1. Oktober 2016

Inside

We shall meet in the place where there is no darkness.
(George Orwell, “1984”)


Es sind keine fünf Minuten vergangen und ich bin bereits das erste – aber keineswegs das letzte – Mal in Playdeads jüngstem Side-Scroller Inside gestorben. Ein Dobermann brach mir das Genick, nachdem meine Spielfigur eines kleinen Jungen dem Hund nicht schnell genug entkam. Im Laufe des Spiels werde ich noch erschossen, erstickt, falle in meinen Tod oder werde durch eine Druckwelle pulverisiert. Autor Laurids Binderup und Regisseur Arnt Jensen präsentieren dem Spieler in Inside eine wahrhaft graue und harsche Welt. Eine Dystopie, die entfernt an George Orwell erinnert und das nicht nur, weil eine Farm auftaucht und man einer Beobachtung entgehen muss. Doch so trostlos wie die Welt von Inside ist, so hoffnungsvoll wirkt sie.

Seine Geschichte erzählt das Spiel dabei über seine zweieinhalbdimensionale Darstellung. Ein gesichtsloser Junge schleicht sich nachts durch den Wald, um über eine Farm voller toter Schweine in ein Fabrikgebäude einzudringen. Hier kontrollieren Wissenschaftler und Roboter das Geschehen, während andere leblose Körper mal willenlos den Anordnungen von Big Brother folgen oder leblos darauf warten, von dem Jungen über einen stromgesteuerten Helm bewegt zu werden. Immer weiter dringt der Junge im Verlauf von Inside wie der Titel vorgibt in das Innere des Kontrollorgans vor. Seine Mission scheint eingangs unklar und gewinnt erst zum Schluss des Spiels etwas an Kontext. Doch bis dahin gilt es erstmal, nicht entdeckt zu werden.

Binderup und Jensen gewähren den Spielern Raum zur Interpretation, wie sie die Handlung von Inside konkret deuten wollen. Denn ähnlich wie die Werke von thatgamecompany lassen sie die Bilder für sich sprechen. Wo die Spiele der Konkurrenz wie Journey oder zuletzt auch dessen spiritueller Nachfolger Abzû mit einem atmosphärischen Score aufwarten, setzt Inside Musik nur sporadisch an bestimmten Stellen ein. Seine Atmosphäre gewinnt das Game durch sein Setting und seine oft monochromatische Gestaltung als Side-Scroller. Der Junge selbst scheint (zumindest für mich) ein Flüchtling jener düsteren Fabrik zu sein, in die er zu Beginn des Spiels wieder einbricht, um nach seiner Bewusstseinserlangung auch seine Artgenossen zu befreien.

“Until they became conscious they will never rebel, and until after they have rebelled they cannot become conscious”, schrieb George Orwell in 1984. Auch wenn die übrigen Körperhülsen nicht dasselbe Bewusstsein entwickeln wie der Junge, sondern von ihm höchstens kontrolliert werden wie der Junge vom Spieler selbst. Was die Wissenschaftler mit den Körpern bezwecken, kann lediglich spekuliert werden. Zumindest experimentieren sie mit diesen, wie sich anhand verschiedener Exemplare sehen lässt. Und womöglich ist der Junge selbst ein solches, ähnlich wie David in Steven Spielbergs A.I. – Artifical Intelligence. Zum Ende raus nimmt Inside zu seiner Orwellschen Dystopie dann sogar leichte Züge Cronenbergschen Bodyhorrors an.

Neben der zurückgenommen Handlung überzeugt Inside durch seinen Look und sein reduziertes Gameplay. Primär läuft man in dem 2.5D-Side-Scroller von links nach rechts, kann springen und mit bestimmten Gegenständen interagieren. Zugleich ist Inside aber durchaus detailliert gestaltet, gewinnt speziell in seinem Hintergrund immer wieder an Tiefe. Hier kommt dem Spiel des dänischen Teams von Playdead auch seine farblich zurückgenommene Inszenierung zu Gute, die weniger monochromatisch daherkommt, sondern den Ton ihrer Welt trifft. Denn Farbe findet sich bisweilen durchaus, sei es in Form einer süßen Schar Hühnerküken oder eines unerwarteten herrlichen Sonnenaufgangs, den der Junge zwischen zwei Gebäudeetappen erlebt.

Unterwegs wartet das Spiel mit verschiedenen Puzzles auf, die nie zu schwer sind, um sie selbst zu lösen, aber auch nicht derart simpel, dass sie direkt überwunden werden. Vielleicht habe ich mich aber auch nur bisweilen etwas dümmer angestellt als erforderlich war. In einer Phase mit einer Vielzahl von Spielen mit reduziertem Gameplay wie Abzû, Bound oder No Man’s Sky vermag Inside thematisch-visuell interessant und zum selben Zeitpunkt fordernd und befriedigend von seinem Spielerlebnis zu sein. Damit gelang Playdead vielleicht spieltechnisch keine Revolution, aber in einem bislang doch eher unterdurchschnittlichen Spieljahr dennoch ein aus diesem herausragendes Erlebnis. Hoffnung spendend in einer trostlosen Welt.

8.5/10

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