15. September 2009

The Sandman Vol. 1: Preludes & Nocturnes

What power would HELL have if those here imprisoned were NOT able to DREAM of HEAVEN?
(A Hope in Hell, p. 22)

Vor einiger Zeit kam er schon ein Mal in der Besprechung zu Coraline zur Sprache. Der britische Autor Neil Gaiman zählt zu den großen Namen im Fantasy-Genre. Sei es wegen seiner Romane wie ebenjener Coraline oder auch seiner Werke von Stardust bis hin zu American Gods. Was Gaimans Arbeiten wie Neverwhere auszeichnet, ist seine etwas naiv-phantastische Art, mit der der Brite seine Geschichten erzählt. Das mag mal etwas carrollesk sein, wie bei Coraline, und dann auch mit verspieltem Ansatz, wie in Stardust. Jede Menge Kudos wird Gaiman zwar auch wegen einigen der oben genannten Werke entgegengebracht, am Meisten allerding aufgrund seiner Comic-Serie The Sandman. Mit ebenjener Reihe schaffte es Gaiman sogar in die Bestsellerliste der New York Times vorzustoßen. Etwas, das zuvor nur bahnbrechenden Comics wie Alan Moores Watchmen oder Frank Millers The Dark Knight Returns gelungen war.

Die The Sandman-Reihe erschien dabei Ende der achtziger Jahre – genauer gesagt Januar 1989 – bis Mitte der Neunziger hinein. Und in der Tat lässt sich gerade in den ersten acht Ausgaben, die im ersten Band Preludes & Nocturnes enthalten sind, fraglos eine Art Zeitgeist der Achtziger entdecken. Im Folgenden sollen die einzelnen Bände hier an dieser Stelle besprochen werden bzw. Erwähnung finden. Denn eine Filmadaption ist sicherlich nur eine Frage der Zeit, wie auch Gaiman selbst, der bereits an einem Drehbuch für eines seiner Spin-Off-Comics zur Sandman-Reihe arbeitet, eingestanden hat. Hinsichtlich des ersten Bandes lässt sich konstatieren, dass er zwar einerseits gaimanesk ist, andererseits aber auch nicht. Die acht Ausgaben unterscheiden sich von ihrem Ton, sowohl inhaltlich als auch vom Zeichenstil. Letzteres mag aber auch nur daran liegen, dass Mike Dringenberg nach sechs Ausgaben Sam Kieth als Zeichner ersetzte. Dabei unterscheidet sich The Sandman von Gaimans anderen Werken schon alleine deshalb, weil er hier seine Naivität aufgibt und sich auf den düsteren Charakter seiner Geschichte beschränkt.

Die erste Ausgabe, Sleep of the Just, setzt dabei den Ton und führt in den Handlungsstrang ein, der den gesamten ersten Band durchziehen wird. Erzählt wird von Roderick Burgess, der gemeinsam mit einer Untergrundgesellschaft im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts versucht Death, den Tod, in einer Zeremonie heraufzubeschwören und gefangen zu nehmen. „No one need ever die again“, wird das – offensichtliche – Motiv gleich auf der zweiten Seite enthüllt. Doch die Zeremonie läuft schief und statt Death landet ihr Bruder Morpheus, auch bekannt als Dream, der Herr der Träume, in ihrer Mitte. Sicherheitshalber wird auch dieser in eine Glaskugel verbarrikadiert und dort über siebzig Jahrzehnte von einer Generation zur nächsten als Geisel gehalten. Sleep of the Just befasst sich zum einen mit der Inhaftierung von Dream und den Versuchen des jeweiligen Burgess (erst Vater, dann Sohn), Dream zum Reden zu bringen. Zum anderen werden die Auswirkungen von Morpheus’ Verschwinden gezeigt, die bei etlichen Menschen zu Schlafstörungen bzw. –krankheiten führen. Dream selbst wirkt hier noch reichlich kalt, da man über ihn selbst kaum etwas erfährt.

Auch die darauffolgende Ausgabe, Imperfect Hosts, stellt im Grunde nichts als eine weitergeführte Exposition dar. Nett sind die beiden Referenzen bzw. der Einbezug von Kain und Abel sowie den drei Hexen aus Shakespeares Macbeth. Die erste Hälfte dieser Ausgabe wirkt etwas spielerischer, was wohl an Kains Malträtierungen gegenüber seinem jüngeren Bruder liegt, sowie der Integration der niedlich dargestellten Gargoyle. Dabei ist jener Handlungsstrang, ebenso wie Dreams Rückkehr in seinen inzwischen zerstören Palast, nichts als bloßes Setting. Die drei Schwestern hingegen bringen die Handlung voran, wenn sie Dream verraten, wo seine drei Besitztümer sind, ohne die er nicht regieren kann und die ihm seiner Zeit Burgess bei seiner Gefangennahme abgenommen hatte. Wirklich sympathisch wirkt Morpheus jedoch immer noch nicht, sind seine Züge doch meist von einem diabolischen leichten Grinsen begleitet und seine Pupillen allein durch ihre Rotfärbung bedrohlich. Letztlich handelt es sich hierbei nur um eine weitere Exposition, die in zwei Panels jeweils die bekannten DC-Charaktere Batman und Constantine kurz einbezieht.

