19. Juli 2014

Life Itself

I’ll see you at the movies.

Für viele ist er der größte Filmkritiker aller Zeiten – diesen inoffiziellen Titel verdiente sich Roger Ebert aufgrund seiner speziellen Art, Filme zu rezipieren. Im vergangenen Jahr verlor der 70-Jährige seinen Kampf gegen Schilddrüsenkrebs und hinterließ ein großes Loch bei seiner Zeitung Chicago Sun-Times. Über 45 Jahre war er für sie als Filmkritiker tätig, gewann 1975 sogar den Pulitzer Preis für seine Arbeit. Bevor sich sein Gesundheitszustand verschlechterte, plante Ebert mit Regisseur Steve James seine Autobiografie Life Itself als Dokumentation umzusetzen. In ihr werden seine journalistischen Anfänge reflektiert sowie seine Hass-Liebe zu Kollege Gene Siskel, mit dem er gemeinsam zum Filmkritiker-Gesicht der USA avancierte.

Bereits in der Schulzeit fand Ebert zum Journalismus, arbeitete als Sportreporter für die News-Gazette. “It was unspeakably romantic“, erinnert sich Ebert. Später wechselte er 1967 mit 25 Jahren an die Universität in Chicago und schrieb für die dortige Sun-Times. “And then, five months later, the film critic retired and they gave me the job“, erzählt er. Eher zufällig also kam er zu seiner größten Leidenschaft im Leben: den Filmen. “He really, really loved films“, berichtet auch Martin Scorsese, einer der Talking Heads und zugleich Produzenten von Life Itself. Ähnlich wie Werner Herzog und Errol Morris profitierte er besonders von Eberts Kritiken, ernannte dieser doch Scorseses Debüt Who’s That Knocking at My Door zum Instant Classic.

Landesweit bekannt wurde Roger Ebert aufgrund seiner Zusammenarbeit mit Gene Siskel, die gemeinsam in einer Sendung neue Filmstarts besprachen. Eine interessante Konstellation, war Siskel doch der Filmkritiker von Eberts Konkurrenzblatt: der Chicago Tribune. “We were professional enemies“, erzählt Ebert. Und, dass die zwei Männer in den ersten fünf Jahren, die sie sich kannten, kaum miteinander sprachen. Dennoch stimmten beide später zu, gemeinsam vor die Kamera zu treten. Dabei konnten sie sich auch dort lange Zeit nicht riechen, wurden aber dann zu Amerikas go-to Filmkritikern, ihre “two thumbs up“ zum begehrten Qualitätssiegel. Bis Gene Siskel 1999 an einem Hirntumor starb, von dem ausschließlich seine Familie wusste.

Drei Jahre später würde bei Ebert selbst ebenfalls Krebs diagnostiziert werden, in dessen Verlauf er seinen Unterkiefer verlor. Als Folge blieb ihm ein herabhängender Hautlappen, der ihm irgendwie ein stetes Lächeln ins Gesicht zaubert. Seine Fernsehauftritte wurden danach seltener, nicht aber seine Arbeit als Kritiker. “When I am writing I am the same person I always was“, verrät er. Und Werner Herzog nennt ihn in seiner so typischen herzogschen Art “a soldier of cinema“. Ob Ebert in seinen späteren Jahren so viel weiser wirkte, weil seine Worte nun einem Sprachcomputer entstammten, sei dahingestellt. Und auch wenn Steve James’ Film nah dran am großen Filmkritiker ist, macht Life Itself ihn leider nicht wirklich greifbar.

Was genau sah er in Filmen und wie sah er sie? Was bedeutete ihm seine Beziehung zu Siskel und zu seiner großen Liebe, Ehefrau Chaz? Genauere Einblicke verschafft der Film nicht, reißt sie allenfalls an. So wird Eberts Faible für die Filme von Russ Meyer mit dessen großbrüstigen Darstellerinnen erklärt. Zu Beginn heißt es – nach einer klassischen Rekapitulation der Journalisten-Truppe, die nach Feierabend durch die Kneipe zog – plötzlich, dass Ebert im August 1979 mit dem Trinken aufhörte. “I couldn’t take it anymore.“. Wieso er Alkoholiker war und wie sich die Krankheit auf seine Arbeit oder Persönlichkeit auswirkte – man müsste es wohl wie so vieles in seiner Biografie nachlesen. Aber ob diese tatsächlich Antworten bietet?

Steve James scheint sie darin nicht gefunden zu haben. Dass Life Itself ein detaillierter Blick auf Eberts Leben und Schaffen fehlt – ein Großteil fokussiert sich ausschließlich auf Siskel & Ebert & the Movies –, könnte der gesundheitlichen Verschlechterung und dem folgenden Ableben seines Protagonisten geschuldet sein. Vollends gerecht wird die Dokumentation diesem aber nicht, auch wenn sie durchweg über ihre zweistündige Laufzeit unterhält. Dennoch ist sie zu oberflächlich, um lebendig zu werden, selbst dann, wo sie Konflikte wie zwischen Ebert und Siskel oder Richard Corliss vom Time Magazine behandelt. Im Film leiht Stephen Stanton Eberts Worten teilweise seine Stimme. Wirklich hörbar wird diese in Life Itself aber nicht.

7/10

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