27. Dezember 2013

Alan Partridge: Alpha Papa

You seriously don’t know “Banged Up Abroad”? You have to be shitting me.

Schon Oscar Wilde wusste, dass nur eines schlimmer ist, als wenn über einen geredet wird: wenn nicht über einen geredet wird. So in etwa ist auch die Philosophie von Alan Partridge, dem fiktiven inkompetenten Moderator, den der britische Schauspieler Steve Coogan 1991 für die BBC-Radiosendung “On the Hour” ins Leben rief.  Der Sportreporter wurde so populär, dass im Lauf der Jahre drei Fernsehserien und mehrere Specials über ihn entstanden. Selbst in die Popkultur hielt Partridge Einzug, was ihn zu einer Art britischem Vorläufer von Will Ferrells Nachrichtenmoderator Ron Burgundy macht. In Alan Partridge: Alpha Papa wird die Figur jetzt aufs Kino losgelassen.

Im Film sieht sich Alan Partridge (Steve Coogan) an seinem Arbeitsplatz bei Norfolk Radio mit einem „Rebranding“ konfrontiert: Der Sender soll auf eine jüngere Zielgruppe zugeschnitten werden und fortan “Shape – The Way You Want It To Be” heißen. Im Zuge der fragwürdigen Modernisierung soll auch einer der Moderatoren entlassen werden – entweder Alan oder sein Kollege Pat Farrell (Colm Meaney). Alan, vom Überlebenswillen getrieben, macht kurzerhand Politik gegen den Konkurrenten und behält so seinen Job. Doch die abendliche Relaunch-Party verläuft anders als erwartet, als Pat mit einem Gewehr aufkreuzt und seine ehemaligen Kollegen als Geiseln nimmt.

Nun soll Alan für die Polizei mit Pat verhandeln. Eher widerwillig akzeptiert er und sieht kurz darauf in dem Medieninteresse die Chance, zurück ins Rampenlicht zu kehren. Dumm nur, dass Alan mehrmals Gelegenheit, die Geiselnahme zu beenden – dabei profitiert er am meisten davon, dass die Affäre weitergeht. Ein Zwiespalt, der für viele Lacher sorgt. So wenn Alan – beim Telefonat mit Assistentin Lynn – versehentlich über einen Notausgang das Gebäude verlässt und danach wieder einen Weg hinein finden muss. Oder wenn sich immer wieder die Chance bietet, Pat auszuschalten, und ein hin und her gerissener Alan sich stets dagegen entscheiden muss.

Stattdessen verbrüdert sich Alan mit Pat, dessen Situation er natürlich nur allzu gut nachempfinden kann. Schließlich entstammen die beiden derselben Generation alter (Radio-)Hasen, die sich in der total medialisierten Welt von heute nur bedingt zurechtfinden. Während die übrigen Geiseln um ihr Leben fürchten, lachen sich Alan und Pat derweil über YouTube-Videos kaputt. Dieses verquere Zusammenspiel zwischen dem Geiselnehmer und Geisel/Verhandlungsführer führt zu herrlichen Momenten, darunter dem Höhepunkt von Declan Lowneys Film: einem Dialog von Alan und Pat über die TV-Serie “Banged Up Abroad”, indirekt von der Polizei wiedergegeben.

Es ist Alans selbstvergessene Art, die ihn zum liebenswerten Trottel mutieren lässt – und Alan Partridge: Alpha Papa zur Komödie des Jahres macht. Dabei ist Alan keineswegs so blöd, wie er aussieht. Das beweist schon die Kreation eines Radio-Jingles in einer Stunde in einer Notsituation. Man muss ihn einfach gernhaben, wie er auf Teufel komm raus bestrebt ist, sich wieder ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken – ob er nun sein Auto mit “Alan Partridge drives this KIA” bedruckt oder sich für Naturalien zu Werbeauftritten beschwatzen lässt. Da sind die anderen Figuren nur Staffage, selbst „Antagonist“ Colm Meaney und Assistentin Lynn (Felicity Montagu).

Das tut dieser hervorragenden Komödie jedoch keinen Abbruch, im Gegenteil. Schließlich ist es Alan Partridge, den man in diesem Film sehen will (also gänzlich konträr zur Situation der Figur in ihrem fiktionalen Universum). Der Zuschauer kommt auch dann voll auf seine Kosten, wenn er Steve Coogans Alter ego zuvor noch nie erlebt hat. Vorwissen ist nicht vonnöten, um die Figur und ihren Charakter verstehen zu können. Vielmehr ist der komprimierte Ausflug von 90 Minuten in Alan Partridges Welt eher ein Pluspunkt. Declan Lowneys Alan Partridge: Alpha Papa führt jedenfalls dazu, dass über Alan Partridge (wieder) geredet wird – und zwar nur Gutes.

8/10

21. Dezember 2013

The Selfish Giant

Shoes off!

Britische Sozialdramen sind oft vollkommen anders als Sozialdramen aus anderen Ländern. Zumindest erwecken sie einen solchen Anschein. Schaut man sich Filme wie Fish Tank, This is England und Co. an, wird das Bild einer ärmlichen White Trash Kultur evoziert. Dysfunktionale Familien, die mit viel Wut im Bauch zumeist schreiend miteinander kommunizieren und dabei kaum zwei Sätze ohne das Wörtchen “fuck” in all seinen Varianten auskommen. Insofern fügt sich Clio Barnards Nachfolger ihres renommierten Dokudramas The Arbor vorzüglich in dieses Subgenre der britischen Filmlandschaft ein. The Selfish Giant ist eine atmosphärisch dichte und exzellent gespielte Milieustudie zweier Problemkinder.

Für die Handlung des Films kehrt Barnard wie in The Arbor zurück ins nordenglische Bradford. Hier lernt das Publikum Arbor (Conner Chapman) kennen, einen aggressiven Jungen, der augenscheinlich an ADHS oder einer anderen Verhaltensstörung leidet. Was ihn nicht davon abhält, unentwegt Energy Drinks zu konsumieren. An seine Seite stellt ihm Barnard den kräftigeren Swifty (Shaun Thomas), eines von vielen Kindern einer am Existenzminimum lebenden Großfamilie. Beide Jungen haben nur einander, wird Swifty doch in der Schule aufgrund seiner ärmlichen Verhältnisse und seines Erscheinungsbildes gemobbt. Verstärkt lässt sich der Teenager dann von Arbor in einen destruktiven Strudel reißen.

Eine neue Dimension nimmt die Situation an, als Arbor nach einer Rauferei der Schule verwiesen und Swifty immerhin suspendiert wird. Fortan haben sie auch den Tag für sich und nutzen ihn, um Sperrmüll zu finden, den sie an den Schrotthändler Kitten (Sean Gilder) verkaufen können. Während Arbor angefixt ist von dem Geld, das sich durch Kupferkabel losschlagen lässt, fokussiert sich Swifty auf Kittens Rennpferd, zu dem er eine besondere Beziehung entwickelt. Eine Qualität, die auch Kitten nicht verborgen bleibt, ebenso wie die Probleme, die Arbor ihm bescheren könnte. Die sich andeutende Bevorzugung wird auch dem Knaben deutlich, was sich daraufhin in einem Anflug von Eifersucht niederschlägt.

The Selfish Giant ist die Sorte Film, die keine Helden und Sieger kennt – lediglich Verlierer. Arbors Mutter ist mit der Erziehung ihrer Kinder gänzlich überfordert. Bereits ihr Ältester, Martin (Elliott Tittensor), ist von der Schule geflogen und in die Kriminalität abgerutscht. Was wiederum Konsequenzen auf das Leben seiner Mutter hat. “Every time I try to get us out of trouble, he just gets us deeper in”, zeigt Arbor in Michael Corleone Manier an einer Stelle unerwartet altruistische Einblicke in sein Leben. Sowohl er als auch Swifty wollen mit ihrem Schrotthandel jeweils ihre Mütter finanziell unterstützen. Was bei Swifty umso dringlicher erscheint, da sein Vater – passend ‘Price Drop’ genannt – ihr Hab und Gut verkauft.

Clio Barnard zeichnet eine trostlose Welt, in der speziell für Arbor wahrlich keine Alternative zu dem Leben zu bestehen scheint, in welches er mehr und mehr abrutscht. Eine Gesellschaft am Rande der Gesellschaft – die Figuren wirken größtenteils sich selbst überlassen. Verloren im Nichts ihrer Existenz. Heraus ragt die herzliche Freundschaft von Arbor und Swifty, die streckenweise an Steinbecks Of Mice and Men erinnert und ähnlich tragisch verläuft. Relativ früh wird klar, dass bei der grundsätzlich depressiven Stimmung des Films ein Happy End à la Hollywood nicht möglich scheint. Eine weitere Qualität des britischen Kinos, das weitaus authentischer, realer daherkommt als die buchstäbliche Traumfabrik in den USA.

Im Mittelpunkt des Films steht die eindringliche Darstellung von Conner Chapmans Arbor, der – ohne Vater aufgewachsen – hier zugleich selbst an die Hand genommen gehört, dies aber zugleich in gewisser Weise für Swifty leistet. “If you don’t stand up for yourself, you’ll never have owt”, trichtert er dem sanften Riesen in einer Szene ein. Wie die Jugendlichen in den britischen Genrekollegen sind ihre Altersgenossen – Arbor, Swifty und selbst Martin – orientierungslos. Eine verlorene Generation. Die Vorhersehbarkeit des Films ist dabei kein Manko, zu sehr lebt The Selfish Giant vom starken Spiel seines Ensembles und dem beinahe poetischen Abgesang auf seine Figuren. Vollkommen anders, absolut britisch.

7.5/10

14. Dezember 2013

Aladdin

Do you trust me?