Letzterer wird schließlich in Dream a Little Dream of Me zur zweiten Hauptfigur, wenn Dream ihn aufsucht, um mit seiner Hilfe an seinen (Schlaf)Sand zu gelangen. Die dritte Ausgabe erinnert von ihrem Aufbau und ihrer Umsetzung her weniger an die vorherigen Ausgaben und eher an ein Abenteuer von John Constantine. Diesem Aspekt wollten Gaiman und Kieth wohl auch Tribut zollen, sodass in der Tat eine aus Hellblazer bekannte Atmosphäre aufzukommen vermag. Etwas enttäuschend ist lediglich die Klimax, die entgegen Dreams Proklamation („This place is not SAFE for you“) dann doch relativ weichgespült daherkommt. Ein Flur aus menschlichen Innereien stellt keine Bedrohung dar, wenn er mit einem einfachen Wort von Dream zur Ruhe gebracht werden kann. Immerhin öffnet sich Dream etwas und zeigt sich gegen Ende auch sehr entgegenkommend in Bezug auf Constantine. Zwar gefällt in Dream a Little Dream of Me sowohl die Atmosphäre wie auch die Charakterdarstellung und Kieths Zeichenstil, doch enttäuscht die unspektakuläre Klimax gerade wegen ihrer so sorgfältigen Exposition dann doch gewaltig.

Mit A Hope In Hell beschreitet die Reihe nun erstmals neue, phantastische Wege. Um sein nächstes Artefakt zurück zu erlangen, muss sich Dream geschwächt auf in die Hölle machen. Hier stellt er verwundert fest, dass statt Luzifers Diktatur nunmehr ein Triumvirat herrscht, teilt sich der Morgenstern doch die Herrschaft über die Hölle gemeinsam mit Belzebub und Azazel. Nachdem Morpheus den Dämon ausfindig gemacht hat, der seinen Besitz an sich gerissen hat, lässt er sich mit diesem auf eine sehr philosophische Art von Poetry Slam bzw. Battle ein. Das ironisch-harmonische Ende dieses Battles – die Hoffnung obsiegt -, welches im Grunde mit Dreams Walk-Off nochmals ein Echo erhält, stellt den Höhepunkt dieser vierten Ausgabe dar. Kieth zeichnet die Hölle als einen im Grunde kargen Ort, beherbergt von abstrusen Dämonen wie den Türsteher Squatterbloat. Interessanterweise erinnert Luzifers Darstellung an Tilda Swintons Portraitierung des Erzengels Gabriel in der Hellblazer-Adaption Constantine (in welcher Peter Stormare Luzifer darstellte). A Hope In Hell ist bisher die phantasiereichste Ausgabe der Sandman-Reihe und weiß besonders durch Dreams Sieg bzw. dessen Umsetzung zu gefallen.

Was zum Ende von Preludes & Nocturnes hin folgt, war mit Passengers der Auftakt zu einer Trilogie innerhalb des ersten Bandes. Der wahnsinnige John Dee, auch bekannt als Doctor Destiny, flieht aus dem Arkham Asylum und reist per Anhalter zu Dreams letztem Artefakt. Dees Fahrt mit einer jungen Frau zeichnet ihn äußerst sympathisch, umso verstörender die anschließende Katharsis, die bereits in dieser Ausgabe einsetzt, in der Nächsten jedoch ihren Höhepunkt erreicht. Währenddessen ist auch Dream mit Hilfe einiger Mitglieder der Justice League of America bemüht, rechtzeitig seinen roten Rubin in die Hände zu kriegen, um damit wieder zu alter Stärke zu finden. Zu Beginn wartet eine weitere Batman-Referenz auf den Leser, wenn Dee bei seiner Flucht aus Arkham Jonathan Crane a.k.a. Scarecrow begegnet. Wirklich überzeugen vermag Passengers nicht ganz, da die Ausgabe selbst lediglich Auftakt für das umso brachialere 24 Hours darstellt und man zudem am Ende nicht sonderlich nachvollziehen kann, wieso Dream derart hilflos ist. Dennoch ist gerade die Darstellung von John Dee hier zum einen besonders gut und zum anderen weitaus bedrohlicher als in den kommenden beiden Ausgaben.

