5. Juli 2014

Tim’s Vermeer

This better fucking work.

Leonardo da Vinci sagte einst, dass geniale Menschen große Werke beginnen würden, „fleißige Menschen vollenden sie“. Dass es ohne Fleiß keinen Preis gibt, musste bis vergangenes Jahr auch Tim Jenison erfahren. Der US-Erfinder setzte sich 2008 in den Kopf, die Maltechnik des niederländischen Barock-Malers Jan Vermeer van Delft (1632-1675) zu untersuchen – indem er Vermeers Bild Die Musikstunde (1662-1665) unter den Voraussetzungen und mit den Mitteln des 17. Jahrhunderts reproduzieren würde. Fünf Jahre würde dieser Prozess dauern, den die beiden amerikanischen Trickkünstler und Entertainer Penn Jillette und Raymond Teller (aka Penn & Teller) in ihrer Dokumentation Tim’s Vermeer rund ein Jahr lang begleitet haben.

“I don’t know if I can do it“, gesteht Tim Jenison zu Beginn des Films. “It would be pretty remarkable if I can. Because I’m not a painter.“ Das sei wiederum nicht sonderlich dramatisch, wie Penn Jillette – der als Erzähler und Gesprächspartner fungiert, während Raymond Teller die Regie übernahm – berichtet. Denn Jenison “always had a talent to figure out how things work“. Rätsel und offene Fragen sind folglich stets eine willkommene Abwechslung, beispielsweise die, wie Jan Vermeer eigentlich seine Bilder gemalt hat. Ein wirklicher Meister für seine Ausbildung ist nicht bekannt, Röntgenbilder, so die Dokumentation, hätten zudem gezeigt, dass Vermeer seinen Bildern keine Zeichnungen zugrunde legte. Wie also hat er gemalt?

Der Forschung zufolge mittels einer Camera Obscura, also einer Lochkamera, die reelle Umgebungsbilder erzeugte. Für Tim Jenison jedoch nicht Antwort genug. Jenison, Mitbegründer der Video-Softwarefirma NewTek, glaubt, der Niederländer habe sich optische Instrumente zu Eigen gemacht. Eine Theorie, die er dadurch bestätigen will, dass er ein Bild Vermeers rekonstruiert. Und hierfür wiederum bedarf es derselben Voraussetzungen wie rund 350 Jahre zuvor. Von den 37 bekannten Bildern Vermeers wählte Jenison hierfür ein Stück aus dessen Genremalerei, die Szenen aus dem Alltag zeigten. Also nicht das populäre Mädchen mit dem Perlenohrgehänge, sondern vielmehr das eher weniger bekannte Werk Die Musikstunde.

Hierzu baut Jenison den Raum nach, der die Kulisse für Vermeers Bild gab. Vom Tonkrug über die Linse für die Camera Obscura bis hin zu den Stuhlbeinen. “You just can’t buy these stupid chairs anymore“, erklärt der Amerikaner. “And I need one.“ Ein Haufen Arbeit, der sieben Monate Zeit in Anspruch nehmen und Jenison an seine Grenzen bringen wird. “This better fucking work“, zischt jener Mann an einer Stelle, der alles andere als ein gelernter Maler ist. Wichtiger als die Perfektion der Voraussetzungen ist jedoch der Beleg der Maltechnik. Jenison glaubt, Vermeer habe neben der Camera Obscura auch mit Spiegeln gearbeitet, welche die Detailschärfe verstärkten. Eine These, die in Tim’s Vermeer Stand zu halten scheint.

Die Faszination (zur Perfektion) von Jenison geht dabei durchaus auch aufs Publikum über, selbst wenn die etwas selbstgefällige Art des Protagonisten gegen Ende leicht enervierend ist. Auch wird seine Hingabe an Vermeer nicht vollends aufgedröselt. Interessiert ihn mehr die offene Frage hinter dessen Maltechnik als dessen Bilder? Generell hätten Penn & Teller mehr über den Barock-Maler erzählen können, zu dessen Bewunderern auch Salvador Dalí zählte. So bleibt es bei einem kurzen Einwurf – der nicht unterfüttert wird – zu Beginn, dass er „für manche der größte Maler aller Zeiten“ sei. Zudem hätte Tim’s Vermeer auf viele Szenen mit Penn Jillette verzichten können, da der zumindest vor der Kamera wenig beizutragen hat.

Mit welcher Präzision und Genauigkeit Tim Jenison in der Lage ist, nicht nur die Ausstattung zu bauen, sondern anschließend auch zu malen, verwundert nicht nur aufgrund seiner Aussage, nicht malen zu können. Da wohl nur wenige Menschen ebenfalls hierzu in der Lage wären, darf der Amerikaner in gewisser Weise getrost als Genie bezeichnet werden. Bedauerlich, dass er sich dessen irgendwo tief drinnen durchaus gewahr zu sein scheint, was ihm bisweilen Sympathie raubt. Dennoch ist Tim’s Vermeer eine über weite Strecken sehr gelungene Dokumentation von Tim Jenisons fünf Jahre dauernder Obsession, der es allerdings gut getan hätte, genauer auf deren Ursprünge einzugehen. So bleibt die Kunst an sich etwas auf der Strecke.

7/10

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