Heutzutage wäre ein Film wie Aladdin vermutlich undenkbar und dies nicht nur, weil sich in Disney ein US-Studio eines orientalischen Volkmärchens annahm. Schließlich gelang es dem Zeichentrickfilm 1992 nach sieben Wochen über die Weihnachtszeit doch noch auf Platz 1 in den Kinocharts zu klettern und dabei eine 65-prozentige Steigerung gegenüber seinem Startwochenende hinzulegen. Am Ende sollte Aladdin eine halbe Milliarde Dollar einspielen und zum erfolgreichsten Animationsfilm aller Zeiten avancieren – zumindest bis zur Ankunft von The Lion King zwei Jahre später. Nicht von ungefähr spricht man daher vom damaligen Zeitraum Ende der 80er bis zum Ende der 90er von der Disney Renaissance.

Dabei ist Aladdin im Vergleich zu seinen Vorgängern The Little Mermaid und Beauty and the Beast durchaus anders strukturiert. Angefangen mit seiner Einführung, in der dem Zuschauer das Volksmärchen von „Aladin und die Wunderlampe“ als Geschichte in der Geschichte erzählt wird. Irgendwann habe sich diese in Agrabah, “city of mysteries”, ereignet. Speziell zu Beginn bleibt Disney der Vorlage noch verhältnismäßig treu, wenn Aladdin als auserwählter “diamond in the rough” eine verwunschene Höhle betreten muss, um dort eine Öllampe inklusive Dschinn für einen Zauberer zu besorgen. Dieser wird von Jafar, Großwesir des Sultans, verkörpert – uns vorgestellt als “a dark man with a dark purpose”.

Der Kampf um die Öllampe und die Mächte des Dschinn wird fortan eingebettet in eine klassische Romanze. Während “street rat” Aladdin sich nach dem Reichtum und Luxus des Palastlebens sehnt, fühlt sich dort Prinzessin Jasmine wiederum wie in einem Käfig eingesperrt. Weil ihr Vater, der Sultan, sie dem Gesetz nach bald verheiraten muss, sucht die Tochter kurz darauf das Weite. Die Wege der Figuren kreuzen sich und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Mit der Macht des Dschinni und seinen drei Wünschen strebt Aladdin an, mittels Reichtum und in Person von Prinz Ali das Herz von Jasmine und die Akzeptanz des Sultans zu gewinnen. In seiner Summe erzählt Disney somit eine Geschichte von Freiheit.

Aladdin glaubt im Reichtum frei zu sein von seinem Leben in der Gosse, Jasmine wiederum will frei von ihrem Reichtum sein und den Pflichten, die dieser mit sich bringt. Für Dschinni ist das Freiheitsthema derweil ein eher buchstäbliches, ist er doch ein Gefangener der Lampe und der Gier seines jeweiligen Besitzers. In gewissem Sinne sind selbst Figuren wie Jafar, Iago und der Sultan in ihrer Situation Gefangene. Hier findet sich ein Motiv, das auch in anderen Filmen der Disney Renaissance zutage tritt, von Simba oder Scar über das Biest bis hin zu Arielle. Speziell die Antagonisten dieser Filme sind oft Figuren, die meist im wahrsten Sinne des Wortes von den Herrschern (Triton, Mufasa, der Sultan) in den Schatten gestellt werden.

Auch zwischen Jasmine und Arielle finden sich Parallelen, sind beide doch Prinzessinnen, die aus ihrem Palastalltag ausbrechen, um in eine Welt einzutauchen, in der sie nach Hofprotokoll nichts verloren haben. Dies mag womöglich auch daran liegen, dass in beiden Filmen John Musker und Ron Clements Regie geführt haben. Generell überrascht Aladdin durch seine Referenzen ans Mouse House, die seither wohl nur Pixar ähnlich exorbitant betreibt. Hierin unterscheidet sich der Film am deutlichsten von seinen Vorgängern, scheint er doch primär durch die Figur des Dschinni und dessen popkulturelle Anspielungen zu Jack Nicholson oder Arsenio Hall eine Art vierdimensionales Konstrukt zu sein. Jenseits von Zeit und Raum.

Überraschend sind derartige Verweise nicht nur, weil Figuren wie Aladdin mit ihnen nichts anzufangen wissen sollten, sondern dies auch für die eigentliche Zielgruppe des Films gilt. Wie viele Kinder erkennen wohl Ed Sullivan oder Rodney Dangerfield in den Darstellungen von Dschinni? Mit Cameos von Pinocchio oder Krabbe Sebastian und Hommagen wie zu Raiders of the Lost Ark oder The Return of the Jedi tanzt Aladdin sichtlich aus der Reihe des Disney-Pantheons – dem Spaß tut dies jedoch keinen Abbruch. Dennoch vermag der Film nicht vollends in die Sphären von The Little Mermaid oder The Lion King vorzudringen – eben auch, weil ein Großteil des Humors vom Dschinni-Material Robin Williams’ abhängt.

Dass der Komiker nicht jedermanns Sache ist, dürfte unbestritten sein. Ohnehin fällt im Film manches Mal der Humor etwas flach, Sprüche wie des Sultans entlarvende Versicherung “I’m an excellent judge of character” sind fast die Seltenheit. Ebenfalls auffallend ist die nicht immer vollends gelungene Integration von CGI-Elementen in die sonst von Hand gezeichnete Animation. Als Nostalgiker, der mit Aladdin aufgewachsen ist, dürfte man zudem wie in den übrigen Disney-Filmen das nunmehr auf Blu-ray bereinigte Filmkorn vermissen. Und selbst Alan Menkens Lieder wollen nicht ganz so überzeugen wie in den Filmen zuvor und wirken hier zudem ungeschickter platziert, was den Film eher als Musical wirken lässt.

Ein vergnüglicher Spaß ist er jedoch allemal und umso beeindruckender, da eine US-Umsetzung eines orientalischen Volksmärchens wohl in dieser Form in der Post-9/11-Ära kaum mehr vorstellbar ist. Der Erfolg von Aladdin brachte dann nicht nur DTV-Fortsetzungen mit sich, sondern auch eine Serie auf dem Disney Channel. Ähnliches würde auch späteren Disney-Werken wie The Lion King oder Hercules bevorstehen. In Disneys Ehrgeiz multikulturelle Geschichten – Pocahontas und Mulan würden noch auf The Lion King folgen – zu erzählen, ist Aladdin jedenfalls ein überzeugend-unterhaltsamer Ausflug in den orientalischen Raum. Selbst wenn er nicht ganz so gut gealtert ist wie manch andere Disney-Filme.

8/10

7. Dezember 2013

The Counselor

The slaughter to come is probably beyond our imagining.

Wenn nicht jetzt, wann dann? Das mag sich Ridley Scott gedacht haben, als er vom Originaldrehbuch erfuhr, das Cormac McCarthy verfasst hatte. Seit langem wollte Scott dessen renommierten Roman Blood Meridian auf die Leinwand bringen, nun bot sich in The Counselor die Chance, die Worte des speziell in den USA hochgeschätzten Pulitzerpreisträgers zu verfilmen. Gespickt mit Stars und bekannten Darstellern bis in die Nebenrollen, wurde The Counselor anschließend vom Feuilleton verrissen. Relativ unverständlich, eint den Film doch viel mit der 2007 weltweit gefeierten Adaption von McCarthys Roman No Country for Old Men der Coen-Brüder.

Hier wie da bringt sich der Hauptprotagonist um Kopf um Kragen, als er sich aus Raffgier mit einem mexikanischen Kartell einlässt. Ein – dem Film seinen Titel leihender – Rechtsberater (Michael Fassbender), der allem Anschein nach in finanziellen Schwierigkeiten steckt, teilt einem seiner Klienten, dem flamboyanten Geschäftsmann Reiner (Javier Bardem), mit, dass er bereit sei, in dessen illegale Geschäfte mit dem Drogenkartell mitinvolviert zu werden. Ein weiterer Partner dieses Geschäfts ist der Mittelmann Westray (Brad Pitt), der im Folgenden wie Reiner versucht, den Counselor vor den Risiken und möglichen Folgen der Zusammenarbeit mit dem Juárez-Kartell zu warnen. Doch der Anwalt will davon nichts hören.

Er will seiner Verlobten, Laura (Penélope Cruz), jenes Luxusleben bieten, dem auch Reiner und seine arglistig-kalkulierende Freundin Malkina (Cameron Diaz) frönen. “I always liked smart women”, erzählt ihm Reiner, “but it’s an expensive hobby”. Als jedoch einer der Kuriere des Kartells ermordet wird und sich herausstellt, dass der Counselor eine Verbindung zu ihm besaß, machen sich der Anwalt sowie Reiner und Westray selbst verdächtig. “They don’t really believe in coincidences”, sagt Westray über das Kartell. “They’ve heard of them. They’ve just never seen one.” Und während Westray kurzerhand beginnt, alle Zelte abzubrechen und das Weite sucht, strebt der Counselor nach einer Lösung dieses Konflikts.

Dies wiederum unterscheidet ihn zwar von Llewelyn Moss aus No Country for Old Men, dennoch hat seine Involvierung in Kartellvorgänge für sein Umfeld ähnliche Konsequenzen. The Counselor ist dabei von nicht minder illustren Figuren bevölkert, viele von ihnen in Handlungsstränge integriert, die für den Fortgang der eigentlichen Geschichte wenig erheblich sind. Beispielsweise Bruno Ganz als niederländischer Diamantenhändler, bei dem der Counselor den Verlobungsring für Laura ersteht oder Édgar Ramírez als Priester, dem Malkina versucht, durch sexuelle Anzüglichkeiten nahe zu treten. Insofern hat McCarthys Drehbuch fast schon etwas Episodenhaftes und lebt primär von den Interaktionen seiner Figuren.

