26. Januar 2018

Saga – Volume Eight | Doomsday Clock #1-2

Etwas Neues wagen oder auf Altbewährtes vertrauen? Diese Frage stellt sich die Film- und Fernsehlandschaft vermehrt – und wählt meist Sequels, Remakes und Revivals. In Comics ist die Neuerfindung via Rückbesinnung keine Unbekannte. Superhelden sterben und werden kurz darauf einfach wiederentdeckt. “We are torn between nostalgia for the familiar and an urge for the foreign and strange”, sagte die US-Schriftstellerin Carson McCullers einst. “As often as not, we are homesick most for the places we have never known.” Ein Zitat, das nicht nur das Ende von DC’s Doomsday Clock #2 beschließt, sondern das Werk von Geoff Johns genauso wie das jüngste Volume Eight von Brian K. Vaughans Saga-Epos ganz gut beschreibt.

Letzteres Sci-Fi-Fantasy-Abenteuer wirkte nach seiner Ankunft frisch. Ganz anders wie der x-te Aufguss der Marvel- und DC-Heldenschmiede. Aber auch Saga ertappt sich immer öfter dabei, dass Handlungsstränge auf der Stelle treten oder in variierter Form wiederholt werden. Geschichte wiederholt sich auch in Doomsday Clock, einer 12-teiligen Serie, die sich als Fortsetzung von Alan Moores legendärem Watchmen versteht, zugleich dessen Universum mit der bekannten Welt von DC verschmelzen lässt. Nostalgie gepaart mit einem Ausflug ins Unbekannte also. Geoff Johns beweist dabei, dass sich beides nicht ausschließen muss und einander befruchten kann. Indem in gewisser Weise etwas Neues gewagt wird, da man auf Altbewährtes vertraut.


Saga – Volume Eight

To old friends and new enemies.

Unabhängig davon, wie sehr Saga von Brian K. Vaughan narrativ stagnieren mag, so ist die Serie doch auch in Volume Eight sehr kurzweilig zu lesen. Und dank Fiona Staples’ grandioser Zeichnungen ohnehin ein Genuss für das Auge der Leser. Generell verdient sich der achte Band der Reihe aber eine ähnliche Kritik, wie sie zuletzt schon in den vorangegangenen Volumes Five, Six und Seven anfiel: Vaughan liefert nicht wirklich ein neues Thema – und eine Handlung auch nicht. Vielmehr wird das Geschehen verlagert, während altbekannte Entwicklungen sich in minimalen Abweichungen wiederholen. Womit es weiterhin so wirkt, als wüsste Vaughan nicht recht, in welche Richtung er seine Geschichte um Alana, Marko und Hazel erzählen will.

Nach der Fehlgeburt von Alanas Baby führt der nächste Zwischenstopp auf dem Weg nach Nirgendwo die Gruppe auf den Planeten Pervious. Dort wird Alana aufgrund der fortgeschrittenen Schwangerschaft in Abortion Town eine Abtreibung negiert. Mit dem Hinweis auf „Ärzte“ in den entlegenen Badlands des Planeten, die weniger Skrupel haben. Der tote Fötus verleiht derweil Alana magische Kräfte, die eine Projektion des verstorbenen Sohnes mit sich bringen – aber auch gesundheitliche Risiken. Während sich Alana, Marko und Hazel auf den Weg in die Badlands machen, erleben die zurückgelassenen Petrichor und Prince Robot ihr eigenes blutiges Abenteuer. Billy, vormals The Will, sieht sich derweil mit einem neuen Gegenspieler konfrontiert.

“There are few things more challenging than a sequel”, sagt Hazel in einem Meta-Kommentar zu Beginn von Volume Eight. Um kurz zu rekapitulieren, worum es in Saga eigentlich geht, immerhin sind bereits acht Bände ins Land gezogen. Der Konflikt zwischen dem progressiven Planeten Landfall und seinem eher in Tradition verankerten Mond Wreath ist jedoch immer noch nicht wirklich greifbar. Was genau hat diesen Krieg ausgelöst, der die ganze Galaxie zu vereinnahmen scheint? Wie stellt sich der Krieg exakt dar, was für eine politische Dynamik besitzt er? Fragen, die Saga weiterhin nicht beantworten kann oder mag. Weshalb der Konflikt als solcher auch im Hintergrund abläuft, während die Figuren stets dasselbe, nur anders erleben.