Mit 24 Hours und der sechsten Ausgabe erreicht dann nicht nur die Doctor-Desitiny-Trilogie ihren Höhepunkt, sondern auch Preludes & Nocturnes. Die Ausgabe zeichnet sich dadurch aus, dass Dream und seine Jagd auf den Rubin hier eigentlich keine Rolle spielen, auch wenn der Herr der Träume im letzten Panel noch zur Geschichte hinzu stößt. Stattdessen gehört Dringenbergs Sandman-Debüt als Zeichner ganz alleine John Dee, der einige Gäste eines Straßendiners als Geiseln nimmt und sie zu seiner psychologischen Befriedigung quält. Was damit beginnt, dass sie das Diner nicht mehr verlassen können, steigert sich Stunde um Stunde über eine Massenorgie bis hin zum gegenseitigen Abschlachten. Mitten drin ist stets Doctor Destiny, der dank Dreams Rubin die Gedanken seiner Mitmenschen beeinflussen kann. Was Gaiman hier schafft ist weitaus düster und klaustrophobischer als seine Romane zusammen. Die emotionale Intensität, wenn Dee seine Geiseln an den Rand des Wahnsinns und darüber hinaus schickt, in vielen Panels ergreifend. So ist 24 Hours fraglos das Herz des ersten Bandes der Sandman-Serie.

Dagegen baut die vorletzte Ausgabe, Sound and Fury, als Finale der Mini-Serie innerhalb der Serie dann wieder ab. Der Traum-Kampf zwischen Dream und Dee ist ähnlich wie die Klimax in Dream a Little Dream of Me etwas enttäuschend. Zwar erschaffen Gaiman und Dringenberg einige nette Bilder, zum Beispiel Dee, der in einem leeren Panel seinen Sieg errungen zu haben scheint, doch will dieser „Endkampf“ des ersten Bandes nur bedingt gefallen. Dass die Situation für Dream im Grunde dramatisch ist, kommt durch das Geschehen nicht zum Ausdruck. Am Ende ist es dann eher glücklich, dass der Herr der Träume obsiegt, die Auflösung selbst dabei weitaus einfallsloser als das philosophische Battle zwischen Dream und dem Dämon in A Hope In Hell. Was hervorsticht, ist der Wandel in Morpheus’ Figur. Seine Züge haben nun etwas freundlicheres, das Lächeln, welches seine Lippen zu Beginn noch diabolisch umspielte, wirkt nun sehr viel besonnener und hat erinnert an ein neugieriges Interesse eines Gottes. Eigentlich markiert Sound and Fury den Abschluss des ersten Bandes, hat Dream doch seine Artefakte wieder und die Ordnung ist erneut hergestellt.

Insofern kann The Sound of Her Wings eher als eine Art Epilog verstanden werden, der allerdings neben 24 Hours und A Hope In Hell zu den stärksten Geschichten des ersten Bandes zählt. Hier wird auch zum ersten Mal Dreams Schwester Death eingeführt, von der in der ersten Ausgabe lediglich die Rede war. Death selbst gibt sich in ihrem menschlichen Erscheinungsbild noch gothiger als Dream und leistet im Grunde die gesamte Ausgabe hindurch Aufbauarbeit nach der jahrzehntelangen Gefangenschaft ihres Bruders. Dass es sich bei The Sound of Her Wings um einen Epilog handelt merkt man auch im ruhigen und ereignislosen Aufbau der Geschichte. Indem Death ihren Bruder zu ihrer „Arbeit“ mitnimmt, zeigt sie ihm seinen Platz im Universum bzw. den Platz des Universums in ihm. Dementsprechend hat die Ausgabe einen therapeutischen Charakter, welcher zwar nicht herausragend ist, aber seine Momente hat. Zu Verdanken ist dies primär der Hinzufügung von Death, die sich als warmherziges und zugleich gnadenloses Rad in der großen Maschine des Lebens präsentiert.

Insgesamt weiß Preludes & Nocturnes somit zu gefallen und zu überzeugen, gerade die Tatsache, dass Gaiman auch im Stande ist eine phantasievolle Geschichte ohne märchenhaft-kindliche Konnotation zu erzählen. Sein Debütband der Sandman-Reihe zeigt hierbei mehrere Gesichter, egal ob humoristische Elemente, philosophische Aspekte oder horrorartige Szenarien. Dream selbst wird von Ausgabe zu Ausgabe sympathischer, offener, wärmer und insofern auch zugänglicher für den Leser. Der Zeichenstil wiederum weiß unter Dringenbergs Leistung ebenfalls besser zu gefallen als zu Beginn unter Kieth. Die Stimmung und Atmosphäre ist sichtlich geprägt von den achtziger Jahren, weshalb es interessant sein wird, den Wandel der Zeit auch innerhalb des Comics mitverfolgen zu können. Sicherlich hat Preludes & Nocturnes seine schwächeren Momente, bietet aber – sowohl hinsichtlich Dream als auch Death, ganz zu schweigen von den anderen Endlosen – auf jeden Fall noch weitaus mehr Potential als Gaiman bisher zu zeigen vermochte.

8/10

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