Der tragische und gnadenlose Verlauf der Geschichte sowie kleinere narrative Rückrufe im Finale auf Expositionen im ersten Akt lassen The Counselor wie ein shakespearesches Drama wirken. Die Verwicklung mit dem Kartell gleicht einem Schneeball, der einmal ins Rollen geraten, nicht mehr aufzuhalten ist. Hierbei gefallen im Film besonders die Dialogreichen Szenen zwischen Fassbenders Figur und Bardem sowie Pitt und ein kurzer Ausflug nach Chicago mit einer humorvollen Interaktion zwischen John Leguizamo und Breaking Bad’s Dean Norris verkommt fast zum Highlight. Ebenso wie die Konklusion der Geschichte, die sich keinen Hollywood-Konventionen beugen will, sondern dem Œuvre McCarthys folgt.

Problematisch ist lediglich, dass Cameron Diaz – zu der die Jahre nicht nett waren – hier für die kleine, aber ausschlaggebende Figur von Malkina absolut fehlbesetzt ist. Ob die ursprünglich vorgesehene Angelina Jolie eine bessere Wahl gewesen wäre, sei dahingestellt. Hiervon sowie von ein paar Längen im dritten Akt und wenig gehaltvollen Auftritten von Ramírez oder Toby Kebbell abgesehen, bietet der Film jedoch eine vergnügliche Tour de Force. Zwar ist keine der Figuren derart einprägsam wie Anton Chirgurh in No Country for Old Men, dennoch ist The Counselor im direkten Vergleich sicherlich der zugänglichere Film. Selbst wenn eine Adaption von Blood Meridian angesichts der Kritiken für Scott in weite Ferne gerückt ist.

7/10

1. Dezember 2013

Filmtagebuch: November 2013

THE ACT OF KILLING
(DK/N/UK 2012, Joshua Oppenheimer)
6.5/10

ALBERT NOBBS
(UK/IRL/F/USA 2011, Rodrigo García)
7/10

APRÈS MAI [DIE WILDE ZEIT]
(F 2012, Olivier Assayas)

4.5/10

A BAND CALLED DEATH
(USA 2012, Mark Christopher Covino/Jeff Howlett)
7/10

THE BATTERY
(USA 2012, Jeremy Gardner)
6/10

BEFORE MIDNIGHT
(USA 2013, Richard Linklater)
3/10

BEFORE SUNRISE
(USA/A/CH 1995, Richard Linklater)
7/10

BEFORE SUNSET
(USA 2004, Richard Linklater)
6/10

BLACKFISH
(USA 2013, Gabriela Cowperthwaite)
6/10

BLACK DYNAMITE
(USA 2009, Scott Sanders)
6.5/10

BLANCANIEVES
(E/F/B 2012, Pablo Berger)
5/10

BLUE JASMINE
(USA 2013, Woody Allen)
7/10

THE BRIDE OF FRANKENSTEIN [FRANKENSTEINS BRAUT]
(USA 1935, James Whale)

6/10

CAPTAIN PHILLIPS
(USA 2013, Paul Greengrass)
6.5/10

CHILLERAMA
(USA 2011, Adam Green u.a.)
6.5/10

CUTIE AND THE BOXER
(USA 2013, Zachary Heinzerling)
6/10

DJÚPIĐ [THE DEEP]
(IS 2012, Baltasar Kormákur)

5.5/10

ESCAPE PLAN
(USA 2013, Mikael Håfström)
7/10

FRANCES HA
(USA 2012, Noah Baumbach)
8/10

FRANKENSTEIN
(USA 1931, James Whale)
5.5/10

GIMME THE LOOT
(USA 2012, Adam Leon)
2.5/10

DER HIMMEL ÜBER BERLIN
(D/F 1987, Wim Wenders)
4/10

JFK [DIRECTOR’S CUT]
(USA/F 1991, Oliver Stone)

8/10

MACHETE KILLS
(USA/RUS 2013, Robert Rodriguez)
3/10

MANIAC
(USA/F 2012, Franck Khalfoun)
3.5/10

MONSTERS, INC. [DIE MONSTER AG]
(USA 2001, Peter Docter/David Silverman/Lee Unkrich)

8.5/10

MONSTERS UNIVERSITY [DIE MONSTER UNI] (3D)
(USA 2013, Dan Scanlon)

7/10

ONLY LOVERS LEFT ALIVE
(USA/UK/F/D/CY 2013, Jim Jarmusch)
7/10

OZ THE GREAT AND POWERFUL [DIE FANTASTISCHE WELT VON OZ] (3D)
(USA 2013, Sam Raimi)

5/10

PARADIES: GLAUBE
(D/A/F 2012, Ulrich Seidl)
4/10

PARADIES: HOFFNUNG
(D/A/F 2013, Ulrich Seidl)
7/10

PARADIES: LIEBE
(D/A/F 2012, Ulrich Seidl)
7/10

PARIS, TEXAS
(USA/UK/D/F 1984, Wim Wenders)
7.5/10

PIRANHA 3DD [PIRANHA 2] (3D)
(USA 2012, John Gulager)

7/10

THE SESSIONS
(USA 2012, Ben Lewin)
5.5/10

SIGHTSEERS
(UK 2012, Ben Wheatley)
1.5/10

SOUND CITY
(USA 2013, David Grohl)
5.5/10

THE STING [DER CLOU]
(USA 1973, George Roy Hill)

7/10

THE WORLD’S END
(UK 2013, Edgar Wright)
4/10

ZERO DARK THIRTY
(USA 2012, Kathryn Bigelow)
1.5/10

Retrospektive: Harry Potter


HARRY POTTER AND THE PHILOSOPHER’S STONE
[HARRY POTTER UND DER STEIN DER WEISEN]
(UK/USA 2001, Chris Columbus)

5.5/10

HARRY POTTER AND THE CHAMBER OF SECRETS
[HARRY POTTER UND DIE KAMMER DES SCHRECKENS]
(UK/USA/D 2002, Chris Columbus)

6/10

HARRY POTTER AND THE PRISONER OF AZKABAN
[HARRY POTTER UND DER GEFANGENE VON ASKABAN]
(UK/USA 2004, Alfonso Cuarón)

7/10

HARRY POTTER AND THE GOBLET OF FIRE
[HARRY POTTER UND DER FEUERKELCH]
(UK/USA 2005, Mike Newell)

6.5/10

HARRY POTTER AND THE ORDER OF THE PHOENIX
[HARRY POTTER UND DER ORDEN DES PHÖNIX]
(UK/USA 2007, David Yates)

7/10

HARRY POTTER AND THE HALF-BLOOD PRINCE
[HARRY POTTER UND DER HALBBLUTPRINZ]
(UK/USA 2009, David Yates)

6.5/10

HARRY POTTER AND THE DEATHLY HALLOWS: PART 1
[HARRY POTTER UND DIE HEILIGTÜMER DES TODES - TEIL 1]
(UK/USA 2010, David Yates)

4/10

HARRY POTTER AND THE DEATHLY HALLOWS: PART 2
[HARRY POTTER UND DIE HEILIGTÜMER DES TODES - TEIL 2]
(UK/USA 2011, David Yates)

2.5/10

25. November 2013

Frances Ha

Free chair. Totally normal, really.

Als junger Mensch hat man es heutzutage nicht immer leicht. Bereits vor fast einem Jahrzehnt war von einer „Generation Ratlos“ die Rede, aktuell spricht man von einer Generation ohne Zukunft. Manche hangeln sich von Praktikum zu Praktikum, auf der Suche nach einer festen Anstellung, in einigen Ländern wie Spanien ist es mit der Jugendarbeitslosigkeit sogar noch schlimmer. Die Folge ist eine Orientierungslosigkeit, ein Verlorensein. Dabei will jeder nur partizipieren an der joie de vivre – nur kann dies nicht jeder. Mit sich und ihren Lebensumständen hadert auch die 27-jährige Tänzerin Frances Halliday, gespielt von Greta Gerwig, in Noah Baumbachs Frances Ha, einem erquicklichen Beitrag zum Coming-of-Age-Genre.

Darin beginnt Frances zum Jahresende hin allmählich ihr bisheriges Leben zu entgleiten als sie zuerst aus Loyalität zur besten Freundin und Mitbewohnerin Sophie (Mickey Sumner) ihren Freund verliert, dann Sophie als Mitbewohnerin, schließlich ihren Job in einem Tanzensemble und aus Geldmangel daraufhin ihr aktuelles WG-Zimmer. Vieles hiervon ist sicherlich auch selbstverschuldet, immerhin ist Frances zwar relativ süß in ihrer unbekümmerten Art, aber eben auch chaotisch, tollpatschig und – im positiven Sinne – deppert. Für sie kommt ihre Freundschaft zu Sophie an erster Stelle und die Unzertrennlichkeit der beiden Frauen, für deren Fortbestand Frances ihre Beziehung opfert, bildet den Einstieg in den Film.

“We are like a lesbian couple that doesn’t have sex anymore”, scherzt Frances anfangs noch. Später, als Sophie in New York die Stadtteile von Brooklyn nach Tribeca tauscht, wird sie über das Verhältnis zur Freundin dann in der Tat so sprechen, als wären sie ein Paar gewesen. An der 27-Jährigen ist das Leben scheinbar vorbeigezogen und dennoch steht ihr zumindest laut den anderen Figuren eine, wenn auch ungewollte, Reife ins Gesicht geschrieben. Sie sähe älter aus als die in etwa gleichaltrige Sophie, hört Frances von einer losen Bekanntschaft. “Like…a lot older. But less, like, grown up”. Als sie später darüber mit ihrem Mitbewohner Benji (Michael Zegen) spricht, bestätigt auch dieser: “27 is old though”.

