11. August 2009

Los abrazos rotos [Zerrissene Umarmungen]

Films have to be finished, even if you do it blindly.

In der 179. Ausgabe der Süddeutschen Zeitung dieses Jahres widmete sich der Feuilleton-Teil auf einer Seite dem spanischen Regisseur Pedro Almodóvar und seinem neuesten Film Los abrazos rotos. Marcus Rothe erklärte, der Spanier sei „einer der letzten richtig großen Autorenfilmer“ und Rainer Gansera setzte noch einen drauf, indem er Almodóvar zur „Galionsfigur des spanischen Kinos“ erhob. Mit seinem aktuellen Film beweist Almodóvar, dass beide Recht haben, denn Los abrazos rotos ist erneut großes Gefühlskino, mit dem typischen Humor des spanischen Auteurs. Obschon Almodóvar seit fast 30 Jahren Filme dreht, ist ihm der weltweite Ruhm erst Ende der neunziger Jahre zugeflogen, mit seinen beiden Oscarprämierten Dramen Todo sobre mi madre und Habla con ella.

Und wenngleich ihn Rainer Gansera auch zur Galionsfigur erhebt, weiß Marcus Rothe, dass Pedro Almodóvar in Spanien weitaus weniger geschätzt wird, als anderswo in Europa. Und wirklich warm werden sie wohl auch nicht mehr mit ihm werden, erfindet sich der homosexuelle Regisseur filmisch doch eher selten neu. Stattdessen besinnt sich Pedro Almodóvar auf das, was er kann und kennt, und umgibt sich hierbei auch mit Darstellern, die dem gerecht werden. Seit Carne trémula von 1997 ist sein aktueller Film die vierte Zusammenarbeit mit seiner gegenwärtigen Muse Penélope Cruz. Die ist damit im Vergleich zu Antonio Banderas, Cecilia Roth und allen voran Carmen Maura noch relativ neu in Almodóvars künstlerischem „Harem“.

Wie so oft dreht sich auch in Los abrazos rotos alles um Beziehungen. Es ist eine verschachtelte Geschichte, die sich im Jetzt und im Madrid von 1992 respektive 1994 abspielt. Eine Geschichte ohne große Überraschungen, die jedoch gerade aufgrund ihrer Simplizität aus der Masse an Dramen herausragt. Zu Almodóvars Künststück zählt es auch, dass man stets mit seinen Figuren mitfühlt. Dies gelingt dem Auteur zu Beginn schon allein dadurch, indem er den älteren, blinden Harry (Lluís Homar) mit einer jungen Frau ins Bett steigen lässt, nachdem sie ihm über die Straße geholfen hat. Wie salopp er und seine langjährige Produzentin und Freundin Judit (Blanca Portillo) mit der Situation hinterher umgehen, ist derart lustig und charmant, dass einen der Spanier schon nach wenigen Minuten auf seine Seite zieht.

Ein großes Problem hat Los abrazos rotos dennoch: die narrativen Verknüpfungen der Gegenwart mit der Vergangenheit wirken meist sehr konstruiert. Personifiziert wird dieses Bindeglied quasi mit der Figur des Jungregisseurs Ray X (Rubén Ochandiano), zwar auf gewisse Art omnipräsent, aber über den Almodóvar sehr wenig preisgibt. Als Stein des Rückblenden-Anstosses will Ochandianos Charakter nicht so wirklich funktionieren, wie auch der Schauspieler selbst im Ensemble rund um die erfahreneren Almodóvar-Zöglinge Cruz, Homar, Portillo und Manver ebenso deutlich zurücksteht, wie gegenüber dem sechs Jahre jüngeren Navas. So ist sein Ernesto Martel Jr. letztlich eine verschenkte Figur, die im Trubel um die Hauptfiguren mehr als es die restlichen Nebendarsteller untergeht.

Auch der Exposition der Dreiecksbeziehung wäre besser geholfen gewesen. So verkommt Lenas (Penélope Cruz) „Liebe aus Dankbarkeit“ zu einer leichten Plattitüde, welche die Gefühle für Mateo schließlich als etwas Unausweichliches darstellt, was ihre Liebe entromantisiert. Allein da sich Regisseur und Hauptdarstellerin der klischeehaften Affäre hingeben, selbst wenn die die vorausgegangenen Umstände dies noch verstärken. Schade ist das schon, ist der Film ansonsten doch relativ kokett in seiner legeren Aufmachung. Da passt dann auch das Ende, das einen weitaus zufriedener zurücklässt, als es unter denselben Umständen bei anderen Filmen der Fall wäre. Hilfreich auch hier dann wieder Almodóvars liebevoller Humor, der sogar seinen Weg in den Film im Film („Frauen und Koffer“) findet.

Grundsätzlich ist Los abrazos rotos jedoch ein emotionaler Film mit einer klassischen Geschichte, bei dem die inhaltlichen Schlaglöcher die Fahrt der Gefühle weitaus weniger aus der Spur bringen, als man glauben mag. Das liegt auch an dem sanguinischen Spiel aller Beteiligten, allen voran Penélope Cruz, aber auch Portillo und Homar, die mit Almodóvar zuvor in Volver und La mala educación arbeiteten, stechen hervor. So ist im Nachhinein Almodóvars neuester Film vielleicht nicht sein bester, fügt sich aber problemlos in sein starkes Œuvre ein. Und wenn er mit seiner 17. Regiearbeit im 60. Lebens- und fast 30. Schaffensjahr immer noch Akzente setzt, dann ist er wohl wirklich nicht nur die „Galionsfigur des spanischen Kinos“, sondern auch „einer der letzten richtig großen Autorenfilmer“.

7.5/10

Kommentare:

  1. Bei denen von MovieMaze kann ich offensichtlich nicht Paste & Copy praktizieren. Egal. Zu Beginn des fünften Absatzes schreibst du ja, dass der Film ein wenig unter der Konstruiertheit des Plots leidet. Das die Story sehr, sehr konstruiert ist, ist durchaus richtig. Nur stelle ich mir schon den ganzen Abend die Frage, ob dies nicht vielleicht sogar als stilistisches Mittel gewollt war, denn eigentlich geht es in dem ganzen Film über um Konstrukte. Nur mal so ein Gedanke zu später Stunde... :)

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  2. Ich meinte hier speziell Ray X, der ja nur integriert wird, um den Übergang zu Vergangenheit zu schaffen, wobei die Figur selbst zumindest in meinen Augen einfach nur unwichtig ist (zumindest in der Gegenwart), sieht man davon ab, dass sie Erinnerungen wach ruft. Wie sie jedoch eingebaut wird - gerade zum Ende hin - fand ich eben störend da nutzlos und verschenkt. Aber das sieht natürlich jeder anders.

    Und Copy/Paste geht bei MovieMaze nicht, das ist richtig :-)

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