8. Dezember 2017

Motherland

Give your womb a rest.

In Deutschland war die Geburtenrate im vergangenen Jahr so hoch wie seit Anfang der 1980er nicht mehr. Im Schnitt brachte jede Frau 1,5 Kinder zur Welt – eine Zahl, von der die Philippinen weit entfernt sind. Dort entfallen laut den Vereinten Nationen rund drei Geburten auf jede Frau, eine seit Jahren immerhin zurückgehende Fertilitätsrate. Und eine, die sich so nicht direkt in Motherland, der Dokumentation von Ramona Diaz über eine Geburtsklinik in Manila widerspiegelt. Wie viele Kinder sie wolle, wird eine schwangere 24-Jährige darin von einer Krankenschwester gefragt. “Just five”, entgegnet die junge Frau, die zuletzt im jährlichen Rhythmus bereits vier Kinder anhäufte und dadurch die Geburtenrate des Landes übertrifft.

Damit ist sie nicht allein im Dr. Jose Fabella Memorial Hospital in Manila. Im Verlauf des Films bringt dort eine 26-jährige Frau ihr bereits 6. Kind zur Welt. “The children come out one after another”, klagt derweil eine andere Patientin, die schon sieben Kinder hat. “I can’t take care of all of them at once.” Verhütungsmaßnahmen wie Spiralen stoßen dennoch auf wenig Anklang bei den christlichen Frauen. Oftmals sind es ihre eigenen Mütter, die den Eingriff ablehnen, was etwas irritiert, da diese als Elterngeneration bereits dasselbe Schicksal durchgemacht haben. Stattdessen überbieten sich die Patientinnen in Motherland mit der Zahl ihrer Schwangerschaften und der Besuch in der Geburtsklinik wird für viele zum jährlichen Happening.

Das Ausmaß wird direkt in der völlig überfüllten medizinischen Einrichtung deutlich. Die Krankenbetten teilen sich zwei Frauen plus ihre Neugeborenen, mit jeweils zugeordneten Nummern, die von den Krankenschwestern aufgerufen werden wie auf dem Einwohnermeldeamt. Noch dramatischer ist es vor dem Entbindungssaal, wo sich teils bis zu drei Hochschwangere auf einer einzelnen Trage wälzen und auf die Abfertigung wie im Schlachthof warten. Eine von ihnen schafft es nicht mal mehr in den Kreissaal und gebiert ihr Kind im Gang. Praktisch ist diese Massenbehandlung zumindest dann, wenn eine Patientin ein hungriges Neugeborenes stillen kann, als dessen Mutter sich zeitweise für eine Dusche vom Bett entfernt hat.

Der westliche Zuschauer erlebt hier bestmöglich kontrolliertes Chaos, dessen absurde Ausmaße mehrmals wider Willen für Humor sorgen. Generell ist die Situation vor Ort aber bestürzend, so auch in der Frühchen-Station. Da es dem Krankenhaus an Inkubatoren mangelt, sollen sich die Mütter dadurch behelfen, dass sie ihre Kinder unter ein elastisches Top klemmen, um es wie ein Känguru durch ihre Körperwärme aufzupäppeln. Als später eine der Krankenschwestern im so genannten KMC (Kangaroo Mother Center) vorbeischaut, sieht sie aber die meisten Frühchen wie ein Handy auf dem Bett liegen, während die Mütter sich dem Klatsch und Tratsch widmen. Ohnehin spürt man nicht sonderlich viel Liebe zwischen Elternteil und Kind.

Obwohl ihr Frühchen nicht fit genug sei und eine Infektion riskiere, besteht eine der Mütter auf “HAMA” – eine Entlassung gegen ärztlichen Rat (home against medical advice”). Selbst ihr Ehegatte kann sie nicht umstimmen, nachdem dem Arbeitslosen klargemacht wurde, dass er nicht die Kosten des Krankenaufenthalts zu tragen hat. Sie müsse sich um ihre übrigen Kinder kümmern, klagt die Frau, doch der Umgang mit dem jüngsten Zuwachs wirkt wenig liebevoll. Vielmehr scheint es, als seien ihre Kinder für die jungen Mütter Steine im Rucksack ihres Lebens. Umso unverständlicher, weshalb sie alle auf die wiederholt vom Krankenhauspersonal angebotene Option einer Spirale mit zehn Jahre währender Schwangerschaftsprävention verzichten.

Ramona Diaz vermittelt mit Motherland intime Einblicke nicht nur in das Problem der Überbevölkerung auf den Philippinen als solches, sondern auch in das Leben der betroffenen Mütter. Bemerkenswert ist dabei die Zuversicht und der Optimismus, den die meisten von ihnen an den Tag legen, obschon ihre Partner oft nicht wissen, wie sie den Lebensunterhalt der nächsten Woche bestreiten, während die hungrigen Mäuler immer zahlreicher werden. Davon kann auch das Dr. Fabella Memorial Hospital ein Lied singen. Als es 1920 gegründet wurde, beherbergte es lediglich sechs Betten; heute teilen sich diese wiederum mindestens 24 Personen. Deutsche Frauen dürften somit froh sein, dass unsere Geburtenrate da deutlich geringer ausfällt.

6.5/10

Keine Kommentare:

Kommentar posten