In der neuen WG mit Benji und dessen Kumpel Lev (Adam Driver) blüht Frances kurzzeitig auf – nicht zuletzt, da sie in Benji einen ähnlichen Rumtreiber findet. Dieser arbeitet aktuell an einem Drehbuchentwurf für einen dritten Gremlins-Film, sein Leben finanziert er sich wie einige andere Figuren in Frances Ha – darunter auch Sophie – mittels Darlehen von den Eltern. Frances wiederum hat akut Probleme, die $1,200 Miete für ihr WG-Zimmer zusammenzubekommen – speziell als ihr Engagement in der Weihnachtsaufführung ihres Tanzensembles platzt. Für dieses vermochte sie sich nicht recht zu empfehlen, jüngere Tänzerinnen wie Rachel (Grace Gummer) haben der 27-Jährigen seit langem den Rang abgelaufen.

Seinen Höhepunkt erreicht Frances Niedergang in einem Wochenend-Trip nach Paris, den sie quasi zwischen Tür und Angel beschloss und der – chaotisch wie sie ist – letztlich völlig in die Hose geht. Wenn Baumbach dieses Segment dann mit Every 1’s a Winner von Hot Chocolate unterlegt, ist das natürlich kongenial-ironisch. Dennoch wird die schusselige Figur nie zur Lachnummer degradiert, trotz allerlei amüsanter Wortphrasen, die sie von sich gibt. So plant sie, speziell in Paris endlich mal Proust zu lesen. Wo, wenn nicht da? Wann, wenn nicht jetzt? “Sometimes it’s good to do what you’re supposed to do when you’re supposed to do it”, sinniert Frances entsprechend und macht sich auf in Richtung Frankreich.

Die Figur durchlebt hierbei das Gefühl, vom Leben abgehängt worden zu sein. Ihre Suche nach einer abgesicherten Existenz und zugleich einem gewissen Lebensstandard sowie einer Verwirklichung ihrer Persönlichkeit gerät hierbei zum Spiegelbild einer ganzen Generation. Insofern werden insbesondere diejenigen an Frances Ha Gefallen finden, die sich mit dieser Situation identifizieren können. Es können eben nicht alle Sieger sein, manche müssen auch an der Seite stehen und ihnen applaudieren. Diese Selbsterkenntnis, die Noah Baumbach hier abgeschwächt in Form eines Pilgerschritts als „zwei Schritte vor, einen Schritt zurück“ implementiert, schließt letztlich den Reifeprozess von Gerwigs chaotischem Twen ab.

Diesbezüglich eint den Film zumindest thematisch viel mit Lena Dunhams HBO-Serie Girls, allerdings ohne dessen Sex and the City-Einschlag zu nehmen. Die Ähnlichkeiten zwischen Greta Gerwigs Figur und der von Lena Dunham sind jedoch relativ offensichtlich. Dank der Dialoge aus der Feder von Gerwig und Baumbach gewinnt Frances Ha zudem etwas von dem Charme der frühen Werke von Woody Allen, nicht zuletzt aufgrund der Entscheidung, in Schwarzweiß zu drehen. Dies wiederum, ähnlich wie so manche Szenenatmosphäre, weckt natürlich auch Erinnerungen an die Nouvelle Vague. Am ehesten erweckt der Film aber dennoch den Eindruck, Woody Allen hätte eben eine Doppelfolge von Girls inszenieren dürfen.

Mit Leichtigkeit getragen wird das Endergebnis dann von der wie immer exzellenten Gerwig, die Anfang des Jahres bereits in Damsels in Distress (hierzulande als Algebra in Love veröffentlicht) zu gefallen wusste. Nach Greenberg ist es ihre zweite Zusammenarbeit mit Noah Baumbach und weiß dieses thematisch ebenfalls nicht unähnliche Werk sogar noch zu übertreffen. Trotz seines Inhalts kann Frances Ha ob seiner Stimmigkeit und seines Laissez-faire womöglich als Feel Good Movie 2013 angesehen werden, dies könnte aber auch am Soundtrack rund um David Bowies Modern Love liegen. So oder so zählt Frances Ha zu den Filmen des Jahres und zeigt uns Orientierungslosen dabei, dass wir nicht alleine sein.

8/10

19. November 2013

Blackfish

I really know nothing about killer whales.

Der Mensch ergötzt sich gern am Tiere, schließlich sollen wir uns ja diese untertan machen (1.Mo 1,28). Umso schockierter reagiert das Volk dann, wenn es zu Angriffen auf Menschen kommt, durch Tiere, die ihr ganzes Leben lang auf engstem Raum zur Unterhaltung Kunststücke vollführen müssen. Beispielsweise als Anfang des Jahres ein Tiger im Suárez-Zirkus im mexikanischen Bundesstaat Sonora seinen Dompteur totgebissen hat oder als am 24. Februar 2010 im SeaWorld Erlebnispark in Orlando, Florida die Trainerin Dawn Brancheau von dem Schwertwal Tilikum getötet wurde. In ihrer Dokumentation Blackfish arbeitete die Regisseurin Gabriela Cowperthwaite nun diesen Vorfall und andere Schwertwalangriffe auf.

Wer trägt die Schuld an Brancheaus Tod? Die Trainerin selbst, weil sie – wie SeaWorld anführt – ihren Pferdeschwanz nicht entsprechend sicherte, als sie mit Tilikum arbeitete? Der Orca, der bereits zuvor für zwei tödliche Attacken verantwortlich war und ein Jahr nach Brancheaus Tod wieder in die Show integriert wurde? Oder generell die Haltung von Schwertwalen in Erlebnisparks wie SeaWorld? Im Gespräch mit zahlreichen ehemaligen Orca-Trainern, die inzwischen zu Gegnern der Orca-Haltung avancierten, erörtert Cowperthwaite die Begleitumstände, die zum gegenwärtigen Status quo geführt haben. Die Schuld, das zeigt sich zumindest für den Betrachter, liegt letztendlich bei allen (menschlichen) Beteiligten.

“This is the worst thing I’ve ever done”, blickt John Crowe zurück auf jene Zeit, als er und andere Schwertwaljunge ihren Eltern entrissen und an Freizeitparks verkauft haben. Als man dies in den USA verbot, fing man die Orcas eben in Islands Gewässern. So wie Tilikum, der seine Freiheit 1983 im Alter von zwei Jahren aufgeben musste. Stattdessen erwartete ihn eine Zukunft voller kleiner Bassins. “The Orcas were immobile for the most part”, bestätigt Steve Huxter, ein ehemaliger Direktor von SeaWorld. Tilikum selbst, mit 7 Meter Länge und einem Gewicht von 5.400 Kilogramm der größte Orca in Gefangenschaft, wurde meist isoliert gehalten, da die Tiere von den Weibchen geführt werden und er ein großes Opfer darstellte.

Die selbstkritische Einsicht von Crowe lassen viele der Orca-Trainer aber vermissen. “I always thought you needed, like, a masters degree in marine biology to be a trainer”, gesteht Kim Ashdown. Stattdessen musste man nur Individualität besitzen und gut schwimmen können. “I really know nothing about killer whales”, sagt auch Ex-Trainerin Samantha Berg. Oft stammen die Orca-Trainer aus dem Mittleren Westen oder der Ostküste der USA. Aber wirklich eine Ahnung von den Tieren, mit denen sie jeden Tag arbeiteten, hatte keiner. Eine Beziehung zu ihnen, so ihr Glaube, dagegen schon. “A very personal relationship”, sagt Trainer John Jett und sein Kollege Mark Simmons nennt sie: “A relationship like I never had”.

Dass die Behandlung der Tiere inhuman ist oder ein Risiko existiert, kam den meisten von ihnen scheinbar nicht in den Kopf. Und wieso auch, gibt es doch keine wirklichen Aufzeichnungen von Schwertwalangriffen auf Menschen in freier Wildbahn. “They’re amazingly friendly and understanding”, sagt Schwertwalforscher Howard Garrett. “Everything about them is social”, versichert Neurologin Lori Marino. “Everyhing.” Wenn Tilikum also Menschen tötet, dann “because he’s frustrated”. Und wer will es einem Tier verdenken, das fast 30 Jahre lang in Gefangenschaft für Kunststücke herhalten muss? Die Schuld trägt somit, das ist der klare Standpunkt von Cowperthwaites Blackfish, der Erlebnispark SeaWorld.

Damit macht es sich der Film natürlich leicht, gerade die Trainer, die Jahre lang selbst vor Ort waren und erst Probleme haben, als ein Todesfall zu beklagen ist. Ein menschlicher natürlich. Ob es für die Erkenntnis, dass die Arbeit mit von Natur aus wilden Raubtieren zum einen Gefahren bergen könnte und zum anderen unmenschlich gegenüber den Tieren ist, eine Dokumentation gebraucht hat, sei dahingestellt. Wie im Falle von Head Games scheint hier speziell in den USA Aufklärung von Nöten. So bietet Blackfish abgesehen von einem Plädoyer gegen Wildtierhaltung und einer Aufarbeitung tödlicher Attacken durch Tilikum und andere Schwertwale aber nicht genug, um eine ähnliche Tragweite wie The Cove zu erlangen.

6/10

13. November 2013

Cutie and the Boxer

Love is a ROAR.

Eine brotlose Kunst ist eine solche, die keine Gewinne erzielt und Künstler bezeichnet, deren Werke kein Einkommen garantieren. Unter diese Kategorie fällt auch Ushio Shinohara, ein japanischer Neo-Dadaist, dessen Werke wie riesige Motorrad-Pappskulpturen sich eher schlecht als recht verkaufen. Zu Beginn von Zachary Heinzerlings Dokumentation Cutie and the Boxer ist Ushio mal wieder mit der Miete für die Studios im New Yorker Viertel SoHo hinterher. Wie das Publikum in der nächsten Stunde durch seine Gattin Noriko erfährt, begleiten die finanziellen Schwierigkeiten das Paar seit Jahrzehnten. Abhilfe soll daher eine neue Ausstellung schaffen. “With this show my reputation is going to go like: BAM”, hofft Ushio.

