13. August 2016

L’avenir [Alles, was kommt]

My Dad builds the planes and they fly through the sky
And that’s what keeps your daddy up there so high.
(Woody Guthrie, “Ship In The Sky”)


Es gibt sicher schlechtere Gesellschaft als die von Legenden wie Akira Kurosawa, Éric Rohmer, Jean-Luc Godard und Krzysztof Kieślowski. Im Februar dieses Jahres reihte sich Mia Hansen-Løve als siebter französischer Gewinner und dabei erst dritte Frau nach Astrid Henning-Jensen und Małgorzata Szumowska in die Reihe der Preisträger des Silbernen Bären der Berlinale ein. Zu verdanken hatte sie dies ihrer fünften Regiearbeit L’avenir – bei uns: Alles was kommt –, einer für Isabelle Huppert geschriebenen Geschichte, die teilweise auf dem Leben von Hansen-Løves eigener Mutter basierte. Ein reifer, sehr erwachsener und rationaler Film über eine Frau um die 50, die nach vielen Jahren ihre familiäre Freiheit wiedererlangt.

Huppert spielt Nathalie, eine Philosophielehrerin und Mit-Herausgeberin von Schulmaterial, die ein relativ unbeschwertes Leben führt, abgesehen von ihrer depressiven Mutter (Édith Scob). Bis zu jenem Tag, an dem ihr Mann Heinz (André Marcon) ihr offenbart, dass er eine Affäre und sich nach 25 Jahren Ehe für eine andere Frau entschieden hat. Plötzlich geht es Schlag auf Schlag für Nathalie, als sich der Zustand ihrer Mutter verschlechtert und ihr Verlag mit immer neuen Änderungswünschen für ihre Publikationen an sie herantritt. Ablenkung bietet ihr nur der Kontakt zu ihrem ehemaligen Schüler Fabien (Roman Kolinka), der mit Freunden einen Bauernhof in einem Vorort gekauft hat, wo sie fortan ihren anarchistischen Ideen nachgehen.

Ihrem neuen Alltag begegnet Nathalie mal ironisch, mal hoffnungslos. “After 40 women are fit for the trash”, sieht sie ihre Zukunft in Einsamkeit, auch wenn ihr Fabien zuredet, sie könne einen neuen Partner finden. Heinz hat zwar derweil seine Entscheidung für die jüngere Frau getroffen, kann aber dennoch nicht so ganz von seinem bisherigen Leben lassen. Kurz nach dem klärenden Gespräch bringt er, sehr zu Nathalies Verärgerung, Blumen mit. Als beide zu ihrem Haus in der Bretagne fahren, räumt Nathalie den Schrank leer, um Platz für ihren Ersatz zu schaffen – zu Heinz’ Verwunderung. Beinahe bemitleidenswert gerät eine Szene, in der Heinz an Weihnachten auf eine Einladung zum Essen wartet, da er sonst alleine feiern muss.

“Clear conscience, same lifestyle” lautet ein Vorwurf, den sich Nathalie gegen Ende von Fabien anhören muss. Der auf sie und Heinz in gewisser Weise jedoch gut zutrifft. Routine bestimmt das Leben der beiden. Als Fabien und seine Freunde abends das Für und Wider von Autorenschaft diskutieren, schaltet sich Nathalie aus der Diskussion aus. Sie habe all das schon vor zwei Jahrzehnten debattiert, als sie selbst in dem Alter der Gesprächsteilnehmer war. Etwas abschätzig blickt Nathalie auch auf gegen die Bildungsreform demonstrierende Jugendliche herab, selbst wenn sie in deren Alter selbst drei Jahre lang Kommunistin war. Bourgeois ist ihr Lebensstil, obschon der Begriff für sie und Fabien eher negativ und konservativ behaftet scheint.

Entsprechend reagiert sie auch ob der Neugestaltung ihrer Lehrbücher, deren Absatzzahlen zurückgehen. “Modern, aggressive, catchy”, ätzt Nathalie und beschreibt damit zugleich auch jene Sorte Film, die L’avenir nicht ist. So stilvoll wie Nathalie ihre Bücher gestaltet, inszeniert Hansen-Løve auch ihre Geschichte. Nur in Nuancen scheint da das Innenleben der Figur durch, die ansonsten bemüht ist, sich beinander zu halten. Der Frust mit ihrer Mutter wird in der Beziehung zu deren Katze verarbeitet, die Verzweiflung ob der Umwälzung ihres Lebens bricht sich teils in Tränenausbrüchen Bahn. “Total freedom. It’s extraordinary”, reklamiert Nathalie zwar bezüglich ihrer neuen Lebensumstände. Wirklich derart empfinden tut sie allerdings nicht.

Ihre neugewonnene Freiheit vom Ehemann, von der abhängigen Mutter und von den Kindern (Sarah Le Picard, Solal Forte), die inzwischen ihr eigenes Leben führen, ist für Nathalie somit weniger außer- als ungewöhnlich. Zugleich lernt die Figur, besser zurechtzukommen. Mit allem, was kommt. Eine Erfahrung, die gegen Ende auch ihre Tochter macht, als diese selbst zur Mutter wird. Trotz verschiedener Umwälzungen wirkt L’avenir fast schon ereignislos, so ruhig und bedacht inszeniert Hansen-Løve den Film. Der wird im Alleingang getragen von einer wie so oft starken Leistung von Isabelle Huppert, die gekonnt von überzeugten in verletzliche Momente wechselt. Sodass Nathalie am Ende der Geschichte so stark ist wie zu deren Beginn.

7.5/10

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