ganzen sind auch die Frauen in einem so genannten Bangkoker fish tank. Wie in einem Aquarium nehmen sie mit einer Nummer versehen in mehreren Reihen Platz. Die Kunden kommen herein und suchen sich mittels Beratung eine von ihnen aus. Bemerkenswert ist, dass die Prostituierten im Fish Tank weitaus weniger Konkurrenzdenken verspüren als die Kolleginnen in Bangladesch. Wird eine ausgewählt, freuen sich die anderen für sie. Dabei könnten sie selbst den Freier nicht minder gut gebrauchen. Immerhin sind die Damen des Fish Tank mit rund 45 Euro auch mehr als 30 mal so teuer wie die Mädchen in Faridpur.

Statistisch gesehen geht einer aus zehn Männern zu Prostituierten. In China sogar einer aus vier Männern. Ausschlagebend ist dabei die Art und Weise der Befriedigung. Die Freundinnen machen im Bett nicht, was man gerne hätte, beklagt eine Gruppe junger Mexikaner an der Einfahrt zu “La Zona”, einem Hurtenviertel in der mexikanischen Grenzstadt Reynosa. Die Frauen in La Zona „sind nicht so verkrampft“ sagt einer. Die Frauen machen, was der Kunde wünscht – solange der Preis stimmt. Ein Kunde aus Bangkok sieht im Interview plötzlich gar eine verkehrte Welt. „Hier sind wir die Ware für die Frauen“, findet er, „Wir bringen das Geld“.

Passenderweise degradieren die Frauen des Fish Tanks aber durchaus Männer zur Ware, wenn auch nicht ihre Freier. Nach der Arbeit suchen sie oft Clubs mit Animateuren auf, jungen Männern, die ihnen gegen Geld Gesellschaft leisten. In Thailand, dem internationalen Hot Spot der Prostitution, entwickelt sich somit ein Kreislauf aus Lust und Leidenschaft. Zugleich zeigt das Beispiel der Animateure, dass es nicht jedem nur um Sex geht. Viele Männer suchen Prostituierte tatsächlich nur für Gespräche auf, die meisten, um eine Abwechslung zu ihrer Frau zu finden. Ihre Gattinnen wiederum halten dennoch alle Männer in Ehren.

„Diese Mädchen und meine Frau kann man nicht vergleichen“, sagt der eine. „Meine Frau ist eine Partnerin fürs Leben.“ Der andere dagegen versichert: „Meine Frau ist immer noch meine Nummer eins“. Und ein Dritter wirft die These in den Raum, dass ihre Frauen sich ja gerade mit dem Nachbarn amüsieren könnten. Letztlich dreht sich alles um Sex, so sehr sogar, dass Glawogger in Bangkok mehrere Minuten eine Gruppe sich besteigender Hunde filmt. Die Gegensätze seiner drei Handlungsorte in Whore’s Glory sind dabei offensichtlich. Wo in Faridpur Konkurrenzdenken und Trubel herrschen, springt in La Zona eine trostlose Leere ins Auge.

Umso bedauerlicher, dass der Film hier fast 40 Minuten verbringt. Denn der abschließende dritte Akt in Reynosa gerät weitaus weniger faszinierend als die vorangegangenen Episoden in Bangkok und Faridpur. Dennoch ist Whore’s Glory ein beeindruckender Blick in eine Schattenseite unserer Gesellschaft gelungen. In der tatsächlich größtenteils jugendliche Mädchen gezwungen sind, ihre Körper zu verkaufen, um zu existieren. „Als Frau zu überleben ist wirklich schwer“, versichert eine junge Prostituierte in Faridpur und bricht in Tränen aus. „Gibt es keinen anderen Weg für uns Frauen?“ Ob sie an den Ruhm der Hure glaubt, darf bezweifelt werden.

8.5/10

1. September 2012

Filmtagebuch: August 2012

AMERICAN DREAMZ
(USA 2006, Paul Weitz)
3/10

THE BOURNE IDENTITY
(USA/D/CZ 2002, Doug Liman)
6/10

THE BOURNE SUPREMACY
(USA/D 2004, Paul Greengrass)
6.5/10

THE BOURNE ULTIMATUM
(USA/D 2007, Paul Greengrass)
6/10

BROKEN ARROW
(USA 1996, John Woo)
7/10

CRAWL
(AUS 2012, Paul China)
4.5/10

THE EXPENDABLES
(USA 2010, Sylvester Stallone)
7/10

THE EXPENDABLES 2
(USA 2012, Simon West)
6.5/10

GRABBERS
(UK/IRL 2012, Jon Wright)
6.5/10

HALF NELSON
(USA 2006, Ryan Fleck)
7.5/10

HAYWIRE
(USA/IRL 2011, Steven Soderbergh)
4/10

HOT ROD
(USA 2007, Akiva Schaffer)
9/10

LOUIE - SEASON 1
(USA 2010, Louis C.K.)
7/10

MACHINE GUN PREACHER
(USA 2011, Marc Forster)
4/10

MEAN STREETS
(USA 1973, Martin Scorsese)
6.5/10

THE NEWSROOM - SEASON 1
(USA 2012, Greg Mottola u.a.)
8/10

MR. NOBODY
(CDN/F/B/D 2009, Jaco Van Dormael)
3.5/10

PARADISE LOST: THE CHILD MURDERS AT ROBIN HOOD HILLS
(USA 1996, Joe Berlinger/Bruce Sinofsky)
6/10

PARADISE LOST 2: REVELATIONS
(USA 1996, Joe Berlinger/Bruce Sinofsky)
5/10

PAWN STARS - SEASON 1
(USA 2009, Jairus Cobb)
7.5/10

PUMPING IRON
(USA 1977, George Butler/Robert Fiore)
5.5/10

THE RUM DIARY
(USA 2011, Bruce Robinson)
6.5/10

SAND SHARKS
(USA 2012, Mark Atkins)
6/10

THE SECRET LIFE OF WORDS
(E 2005, Isabel Coixet)
5.5/10

STARSHIP TROOPERS: INVASION
(USA/J 2012, Aramaki Shinji)
4/10

STEVIE
(USA 2002, Steve James)
7.5/10

TAPPED
(USA 2009, Stephanie Soechtig/Jason Lindsey)
3/10

TED
(USA 2012, Seth MacFarlane)
7.5/10

TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES
(USA/HK 1990, Steve Barron)
8/10

TRAINSPOTTING
(UK 1996, Danny Boyle)
7/10

TRUE BLOOD - SEASON 5
(USA 2012, Michael Lehman u.a.)
7.5/10

WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN
(USA/UK 2011, Lynne Ramsay)
8/10

WHORE’S GLORY
(D/A 2011, Michael Glawogger)
8.5/10

Werkschau: Darren Aronofsky


PI
(USA 1998, Darren Aronofsky)
6.5/10

REQUIEM FOR A DREAM
(USA 2000, Darren Aronofsky)
10/10

THE FOUNTAIN
(USA/CDN 2006, Darren Aronofsky)
9/10

THE WRESTLER
(USA/F 2008, Darren Aronofsky)
8.5/10

BLACK SWAN
(USA 2010, Darren Aronofsky)
5.5/10