Zur Hand geht ihm dabei Noriko – wenn auch gezwungenermaßen. Denn eigentlich ist die 58-Jährige selbst Künstlerin, allerdings im Schatten ihres Mannes. Für Ushio eine eheliche Selbstverständlichkeit: “The average one has to support the genius”. Ihre Unzufriedenheit kann Noriko nur in ihren Zeichnungen zum Ausdruck bringen. In ihnen erzählt sie mit Hilfe der nackten, da ärmlichen, Cutie von all den Widrigkeiten ihrer Beziehung zu Ushio, der hierbei bezeichnenderweise “Bullie” heißt. Im Alter von 19 Jahren hatte die frisch aus Japan eingetroffene Kunststudentin den damals 41-jährigen Neo-Dadaisten in SoHo kennengelernt. Ein halbes Jahr später war sie bereits schwanger und ihr Leben dadurch für immer verändert.

Ushio gab sich seiner Arbeit hin sowie Saufgelagen mit seinen Freunden, der Haushalt und die Erziehung von Sohn Alex – im Erwachsenenalter ein Künstler und Alkoholiker wie sein Vater – blieb an Noriko hängen. “With no time to do my artwork I lost my joy of painting”, sagt sie. Ihr fehlt die Wertschätzung von Ushio, der sie sichtlich für selbstverständlich hält. Als er zeitweise während Cutie and the Boxer nach Tokio fliegt, um eine Skulptur loszuschlagen, scheint Noriko richtig aufzublühen in dem Freiraum, den ihr der Alltag nun gewährt. Hier zeigt sich, ebenso wie durch die animierten Segmente ihrer Zeichnungen – die nebst 8mm-Filmmaterial eine Rückblendenfunktion erfüllen –, dass dies Norikos Geschichte ist.

Dabei ist ihr kauziger Mann keineswegs ein schlechter Mensch, auch wenn die Erzählungen von früher ihn nicht im besten Licht zeichnen. Mitunter zeigt Heinzerling durchaus, dass Ushio weiß´, er an Noriko hat. Womöglich spielt hier aber rein, dass er seit einem Vorfall vor ein paar Jahren keinen Alkohol mehr trinkt. Obschon die Kunst der Shinoharas mehrfach die Kamera füllt – wir beobachten Ushio beim „boxen“ seiner Bilder – ist dies weniger eine Dokumentation über zwei Künstler und ihr Werk, sondern über zwei Menschen und ihre Beziehung zueinander. Dass diese funktioniert, führt Noriko auf ihre Gegensätzlichkeit zurück. “Even when we were at each other’s throat, there was passion and love”, beschreibt sie.

Es sei eben keine typische Romanze und ihre Beziehung zu Ushio ein fortwährender Kampf. “But that has made me who I am today”, sieht Noriko es pragmatisch. Als Zuschauer hat man relative wenig Probleme, das Ehepaar Shinohara in sein Herz zu schließen und auch wenn man ihre Kunst nicht zu schätzen weiß, wünscht man ihnen doch mehr Akzeptanz als zu brotlosen Künstlern zu verkommen. Heinzerling gelang dabei mit Cutie and the Boxer dennoch keine herausragende Dokumentation, dafür will die Einbindung der animierten Zeichnungen und alten Filmaufnahmen nicht genug überzeugen. Weniger die Kunstwerke der zwei Figuren als deren Persönlichkeiten hätten mehr in den Vordergrund gestellt werden können.

Denn gerade Ushios 150-Sekunden Boxer-Bilder wirken – ungeachtet ihrer Ansehnlichkeit – nicht unbedingt wie die große Kunst, sondern eher wie die Muse des Augenblicks. Inwieweit seine Werke nun mit dem Neo-Dadaismus zusammenhängen, lässt sich für Kunst-Nichtkenner schwer sagen. Faszinierender als das Werk ist jedenfalls der Künstler selbst, die Kurzweiligkeit von Heinzerlings 82-Minuten-Film trägt ihren Teil hierzu bei. Und die positive Nachricht ist, dass nicht zuletzt aufgrund von Cutie and the Boxer – und dessen sehr guter Aufnahme durch zahlreiche Filmkritiker – die Aufmerksamkeit für die Arbeit der Shinoharas gestiegen sein dürfte. Damit die Tage der brotlosen Kunst für diese vorüber sind.

6/10

7. November 2013

Poslednata lineika na Sofia [Sofias letzte Ambulanz]

Das ist ein verlorenes Land.

Um Leben und Tod geht es zumeist, wenn eine Notarztambulanz durch die Straßen zu etwaigen Verletzten rast. Jede Minute kann den Unterschied ausmachen, weswegen oft vorgeschrieben ist, wie viel Zeit nach Absetzen eines Notrufs zur Einsatzstelle nötig zu sein hat. Derartige Hilfsfristzeiten betragen in Deutschland zwischen zehn und 15 Minuten, in New York City sind sie auf zehn Minuten festgelegt und die Kollegen der schottischen Ambulanz schafften es 2012 sogar, im Schnitt sechs Minuten und 42 Sekunden zu benötigen. Zeiten, von denen man in Bulgariens Hauptstadt Sofia vermutlich nur Träumen kann. Denn dort gab es lange lediglich ein Reanimationsteam für die gesamte Stadt und ihre 1,2 Millionen Einwohner.

Regisseur Ilian Metev begleitete dieses Team über zwei Jahre lang in seiner Dokumentation Poslednata lineika na Sofia, auch bekannt als Sofia’s Last Ambulance und hierzulande im Oktober unter Sofias letzte Ambulanz auf arte ausgestrahlt. In dem Film, der sich wenig für Statistiken, Fakten und Bestandsaufnahmen interessiert, begleiten wir den Notarzt Krassimir ‚Krassi’ Yordanov zusammen mit Krankenschwester Mila Mikhailova und Fahrer Plamen Slavkov bei einigen ihrer Einsätze. Der Kampf um das Leben ihrer Patienten wird dabei weniger durch deren Unfälle erschwert, als durch die Widrigkeiten der Ausstattung und Stadt. „Das ist ein verlorenes Land“, sagt Plamen an einer Stelle des Films resigniert.

Widerspruch erntet er weder von Krassi und Mila, noch vom Zuschauer. Es ist erschreckend, wenn man beobachtet, unter welchen Bedingungen das Team zu arbeiten hat. Das Funkgerät zur Zentrale funktioniert oft eher schlecht als recht, in einer Szene versucht Krassi rund eine halbe Stunde lang, überhaupt jemanden an den Apparat zu kriegen. Trifft man später an der Einsatzstelle ein, macht unter der angegebenen Adresse dann oftmals keiner auf. Wichtige Einsatzzeit wurde somit verschenkt und bleibt buchstäblich auf der Strecke. Und dass Sofias Straßen augenscheinlich voller Schlaglöcher sind, trägt seinen Teil dazu bei – insbesondere wenn man Patienten mit Beinbrüchen oder kleine, verletzte Kinder transportiert.

Hinzu kommt, dass auch noch einige Kollegen ob der Umstände und entsprechend schlechten Bezahlung vermehrt kündigen. „Unsere ganze Truppe ist vollkommen zerstört“, seufzt Mila in einer Szene. „Bald ist keiner mehr übrig“, ergänzt Krassi hoffnungslos. Der charismatische Notarzt scheint bereits resigniert zu haben und sich seinem Schicksal zu fügen, während Mila als gute Seele des Reanimationsteams noch einen Schimmer am Horizont zu entdecken glaubt. Meist redet sie mehr als Krassi und Plamen zusammen, die Dynamik des Trios ist trotz mancher Reiberei dennoch durchweg spürbar. „Und, läuft’s gut in der Liebe?“, fragt der grauhaarige Krassi in einer Pause seine Kollegin. Small Talk in Sofia.

Da der Film nie die Seite seiner drei Protagonisten verlässt, erzählt Metev seine Geschichte über den Notfallambulanzzustand in Sofia über jenes Trio. Dieses, speziell Mila, zeigt sich stets besorgt und bemüht um seine Patienten, beispielsweise wenn es zur Wohnung eines 28-jährigen Junkies gerufen wird, mit dessen Mutter man diskutiert, wie ihr Sohn von den Drogen loskommen könne. Zwar wäre eine faktische und zeitliche Einordnung bisweilen von Vorteil – der Film scheint unchronologisch geschnitten, da Plamen mal lange und mal kurze Haare hat –, aber die Einbindung von Texttafeln und/oder Talking Heads würde wiederum den Erzählfluss und die Nähe zu den drei sympathischen Figuren stören.

Einen Eindruck vom Zustand des bulgarischen Notfalldienstes im Speziellen wie dem der Stadt Sofia im Allgemeinen – die Ausstattung der Polizei scheint fast noch schlechter als die des Notfallteams – vermittelt Metev mit Poslednata lineika na Sofia dennoch. Etwas schade ist es, dass der Film nach 90 Minuten schon vorüber ist und auf einer ambivalent-traurigen Note endet, würde man doch gerne mehr Zeit an der Seite von Krassi, Mila und Plamen verbringen – vielleicht in Form einer Mini-Fernsehserie. Am Ende stimmt man Plamen womöglich nicht zu, dass Bulgarien ein verlorenes Land ist, aber sicher ist vieles verbesserungswürdig. Zumindest zwei weitere Notfallteams wurden seit dem Filmstart für Sofia eingerichtet.

