26. Oktober 2008

Vorlage vs. Film: The Golden Compass

Northern Lights (1995)

Das Fantasygenre wurde für große Epen geboren. Hier kann man sich austoben, hier lassen sich neue Welten erschaffen. Eigene Strukturen, eigene Richtlinien und doch meist sehr viel Vertrautes. Durch die Kraft der Phantasie ermöglichen sich Abenteuer ungeahnten Ausmaßes. Michael Ende schickte Bastian Balthasar Bux und mit ihm die Leser auf eine unendliche Geschichte ins sprichwörtliche Fantasien. Ungeachtet der Tatsache, dass Ende ein Buch verfasste, welches in einer Kinotrilogie mündete, verfügen einige verfasste Epen über eine Trilogie. Die bekannteste und beliebteste unter ihnen ist sicherlich J.R.R. Tolkiens The Lord of the Rings. In seiner Trilogie – die ironischerweise nie als solche verfasst wurde – erschuf Tolkien nicht nur mit Mittelerde einen ganzen imaginären Kontinent, sondern auch individuelle Kulturen mit eigenen Sprachen. Wenige Jahre vor Tolkien hatte dessen Freund C.S. Lewis mit den Chronicles of Narnia bereits eine siebenteilige Saga verfasst – einer Saga von Parallelwelten und prophezeiten Konflikten. Erst in den letzten Jahren hatte J.K. Rowling mit ihren sieben Harry Potter-Bänden für einen neuerlichen Boom im Fantasygenre gesorgt, der in Arbeiten von Christopher Paolini (Eragorn) und Eoin Colfer (Artemis Fowl) seinen Ausdruck fand. Doch bereits vor Rowling hatte 1995 der britische Autor Philip Pullman mit seinem Roman Northern Lights seine His Dark Materials-Trilogie eingeleitet, die im letzten Jahr ihre erste Verfilmung fand. New Line Cinema unter ihrem Vorsitzenden Toby Emmerich sicherten sich die Rechte, nachdem ihre von Peter Jackson umgesetzte Lord of the Rings-Trilogie zu einem der erfolgreichsten Franchises aller Zeiten aufstieg. Mit His Dark Materials gelang es Pullman sich ebenso einen Namen zu machen, wie zuvor den Kollegen Lewis, Tolkien und Rowling.

Im Grunde ist Northern Lights kein wirkliches Kinderbuch, zumindest nicht in dem Maße, wie bei Harry Potter der Fall. Pullman konfrontiert den Leser gleich zu Beginn mit komplexen Themen, die er zu diesem Zeitpunkt nicht ansatzweise erklärt. Die Rede ist von Dust und geteilten Kindern, verwickelt in das Ganze sind auch Iofur Raknison und Stanislaus Grumman. Selbst als Erwachsener muss man hier den Überblick behalten, wenn man auf den ersten Seiten nicht die Geschichte aus den Augen verlieren möchte. Dass die hier bezeichneten Namen und Objekte erst mehrere hundert Seiten später aufgegriffen und allmählich erläutert werden, dürfte für Kinder schwer nachzuvollziehen sein. Doch Pullman beginnt sein Epos klassisch – mit der Einführung der Hauptprotagonistin. Und bereits wie er dies tut, formt den Charakter seiner Heldin. Die 12-jährige Lyra Belacqua verletzt die Hausregeln ihres Heimatkollegs Jordan in Oxford. Sie befindet sich in einem Raum, in dem sie nichts zu suchen hat. Einige Seiten später widmet Pullman in Lyra’s Jordan seiner Figur ein ganzes Kapitel, um ihren ambivalenten Charakter zu beleuchten. Denn entgegen anderer Epen ist Lyra – zumindest zu Beginn – keine sonderlich sympathische Figur. „She was a coarse and greedy little savage”, schreibt Pullman auf Seite 37. Lyras Welt ist im Vergleich zu unserer rückständig und durchaus auch sexistisch geprägt – ein Weltbild, das die Protagonistin teilt. „[Lyra] regarded female Scholars with (…) disdain. (…) Poor things, they could never be taken more seriously than animals dressed up and acting a play”, heißt es dann auf Seite 67. Für sich selbst macht Lyra jedoch stets eine Ausnahme, denn schließlich sieht sie sich durch ihre adelige Abstammung auf einem anderen Level, als ihre Umwelt („No one should speak to her like this: she was an aristocrat.”, The Subtle Knife, S. 104).

