8. Juni 2018

The Rider

We don’t talk about that.

Oscar Wilde vertrat die Ansicht, dass das Leben öfter die Kunst imitiere als umgekehrt. Und stand damit konträr zu Aristoteles’ Prinzip der Mimesis, in welcher die Kunst im Zuge einer kathartischen Aufarbeitung das Leben nachahmt. Dabei jedoch eine gewisse Distanz wahrt. So gesehen stellt Chloé Zhaos The Rider eine Art Mittelding aus Mimesis und Anti-Mimesis dar, ist der jüngste Film der Regisseurin doch einerseits vom wahren Leben inspiriert, entfernt sich jedoch nicht allzu sehr von den darin vertretenen Darstellern. Die wiederum mögen in dem Werk, das in seiner Form beinahe schon ein Doku-Drama ist, dennoch durchaus eine Katharsis für sich entdecken, indem sie vergangene persönliche Traumata durch den Film verarbeiten.

In The Rider spielt der junge Rodeo-Cowboy Brady Jandreau quasi eine fiktionalisierte Version seiner selbst. Als Brady Blackburn erleidet die Figur vorab im Off bei einem Rodeoabwurf eine schwere Kopfverletzung. Die folgende Genesung wird überschattet von Zweifeln an der möglichen Zukunft im Rodeo-Sport. Brady weist motorische Störungen auf, ist damit aber dennoch besser gestellt als sein Kumpel Lane (Lane Scott). Der ist inzwischen mit schweren Hirnschäden Patient in einer Vorsorge-Rehaklinik, die Brady wiederholt besucht. Zhao suggeriert dabei in ihrem Film, dass der hierfür verantwortliche Unfall ebenfalls dem Rodeo entstammt, während der echte Lane Scott seine Verletzungen bei einem Autocrash erlitten hat.

Für Brady soll Lane als warnendes und potentiell abschreckendes Beispiel fungieren. So schlimm wie dem Freund erging es ihm selbst nicht, und doch droht auch Bradys Kopftrauma, seiner Rodeo-Karriere ein jähes Ende zu bereiten. Über die potentielle Gefahr ihres Hobbys fachsimpeln eingangs der Geschichte auch Bradys Kumpels, als sie ihn eines Abends aus seinem Zuhause ins Freie locken. Von zehn erlittenen Gehirnerschütterungen berichtet da Bradys Kollege Cat (Cat Clifford). “By NFL standards I should be dead”, referiert er die im US-Football seither für viele Fälle von chronisch-traumatischer Enzephalopathie (kurz: CTE) verantwortlich gemachte Kopfverletzung. Dem Risiko zum Trotz üben sie alle weiter den Sport aus.

“You can’t be rodeoing forever, right?”, fragt da später ein Pfandleiher rhetorisch Brady, als dieser im Begriff ist, seinen Sattel zu verpfänden. Hierin findet sich für die Figur – und wohl auch den Darsteller selbst – die Krux des Problems. Was bleibt ihm schon, außer das Rodeo? Brady besitzt weder einen Schulabschluss, noch hat er eine Ausbildung zu Ende gebracht. Zwar verdingt er sich über weite Strecken als zähmender Pferdeflüsterer, doch ist dies nicht die berufliche Zukunft, die er sich erträumt hat. “I’m not gonna end up like you”, wirft er da seinem Vater Wayne (Tim Jandreau) an den Kopf, der mehr schlecht als recht eine Pferdefarm betreibt. “Sometimes dreams aren’t meant to be”, versucht der den Sohn derweil aufzuklären.

Die schwierige Akzeptanz seiner neuen Situation, die im Widerspruch zu seinem vormaligen Status sowie den eigenen Wünschen und Ansprüchen steht, markiert den Kern von Zhaos Geschichte. Diese wirkt oftmals wie eine gekonnte Mischung aus The Horse Whisperer und The Wrestler, wenn die Regisseurin zwischen den ruhigen, empathischen Momenten der Zähmung hinüber zu einem ungelenk im Leben stehenden Brady wechselt. Wie Mickey Rourkes Herzschwacher Wrestler Randy “The Ram” landet Brady letzten Endes als Aushilfe im lokalen Supermarkt. Das einzige, was von seiner vielversprechenden Karriere bleibt, sind hier und da Gedächtnis-Fotos mit jungen Fans und die Erinnerung an vergangene, bessere, schönere Zeiten.

Randy und Brady leb(t)en beide für ihren Sport. Und als ihre Gesundheit droht, ihnen diesen Sport zu nehmen, kann sie im Grunde auch gleich ihr ganzes Leben ergreifen. Beide Figuren widersetzen sich dabei dem ärztlichen Rat und gehen ihrem Hobby wieder nach. Im Fall von Darren Aronofskys Film am Ende vermutlich mit finalen, tödlichen Folgen. In The Rider muss der Rodeo-Cowboy für sich selbst entscheiden, ob sein Leben ohne seinen Sport nichts wert ist oder er ihm auch abseits davon eine Bedeutung zuteilwerden lassen kann. Dabei ist es bemerkenswert, mit welcher Ruhe die Figur ansonsten durch das Leben geht und ihrer Umwelt begegnet. Die sie jedoch angesichts ihrer eigenen neuen Umstände in sich selbst nicht findet.

So behutsam wie Brady mit dem aufreibenden Temperament der Pferde umgeht, so einfühlsam agiert er auch, wenn er sich mit Lane alte (reale) YouTube-Videos aus besseren Zeiten ansieht. Genauso im Umgang mit Lilly (Lilly Jandreau), seiner jüngeren autistischen Schwester. Auch wenn man hier mitunter in den direkten Szenen zwischen den drei Jandreau-Mitgliedern doch recht deutlich dem Film seine Laiendarsteller anmerkt, gelingt es Brady Jandreau ansonsten recht gut, die Zweifel und Ängste sowie Liebe der Figur zu ihrem Sport einzufangen. Insbesondere in den Momenten, wenn Brady und Lane im Krankenhaus aufeinander treffen und sich physisch wie psychologisch dabei im Verlauf mehr und mehr auf Augenhöhe begegnen.

Die sozialen Hintergründe der Badlands und seiner Bewohner, jener Welt in South Dakota, in der The Rider spielt, dröselt Chloé Zhao vielleicht etwas unzureichend auf. Wieso bleibt den jungen Männern hier nur das Rodeo als einziger Ausweg? Derart so, dass sie buchstäblich ihr Leben aufs Spiel setzen? Vielleicht hätte hier ein Einblick oder mehr Präsenz von Cat Clifford den Film noch etwas runder gemacht. Aber auch so stellt The Rider eine gelungene und schön fotografierte Nachahmung des Lebens seiner Darsteller dar. In einer Tragödie, so Aristoteles, gehe es weniger um die Nachahmung von Menschen, als um die einer Handlung und Lebenswirklichkeit. Insofern hat Chloé Zhao die aristotelische Mimesis dann wohl doch sehr gut getroffen.

7/10

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