8/10

1. November 2013

Filmtagebuch: Oktober 2013

12 YEARS A SLAVE
(USA 2013, Steve McQueen)
5.5/10

ABBUZZE! DER BADESALZ-FILM
(D 1996, Roland Willaert)
8.5/10

CHRISTINE
(USA 1983, John Carpenter)
6.5/10

DON JON
(USA 2013, Joseph Gordon-Levitt)
5.5/10

DU ZHAN [DRUG WAR]
(CN/HK 2012, Johnnie To)

6/10

EUROPA REPORT (3D)
(USA 2013, Sebastián Cordero)

3.5/10

THE FOG
(USA 1980, John Carpenter)
6/10

THE FROZEN GROUND
(USA 2013, Scott Walker)
5/10

GIRLS GONE DEAD [BIKINI SPRING BREAK MASSAKER]
(USA 2012, Michael Hoffman Jr./Aaron T. Wells )

6.5/10

GLOBAL PLAYER - WO WIR SIND ISCH VORNE
(D 2013, Hannes Stöhr)
5.5/10

GRAVITY
(USA/UK 2013, Alfonso Cuarón)
7/10

HALLOWEEN [EXTENDED CUT]
(USA 1978, John Carpenter)

5.5/10

HOUSE OF CARDS - SEASON 1
(USA 2013, David Fincher/Joel Schumacher u.a.)
6.5/10

IN THE MOUTH OF MADNESS [DIE MÄCHTE DES WAHNSINNS]
(USA 1994, John Carpenter)

5.5/10

IRON MAN 3
(USA 2013, Shane Black)
5.5/10

THE JACKAL [DER SCHACKAL]
(USA/UK/F/D/J 1997, Michael Caton-Jones)

6/10

KAPRINGEN [A HIJACKING]
(DK 2012, Tobias Lindholm)

6.5/10

A LATE QUARTET [SAITEN DES LEBENS]
(USA 2012, Yaron Zilberman)

3/10

MEA MAXIMA CULPA: SILENCE IN THE HOUSE OF GOD
(USA 2012, Alex Gibney)
7/10

MYSTERY SCIENCE THEATRE 3000: TIME CHASERS
(USA 1997, Michael J. Nelson)
4.5/10

PRINCE OF DARKNESS [DIE FÜRSTEN DER DUNKELHEIT]
(USA 1987, John Carpenter)

7/10

SINSEGYE [NEW WORLD]
(ROK 2013, Park Hoon-Jung )

7/10

POSLEDNATA LINEIKA NA SOFIA [SOFIAS LETZTE AMBULANZ]
(HR/BG/D 2012, Ilian Metev)

8/10

TRICK ’R TREAT
(USA 2007, Michael Dougherty)
2/10

VAMPIRES [JOHN CARPENTER’S VAMPIRES]
(USA/J 1998, John Carpenter)
3.5/10

V/H/S/2
(USA/CDN/RI 2013, Simon Barrett u.a.)
4.5/10

THE WAITING ROOM
(USA 2012, Peter Nicks)
7/10

WELCOME TO PINE HILL
(USA 2012, Keith Miller)
7/10

WELCOME TO THE PUNCH [ENEMIES - WELCOME TO THE PUNCH]
(UK/USA 2013, Eran Creevy)

3/10

WEST OF MEMPHIS
(USA/NZ 2012, Amy Berg)
6.5/10

WE STEAL SECRETS: THE STORY OF WIKILEAKS
(USA 2013, Alex Gibney)
4.5/10

YOU’RE NEXT
(USA 2011, Adam Wingard)
4.5/10


Retrospektive: Batman


BATMAN [BATMAN HÄLT DIE WELT IN ATEM]
(USA 1966, Leslie H. Martinson)

8/10

BATMAN
(USA/UK 1989, Tim Burton)
6.5/10

BATMAN RETURNS
(USA/UK 1992, Tim Burton)
8/10

BATMAN: MASK OF THE PHANTASM [BATMAN UND DAS PHANTOM]
(USA 1993, Eric Radomski/Bruce W. Timm)

5/10

BATMAN FOREVER
(USA/UK 1995, Joel Schumacher)
4.5/10

BATMAN & ROBIN
(USA/UK 1997, Joel Schumacher)
3/10

BATMAN BEGINS
(USA/UK 2005, Christopher Nolan)
5.5/10

THE DARK KNIGHT
(USA/UK 2008, Christopher Nolan)
5.5/10

BATMAN: YEAR ONE
(USA 2011, Sam Liu/Lauren Montgomery)
3/10

THE DARK KNIGHT RISES
(USA/UK 2012 Christopher Nolan)
1/10

BATMAN: THE DARK KNIGHT RETURNS, PART 1
(USA 2012, Jay Oliva)
6/10

BATMAN: THE DARK KNIGHT RETURNS, PART 2
(USA 2012, Jay Oliva)
5.5/10

27. Oktober 2013

Die Top 5: Scrubs

That’s what I’m talking about!

Je besser eine Serie ist, desto konstanter ist ihr Fernsehrating. Oder sogar anwachsend. Wie im Falle von The Big Bang Theory, die inzwischen fast auf einem Level mit Friends angelangt ist und mit durchschnittlich 20 Millionen Zuschauern nur knapp hinter der meist gesehenen Episode von Scrubs liegt. 22,3 Millionen Menschen schalteten zu My Overkill, dem Auftakt zur zweiten Staffel, vor über einem Jahrzehnt ein. Mit 16 Millionen Zuschauern erhielt das zweite Jahr der Sitcom von Bill Lawrence ihre beste Rezeption, ab Staffel 4 gingen die Ratings jedoch zurück und betrugen am Ende nur noch ein Drittel der Glanzzeiten. Nach 169 Folgen und acht Jahren – die 9. Spin-off-Staffel außen vor gelassen – war dann Schluss.

Wie es die Ironie so will, erhielt Scrubs erst ab ihrer vierten Staffel ihre erste Nominierung als Outstanding Comedy Series bei den Emmy Awards. Bei insgesamt nur 12 Nominierungen konnte die Show zwei Preise mit nach Hause nehmen, wirklich gewürdigt wurde sie jedoch stets mehr von einem kleinen Kreis, der am Ende 5,5 Millionen Amerikaner ausmachte. Ein Thema für sich wäre der wahrscheinliche Einfluss von Lawrences Serie auf Genre-Kollegen wie Grey’s Anatomy und House, M.D. mit ihren selbstreflexiven Erzählstimmen und granteligen Star-Doktoren. Was Scrubs auszeichnete, war seine geschickte Kombination eines temporeichen Drehbuchs mit Slapstick und Vignetten sowie der Fokus auf die Hauptfigur.

Diese hörte auf den Namen John ‘J.D.’ Dorian (Zach Braff) und ihre Erlebnisse basierten teils auf denen von Lawrence College-Kumpel Jonathan Doris und dessen Assistenzjahr als Krankenhausarzt. “We’re going to do everything through J.D.’s eyes”, gab Lawrence das Motto der Show vor. So sind es bis auf Ausnahmen auch die Vignetten von Braffs Figur und seine Erzählstimme, die das Publikum begleiten. Als “newbie”, der für Oberarzt Bob Kelso (Ken Jenkins) nur ein Medizinkittel (engl. scrubs) ist, muss J.D. über die kommenden acht Jahre zuerst als Arzt und Internist, aber auch als Mensch reifen. Seine Freunde und Kollegen Chris Turk (Donald Faison) und Elliot Reid (Sarah Chalke) waren ihm da voraus.

Das siebenköpfige Ensemble wird noch komplettiert durch die fürsorgliche Krankenschwester Carla Espinosa (Judy Reyes), den schräg-maliziösen Hausmeister (Neil Flynn) und J.D.’s Mentor Dr. Cox (John C. McGinley), einen narzisstischen Misanthropen. Etwaige Gastdarsteller stießen über die Jahre hinzu, am prominentesten Lawrences Ehefrau Christa Miller als Jordan Sullivan, Aufsichtsratsmitglied des Sacred Heart Hospital und Ex-Frau von Dr. Cox. Jene Gast-Stars sorgten neben der Musik rund um Lazlo Banes Theme-Song “Superman” für den unvergleichlichen Charme von Scrubs. Aber auch die Streiche von J.D. und Turk aneinander sowie im Zusammenspiel mit dem Hausmeister wurden zu echten Klassikern.

Fortschreitende Themen waren neben dem Aspekt des Erwachsenwerdens sicherlich auch die Rolle, die der Zusammenhalt unter den Charakteren gespielt hat. Eine kleine Familie für sich waren diese quasi, sogar mit gelegentlichen Rivalitäten insbesondere in Bezug auf die “guy love” der besten Freunde J.D. und Turk. Aber gerade die Beziehungen von J.D. zu Elliot und Dr. Cox standen stets im Vordergrund. Erstere war eine lange Zeit unglückliche Liebe, die unter J.D.’s Neidsucht litt (von Tara Reids Figur Danni Ende der dritten Staffel in My Self-Examination angesprochen), Letztere ein ungewöhnliche Freundschaft, deren Animosität von Dr. Cox wohl schlechten Erfahrungen mit einem von J.D.’s Vorgängern entstammte.

Derartige ernste Momente, wie der Tod von Ben Sullivan (Brendan Fraser), Laverne Roberts (Aloma Wright) oder persönlicheren Patienten wurden von Lawrence jedoch nur gelegentlich genutzt, was ihre Bedeutung entsprechend verstärkte. Scrubs war eine überaus humorvolle und herzliche Serie, deren Figuren – darunter auch die zweite Garde um den Todd (Robert Maschio), Doug Murphy (Johnny Kastl) oder Snoop Dogg Resident/Attending (Manley Henry) – man schnell liebgewonnen hatte und deren Schrulligkeiten (“Frick!”, “Eeeaagle!”, “Here comes the inside scoop”) nie redundant wurden. Entsprechend konstant war das Niveau der Show, deren fünf gelungensten Folgen nun näher vorgestellt werden sollen:


5. My Fifteen Minutes (Season 1, Episode 8/Lawrence Trilling): Als J.D. und Turk zufällig außerhalb des Sacred Heart einem Kameramann das Leben retten, benutzt Kelso speziell Turk wegen seiner Hautfarbe als positive Werbemaßnahme. Derweil will J.D. mit neugewonnenem Selbstbewusstsein von Dr. Cox eine Bewertung seiner Qualitäten erhalten. In beiden Fällen wird die Rolle von Identitäten sowie auch Selbstreflexion thematisiert.

