16. März 2018

Thelma

A little knowledge doesn’t make us better than others.

Manche Menschen lernen erst während ihrer Studienzeit, wer sie wirklich sind und wie ihre Persönlichkeit geartet ist. Erstmals weg aus dem behüteten Zuhause können die jungen Erwachsenen sie selbst sein und neue Dinge kennenlernen, die ihnen zuvor verschlossen waren. Während ihres Biologie-Studiums in Oslo lernt die christlich aufgezogene Thelma (Eili Harboe) da vom Alter der Erde und des Universums. Und zeigt sich daraufhin amüsiert über den eher dogmatischen Glauben von christlichen Bekannten daheim. “A little knowledge doesn’t make us better than others”, schilt sie ihr Vater, seines Zeichens Arzt, bei einem Besuch. Vielmehr wird in Joachim Triers Thelma deutlich, dass es besser wäre, die Figur weiß weniger als der Fall ist.

Im Kern handelt es sich bei dem vierten Film des skandinavischen Regisseurs um einen Coming-of-Age-Film, der jedoch auch gewisse Horror-Elemente besitzt. Erstmals auf sich allein gestellt, fällt es Thelma an ihrem neuen Wohnort und im Uni-Leben schwer, Zugang zu anderen Menschen zu finden. Erst als sie in der Bibliothek plötzlich einen vermeintlich epileptischen Anfall erleidet, macht sie die Bekanntschaft ihrer Kommilitonin Anja (Kaya Wilkins). Die beiden jungen Frauen freunden sich kurz darauf an, während gleichzeitig der Kontakt nach Hause zu Thelmas Vater Trond (Henrik Rafaelsen) und Mutter Henni (Ellen Dorrit Petersen) immer loser wird. Was bei den Helikopter-Eltern die Sorge um die Tochter jedoch nur noch bestärkt.

Gerade in seinem ersten Akt erzählt Trier seine Geschichte dabei angenehm bedächtig. In welche Richtung sich Thelma entwickelt, wird erst zur Mitte des Films hin allmählich deutlich. Zuerst wirkt es so, als lerne sich die vom Land stammende, christlich erzogene Thelma an die Großstadtverhältnisse anzupassen. Zögerlich wird da zum ersten Mal Alkohol konsumiert, später machen sich ihre neuen Freunde auf einer Hausparty über die Hauptfigur lustig, als diese sich von einem Joint berauscht fühlt. Zugleich spielt die christliche Erziehung von Thelma keine übergeordnete Rolle für den Handlungsverlauf, wirkt es auch nicht so, als beobachte man einen jungen, von Amischen erzogenen Menschen bei seiner „Rumspringe“-Findungsphase.

Eine der wiederkehrenden Fragen, die sich in Thelma ausmachen lässt, ist die des Verständnisses. So fragt einer von Anjas Freunden Thelma, wie sie ihren Glauben an (einen) Gott erklären kann. Die stellt daraufhin die Gegenfrage, ob er ihr denn erklären könne, wie sein Handy funktioniert. Verstehen, woraus etwas resultiert und wie es sich äußert ist auch ein Anliegen für die junge Frau, wenn es um ihre Krampfanfälle geht, deren Frequenz im Laufe des Films immer stärker ansteigt. Und in welchem Zusammenhang diese mit anderen Gefühlen stehen, die mehr und mehr Raum in Thelmas Bewusstsein einnehmen. Antworten auf diese Fragen gibt der Film dann in seiner zweiten Hälfte, wenn auch eher sporadisch.

Thelma gerät hierbei etwas plakativer und mit intensiverer Bildsprache als Joachim Triers sehr viel ruhigere Vorgänger-Dramen Louder Than Bombs oder Oslo, 31. august. Greift aber durchaus mit den (Selbst-)Zweifeln der jungen Hauptfigur auch Motive aus diesen auf. Gerade wenn der Film in etwas übernatürlichere Bahnen abgleitet und ein gewisses Horror-Mystery-Element einführt, gelingt es ihm, einprägsame Bilder zu erschaffen. Diese stehen dabei nicht nur für sich, sondern repräsentieren zusätzlich noch die aktuelle Gefühlswelt von Thelma. Zum Beispiel wenn sie während einer Aufführung im Osloer Opernhaus sexuell in Wallung gerät und über ihr schwebend der acht Tonnen schwere Kronleuchter zu schwingen beginnt.

Was hinter Thelmas Anfällen steckt und in welchem Zusammenhang diese mit ihrer christlichen Erziehung stehen, dröselt der Film in seiner zweiten Hälfte etwas genauer auf. Ganz lässt sich Trier dabei aber dennoch nicht in seine Karten schauen, offeriert dem Zuschauer Interpretationsspielraum für eigene Deutungen. Thelma hat dabei wenig mit jenen X-Men-Vergleichen gemein, von denen man mitunter liest – außer die übernatürlichen Momente werden als reale Auswüchse gedeutet statt sinnbildlich. Zuvorderst inszeniert Joachim Trier aber seinen neuesten Film eher als eine visuelle Allegorie auf das Erwachsenwerden, in welcher die junge Hauptfigur erfährt, dass etwas Wissen über sich selbst sie wohl doch besser macht als andere Menschen.

6.5/10

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