16. Juni 2017

My Girl

Once it hits your prostate you’re gone.

“I was 12 going on 13 the first time I saw a dead human being”, verrät uns der Autor (Richard Dreyfuss) in Rob Reiners Stand by Me. Ich selbst war 8 Jahre alt, als ich das erste Mal den Tod eines Kindes sah – wenn auch nur im Kino. Wer als Junge in meinem Alter Ende der 1980er Jahre ins Kino ging, sah Filme wie The Little Mermaid oder Look Who’s Talking. Es war also durchaus ein Schock, als zum Ende von Howard Zieffs My Girl – in Deutschland 1992 angelaufen – plötzlich jener Junge, der zuvor in Home Alone noch Einbrechern trotzte, unter tragischen Umständen verstirbt. In My Girl begegnete mir erstmals die Sterblichkeit von Kinderfiguren, den fünf Jahre zuvor angelaufenen Stand by Me sah ich erst später im Fernsehen.

Regisseur Howard Zieff und Autorin Laurice Elehwany behandeln in My Girl mehrere Themen, vom Coming of Age der Hauptfigur hin zur Sterblichkeit und Trauerbewältigung. So ist die 11 Jahre alte Vada (Anna Chlumsky) ein Kind ihres Umfelds. Aufgewachsen ohne Mutter, die nach Komplikationen bei Vadas Geburt verstarb, lebt Vada mit Vater Harry (Dan Aykroyd) zusammen in ihrem Haus, das Harry gleichzeitig als Bestattungsheim nutzt. Der Tod ist für Vada allgegenwärtig, wie die Auftaktszene deutlich macht, in der sie Nachbarskindern gegen Geld die aufgebahrten Särge und eine vermeintlich reanimierte Leiche – in Wahrheit ihre senile Großmutter – zeigt. “I was born jaundiced”, teilt uns die kecke Elfjährige eingangs als Selbstdiagnose mit.

Der Tod der Mutter wird dabei nicht explizit in den Vordergrund getragen, stellt aber dennoch die Basis der Beziehung zwischen Vater und Tochter dar. Vada projiziert die tödlichen Krankheiten der zu bestattenden Leichen auf sich selbst, hat mal Brust-, dann wieder Prostatakrebs. Auf eine neue Leiche im Keller ihres Hauses folgt der hypochondrische Besuch beim Hausarzt. Harry schenkt dem Verhalten Vadas dabei wenig Aufmerksamkeit – es bleibt unklar, ob dies lediglich eine Reaktion aus Gewohnheit oder schlicht Teilnahmelosigkeit ist. “I was really great at making myself disappear”, verrät Vada zynisch aus dem Off, als sie von einem Magier-Interesse erzählt, als sie von Harry erfolglos $35 für einen Sommerkurs ihres Lehrers erbittet.

Für Harry ist Vada “a perfectly happy 11-year old girl”, wie dieser seiner neuen Kosmetikerin Shelly (Jamie Lee Curtis) versichert. Wirklich glücklich erlebt das Publikum Vada jedoch keineswegs. Die anderen Mädchen meiden sie wegen ihrer Freundschaft zu Thomas J. (Macaulay Culkin), die bereits kaum vorhandene Aufmerksamkeit des Vaters wird durch dessen Interesse an Shelly weiter unterminiert und obendrein hat die Elfjährige Schuldgefühle hinsichtlich des Todes ihrer Mutter. Diese Gefühle kehren Elehwany und Zieff jedoch nicht an die Oberfläche, sondern sprechen sie in einer Szene nur kurz aus dem Off an. “You’re not expressing to me what’s in your soul”, wirft Vada da ihr Lehrer und Schwarm Mr. Bixler (Griffin Dunne) zurecht vor.

Die personalisierte Form der Überlebens-Schuld Vadas müsste eigentlich stärker im Fokus der Geschichte stehen, wenn nicht sogar vielleicht Kern der Geschichte sein. Zwar spricht Vada die Schuldgefühle zum Schluss tatsächlich gegenüber ihrem Vater an, der sie – verständlicher Weise – schnell und problemlos bei Seite schiebt. Dennoch müsste die vermeintliche Selbstschuld spätestens dann wieder in Vada aufkochen, als sie ihren Stimmungsring zurückerhält, den Thomas J. für sie im Wald gesucht hatte. Und dies letztlich aufgrund seiner Bienenallergie mit dem Leben bezahlt hat. My Girl verliert im Laufe der Handlung hier etwas den Überblick, will zu viel auf einmal erzählen, ohne irgendetwas davon gebührend zu vertiefen.

Da ist das schwierige Verhältnis von Vada zu ihrem Vater, ihr soziales Außenseiterdasein gegenüber den anderen Kindern, ihre Beziehung zum Tod und ihrer eigenen Sterblichkeit, ihre Schwärmerei für ihren Lehrer, ihre Schuldgefühle ob des Todes der Mutter, ihre Eifersucht gegenüber Shelly als neuer Frau im Leben ihres Vaters, gleichzeitig aber auch die Ersatzmutter-Momente mit Shelly, sei es wenn diese die Elfjährige schminkt oder ihr bei ihrer ersten Periode beisteht. All das verkuddelmuddelt Zieff miteinander und widmet sich zugleich noch in ein paar Szenen der Romanze zwischen Harry und Shelly, die jedoch nie wirklich erklärt wird, sondern sich einfach irgendwie aus den Gegebenheiten der neuen Situation herauskristallisiert.

My Girl funktioniert aber dennoch sehr gut, was sich allgemein der Freundschaft zwischen Vada und Thomas J. verdankt und speziell dem glaubwürdigen Spiel von Anna Chlumsky. Zuvor mit einer kleinen Nebenrolle in Uncle Buck versehen schultert Chlumsky die Bürde der Hauptrolle problemlos, passt auch ideal zum Wildfang-Charakter ihrer Figur. Ihre Vada ist selbstbewusst und dominant (herrlich ihre Androhung von Dresche, als Thomas J. sie zuerst nicht küssen will), aufgeweckt und dennoch verletzlich. Macaulay Culkin beschränkte sich nach seinem Welthit Home Alone im Jahr zuvor mit einer Nebenrolle, verleiht dem Muttersohnhaften Thomas J. (“he’s allergic to everything”) mit seiner nuancierter Darstellung Leben.

Insofern überzeugt der Film auch heute noch dank der Jungschauspieler und als Stimmungsfilm eines Kleinstadtlebens im Sommer von 1972. Nostalgie spielt in diesem Fall sicher ebenfalls keine zu unterschätzende Rolle. Mit My Girl verbindet mich nicht nur die Erinnerung an den ersten Tod einer Kinderfigur auf der Leinwand, sondern generell eines meiner Kinoerlebnisse in jungen Jahren (abseits traditioneller Zeichentrickfilme). Der Film unterhält und berührt, streift für einen Kinderfilm – wenn man ihn als solchen bezeichnen will – gewichtige Themen und endet trotz allem versöhnlich. Auch wenn man das Schicksal von Thomas J. nicht leicht vergisst. Oder wie Vada in ihrem Gedicht schließt: “I know he'll always be in your heart.”

7.5/10

Kommentare:

  1. Schön einmal eine so nostalgisch gefärbte Kritik von dir zu lesen. Hach, da wird mir ganz warm ums Herz. Und ich hatte tatsächlich ganz ähnliche Erfahrungen mit dem Film... :)

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    1. Wo es sich anbietet :) Meine Erinnerungen an meine Kindheit sind rar, aber der "Schock" um Thomas J. war dann doch noch bewusst.

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