4. My Changing Ways (Season 4, Episode 25/Victor Nelli Jr.): Das Finale der vierten Staffel beschäftigt sich mit Veränderungen im Leben der Figuren. J.D. bezieht endlich eine eigene Wohnung und fürchtet, seine Freundschaft mit Turk könnte darunter leiden, während Elliot einen neuen Job in einem anderen Krankenhaus annimmt. Beide Figuren sind nunmehr zum ersten Mal auf sich allein gestellt und vollziehen einen großen Reifeprozess.

3. My Clean Break (Season 3, Episode 11/Chris Koch): Der nach Nähe strebende J.D. wird in dieser Folge damit konfrontiert, erstmals in seinem Leben eine Beziehung beenden zu müssen, während er realisiert, dass er immer noch Gefühle für Elliot zu haben scheint. Diese wiederum muss einen Mittelweg finden, sich in ihrem Job als Frau wohlzufühlen, während Dr. Cox damit hadert, dass ihn die Geburt seines Sohnes verweichlicht hat.

2. My Fallen Idol (Season 5, Episode 21/Joanna Kerns): Als Dr. Cox wegen eines Tollwut-Vorfalls drei Organspendepatienten verliert, gibt er sich dem Alkohol und Depressionen hin. Auch sein Schützling J.D. hadert mit dem erschütterten Bild seines Mentors, während er Turk dabei hilft, mit seinem neuen, extrovertierten Vorgesetzten warm zu werden. Eine der seltenen Folgen, die konkret hervorhebt, welche Bedeutung J.D. für Dr. Cox hat.

1. My Super Ego (Season 1, Episode 7/Peter Lauer): Die Vorreiterrolle von J.D. wird durch Jahrgangskollege Nick Murdoch (Sean Hayes) gefährdet, der sogar die Anerkennung von Dr. Cox erhält. Als einem jungen Patienten jedoch nicht zu helfen ist, zeigt sich wie sehr Murdoch die Geschehnisse im Krankenhaus an sich heran lässt. Dadurch realisiert J.D., dass es nicht wichtig ist, der Beste zu sein, sondern harte Umstände zu bestehen.

26. Oktober 2013

Jeune & jolie [Jung & schön]

It was like a game.

Eben noch brachte man die Tochter ins Bett, knuddelte und scherzte und sowieso gab es nichts, was man sich nicht erzählte. Im nächsten Moment sitzt einem dann plötzlich die Polizei gegenüber und klärt darüber auf, dass das nunmehr 17-jährige Kind sich seit Monaten für Geld prostituiert hat. Schockschwerenot! Im Alltag wahrscheinlich eher die Seltenheit, wird dieses Szenario im jüngsten Film Jeune & jolie von François Ozon für Géraldine Pailhas’ liberale Mutter Realität. Dabei hat es ihrer Tochter Isabelle, freizügig gespielt vom 23-jährigen Model Marine Vacth, nie an etwas gefehlt.

Vom MacBook bis zum iPhone hat das Mädchen alles, was Kids heute so wollen. Für die Pubertierende jedoch nicht genug. Mädchen und ihre Sexualität scheinen im französischen Kino ein ganz eigenes Thema zu sein. Im Vorjahr beeindruckte Céline Sciamma mit Tomboy, in François Ozons Jeune & jolie ist die Protagonistin jedoch mehrere Jahre reifer. Im Urlaub am Meer beschließt Isabelle ihre Jungfräulichkeit an Felix, einen deutschen Touristen, zu verlieren. Dem Akt als solchen kann sie aber wenig abgewinnen und gibt vielleicht deshalb später den Avancen älterer Männer nach.

Die sind bereit, für diesen Akt, der Isabelle selbst relativ banal erscheint, ordentlich Geld zu zahlen. Ein Kontaktbörsen-Konto und die ausgeliehene Bluse ihrer Mutter später trifft sich die Jugendliche fortan nach der Schule mit ihren Freiern. Ähnlich wie in Luis Buñuels Belle de jour ist die Zuwendung zur Prostitution ein freier Akt trotz eigentlicher finanzieller Absicherung. Wo Catherine Deneuve jedoch ihre Fantasie und Lust befriedigte, ist dies bei Vacths Isabelle eher nicht der Fall. Vielmehr ist deren Hurerei im neuesten Werk von Ozon als ein Akt der sexuellen Selbstfindung zu deuten.

Die – so lässt es Ozons Film glauben – begann während der Sommerferie. Wir sehen Isabelle bei der nachmittäglichen Masturbation durch die Augen ihres jungen Bruders Victor und später beim Strandsex dann quasi durch die ihres losgelösten Ichs. Eben jene „jungfräuliche“ Isabelle verabschiedet sich daraufhin in die Nacht. Zurück bleibt ein Mensch, der sicher kein Mädchen mehr ist, aber eben auch nicht wirklich eine Frau. Ozon selbst bedient sich mehrmals in Jeune & jolie der Musik von Françoise Hardy, um mit ihren Textzeilen das Innenleben seiner pubertierenden jungen Figur darzustellen.

So singt Hardy in „L’amour d’un garçon“ zum Beispiel la petite fille que tu as connue / non, je ne suis plus (zu Deutsch: „Das Mädchen, das du gekannt hast / nein, das bin ich nicht mehr“). Von allen ihren Freiern wird im Film speziell die Beziehung zu dem weitaus älteren Georges (Johan Leysen) hervorgehoben, der sich sehr vorsichtig und fürsorglich der Jugendlichen annimmt. Isabelles Verhältnis zu Georges wird später der Geschichte einen Wendepunkt verleihen und die Handlung in der zweiten Filmhälfte in eine neue Richtung lenken sowie auch dem Ende eine besondere Note verleihen.

Getragen wird der Film von Marine Vacth, die glaubhaft eine sechs Jahre jüngere Jugendliche porträtiert und ihre Handlungen trotz fehlender Erläuterungen nachvollziehbar macht. Aber auch das restliche Ensemble spielt glaubwürdig und gefällt durch die Darstellung von Isabelles offener Familie und ihrer ungewöhnlichen Beziehung zum jüngeren Bruder. Jeune & jolie ist dennoch kein bloßes Pubertäts-Drama, gekonnt erzählt Ozon mittels subtilem Humor und nicht zu knapper Erotik einen Coming-of-Age-Film, nach dem Eltern pubertierender Töchter diese als erstes richtig knuddeln werden.

8/10

23. Oktober 2013

Europa Report

Are you guys seeing this?

Seiner Zeit erklärte John F. Kennedy das All zum “new frontier”, in Star Trek verkam es gar zum “final frontier”. Die unbekannte Welt, deren mysteriös Gefährliches auch im Film schon länger thematisiert wird. Sei es in Ridley Scotts Alien, Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey oder zuletzt in Alfonso Cuaróns Gravity. Etwas untergegangen ist zumindest in Deutschland – abseits von Besuchern des diesjährigen Fantasy Filmfestes – Sebastián Corderos DTV-Weltraum-Thriller Europa Report, der eine privatfinanzierte bemannte Mission zum Jupitermond Europa zum Thema hat. Darin macht sich eine sechsköpfige Crew auf die Reise an den Rand unseres Sonnensystems auf der Suche nach extraterrestrischem Leben.

Immerhin soll der 1610 von Galileo Galilei entdeckte Trabant, der in etwa dieselbe Größe wie unser Mond besitzt, von einer flachen Wassereiskruste bedeckt sein, die einen unterirdischen Ozean und damit das Potential für Organismen beherbergen könnte. Zwar nicht die erhoffte Antwort auf die Frage, ob wir allein im Universum sind, aber besser als gar nichts. Wie das aber so ist bei Weltraumfilmen à la Event Horizon, Sunshine und Co. geht schon auf der Reise zum Ziel jede Menge in die Hose. Entsprechend läuft auch die über fast vier Jahre geplante Europa-Mission in Corderos Film alles andere als geschmeidig ab. Und dennoch gelingt es seiner Geschichte selten bis nie, ein wirklich fesselnd-spannendes Abenteuer zu sein.

Hierbei scheitert Europa Report bereits zu Beginn. In einer Mischung aus Found Footage-Aufnahmen von den Bordkameras der Europa One und gestellten Talking Heads mit daheimgebliebenen Missionsleitern wie Dr. Unger (Embeth Davidtz) und Dr. Solokov (Dan Fogler) steigt die Handlung mitten im Geschehen ein, um kurz darauf den Start der Mission zu zeigen und wieder in die vermeintliche Gegenwart zu springen. Die Tatsache, dass Sharlto Copleys Ingenieur James Corrigan mal zu sehen ist und mal nicht, lässt bereits erahnen, dass die Figur ein unheilvolles Schicksal ereilt, für dessen Rückblende man sich jedoch bis zur Hälfte des Films gedulden muss. Ebenso wie auf so etwas wie einen chronologischen Ablauf.

Der ewige Wechsel zwischen den Zeitebenen und den Kameraeinstellungen irritiert wie desorientiert und verhindert eine echte Immersion in das Geschehen. Die sechs Figuren frei von jeder Persönlichkeit tragen ihren Teil dazu bei. Von Corrigan erfahren wir immerhin, dass er Vater ist, von seinen Kollegen wie Andrei Blok (Michael Nyqvist), Daniel Luxembourg (Christian Camargo) oder Katya Petrovna (Karolina Wydra) sogar noch weniger. Wenn dann im späteren Verlauf das Abzählreimschema einsetzt, könnte einem das kaum egaler sein. Aber man ist durchaus dankbar, dass endlich mal etwas passiert, in einem ansonsten reichlich behäbigen Weltraumfilm, der nicht einmal mit guten Effekten aufwarten kann.

