30. März 2018

Mom and Dad

There are children dying, and you’re talking about pigs.

Kinder sind der Anfang vom Ende. Wer ein Kind hat, sagt gleichzeitig seinem alten Leben und seiner Freiheit „adieu“. Fortan dreht sich das eigene Dasein nur noch um Wohl und Wunsch des Sprösslings. Mal spontan wegfahren am Wochenende, abends ins Kino oder auf eine Party zu Freunden – ohne Babysitter können Eltern das vergessen. “They’re noisy, they’re messy, they’re expensive… they smell”, wusste bereits Dr. Alan Grant (Sam Neill) in Jurassic Park – seines Zeichens Wissenschaftler. Kurzum: Kinder kosten viel Geld und Zeit und liefern wenig Ertrag. Kein Wunder also, dass man den kleinen Satansbraten mitunter an die Gurgel will, was gleichzeitig die Prämisse von Brian Taylors netter Horror-Komödie Mom and Dad ist.

Aus heiterem Himmel fangen Eltern darin an, ihrem eigenen Nachwuchs nach dem Leben zu trachten. So auch Brent (Nicolas Cage) und Kendall (Selma Blair), die eigentlich ein semi-beschauliches Idyll mit ihren Kindern Carly (Anne Winters) und Josh (Zackary Arthur) führen. “We do forgiveness. We do family. We do love”, prangert da in Motivations-Blabla an der Wohnzimmer-Wand. Doch der Schein trügt, zumindest bei Carly, der Ältesten. Pubertierend im Teenager-Alter ist sie eine Göre par excellence, Wutanfälle folgen auf Taschendiebstähle, Großeltern-Besuche müssen Dates weichen. “I don’t know about your little angels, mine steals from me every chance she gets”, ätzt Kendall wohlwissend gegenüber einer anderen Mutter.

“We used to be best friends, remember?”, erinnert Kendall ihre Tochter während der morgendlichen Autofahrt zur Schule. Aus dem anhänglichen Kind von gestern, dessen Leben sich um seine Eltern drehte, ist die nervige Schulhof-Zicke von heute geworden. Mit den Eltern will man am liebsten nur noch verkehren, wenn diese einem etwas Materielles/Finanzielles übergeben. Ansonsten sollen sie einen bloß in Ruhe lassen. Und dafür haben die Eltern ihre eigene soziale Freiheit aufgegeben. “I was gonna grab the world by the balls and squeeze it”, erinnert sich Brent an eine Zeit zurück, als er noch Träume hatte. Ehe diese von seinen Kindern zerstört wurden. Zu seinem letzten Ausweg avanciert die Idee eines Billardtisches im Hobbykeller.

Dabei zeichnet Mom and Dad durchaus ein ambivalentes Bild der Eltern-Kind-Beziehung, wenn wir Brent zuvor im Wohnzimmer mit seinem Sohn tollen sehen. Wo am Vater die Abhängigkeit seiner Kinder zehrt, ist es gerade deren steigende Emanzipation, die Kendall zu schaffen macht. “They need you less and less”, realisiert sie, dass jene Menschen, für die sie ihr eigenes Leben aufgegeben hat, nun sie selbst in deren Kosmos immer weniger sehen wollen. “Maybe there needs to be a fucking grown-up zone”, reklamiert Brent deshalb eine Emanzipation vom eigenen Nachwuchs. Weniger „füreinander“ leben als „miteinander“. Sie lieben sie ja schon, vertrauen die Eltern in einer Szene ihren Kindern an. Aber manchmal…

Brian Taylor gelingt es dabei in wenigen Szenen relativ viel über die Beziehung zwischen Schöpfer und Schöpfung zu sagen (das Szenario ließe sich im Grunde auch auf das Verhältnis Gott-Mensch deuten). Geschickt streut er solche authentischen Momente ein, in seinen sonst natürlich extrem überdrehten “family slasher”, der den Kindesmord ins Absurde überspitzt. Ein Konzept, wie gemalt für Nicolas Cage, einen der letzten darstellerischen Irrwische des Kinos. Wie ein von der Leine gelassener tollwütiger Hund dreht der Schauspieler das Nic-Cage-Level auf 11 – lässt aber mitunter dadurch eher leise Sehnsüchte nach einem Kollegen wie John Cusack wach werden. Genauso wie auch Maura Tierney vielleicht eher Selma Blair ersetzt hätte.

Mom and Dad ist eine schräge Metapher über Eltern und ihre Kinder, die nicht erläutert, woher die plötzliche Mordlust der Erwachsenen stammt, da dies nicht relevant ist. Das Ergebnis ist kurzweilig und aufgrund der Prämisse unterhaltsam, obschon natürlich mit etwas mehr Nuancen hier noch stärker Gesellschaftskritik hätte verwoben werden können. Brian Taylors Film bestärkt vermutlich speziell kinderlose Alleinstehende in ihrer Haltung oder wie es eine alte Flamme von Kendall formuliert: “You either die single or you live long enough to see yourself become a cliché.” Insofern ist Mom and Dad vielleicht nicht der ideale Film für einen gemütlichen Familienabend, aber womöglich der ultimative Film darüber, was es bedeutet, Eltern zu sein.

5.5/10

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