7. Mai 2011

The Kennedys

To this family. If I knew its secret I would bottle it and sell it.

Wer sich fragt, warum beim geschätzten Kollegen von Kino, TV & Co. seit Monaten die Gardinen zugezogen sind, findet die Erklärung darin, dass dahinter gerade Geschichte geschrieben wird. Visual History heißt das Feld des designierten Dr. Hellwig und beschäftigt sich mit der steigenden massenmedialen und fiktionalen Vermittlung historischer Ereignisse und deren Bedeutung in Folge zur Neige gehender Zeitzeugen(-berichte). Sprich: Spielfilme und TV-Serien, speziell die mit historischem Bezug, sind nicht nur „rein unterhaltender Natur“, sondern „essentieller Bestandteil der Erinnerungskultur“. Sie verraten daher „weniger etwas über die Vergangenheit, als über die aktuelle Sicht auf die Geschichte“.

Viel debattiert wurde nun im Vorfeld der zehnteiligen Mini-Serie The Kennedys, die Joel Surnow, Schöpfer der reaktionären Echtzeit-Serie 24, für den US-amerikanischen Fernsehsender History Channel mit einem Budget von 30 Millionen Dollar umsetzte. Kritiker wie der Filmemacher Robert Greenwood beschrien nach Sichtung erster Drehbücher, bei Surnows Miniserie handele es sich weniger um dramatisierte Faktizität, denn um auf Fiktionalisierung aufbauender Verleumdung. Im Sturm der Protestwelle holte der History Channel seine Segel ein, The Kennedys wurde behandelt wie ein Bastardkind, mit dem man nicht wusste wohin, ehe es ein neues Zuhause beim zweitklassigen ReelzChannel fand.

Der Kennedy-Clan gilt geheim hin als die Königsfamilie der Vereinigten Staaten. So beliebt wie US-Präsident John F. Kennedy, seine First Lady Jackie Bouvier und Senator Robert F. Kennedy beim Volk waren, so tragisch waren die Umstände ihres Verscheidens. Jener „Kennedy-Fluch“, dem später auch Robert Kennedys Söhne David (†1984) und Michael (†1997) ebenso wie John F. Kennedy Jr. (†1999) zum Opfer fallen sollten. Die irisch-stämmigen Kennedys - in gewisser Hinsicht das Gegenstück zur Bush-Dynastie - sind für viele Amerikaner somit gelebtes Kulturerbe. Daran will und kann auch The Kennedys nichts ändern, das sich weniger als Dokudrama denn politisch-amouröses Ränkespiel anbiedert.

Ein Familienfoto der Kennedys (Vater Joe i.d.m., Jack 1.v.l., Bobby 2.v.r.)
Eine Mischung aus The West Wing und Denver Clan nannte es die Süddeutsche Zeitung und kommt dem Ganzen damit ziemlich nahe. In den zehn rund einstündigen Episoden wird von John F. Kennedys (Greg Kinnear) Wahlsieg bis hin zur Erschießung seines Bruders Robert F. Kennedy (exzellent: Barry Pepper) etwas weniger als ein Jahrzehnt (mit gelegentlichen Rückblenden) abgehandelt. So charakterisiert die Auftaktfolge A Father's Great Expectations Familienoberhaupt und Ex-Botschafter Joseph Kennedy Sr. (Tom Wilkinson) als machtbesessenen Egomanen, der auf Teufel komm raus seine Söhne zu Präsidenten machen will (die Rolle fällt Jack erst zu, als sein großer Bruder Joseph verstirbt).

John F. Kennedy wiederum ist kaum mehr als ein Pillenabhängiger Schürzenjäger, der Jackie (Katie Holmes) selbst am Wahltag vor dem eigenen Haus betrügt und dieses Laster auch später nicht loswird. Als unbeholfenen Politiker zeigen ihn Rückblenden, in denen er erst die Gunst der Menschen gewinnt, als er aus dem Herzen spricht und sich als einer der ihren zeigt. Das Schweinebucht-Desaster des Aprils 1961, wenige Monate nach seiner Amtseinführung, wird zur politischen Emanzipationsfrage - fortan steht der Präsident mit der CIA auf Kriegsfuß. Und auch vom kontrollierenden Vater können sich Jack und Bobby in der Folgeepisode Broken Promises and Deadly Barriers vollends abnabeln.

Es folgen Intermezzi ob der Bürgerrechtsfrage, der Bau der Berliner Mauer, die Kubakrise, sowie die Attentate auf beide Brüder. All diese historischen Ereignisse sind jedoch lediglich der Rahmen für das familiäre Drama, das sich in diesem abspielt. Die Bürgerrechtsfolge Moral Issues and Inner Turmoil um die Einschreibung von James Meredith zeigt zwar einen politisch gestärkten Kennedy, kann dem Thema und der Bedeutung des Ganzen aber nur bedingt gerecht werden. Der Berliner Mauerbau wird gar mit einem Schulterzucken abgetan und der Kubakrise war Roger Donaldson mit Thirteen Days weitaus gerechter geworden, als Katie Holmes’ finales Resümee “Daddy saved the world“ in On the Brink of War.

