7. September 2018

American Animals

How fucking cool is that?

Gute Freunde sind solche, mit denen man dem Sprichwort nach Pferde stehlen kann. Oder wie im Fall von Spencer Reinhard und Warren Lipka Vögel. Genauer gesagt “The Birds of America”, ein Bildband des Ornithologen und Zeichners John James Audubon aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Gut erhaltene Erstauflagen lassen sich für Millionenbeträge veräußern, weshalb Reinhard und Lipka die Idee kam, das Exemplar der Bibliothek von Reinhards Transylvania University in Kentucky zu klauen. Gemeinsam mit zwei Bekannten planten die beiden jungen Männer zwischen 2003 und 2004 den Diebstahl, der zwischen einer reinen Spaßüberlegung und einem ernstgemeinten kriminellen Raub hin- und herschwankte.

Regisseur Bart Layton erzählt diese Geschichte nun in American Animals nach – und zwar auf jene semi-dokumentarische Weise, die schon seine Hochstapler-Biografie The Imposter ausgezeichnet hat. Talking Heads mit den Beteiligten wechseln sich mit Spielfilm-Szenen ab, die jedoch in American Animals weniger Reenactment sind, sondern sich auf Hollywood-Niveau bewegen. Gerade in seinem ersten Akt wechselt Layton beliebig zwischen Interviews mit den echten Personen und dem Ensemble, das sie im Film spielt. Da kann es schon mal sein, dass Spencer (Barry Keoghan) einen Satz beginnt und ihn Reinhard zu Ende führt oder Warren (Evan Peters) gemeinsam mit Lipka zu sehen ist, während beide das Geschehen erörtern.

Insofern geht Layton hier noch einen visuell-narrativen Schritt weiter, mit dem er schon The Imposter seinen Stempel aufdrucken konnte. So sehen wir einmal einen plötzlichen Szenen-Wechsel, weil Spencer und Warren ein Gespräch an unterschiedliche Plätze verorten. In der Folge bleibt so bewusst für den Zuschauer im Verlauf des Films eine gewisse Ungewissheit bestehen, ob sich das, was wir sehen, tatsächlich so ereignet hat, wenn es die Beteiligten unterschiedlich erlebten. Wo The Imposter mehr Dokumentation mit Spielfilm-Elementen war, ist es bei American Animals nun eher umgekehrt. Die zweite Filmhälfte und speziell der Schlussakt werden von Layton dabei kaum noch von Interviews der realen Figuren unterbrochen.

Im Kern erzählt American Animals einerseits von der Orientierungslosigkeit der Millennials, die sich zu Höherem berufen fühlen. Und andererseits von Freundschaften, die einem in dieser Phase den nötigen Halt geben. “Growing up I had the desire for some kind of life altering experience”, berichtet Reinhard zu Beginn des Films. Und Warren erzählt davon, dass einem stets gesagt würde, was man tue sei bedeutend und man selbst besonders. “And you’re not special”, resümiert er. Was beide Figuren eint, ist dieses Gefühl der Leere, das sie im Alltag nicht wirklich zu füllen wissen. Der Diebstahl des Buchs, den scheinbar gerade Reinhard zuerst eher als Schnapsidee auffasste, versprach da, die vermeintliche Lebenslüge wahr werden zu lassen.

Interviews mit den Eltern der beiden Männer erwecken anfangs den Eindruck, als sei Warren stets ein schlechter Einfluss auf Spencer gewesen. Ein Vorwurf, der von den gezeigten Ereignissen nicht unbedingt widerlegt wird, skizziert Layton doch vor allem Warren als den Antreiber und Initiator dessen was folgt. Darunter auch, als es gilt, die Gruppe der Beteiligten zu vergrößern. Mathematik-Student Erik Borsuk (Jared Abrahamson) stößt dazu, weniger des Geldes wegen, sondern der Gesellschaft. “I wanted to regain our friendship more than anything”, teilt Borsuk in Hinblick auf die leichte Entfremdung zu Lipka zuvor mit. Einblicke, die für den Vierten im Bunde, Fluchtwagenfahrer Chas Allen (Blake Jenner), eher ausbleiben.

Der Film nähert sich den Vorfällen von damals als Heist-Komödie. Spencer und Warren holen sich Inspiration von Genre-Filmen wie Stanley Kubricks The Killing und entwerfen später mit Elvis Presley unterlegte Gedankenspiele des Raubs im Stil von Ocean’s Eleven. Dass es wirklich zum Diebstahl kommt, scheinen sie selbst dann nicht zu glauben, als Warren nach Amsterdam reist, um einen Mittelsmann (Udo Kier) zwecks der Hehlerware zu treffen. Tonlich bewegt sich Layton dabei nah an Steven Soderbergh und Guy Ritchie, selbst dann, als die zuvor präsente Leichtigkeit im Zuge der Verwicklungen des Raubes verpufft. Auch wenn der Film nicht ganz so eindringlich fasziniert wie der Identitäten-Diebstahl in The Imposter.

Eine stärkere Verdichtung der Spielfilm- und Doku-Anteile bis zum Schluss respektive auch in der zweiten Hälfte hätte hier womöglich geholfen. Genauso wie eine größere Einbindung der Bibliothekarin (Ann Dowd), die für den Bereich mit Audobons Werk zuständig ist. Eventuell wollte Layton hier auch das Geschehen ununterbrochen für sich stehen lassen, um die Immersion des Publikums zu erhöhen, statt es rauszureißen. Die Darsteller machen ihre Sache derweil mehr als ordentlich, insbesondere eben Dowd sowie die zumeist im Vordergrund stehenden Keoghan und Peters. Insbesondere Letzterem gelingt es gut, den spitzbübischen Charme seiner realen Vorlage, die wir im Wechsel erleben, einzufangen und wiederzugeben.

Kurzweilig und überaus unterhaltsam überzeugt Laytons weiterentwickelter Inszenierungsstil dabei im Grunde mehr als die Geschichte um den Buch-Diebstahl selbst. Dass der Plan von Spencer und Warren zum Scheitern verurteilt ist, betont Layton eingangs direkt, wenn er ihre erschütterten Eltern über die Tat ihrer Söhne reflektieren lässt. Was aber nicht zwingend heißt, dass American Animals kein Happy End beschert ist. “There’s a version of the story I wanted to believe. And that I chose to believe”, urteilt Spencer über jene Geschichte, mit der Warren aus den Niederlanden zurückkehrt. Jeder der Vier zieht eine Lehre für sich. Und sei es nur die, dass man keine Pferde stehlen sollte, nur weil man Freunde hat, mit denen man dies könnte.

7.5/10

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