Es wartet ein neuer Planet mit neuen Widrigkeiten. Die Fehlgeburt und der Ausflug nach Pervious dienen zumindest dazu, dass Vaughan in wenigen Panels die gerade in den USA explosive Thematik Pro Life vs. Pro Choice anreißt. Eine erst im dritten Trimester festgestellte Behinderung veranlasse manche zur Abtreibung, wie einen skeptischen Marko in den Badlands die Wolfshebamme Endwife aufklärt. Beide wurden zuvor von Nebenfiguren dämonisiert, was die antiklimatische Auflösung des Handlungsstranges erstaunlich macht. Womöglich resultiert dies auch der anderen Thematik von Vorurteilen und Ressentiments, der sich Saga zudem erneut mit einem interessanten Transgender-Dialog zwischen Petrichor und Hazel widmet.

Vorurteile seien nicht angeboren, sondern anerzogen, kommentiert das junge Mädchen später. Ähnlich mag man es mit Ianthe sehen, der Verflossenen eines Kleinkriminellen, den The Will einst liquidierte. Wofür seine eigenen Liebsten – oder diejenigen, die davon noch leben – nun bezahlen sollen. Saga spielt dabei wie schon in der Vergangenheit mit dem Gedanken, dass die Grenze zwischen Gut und Böse fließend ist, wofür Prince Robot exemplarisch steht. Das Kernthema bleibt aber weiterhin die Familie als Institution, im klassischen wie modernen Sinne. Primär Hazel erhält die Möglichkeit, mit dem imaginären Kurti eine Art Beziehung zu ihrem verstorbenen Bruder aufzubauen, die ihr durch dessen Tod verwehrt blieb.

“Family is about much more than blood”, lautet das vermeintliche Fazit von Volume Eight. So wie Petrichor und Prince Robot Bestandteil der „Familie“ von Alana und Marko wurden, gibt es ähnliche Zweckgemeinschaften. Von Billy und seinen wechselnden Partnern (romantisch wie professionell) hin zu den im Schlusskapitel auftauchenden Ghüs, Squire sowie Upsher und Doff. Wie Dominic Toretto sagt: “I don’t have friends. I got family.” Die Figuren in Saga scheinen es ähnlich zu sehen – auch wenn dies, wie so vieles, keine Neuigkeit in der Welt von Brian K. Vaughan ist. Vermutlich wartet Volume Nine mit einem neuen Planeten und Antagonisten auf, nebst alter Bekannter. Altbewährtes eben. Vielleicht wagt Vaughan aber auch endlich was Neues.

7/10


Doomsday Clock #1-2

Find God. Save world. Will explain.

Wenn die Rede von den besten Comics aller Zeiten ist, fällt in der Regel auch der Name Watchmen von Alan Moore und Dave Gibbons. Eine düstere, dystopische Analogie auf den Kalten Krieg, mit Übermenschen und ganz normalen Spinnern. Und einem einzigartigen Ende, in dem die vermeintliche Heldenfigur von Adrian Veidts Ozymandias das ultimative Verbrechen für das angebliche Allgemeinwohl verübte. Alles auf neu scheint sich da Geoff Johns für seine Fortführung Doomsday Clock gedacht zu haben. Narrativ wie visuell ist dieser Auftakt des Mash-ups zweier DC-Universen überaus harmonisch, die Zeichnungen von Gary Frank geschickt die Bilder von Gibbons’ evozierend. Doomsday Clock scheint ein positives Nostalgie-Beispiel zu sein.