Nun ist es durchaus Sinn und Zweck in Pullmans Trilogie, dass seine Heldin reift und an ihren Aufgaben wächst. Dies ist auch fraglos eine der Stärken seiner Buchreihe. Lyra streift ihre Überheblichkeit („Lyra (…) regarded visiting scholars and eminent professors from elsewhere with pitying scorn, because they didn’t belong to Jordan and so must know less”, S. 35) und ihre Arroganz („She considered it a deplorable lapse on the part of her subjects not to tell her everything at once.”, S. 59) im Laufe von Northern Lights nach und nach ab, ohne sie jedoch vollends zu verlieren. Die Ursache für ihr Verhalten findet sich fraglos in ihrer Erziehung. Als scheinbare Waise fristet sie ein relativ trostloses Dasein am Jordan College, wo sie tun und lassen kann was sie will. Unabhängig von den Hausregeln gibt es lediglich eine Person, die ihr Respekt einflößt: ihr Onkel, Lord Asriel. Einmal im Jahr besucht er Lyra und zwischen beiden existiert eher ein unterkühltes Verhältnis. Doch Asriels Wagemut und Abenteuerdrang erweckt in Lyra durchaus Bewunderung. Es ist Asriel, der die Ereignisse in Northern Lights lostritt. Eine seiner nördlichen Expeditionen ließ ihn auf den mysteriösen Dust in der Nähe von Svalbard stoßen. Etwas befindet sich in der Aurora, eine neue und fremde Welt. Es ist eine Geschichte von außerordentlichem Ausmaß, der die Grenzen der Phantasie mitunter sprengt und Reflexionen auf unsere eigene Vergangenheit und Gegenwart zuzulassen wünscht.

Pullman erschuf eine Welt, in der die Kirche das Sagen hat, quasi ein Pendant zum europäischen frühen Mittelalter. „The Church in recent times (…) it’s been a-getting more commanding. There’s councils for this and councils for that”, heißt es auf S. 128. In Pullmans Welt blieb die Aufklärung aus, es fand keine säkulare Gesellschaft statt. Die Kirche kontrolliert alles und was den Dogmen widerspricht, wird als Häresie verschrien. Das Böse in seiner reinen Form glaubt die Kirche dabei in ebenjenem Dust zu finden. Die Überschneidung dieser beiden Interessensfelder wird Lord Asriel automatisch zum Gegner der Kirche machen. Pullman, selbst erklärter Atheist, zeichnet hier ein düsteres und altruistisches Bild von der Kirche. Wo fadenscheinig im Wohle aller gehandelt wird und man sich somit ein Alibi verschaffen kann. Portraitiert wird die Kirche in Northern Lights dabei von Mrs. Coulter, einer auf den ersten Blick warmherzigen, im Nachhinein jedoch zutiefst diabolischen Person. „There is more suffering to come. We have a thousand years of experience in this Church of ours. We can draw out your suffering endlessly”, erklärt Mrs. Coulter in The Subtle Knife auf Seite 38 bei der Folterung einer Hexe. Es ist jene Kritik an der Kirche, welche für Kontroversen gegenüber Pullmans Buch sorgte und die Katholische Kirche zu einem Boykott für die Verfilmung aufrufen ließ. Und man kann sich durchaus darüber streiten, ob jene Portraitierung wirklich gelungen ist, fußt sie doch auf einem lange verblichenen Bild einer Institution in ihrer Frühphase. Als Antagonist in seiner Saga sind viele Eigenschaften der Kirche jedoch bisweilen sehr authentisch. Das engstirnige Festhalten an Grundsätzen, egal ob richtig oder falsch und das uneingeschränkte Handeln für ein höheres Ziel. Kulminieren lässt Pullman sein „Anti-Werk“ zu Lewis’ Chronicles of Narnia dann in seiner Figur des Lord Asriel, der sich zum Vorsatz gemacht hat im freudschen Verständnis Gott zu finden und zu töten.

