2. Juni 2017

Bacalaureat [Graduation]

You changed what could be changed.

Geht es nach Eltern, sollen es die eigenen Kinder im Leben immer besser haben, als sie selbst. Da wird dann vielleicht auch gerne mehr bemuttert, als zwingend nötig ist, und die Wünsche des Nachwuchses gegenüber den eigenen Wünschen für den Nachwuchs hintenangestellt. So geht auch Adrian Titienis Chirurg Romeo in Cristian Mungius Film Bacalaureat [Graduation] vor, in welchem Romeos Tochter Eliza (Maria-Victoria Dragus) bei passendem Notenschnitt die Aussicht auf ein Stipendiat in England hat. “You should be glad”, versichert der Vater da der Tochter, dabei ist diese gar nicht so erpicht darauf, aus ihrer rumänischen Heimatstadt Cluj zu verschwinden. Ein tragischer Vorfall bringt derweil Romeos Pläne plötzlich durcheinander.

Einen Tag vor der entscheidenden Abschlussprüfung, für die Eliza praktisch die Bestnote braucht, um das Stipendium zu erhalten, wird das Mädchen auf dem Weg zur Schule überfallen und fast vergewaltigt. Für Romeo ein weiterer Grund, warum Eliza das Land verlassen soll, auch wenn Mutter Magda (Lia Bugnar) überzeugt ist, ein solcher Übergriff hätte sich auch in Großbritannien ereignen können. “They’re more civilized”, findet dagegen Romeo. Das Problem ist nun nicht nur das erlittene Trauma, das die Aufmerksamkeit Elizas beeinträchtigt, sondern auch ein Gips an ihrem Arm nach einer erlittenen Verletzung, der für die Schulbehörde als möglicher Platz für Spickzettel dienen könnte. Das Stipendium droht verloren zu gehen.

Zwar darf Eliza an der Prüfung teilnehmen, verpasst aber knapp die nötige Note. Romeo ist bestrebt, aufgrund der Umstände einen Nachholtermin zu bewirken. Der lokale Polizeichef Ivanov (Vlad Ivanov) verweist auf den stellvertretenden Bürgermeister (Petre Ciubotaru), der ein Nierentransplantat benötigt. Romeo soll ihn auf der Spenderliste weiter oben platzieren. Im Gegenzug soll der Politiker Druck auf den Rektor (Gelu Colceag) ausüben, der ihm noch einen Gefallen schuldig ist. “It’s for your child”, ermutigt Ivanov dabei Romeo, seine ärztliche Ethik für das Wohl seiner Tochter etwas zurückzustellen. “Don’t tell me you live off your salary?”, zeigt sich auch der Politiker hinsichtlich Romeos Widerwillen zur Bestechung skeptisch.

“This can only work on trust”, stellt der Rektor gegenüber Romeo das quid pro quo zwischen allen Beteiligten klar. Wirkliche Zweifel legt Romeo dabei nicht an den Tag, sondern fügt sich den Gegebenheiten. Alles zum Wohle von Eliza und deren Zukunft im Ausland. “What’s there for her here?”, fragt Romeo und erinnert Magda an ihre Vergangenheit. Anfang der 1990er kamen sie nach der rumänischen Revolution nach Cluj zurück, in der Hoffnung, das nun demokratische Land mitzuverändern. Scheinbar ein Trugschluss, der kein Glück für das Paar bereithielt. So ist ihre Ehe inzwischen zerrüttet, schläft Romeo auf dem Sofa und unterhält eine Affäre mit Sandra (Malina Manovici), einer Lehrerin von Elizas Schule und alleinerziehenden Mutter.

Die Wünsche von Eliza werden dabei wenig berücksichtigt. Genauso, wie die Attacke und die fast zustande gekommene Vergewaltigung sich auf sie auswirken. “Let her experience life”, fleht Magda ihren Mann an. Der will natürlich nur das Beste für die Tochter, geht auf sie jedoch nicht wirklich ein. Währenddessen plagt sich Romeo mit Vandalismus auf sein Eigentum herum und Eliza soll ihren Angreifer ausfindig machen. Wer genau hinter diesen Angriffen steckt und ob es sich tatsächlich um Angriffe oder eventuell doch manipulative Vorgänge handelt, lässt Mungiu dabei schlauerweise offen. Allerdings leider auch viel vom Innenleben der weiblichen Figuren um Eliza, Magda und Sandra – vielmehr ist dies eine patriarchalische Geschichte.

Romeo sieht sich als Herr des Hauses, selbst wenn er daheim nicht einmal mehr im eigenen Bett schlafen kann. Er ist ein “fixer”, der sich um die Dinge kümmert. Sei es die akademische Zukunft der Tochter, die Pflege seiner kranken Mutter oder die Versorgung seiner Geliebten und deren Sohn. Er selbst stellt sich dafür zurück, sollte aber wohl einfach mehr lernen, loszulassen. Adrian Titieni drückt hierbei Bacalaureat seinen Stempel auf und auch wenn Cristian Mungius Film mit seiner Prämisse überzeugt, so gerät er mit 130 Minuten doch mindestens eine halbe Stunde zu lang. “Parents rarely let go of their children”, sagte Paulo Coelho, “so children let go of them.” Am Ende erfährt dies in Bacalaureat schließlich auch Helikopter-Vater Romeo.

6/10

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