3. September 2016

Eye in the Sky

Where are we legally?

Für Spock war es logisch, dass “the needs of the many outweigh the needs of the few”. Ein utilitaristischer Ansatz – und moralisches Dilemma zugleich. Beispielsweise dargestellt in dem Gedankenexperiment des Trolley-Problems. Wiegen fünf Leben mehr als eines? Und umgedacht: Ist es vertretbar, ein Leben zu opfern, wenn sich dadurch mehrere Leben retten lassen? “Do good at a bearable cost to save lives”, ist auch ein Mantra von US-Präsident Obama in seiner Auslandspolitik. Die beinhaltet die Kriegsführung per Drohnen – was jedoch nicht immer ohne Kollateralschäden auskommt. So starben laut der Journalisteninitiative Bureau of Investigative Journalism bei US-Luftangriffen in Pakistan seit 2004 mindestens über 160 Kinder.

Der mögliche Tod eines Kindes steht auch im Zentrum von Gavin Hoods jüngstem Film Eye in the Sky. Darin lokalisiert das britische Militär um Colonel Katharine Powell (Helen Mirren) drei der fünf meistgesuchten Terroristen Ostafrikas in einem Haus eines Stadtteils von Kenias Hauptstadt Nairobi. Zusätzlich bereiten sich darin ein britischer sowie ein US-amerikanischer Staatsbürger auf ein Selbstmordattentat vor. Ursprünglich als Gefangennahme geplant, strebt Powell nun gegenüber ihrem Vorgesetzten Lt. General Frank Benson (Alan Rickman) einen Luftschlag an. Kernproblem ist dabei die Risikoprüfung für die Zivilbevölkerung in der direkten Nachbarschaft, darunter das neun Jahre alte Mädchen Alia (Aisha Takow).

Verschiedene Bereiche für dieselbe Frage müssen schnellstens berücksichtig werden. Ist ein Luftschlag und daraus resultierender Kollateralschaden juristisch vertretbar? Genauso wie politisch? Für Powell und Benson ist der Angriff unabdingbar. Nicht nur, weil der Colonel seit Jahren hinter einer der Zielpersonen her ist, auch aufgrund der unerwarteten Gefahr eines Selbstmordanschlags. “We need to expand our rules of engagement right now to protect the civilian population”, sieht Powell die Lage gegenüber ihrem Rechtsbeistand. Die politischen Vertreter, die mit Benson die Mission von London aus beobachten, sehen dagegen die Gefahr für die Zivilisten vor Ort durch einen möglichen Luftschlag. Und die möglichen Folgen daraus.

“We have to know that we’re legally in the clear”, betont auch Benson im Gespräch mit Powell. Die zivilen Opfer vor Ort personifiziert das Drehbuch von Guy Hibbert dabei in der Neunjährigen. Ihre Anwesenheit ist es, die den US-Lieutenant und Piloten der Reaper-Drohne Steve Watts (Aaron Paul) sowie dessen junge Kollegin Carrie Gershon (Phoebe Fox) auf ihrem Stützpunkt in Nevada kurz vor dem Angriff innehalten lässt. Und die auch die so genannte “kill chain” in London in Bewegung setzt, in der eine Kette von Entscheidungsträgern die Verantwortung ihren Vorgesetzten überlassen. “There is no law covering a situation quite like this”, macht der britische Generalstaatsanwalt George Matheson (Richard McCabe) deutlich.

Juristisch sei man vielleicht abgesichert, “but politically we’re walking into a minefield”, mahnt die politische Beraterin Angela Northman (Monica Dolan) in die Runde. Und trifft so bei Brian Woodale (Jeremy Northam), der das Auswärtige Amt als Entscheidungsträger vertritt, einen Nerv. Zwar habe der Premierminister einen Luftschlag bereits abgesegnet, informiert Matheson, doch Woodale will dennoch das Okay des britischen Außenministers (Iain Glen) einholen, der sich in Singapur aufhält. Der verweist wiederum auf seinen US-Kollegen, aktuell auf Besuch in China, da einer der designierten Selbstmordattentäter immerhin US-Staatsbürger ist. Unterdessen läuft die Mission Gefahr, aufzufliegen oder aus britischer Kontrolle zu geraten.

Hood präsentiert mit Eye in the Sky ein packendes und zeitgeschichtlich signifikantes Drama, das mit geringen Mitteln maximale Wirkung erzielt. Der Zuschauer versteht Powells Frust im Aufschub der Entscheidung für den Luftangriff. “There is a lot more at stake than you see here in this image”, macht sie gegenüber dem zweifelnden Watts klar. Weder er noch Gershon haben jedoch bisher den „Tod auf Knopfdruck“ – wie es Spiegel Online nennt – über ihre Drohne erteilt. Schon gar nicht auf Kinder. Northman wiederum sieht die Gefahr auf das Leben des Mädchens als gegebener an denn eine veranschlagte theoretische Opferzahl von 80 Personen, sollten die Selbstmordattentäter erfolgreich sein. Und erwähnt den Propaganda-Effekt.

Kämen bis zu 80 Menschen durch einen Anschlag zu Tode, wäre dies Wasser auf die Mühlen im Kampf gegen den Terror. Wird beim Verhindern des Anschlags ein Mädchen als Kollateralschaden getötet, spielt dies wiederum den Radikalen in die Karten. Für Powell und Benson ist klar, dass ein möglicher Tod des Mädchens in Kauf zu nehmen ist, um das Leben von rund 80 Personen zu retten. Und zugleich drei Top-Terroristen auszuschalten. Anders sehen es Watts, Gershon und die politischen Vertreter. Ein moralisches Dilemma, das innerhalb der Handlung weitaus weniger Thema ist als das juristische oder politische. Auch wenn der Südafrikaner Gavin Hood es im weiteren Verlauf bis an seine Grenzen auszutesten versucht.