Doch Northern Lights ist kein politisches Buch, selbst wenn es den Anschein zu erwecken vermag. Pullman gelang hier fraglos ein tief schürfendes Epos von großer Tragweite, indem er philosophische und metaphysische Gesichtspunkte berücksichtigt. In Pullmans Welt manifestiert sich die Seele eines Menschen in einem dæmon, einem animalischen Begleiter, meist von gegensätzlichen Geschlecht zum eigenen. Die Konfrontation von Lyra und ihrem dæmon Pantalaimon mit Wesen ohne solchen Begleiter sind zentrale Aspekte zum Verständnis der Handlung. „A human being with no dæmon was like someone without a face”, erklärt Lyra auf S. 214. Im Zuge der Pubertät fokussiert sich der dæmon eines Menschen auf eine feste Form. Wenn man diesem Verständnis nach die Festlegung eines dæmon in der Pubertät mit der sexuellen Entwicklung eines Menschen gleichsetzt, hat man wieder eine Wegweisung zur antagonistischen Haltung der Kirche in Pullmans Epos. Sex, wie alle kirchlichen Sünden, findet sich in His Dark Materials in Dust wieder. Die Befreiung der Kinder von jenem Dust ist daher das Ziel der Kirche. Das alles lässt Pullman immer wieder neben seiner Geschichte aufflammen, die von großer Tragweite ist. Lyra ist der Schlüssel zu allem, Bestandteil einer Prophezeiung und Spielball der Ereignisse. „Without this child, we shall all die”, offenbart der Hexenkonsul auf Seite 175 und kratzt dabei lediglich an der Oberfläche der Dinge. Denn entgegen anderer Auserwählter wie Neo in The Matrix besitzen die Charaktere in Pullmans Welt keinen freien Willen oder sollen es zumindest nicht („We are all subjects to the fates. But we must all act as if we are not (…) or die in despair”, S. 308).

Die Ironie in Northern Lights findet sich in dem Bewusstsein der Figuren, dass ihnen die Möglichkeit des freien Willens nicht gegeben ist. Die Prophezeiung um Lyra ist alt, sie ist sowohl den Hexen um Serafina Pekkala bekannt, wie auch dem Master of Jordan. Lyra hat ihre Rolle zu spielen, andernfalls ist nicht nur ihre eigene Welt, sondern alle Welten die existieren gefährdet. Helfen kann ihr dabei jedoch niemand, denn Einschreiten bedeutet Veränderung. „But she must fulfil this destiny in ignorance of what she is doing, because only in her ignorance can we be saved”, erklärt der Hexenkonsul auf S. 175. Pullman verzichtet in seiner Geschichte nicht auf Opfer, deren Schicksal bereits bekannt ist und dennoch nicht verändert werden darf. Auch Gewalt ist ein Aspekt, den er nicht unterschlägt, sondern sogar bedenklich gewichtet. Als Lyra den panserbjørne Iorek Byrnison trifft, ist es die Tatsache, dass er verbotenerweise jemanden getötet hat, der Aspekt, der sie zu ihm hinzieht. Auch in The Subtle Knife fühlt sie sich in Gegenwart eines Mörders durchaus sicher und geborgen. Pullman beschönigt nichts und macht auch vor toten Kindern in His Dark Materials nicht halt. Es ist wie so oft ein Krieg, der jene behütete Welt gefährdet, deren Schicksal in den Händen einer Person liegt, die für ihre Aufgabe nicht gewachsen zu sein scheint. Seien es friedliebende Hobbits oder Londoner Kinder. Northern Lights ist ein komplexer Roman, der oft abschweift und in Themenbereiche der Physik (Dunkle Materie, Schwarze Löcher), Philosophie (Seelenfrage, Freier Wille) und Theologie driftet. Im Gegensatz zu Kollegen wie Rowling macht sich Pullman nicht die Mühe seine Wesen wie panserbjørne, Hexen und dæmonen ausführlich zu umschreiben und macht damit alles richtig. Es ist eine Geschichte, die sich langsam entfaltet und ihre Zeit braucht, zu Beginn verwirrt, aber wächst und letztlich gebührend abschließt. Kein neuer Lord of the Rings, aber durchaus respektabel.

The Golden Compass (2007)

That’s some pretty fast work.