Die Handlung spielt im Herbst 1992, sieben Jahre nach den Ereignissen von Watchmen. Von der weltweiten Einigkeit nach Dr. Manhattans mutmaßlichen Massenmord in New York ist nichts mehr geblieben. Bei einer Geiselnahme im Weißen Haus erschießt der Vize-Präsident den Justizminister, während US-Präsident Robert Redford (ja, genau der) unterdessen an seinem Golf-Handicap arbeitet. Die Europäische Union wiederum ist gescheitert, russische Truppen marschieren in Polen ein und Nordkoreas Langstreckenraketen reichen bis Texas. “God turned his back, left Paradise to us. Like handing a five-year-old a straight razor”, resümiert die aktuelle Lage da eine Figur, die sich kurz darauf als neue Inkarnation des Antihelden Rorschach herausstellt.

Rorschach 2.0 rekrutiert für Ozymandias in einer überraschenden Wendung kurz vor einem Atomanschlag in einem Hochsicherheitsgefängnis die neuen soziopathischen Figuren The Marionette plus Gatte The Mime. Sie sollen Rorschach und Veidt helfen, den verschwundenen Dr. Manhattan ausfindig zu machen. Veidt will ihn in einer anderen Dimension aufgespürt haben, die sich im Verlauf als die DC-Welt von Superman, Batman und Co. herausstellt. “We’re all considered criminals now”, rekapituliert Weltverbesserer Veidt in Places We Have Never Known (#2). Und hofft: “We’ll be heroes again.” Eine Sicht der Dinge, die Bruce Wayne gar nicht so fremd erscheinen dürfte, ist es um die Superhelden seiner Welt doch nur wenig besser bestellt.

“The Bat is not the symbol it used to be”, sagt Lucius Fox. “It’s become a disease.” Doch wie Ozymandias und Rorschach lässt sich Bruce Wayne nicht unterkriegen. Johns führt die Figur in einer schönen Hommage an Rorschach selbst ein, wenn sich der Milliardär einem Rorschach-Test unterziehen muss, ähnliche wie Kovacs in Watchmen. Es sind auch jene zwei traumatisierten Verbrechensbekämpfer, die Johns einander gegenüberstellt, während Lex Luthor von Ozymandias konfrontiert wird, um Informationen zu Dr. Manhattans Aufenthaltsort zu erhalten. Sehr gemächlich, aber atmosphärisch dicht führen Johns und Frank die Leser in diese beiden unterschiedlichen, aber doch nicht so verschiedenen Welten ein, die hier aufeinandertreffen.

Die Faszination rührt sicher mit daher, dass ähnlich wie in The Avengers oder Batman V Superman: Dawn of Justice hier Figuren aufeinandertreffen, deren Begegnung man sich vielleicht einmal erhofft, aber nie erwartet hat. Fraglos ist damit auch eine gewisse Reminiszenz an die Comic-Vorlagen verbunden. “Nostalgia”, sinniert The Marionette in Places We Have Never Known beim Anblick von Veidts gleichnamigem Parfüm. “They don’t make this anymore.” Und Rorschach hinterfragt die Psyche von Bruce Wayne, als er in dessen Batcave eine Ansammlung alter Memorabilia entdeckt. “Obsessed with reliving the past”, lautet sein Urteil. Dieses lässt sich als Meta-Kommentar natürlich weiterspinnen auf die gesamte Existenz von Doomsday Clock.

Dass das Comic nicht nur alten Brei neu aufkocht, sondern ihm in Nuancen andere Konturen verleiht, macht es erfolgreich. Abseits von der liebevollen Nachahmung der Aufmachung und Darstellung von Moores und Gibbons Meisterwerk ist das Sequel zuvorderst ein Genuss für Fans des Originals. Etwaige subtile Verweise – wie der Golf spielende Präsident – auf die Gegenwart sind das Tüpfelchen auf dem i. “Maybe the world should burn down”, realisiert Rorschach zu Beginn von That Annihilated Place (#1). Ganz soweit ist es mit unserer Welt da noch nicht. Aber auch in der könnten Kriminelle mal versuchen, Helden zu werden. Zumindest Ozymandias hat dies vor. Getreu David Bowie: “We could be heroes, just for one day.”

8.5/10

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