Zu Zwecken der Überwachung mit einem Insektothopter hält sich undercover mit Jama Farah (Barkhad Abdi) ein Vertreter der kenianischen Streitkräfte vor Ort auf. Und soll nun das Mädchen aus der Gefahrenzone bringen – riskiert dabei jedoch, seine Deckung auffliegen zu lassen. Die Frage, ob das Wohl des neunjährigen Mädchens das Riskieren von Farahs Leben rechtfertigt, bleibt dabei außen vor. Wie auch die übrigen zivilen Kollateralopfer durch den potentiellen Luftangriff für die Debatte irrelevant sind. Für die Figuren ist nur das eine Mädchen relevant, als Sinnbild für all jene unnötigen Opfer, die zum Vermeiden einer größeren Zahl von Opfern in Gefahr gebracht werden. Alltag im von Drohnen geführten Krieg.

So berichtet die Enthüllungsplattform The Intercept von einer US-Militäroffensive in Afghanistan aus dem Jahr 2012/2013. Über 200 Menschen kamen dabei zu Tode, lediglich drei Dutzend davon waren jedoch vom US-Militär als Zielperson auserkoren. Während einer fünf Monate währenden Phase seien gar 90 Prozent der Opfer keine militärischen Ziele gewesen. Manchmal müsse man ein Leben nehmen, um mehr Leben zu retten – diese Haltung vertrete laut einem Interview im The Atlantic auch Präsident Barack Obama. Womit man wieder beim Trolley-Problem angelangt ist. Während Watts merklich Probleme hat, das Leben eines Kindes zu gefährden, sehen Northman und Woodale eher das Risiko eines politischen Nachspiels.

Ein Konflikt, den der Film zu Beginn in abgeschwächt-humoristischer Form über Benson präsentiert, als der für sein Enkelkind eine Puppe kaufen soll. Dabei jedoch die Version mit dem falschen Feature wählt. “Apparently, there’s an important difference”, merkt der General lakonisch an. Er sieht die Puppe als Puppe – und nicht ihre variierende Funktion. Ähnlich uneinsichtig geben sich die Militär-Figuren in Eye in the Sky. Sollen sie dieses Mädchen nicht gefährden, dafür jedoch das Leben mehrerer anderer Mädchen riskieren? Das moralische Dilemma des Trolley-Problems ist keines, mit dem sich Soldaten beschäftigen. Benson und Powell agieren utilitaristisch. Das Wohl der Menge steht für die beiden Militärs über dem des Einzelnen.

Northman und das Publikum sehen derweil buchstäblich nur die Neunjährige – nicht zuletzt da Watts und Gershon die Kamera ihrer Drohne auf das Mädchen fixieren. Die übrigen Passanten und Zivilisten interessieren nicht, laufen auch in die von Watts nachgefragte Risikoprüfung der Kollateralopfer nicht mit ein. Ist es vertretbar, ein Mädchen im schlimmsten Fall zu töten und im besten Fall für immer schwerbehindert zurückzulassen, wenn dadurch eine unbekannte Zahl an zivilen Opfern verhindert wird? Regisseur Hood und Autor Hibbert beantworten diese Frage nicht leichtfertig, sondern lassen das Szenario größtenteils in Echtzeit ausspielen. Und geben den moral-philosophischen Ball somit in gewisser Weise an ihre Zuschauer weiter.

Die Anspannung innerhalb der Geschichte ist bisweilen zum Greifen nah und wird angesichts des formalen Umfelds, in dem sich die Figuren bewegen, stets ruhig und zumeist mittels Mimik dargestellt. Seien es skeptische Blicke von Aaron Paul und Monica Dolan, frustrierte Gesten von Helen Mirren oder mit Bestimmung betonte Satzformulierungen von Alan Rickman. Das Ensemble macht aus vergleichsweise wenig viel und jeder der Schauspieler – mit Ausnahme vielleicht des fehlbesetzt wirkenden Iain Glen – verleiht seiner Figur Leben und Dynamik. Und nicht zuletzt im Wissen, dass dies die letzte Performance von Alan Rickman war, setzt der verstorbene Brite mit seiner unvergleichlichen nasal-nüchternen Art dem Film fraglos die Krone auf.

Eine Antwort auf die Frage, welche Entscheidung richtig ist, vermag Eye in the Sky nicht zu geben. Wie auch? Zu einer Entscheidung kommt es aber natürlich dennoch. Dem Film gelingt es dabei nicht immer, frei von Klischees zu sein. Wie auch die Dramatisierung der Situation stellenweise sehr konstruiert wirkt. Packend und spannend, auch dank der bedacht-eingesetzten Musik von Paul Hepker und Mark Kilian, fällt Hoods Arbeit dennoch aus. Übertreffen die Nöte der Masse die des Einzelnen? Die Antwort darauf, dass musste auch Spock erfahren, ist wohl weniger im rationalen Utilitarismus zu finden als doch, wie in Star Trek IV: The Voyage Home von der populären vulkanischen Figur bemerkt, in der menschlichen Natur.

7.5/10

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