Für politische Zusammenhänge interessiert sich The Kennedys nicht. Der Zwiespalt zwischen den Brüdern und den Geheimdiensten (Jack mit der CIA, Bobby mit Hoovers FBI) wird kurz erwähnt, jedoch nicht in Zusammenhang gebracht mit etwaigen Verschwörungstheorien rund um ihre Attentate. Selbige rücken ebenso in den Hintergrund, wie die meisten historischen Ereignisse (möglich, dass insbesondere der 22. November 1963 kulturell ausreichend verhaftet ist). Überraschender Weise interessiert sich Surnow jedoch nicht einmal für Kennedys Affäre mit Marilyn Monroe, die zwar in The Countdown to Tragedy als Subplot auftaucht, ohne die beide Figuren allerdings zusammen zu zeigen.

Etwas gewagter gehen Surnow und Co. mit dem Gerücht um, dass Kennedys Wahlsieg in Chicago durch Sam Giancano und die Mafia bewirkt wurde, wenn dies wiederum Frank Sinatra in die Schuhe geschoben wird. Dieser ist mit Chris Diamantopoulos ebenso peinlich besetzt wie Charlotte Sullivan die Monroe verkörpert (würden beide Figuren nicht mit Namen angesprochen, man wüsste nicht, um wen es sich handelt). Grundsätzlich lässt sich sagen, dass sich The Kennedys in Anbetracht ihrer zehnstündigen Laufzeit erstaunlich wenig um seine Protagonisten oder ihr Tun schert. Was auch daran liegen kann, dass Surnow nicht weiß, worauf er den Fokus der Serie setzen soll: das Familien- oder Politdrama.

Denn die Symbiose der beiden Welten gelingt nicht wirklich. Zu selten wird die Untreue des Präsidenten direkt zwischen Kinnear und Holmes angesprochen, zu unplatziert und oberflächlich die historischen Begebenheiten integriert. Zwar deuten ständige Rückenschmerzen die kränkelnde Gesundheit Kennedys an, seine Hypothyreose und Morbus Addison werden hierbei jedoch nicht mal erwähnt. Dafür beschäftigt sich eine Folge plötzlich mit einem geistig zurückgebliebenen und einst weg gesperrten Familienmitglied, was zwar für deren Geltungsdrang einer gepflegten sozialen Erscheinung steht, aber ebenso wie die Integration der unbedeutenden Monroe-Episode lediglich Zeit für andere Dinge auffrisst.

Die chronologischen Abläufe sind somit zwar rudimentär vorhanden, wirken jedoch oft soweit reduziert, dass sie ob ihrer Historizität nicht allzu langatmig oder langweilig geraten. Infolgedessen disqualifiziert sich The Kennedys diesbezüglich schon selbst, als auf Faktizität aufbauendes Doku-Drama ernst genommen zu werden. Ob Sinatra eigenmächtig den Chicagoer Mob dazu angestiftet hat, Kennedy ins Amt zu heben, spielt hier eine untergeordnete Rolle und wird wohl, Visual History hin oder her, kaum das Geschichtsbild der rund eine Million Zuschauer, die Surnows Serie auf ReelzChannel verfolgten, beeinflussen. Genauso wenig wie das Bild der Kennedys trotz aller Dramatisierung Schaden genommen haben dürfte.

Das Bild von Kennedy ist das eines Normalos. Jemand, der von seinem Vater in ein Amt und ein Rolle gedrängt wurde, die er nicht ausfüllen wollte. Und der letztlich vielleicht mit allem ein wenig überfordert war. Kinnear, der bevorzugt einen sentimental-melancholischen Welpenblick aufsetzt, wird dabei dem beliebtesten US-Präsidenten nur bedingt gerecht. Ähnlich verhält es sich bei Holmes, deren Jackie sich irgendwann zwischen verletztem Treuegefühl und vernachlässigter Mutterschaft zu verlieren beginnt. Weitestgehend am sympathischsten kommt hier noch Peppers idealistischer Robert Kennedy weg, der die meiste Zeit als beschützender Berater seines Bruders und treusorgender Ehemann aufzutreten versteht.

Am Ende ist The Kennedys eine gut ausgestattete und namhafte Miniserie ohne großen historischen Wert und umso mehr Daily-Soap-Charakter. Also von rein unterhaltender Natur, aber deswegen nicht zwingend essentieller Bestandteil unserer Erinnerungskultur. Eine Geschichte über eine Familie, involviert in Macht und Intrigen (und seien sie externer Natur), beseelt davon, sich als Teil ihres Landes zu sehen und in dessen Dienst zu stellen. Das alles verrät weniger über die Geschichte, als über die aktuelle Sicht auf sie und straft Tom Wilkinson daher Lügen, wenn er an einer Stelle sagt: It’s not what you are, it’s what people think you are. And with the right amount of money you can make them think whatever you want.

6.5/10

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