19. Juli 2013

Jaws

Here lies the body of Mary Lee / Died at the age of 103
For 15 years she kept her virginity / Not a bad record for this vicinity.


Wenn er schon den Mythos vom Hai als Menschenkiller nicht mit seinem zweiten Kinofilm Jaws erschuf, so bestärkte ihn zumindest Regisseur Steven Spielberg vor 38 Jahren. Sein rund acht Meter langer weißer Hai hinterließ nicht nur an den Kinokassen und in der Popkultur bleibenden Eindruck, sondern auch im kollektiven Gedächtnis der Zuschauer. Dabei sind Haie wahrlich keine Menschenmörder, zumindest nicht im Vergleich zu anderen Spezies. Im vergangenen Jahr verliefen bei weltweit 70 Angriffen durch Haie sieben davon tödlich. Allein in den USA starben im selben Zeitraum 38 Personen durch Hunde, vornehmlich Pitbulls. Der Mensch hingegen tötet laut WildAid zufolge jährlich bis zu 100 Millionen Haie.

Die Marke von 100 Millionen überschritt auch Jaws hinsichtlich seines Einspielergebnisses in den USA – was zuvor noch keinem Film gelungen war (One Flew Over the Cuckoo’s Nest sollte es Ende desselben Jahres allerdings ebenfalls schaffen). Bis zur Veröffentlichung von George Lucas’ Star Wars zwei Jahre später war Jaws der erfolgreichste Film aller Zeiten – dabei war er von einer problematischen Produktion geplagt. Im Sommer zuvor hatte man statt wie geplant 55 Tage über fünf Monate an der Ostküste in Martha’s Vineyard verbracht, die Kosten für Jaws hatten sich von rund vier auf neun Millionen Dollar mehr als verdoppelt. Was ein Jahr später folgte, war dann die Geburtsstunde des Sommer-Blockbusters.

Mit geschuldet war dies auch der bis dato unnachahmlichen Bewerbung des Films durch Universal, die nicht nur auf dem Erfolg der gleichnamigen Romanvorlage von Peter Benchley fußte, sondern auch mannigfaltig im Fernsehen geschaltet wurde. Die Antizipation stieg beim Publikum immer mehr und als der Film dann 1975 in 409 Kinos landesweit anlief, stellte er einen weiteren Rekord auf. Jaws lief den ganzen Sommer lang vor ausverkauftem Haus, mit etwaigen Wiederaufführungen in den folgenden Jahren sollte die 9-Millionen-Dollar-Produktion ihren Produzenten rund 470 Millionen Dollar einspielen. Wohl insbesondere diesem Film haben Steven Spielberg und Komponist John Williams ihre Karrieren zu verdanken.

Gerade in Hinblick auf seine Filmografie der vergangenen 20 Jahre sieht man in Jaws recht anschaulich, zu welch mediokrem Regisseur Spielberg seither verkommen ist. “I was more courageous, or I was more stupid. I’m not sure which”, blickte Spielberg selbst in Laurent Bouzereaus The Making of Steven Spielberg’s ‘Jaws’ auf sein damals 26 Jahre altes Ich zurück. Zuvor hatte er für Universal The Sugarland Express abgedreht, die Ähnlichkeiten von Jaws zu seinem Debütfilm Duel weckten dann sein Interesse an dem Projekt. Auf offener See und mit einem mechanischen Hai wollte der junge Spielberg die Romanadaption umsetzen. Ein Erlebnis, das ihm in den kommenden Jahren viele Albträume bescheren würde.

“Had we read it twice”, sagte Produzent David Brown in Bouzereaus Film, “we never would have made Jaws. Als produktionstechnisch zu aufwendig wäre der Film eingeschätzt worden. Zur Legende wurde der obligatorische Funkspruch am Set, dass der mechanische Hai nicht funktionieren würde. Aus der Not – hier zeigt sich mit die Qualität des frühen Spielberg – wurde, wie sich zeigen sollte, eine Tugend gemacht. Die Anwesenheit des Haies deutete man schlicht an: entweder mittels der kongenialen Musik von John Williams und seinem unverwechselbaren Ostinato des Themes oder durch Objekte, die der Hai hinter sich herzog wie Piere, Menschen sowie Fässer. “That really saved us”, bestätigte auch Produzent Richard D. Zanuck.

