19. November 2016

Peter and the Farm

Sudden change.

Mitunter scheint es so, als bräuchte der Mensch nichts im Leben zur Glückseligkeit außer einem Stück Land, das er beackern kann. So zieht sich in Mia Hansen-Løves L’avenir die männliche Hauptfigur mit Freunden in eine Farm-Kommune zurück und in Andrea Arnolds American Honey träumt Shia LaBeoufs Charakter von einem Stück Land im Wald für sich. Als Peter Dunning im Alter von 34 Jahren die Farm seines Vaters übernehmen sollte, dachte er sich, das könnte ja ganz spaßig sein. “Who could’ve imagined 35 years later that it doesn’t feel like fun anymore?”, blickt er heute auf damals zurück. Zwei Frauen und vier Kinder hat er durch seine Farm verloren. Und durch einen Unfall in einem Sägewerk auch beinahe seine linke Hand.

Peter Dunning ist vom Leben gebeutelt und gibt sich offen als Alkoholiker mit Depressionen zu erkennen. So sehr sogar, dass er Regisseur Tony Stone anbot, dieser könne ja seinen Suizid aufzeichnen. Zu diesem kommt es im Laufe von Peter and the Farm nicht, der aber dennoch ein eindringliches Porträt eines scheinbar gebrochenen Mannes um die 70 darstellt. Dunning ist ein Ex-Soldat, der sich inzwischen seit Jahrzehnten als Bio-Bauer verdingt. Manche seiner Kühe melke er, seit er zehn Jahre alt ist. Was angesichts der durchschnittlichen Lebenserwartung der Huftiere von 15 Jahren wohl eher als Metapher gemeint ist. Dunning lebt für seinen Job, auch wenn er durch diesen viel in seinem Leben verloren hat. Allen voran seine Familie.

Würde er seine Kinder anrufen, täten diese nicht einmal abnehmen, berichtet der 69-Jährige. Sein Alkoholismus dürfte dabei keine geringe Rolle spielen, selbst wenn Dunning die meiste Zeit über in der Dokumentation zumindest nicht betrunken wirkt. Regisseur Tony Stone und sein Assistent Dylan Kraus begleiten Dunning dabei wie er seinen Acker pflügt, seine Schafe katalogisiert, mit einem Coyoten-Problem kämpft, zuvorderst jedoch wie er über sein Leben reflektiert. Von der Zeit als er auf Hawaii stationiert war über die Anfänge seiner Farm bis hin zu jenen nächtlichen Stunden, wo er aufsteht, um Rum zu trinken, damit er sein Alkoholdelirium unter Kontrolle kriegt. “I’m living in hell right now”, klagt Dunning mehr als einmal.

Ursprünglich wollte er die Hälfte des Jahres mit Farmarbeit zubringen und sich in der anderen der Kunst widmen. Von all diesen Träumen und Ideen ist wenig geblieben. “This farm becomes me, I’ve become the farm”, philosophiert Dunning. Und erwähnt später mit verzweifelter Stimme, dass ihm die Farm mehr bedeute als sein eigenes Leben. Es muss nicht ausgesprochen werden, dass seine Farm mit ein Grund für Dunnings Selbstmordgedanken ist. Aber eben auch zugleich der Hauptgrund, warum er diesen noch nicht nachgegeben hat. Die jahrzehntelange Monotonie seines Alltags nagt an dem einsamen alten und alkoholkranken Mann, der aber nichtsdestotrotz dennoch die Vorzüge seiner Farm zu schätzen weiß.

“This is a beautiful oasis”, schwärmt er gegen Ende. Und Peter and the Farm weiß durchaus die Schönheit der Farm festzuhalten. Sei es wenn Dunning vor einem zugefrorenen Teich amüsiert aus der Vergangenheit berichtet, während idyllisch um ihn herum Schnee rieselt oder wenn er sich in einem sonnendurchfluteten Sommermonat ein Bier gönnt. Er spricht abschätzig über seine Kinder, berichtet Stones Filmcrew aber dennoch freudig, wie er diesen einst exakt die Orte zeigte, wo er sie während einer Waschbär-Jagd mit deren Mutter im Zelt zeugte. Es fällt dem Zuschauer nicht schwer, mit Dunning zu sympathisieren. Etwas, das offenkundig auch Stone, Kraus und Co. tun – womöglich mehr, als für sie selbst und die Dokumentation gut ist.

Das Besondere an Peter and the Farm liegt zum einen an seiner persönlichen Nähe zu seinem Protagonisten, zum anderen jedoch auch an dessen Allgemeingültigkeit. Letztlich haben die meisten Menschen Träume, die sie nicht in die Tat umsetzen können, um Jahr aus, Jahr ein demselben drögen Arbeitsrhythmus zu folgen. Man hadert mit dem Leben, verzweifelt mitunter an ihm, findet in diesem aber ebenso die schönen Momente. Es ist ein eindringliches Porträt, das Tony Stone mit seiner Dokumentation geschaffen hat. Mal berührend, mal erdrückend, teils trostlos und oft humorvoll. Vollends glücklich ist Peter Dunning mit seinem Stück Land zwar nicht geworden, aber vielleicht auch nicht ganz so unglücklich, wie er behauptet.

7/10

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