Das wäre nicht einmal sonderlich schlimm, wenn der Low-Budget-Film mit dem, was er hat, einfach besser umgehen würde. Dummerweise driftet Europa Report, wenn die Mission dann mal auf dem Jupitertrabanten gelandet ist, wider Willen in Trash-Gefilde ab. Im Finale überschlagen sich zusätzlich zu dem weiterhin ständigen Umschnitt zwischen allerlei Bord-Kameraeinstellungen – darunter eine im Helm, die „Sinnvollerweise“ die Astronauten-Gesichter festhält – die Ereignisse, was das Unverständnis beim Zuschauer noch verstärkt. Das Ende, das vermutlich bedeutungsvoll sein soll, angesichts der Umstände jedoch ebenso verpufft wie alles zuvor Gezeigte, setzt einem reichlich enttäuschenden Film dann die Krone auf.

Bedauernswert ist, dass die Geschichte durchaus Potential gehabt hätte, wenn man sie zum einen chronologischer erzählt und zumindest mit einer identifizierbaren Figur ausgestattet hätte. Ansatzweise wird das zwar mit Pilotin Rosa Dasque (Anamaria Marinca) versucht, aber nicht konsequent zu Ende gedacht. Auch die etwaigen Einblendungen, allen voran das hässliche Icon der Europa One, sind ebenso verzichtenswert wie den Zuschauer an der Hand haltende Betonungen, welche Bedeutung die Mission hat. Alles in allem ist Europa Report in seiner tatsächlichen Form ein Film, dessen Schicksal der Heimkinovermarktung sich spätestens nach Sichtung von selbst erklärt und den man getrost zum Mond schießen kann.

3.5/10

Blu-ray (3D)
Der 3D-Effekt soll dem zumeist im engen Raumschiff spielenden Film vermutlich Tiefe und Räumlichkeit verleihen, was zwar teilweise gelingt, durch den ständigen Schnitt und manche misslungene Kameraposition aber auch mitunter schief geht. Ansonsten ist der HD-Transfer (1080p/1.78:1) der Blu-ray überzeugend und klar ausgefallen, unabhängig vom Found-Footage-Aspekt durch die Bordkameras. Die DTS-5.1-Tonspur ist dabei ebenfalls zufriedenstellend und durchweg verständlich. Als Bonusmaterial warten zwei informative Featurettes zu den visuellen Effekten von John Bair und der Musik von Komponist Bear McCreary sowie eine Fotogalerie.

16. Oktober 2013

Gewinnspiel: 2 Blu-rays von "Europa Report"

Aktuell ist der Weltraum-Thriller Gravity von Alfonso Cuarón in aller Munde und führt in der zweiten Woche hintereinander die US-Kinocharts an. Welch passender Zeitpunkt also, um Sebastián Corderos nicht unähnliches, aber dennoch andersartiges Astronautenabenteuer Europa Report (dem keine Kinoauswertung hierzulande – Festivals wie das Fantasy Film Fest ausgenommen – vergönnt war) auf den Markt zu bringen. Erzählt wird darin von der ersten bemannten Mission zum kleinsten Jupitermond Europa, unter dessen Eisschicht Wasser und damit das Potential für bakterielles, ergo außerirdisches, Leben vermutet wird. Wie das aber mit Weltraummissionen (im Film) so ist, verläuft jedoch nicht alles nach Plan.

Zum Ensemble von Europa Report zählen unter anderem Michael Nyqvist (Verblendung) und Sharlto Copley (District 9), der Film selbst funktioniert quasi als Mix aus Faux Documentary sowie Found Footage und erscheint in Deutschland am kommenden Dienstag (22. Oktober 2013) auf DVD, Blu-ray und 3D-Blu-ray. Freundlicherweise haben Ascot Elite und Voll:Kontakt diesbezüglich Symparanekromenoi zwei Blu-ray-Exemplare des Films zur Verfügung gestellt, die ich nunmehr gerne unter meinen Leser_Innen (und solchen, die es noch werden wollen) verlosen möchte.

Das Gewinnspiel läuft bis Dienstag, 22. Oktober 2013, um 23:59 Uhr, die beiden Gewinner werden am Folgetag verkündet. Zur Teilnahme müsst ihr lediglich einen Kommentar – mit gültiger E-Mail-Adresse zwecks Benachrichtigung – unter diesem Beitrag oder einen Tweet an @Flo_Lieb auf Twitter hinterlassen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Viel Glück!

UPDATE: Das Gewinnspiel ist abgelaufen und unter den Teilnehmern hat Random.org nun Christoph Gumpert und Daniel Licha ausgewählt – die Sieger wurden benachrichtigt. Meinen herzlichen Glückwunsch an diese beiden und meinen Dank an alle, die es ebenfalls versucht haben.

7. Oktober 2013

Prisoners

Pray for the best, but prepare for the worst.

Die Ohnmacht und Verzweiflung von Eltern, deren Kind verschwunden ist und womöglich entführt wurde, kann man sich vermutlich nicht mal vorstellen. Um das eigen Fleisch und Blut wieder in seinen Armen zu wissen, würden wahrscheinlich viele Menschen allerlei Dinge tun. Umso eher, je weniger erfolgversprechend die Ermittlungen der Polizei verlaufen. Diese Erfahrung muss auch Hugh Jackmans aufgerüttelter Familienvater Keller Dover in Denis Villeneuves Krimi-Thriller Prisoners machen, als seine junge Tochter sowie die seines Freundes und Nachbarn Franklin Birch (Terrence Howard) am Thanksgivingmittag verschwinden. Und obwohl sich auch schnell ein Hauptverdächtiger findet, gerät der Fall ins Stocken.

Zwar fährt Alex Jones (Paul Dano) ein Wohnmobil, das dem vermeintlichen Tatfahrzeug entspricht, dennoch lässt ihn der ermittelnde Kriminalbeamte Loki (Jake Gyllenhaal) wieder laufen. Jones habe den Verstand eines Zehnjährigen, so die Argumentation. Eine solche Person kann kein derartiges Verbrechen durchführen. Für Dover keine zufriedenstellende Antwort, speziell nicht, als Jones bei seiner Entlassung eine geflüsterte Andeutung an ihn macht. Während seine Frau (Mario Bello) ihren Kummer in Schlaf und Medikamenten ertränkt, nimmt Dover die Ermittlungen in seine eigenen Hände und entführt Jones zum Privatverhör. Unterdessen stößt Loki auf einen rätselhaften Todesfall und einen neuen Verdächtigen.

Relativ früh gibt Prisoners die Marschroute vor, möglichst viele Haken schlagen zu wollen, um das Publikum auf diese Weise bei der Stange zu halten. Dank Platzierung auf dem Poster darf sich dabei jeder gewiss sein, dass alles, was Villeneuve hier in zweieinhalb Stunden auf die Leinwand wirft, miteinander irgendwie zusammenhängt. Selbst wenn es zeitweilig von der Bildfläche verschwindet. In seinem Bestreben, mit etwaigen Twists für einen Wow-Faktor und abgebrochene Fingernägel in den Armlehnen zu sorgen, tut sich der Film jedoch gerade in seiner zweiten Hälfte keinen wirklichen Gefallen. Viel geschieht nur, um auf eine falsche Fährte zu locken und offenbart sich in der Nachbetrachtung als Ansatz zum Grübeln.

Da freut man sich dann schon, wenn Jackman ebenso erstaunt wie der Zuschauer nachfragt, wieso Danos geistig zurückgebliebener Charakter einen Wohnwagen fahren darf. “Well, he has a legal Pennsylvania license”, lautet Lokis lapidare Antwort. So viel dazu. Charakterdetails wie Dovers Tendenz zur Überpräparation – Vorräte und Gasmasken im Keller schützen vor allerlei Unheil außer Kindesentführung – werden für sekundenlange Spannungsmomente verwurstet und sorgen schließlich neben ellenlangen Folterszenen an Alex Jones dafür, dass sich der Film über zwei Stunden hinzieht. Vorteilhaft ist immerhin, dass man ihm diese Länge nur selten anmerkt, was sie im Umkehrschluss dennoch keineswegs rechtfertigt.

Die teilweise unnötigen Twists führen dann dazu, dass das Finale etwas konstruiert wirkt, wie es ohnehin nicht all das Bohai der zwei Stunden zuvor vollends rechtfertigen will. Immerhin ist das Schlussbild reichlich stimmig geraten und Prisoners lebt ohnehin weniger von seiner Handlung als vielmehr von seinen Darstellern. Die meisten von ihnen, allen voran Bello, aber auch Davis, Howard und Dano sind nicht sonderlich gefordert, sodass der Film ganz den auf dem Plakat namentlich geführten Herren Jackman und Gyllenhaal gehört. Letzterer irritiert allerdings bisweilen mit seinem Tick zum exorbitanten Blinzeln, was ein Drogenproblem der Figur vermuten lässt, welches diese dann aber doch nicht zu besitzen scheint.

Gerade Hugh Jackman spielt hier groß auf und liefert eine mitreißende Darbietung als seine Humanität verlierender Vater ab, die mit dafür verantwortlich ist, dass man als Zuschauer – mehr oder weniger – gebannt das Geschehen verfolgt. Dessen Mysterium um das Verschwinden der beiden Mädchen, ob Alex Jones in diesem unschuldig oder nicht ist und ob Keller Dover beziehungsweise Loki die Kinder retten können, ehe es zu spät ist – das alles macht Prisoners nicht zu einem der besten Filme oder Thriller dieses oder der letzten Jahre, sehenswert ist das Ergebnis aber durchaus. Und für Zuschauer, die den Film selbst als Elternteil schauen, ist das Spannungsmoment sicherlich nochmals eine ganze Spur intensiver.

6.5/10