Die Handlung des Films ist dabei recht simpel. Mitten in der Hochsaison und kurz vor dem Nationalfeiertag des 4. Juli ereignet sich in dem vom Sommertourismus lebenden Inselstädtchen Amity Island ein tödlicher Haiangriff auf eine junge Frau. Während der vom Festland stammende Polizeichef Brody (Roy Scheider) zur Sicherheit den Strand sperren will, möchte Bürgermeister Vaughan (Murray Hamilton) keine Massenpanik auslösen. Weitere Todesfälle rufen infolgedessen den Marinebiologen Hooper (Richard Dreyfuss) sowie den Haifischjäger Quint (Robert Shaw) auf den Plan, mit denen gemeinsam sich Brody daraufhin aufmacht, den riesigen weißen Hai auf offener See zu finden und zu töten.

Im Vordergrund – und daran sind die technischen Probleme am Set nicht unschuldig gewesen – stehen in Jaws die Charaktere, nicht der Hai und auch nicht unbedingt die von ihm ausgehende Bedrohung. Der nach Amity Island gezogene Brody sieht sich nicht nur mit einem Hai-Problem in einem ihm unbehaglichen Element konfrontiert, sondern in Person von Vaughan und den vom Tourismus abhängigen Einwohnern auch einem solchen auf dem Land. “Amity is a summer town. We need summer dollars”, erklärt Vaughan. Die Crux der Situation ist, dass sowohl Brody als auch der Zuschauer in gewisser Weise die Position von Vaughan und der Stadt bezüglich einer Schließung der Strände nachvollziehen kann.

Städte wie Amity Island leben vom Sommertourismus und fällt eine Saison aus, sind womöglich Existenzen gefährdet – und für Vaughan seine Wiederwahl. Zugleich ist auch dem Zuschauer so klar wie Brody, dass der Hai eine ebenso große Gefahr darstellt – für den Tourismus wie das Wohl der Badenden. Die ersten zwei Akte von Jaws auf Amity Island sind somit in gewisser Weise fast ein Film für sich, voll von lokalpolitischen Untertönen und Existenzangst in doppelter Hinsicht. Mit Brody als Identifikationsfigur kann sich das Publikum auf einer Wellenlänge „hinaus ins Meer“ wagen: Von seiner ersten impulsiven Entscheidung über seine folgende passive Akzeptanz bis hin zu seiner aktiven Kehrtwende.

Der Hai fungiert gerade in der ersten Filmhälfte fast als Chimäre, eine unsichtbare Gewalt, die sich bloß über ihre Opfer nachvollziehen lässt. Dass das Tier nicht zu sehen ist, steigert die (An-)Spannung nur umso mehr. Von der Untersichtaufnahme Chrissies zu Beginn über die Pierattacke auf Denherder und Charlie bis zum Ableben des Kintner-Jungen. Erst bei seinem Angriff im Ästuar erhält man als Zuschauer einen wirklichen Eindruck vom Umfang des Haies. Und trotz seines damaligen PG-Ratings schafft es der Film überraschend gekonnt einige minimale aber dennoch effektive Gore-Szenen abgetrennter Körperteile zu zeigen, sei es Chrissies Unterarm, Ben Gardners Kopf oder das Bein des Ästuar-Seglers.

Dienen die ersten beiden Akte der dramatischen Exposition und sind dahingehend von nicht zu leugnenden Horrorelementen durchzogen, läutet Spielberg das Schlussdrittel mit John Williams’ vergnüglichem, an einer Piratenthematik orientierten, Stück „Out to Sea“ als von einem Abenteuercharakter durchzogenes Finale ein. Die vier Hauptfiguren – Brody, Hooper, Quint und der Hai – sind nunmehr unter sich und auf sich allein gestellt. “This isn’t no boy scout picnic”, grummelt Quint. Auf hoher See nimmt Jaws dann mehr seiner Qualitäten von Moby Dick an, wenn der Hai nach und nach die Orca überprüft, während die drei Männer erst ein und dann immer mehr Luftfässer in seine Finne und Rücken jagen.

