2. November 2018

Den skyldige [The Guilty]

Var it slangen?

Wer kennt das nicht: Es ist noch eine Viertelstunde bis zum Feierabend und plötzlich kommt ein Anruf mit einem dringlichen Anliegen rein. Auf den nächsten Tag vertrösten geht da schlecht, wenn man wie Asger (Jakob Cedergren) in der Notrufzentrale der Polizei Dienst schiebt. So hängt auch Asger Überstunden dran, als ihn Iben (Jessica Dinnage) kontaktiert, die aktuell Opfer einer Entführung ist. Zwar delegiert Asger das Anliegen an die zuständige Stelle weiter, involviert sich jedoch mehr und mehr in Ibens Kidnapping und die Umstände. Nicht zuletzt deshalb, da er eigentlich ein Straßenheld der Drogeneinheit ist, der nur wegen eines schwebenden Verfahrens nach einem tödlichen Vorfall nun den Schreibtischhengst gibt.

Regisseur Gustav Möller inszeniert diese Geschichte in Den skyldige [The Guilty] quasi als Kammerspiel, bei dem die Kamera und der Zuschauer nie von Asgers Seite weichen. So erleben wir alle seine Telefonkontakte lediglich auf der Tonspur, während sich das Bild stoisch und meist in extremer Nahaufnahme auf Asgers Gesicht fokussiert. Die Hintergründe der Figur, die eigentlich keine Qualifikation für die Notrufzentrale besitzt – nicht zuletzt wegen ihres entgleisenden Temperaments, das sie überhaupt erst dorthin brachte –, sind essentiell für das Drama. Ein anderer Mitarbeiter hätte es mit der Weiterleitung der Entführung gut sein lassen, während Asger unentwegt bei der zuständigen Telefonvermittlerin (Jeanette Lindbæk) nachhakt.

“I’ll pass it on”, sagt diese immerzu, wenn Asger neue Informationen für die lokale Streife an sie weiterleitet. Ironischerweise wechselt die Hauptfigur dabei in gewisser Weise selbst die Seiten. Zwar wird in der Zentrale der Name der anrufenden Person eingeblendet, doch ihr Aufenthaltsort lässt sich nur grob am nächsten Funkturm bestimmen. Und Asgers Nachfragen bezüglich der aktuellen Adresse bleiben meist unbeantwortet, so auch im Fall eines Anrufers, der einen eskalierenden Streit vor einem Nachtclub melden möchte. “Fuck this, we’ll manage”, hängt er schließlich entnervt auf – und ähnlich mag sich Asger in der Folge fühlen, als er parallel seine eigenen Ermittlungen zu Iben und ihrer Entführung am Handy organisiert.

Was hat deren Kidnapper, der sich als ihr Ex-Mann Michael (Johan Olsen) entpuppt, mit Iben vor? Und warum hat er die gemeinsame Tochter Mathilde (Katinka Evers-Jahnsen) und ihren neugeborenen kleinen Bruder allein zuhause gelassen? Asger setzt seinen Partner Rashid (Omar Shargawi) auf den Fall an, obschon ihn sein Chef Bo (Jacob Lohmann) angewiesen hat, Dienst nach Vorschrift zu schieben, bis seine Anhörung über den Tisch gegangen ist. Zum einen scheint es Asgers impulsive Persönlichkeit zu sein, sich entgegen allen Bestimmungen zu involvieren, zum anderen mag sich dies auch dadurch erklären, dass die Figur an ihrem Tiefpunkt angelangt ist, wo ihr Job auf der Kippe steht und ihre Ehe bereits gescheitert ist.

Insofern ist Ibens Entführung und das ihr zugehörige Familiendrama eher zweitrangig und dient in Den skyldige als Katalysator für Asgers Katharsis. Wenn sein Gegenüber der Dienststelle ihn irgendwann anherrscht “do your job and I’ll do mine” ist dies ein unwissentlicher Anreizpunkt für Asger, der eigentlich pro-aktiv statt passiv arbeitet, die Grenzen seiner aktuellen Beschäftigung zu überschreiten. Cedergren schultert den Film dabei gekonnt als sympathisches Arschloch und zwielichtiger Polizist mit vermeintlich guten Intentionen. Aber auch das übrige Ensemble, für das die im Englischen negative Beschreibung des “phoning it in” hier buchstäblich zutreffend ist, erschafft glaubwürdig dreidimensionale Figuren nur über das Telefon.

Den skyldige ist simpel, aber trotz – oder womöglich wegen – seiner reduzierten Dramaturgie enorm effektiv. Quasi eine Art extrem zurückgenommener Tatort, dessen Twist zwar wenig überraschend ist, aber insofern in Ordnung geht, da Möller in seinem Film nicht den Kriminalfall, sondern Asger in den Mittelpunkt stellt. Zugleich versteht der Regisseur, die Geduld des Publikum nicht zu überstrapazieren, indem der Film nach 90 Minuten ein Ende findet (was heutzutage leider die Ausnahme bildet). Den skyldige ist packend, weil ungewöhnlich inszeniert, belohnt mit einem überzeugenden Hauptdarsteller und veranschaulicht in Zeiten exorbitanter Hollywood-Blockbuster, dass weniger eben manchmal doch mehr ist.

7/10

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