Die auf- und abtauchenden Fässer des sich immer wieder nähernden und entfernenden Haies tragen zur Dramatik weit mehr bei als es Spielbergs mechanischer Animatronic vermocht hätte. Auch hier nimmt sich der Regisseur die Zeit, die Hai-Szenen durch intensive Charaktermomente zu unterbrechen. Der abendliche Narbenvergleich zwischen Hooper und Quint ist inzwischen längst Teil der Popkultur und wurde sowohl in Lethal Weapon 3 als auch in Chasing Amy zitiert. Derweil ist Spielbergs persönliche Lieblingsszene jener Indianapolis-Monolog von Quint, der auf einer Idee von Skript Doktor Howard Sackler basierte, die von John Milius erst aus- und von Robert Shaw schließlich nochmals überarbeitet worden war.

In gewisser Weise reißt somit Shaw, dessen Figur bis auf eine Szene weitestgehend abwesend war, im dritten Akt gemeinsam mit der verstärkten Präsenz des Haies das Geschehen an sich. Das Moby Dick-Motiv nimmt immer mehr zu und kulminiert letztlich in Shaws Tod durch das Tier. Unterdessen war der zuvor agierende Brody immer mehr in den Hintergrund gerückt und wird erst zum Schluss wieder richtig aktiv als alles verloren scheint. Die Dramaturgie will es, dass der Antagonist des Films am Ende weder vom Haifischjäger noch vom Meeresbiologen gestoppt wird. Vielmehr ist es der auf Amity Island nach Frieden suchende Polizist aus New York, der das enorme Biest zur Strecke bringen muss.

Wenn man so will, ist Marcus Brody also der Antiheld der Geschichte. Der vor den grausamen Morden des Big Apple flieht, um im beschaulichen Inselstädtchen mit nicht minder verunstalteten Leichen konfrontiert zu werden. Roy Scheider gibt seinen Polizeichef dabei als vernünftigen Normalo und fürsorglichen Vater. Ein every man, wie er später in nahezu jedem Spielberg-Werk auftauchen wird. Auch Robert Shaw, Murray Hamilton und Richard Dreyfuss überzeugen in ihren jeweiligen Rollen, wobei man als Zuschauer dankbar sein muss, das sich Spielberg gegen die Darstellung der Affäre zwischen Hooper und Ellen Brody (Lorraine Gary) – wie in Peter Benchleys Roman geschildert – entschieden hat.

Interessanterweise scheinen es, vielleicht auch nur in den 1970er Jahren, jene Filme mit großen Problemen in der Produktion wie Jaws, The Godfather oder Apocalypse Now zu sein, die infolgedessen statt zum Flop zu Meisterwerken der Filmgeschichte avancierten. Wie sich zeigte, sollte zumindest Jaws von seinen Verzögerungen letztlich profitieren, was sich neben der angedeuteten Präsenz des Haies auch in so manchen improvisierten Szenen – darunter Scheiders Kultzitat “You’re gonna need a bigger boat” – niederschlug. Durch die oft im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser gefallenen Einstellungen konnten Darsteller und Drehbuchautor Carl Gottlieb vor Ort kontinuierlich am Endprodukt feilen.

Der fertige Film und sein kulturelles Erbe wirken da natürlich wie Balsam, dennoch verschleierte Spielberg nie, dass neben einem lachenden auch ein weinendes Auge existiert. “A fun movie to watch”, nennt er Jaws da völlig korrekt, “but not a fun movie to make”. Der Zweck heiligt die Mittel, ließe sich wohl sagen. Jaws ist ein Film, der auch nach bald 40 Jahren nichts von seiner Klasse eingebüßt hat und fraglos zu Spielbergs wenigen wirklichen Meisterwerken zählt. Und genau genommen gewinnt der Film nur noch mehr an Qualität, wenn man sich anschaut, welche Filme der Regisseur heutzutage macht. Weshalb Steven Spielberg gut daran täte, mal wieder den mutigen 26-Jährigen von einst in sich herauszukitzeln.

10/10

Kommentare:

  1. Eine sehr schöne Besprechung zu einem wunderbaren Film, den ich zu meinen Lieblingsfilmen zähle. Also mal wieder Einigkeit. Selbst dem Schlusssatz kann ich zustimmen, wenngleich ich die meisten heutigen Spielbergs auch noch mag. An die Klasse eines "Jaws" kommt er aber nicht mehr heran.

    AntwortenLöschen
  2. Ok, den sollte ich mir auch noch mal anschauen, ist schon zu lange her. Klasse Film, da geb ich dir Recht, und schöne Besprechung!

    AntwortenLöschen