Wie eingangs erwähnt war es der Erfolg von Lord of the Rings, der New Line Cinema an das Projekt His Dark Materials glauben ließ. Doch anstatt die Reihe wie Peter Jackson back-to-back zu verfilmen, schob man versuchsweise den ersten Band vor. Dieser lautet in Amerika aus wohl wie immer unerheblichen Gründen nicht wie in seinem Heimatland England. Schon Harry Potter and the Philosopher’s Stone musste sich in den USA die Umkehr zum Sorcerer’s Stone gefallen lassen, während man Pullmans Northern Lights fehlinterpretierend The Golden Compass taufte. Oscarpreisträger Tom Stoppard (Brazil) verfasste ein Drehbuch und Sam Mendes kündigte Interesse an dem Regieposten an. Doch wie so oft kam alles anders als geplant. Statt Mendes wurde American Pie-Mitbegründer Chris Weitz engagiert, der im folgenden Stoppards Drehbuch verwarf und einen eigenen Entwurf verfasste. Im Laufe des Projektes bekam Weitz jedoch weiche Knie angesichts der Effektlastigkeit der Geschichte und verließ das Projekt, um nach einem kurzen Intermezzo zurück auf den Regiestuhl zu kehren. Für 180 Millionen Dollar wurde The Golden Compass anschließend gedreht, mit namhafter Besetzung, die jedoch niemanden wirklich überzeugte. Hatte Pullman selbst Jason Isaacs als Lord Asriel und Samuel L. Jackson als Lee Scoresby vorgeschlagen, übernahm man lediglich Nicole Kidman als Mrs. Coulter von seiner Wunschliste. Während Weitz den unbekannten britischen Darsteller Nonso Anozie als Stimme für Iorek Byrnison gewinnen wollte, setzte sich New Line über seine Besetzung hinweg und heuerte Ian McKellen an. „It was a studio decision...You can understand why you would cast Ian McKellen for anything, but letting go of Nonso was one of the most painful experiences on this movie for me”, machte Weitz seinem Unmut gegenüber EMPIRE Luft.

Entgegen den Erwartungen war The Golden Compass dann nicht der erwartete Hit. Obschon der Film international 300 Millionen Dollar einspielte, „floppte“ er in den USA, wo ihm lediglich ein Viertel jenes Einspiels gelang. Seither sind die filmischen Fortsetzungen von The Subtle Knife und The Amber Spyglass erstmal auf Eis gelegt und ob Weitz, entgegen seinen Wünschen, als Regisseur zurückkehren darf, ist auch nicht absehbar. Mit seiner Adaption von Northern Lights bewies New Line wieder einmal, dass Eingriffe des Filmstudios in dem Film selbst nur desaströs enden können. Um sich dem Publikum anzubiedern wurde die Filmlaufzeit unter zwei Stunden gehalten – obwohl man mit Lord of the Rings erfolgreich mit langer Laufzeit gefahren war. Außerdem änderte man auch Namen von Figuren (Iofur Raknison wird zu Ragnar Sturlusson), um der Tatsache vorzubeugen, dass Verwechslungen stattfinden. Immerhin hatte Scholastic in seiner Buchpublikation den Lesern durchaus zugetraut einige Konsonanten und Vokale auseinander halten zu können. Auch aus anderen Erfahrungen hat man bei New Line wenig gelernt. War man in Lord of the Rings gut gefahren, relativ wenig bekannten Darstellern die Rollen zu überlassen – da sie sich ohnehin der Geschichte unterordnen -, so setzte man in The Golden Compass auf den Popularitätsfaktor. Als Zugpferde dienten Oscarpreisträgerin Nicole Kidman und Neu-Bond Daniel Craig. Gerade Craig erweist sich als desolate Fehlbesetzung im Laufe des Filmes und reiht sich damit ein neben die Entscheidung Ian McKellen als voice actor zu casten. Auch die Darstellungen von John Faa und Farder Coram sind wenig gelungen, sodass hier allgemein ein bitterer Nachgeschmack besteht. Die Spitze des Eisberges sind dann die digitalen Effekte, die sehr oft aus einem Videospiel entlehnt wirken und durch ihre Überverwendung meist dilettantisch aussehen. Hier wäre weniger mal wieder mehr gewesen und dass die Academy das Ganze auch noch mit dem Besten Effektoscar versehen hat, spricht für sich.

Seinen Filmanfang übernimmt Weitz bei Jacksons Fellowship of the Ring...

Wenn also bereits die Oberfläche nicht stimmt, muss der Film inhaltlich funktionieren, um noch etwas zu retten. Tut er jedoch nicht und kann er auch gar nicht. Zwischen Skylla und Charybdis versucht Weitz sein Boot in den sicheren Hafen zu bringen und scheitert grandios. Sein Versuch den gut vierhundert Seiten langen Roman von Pullman in weniger als zwei Stunden zu erzählen kann ebenso wenig gelingen wie es bei David Yates Adaption von Harry Potter and the Order of the Phoenix der Fall war. Es ist durchaus löblich, dass Weitz keinen Aspekt von Northern Lights vernachlässigen will, aber unter zwei Stunden lässt sich Pullmans Geschichte nicht erzählen. Hier ist die Tatsache, dass man sich für ein weichgespültes Klischeenende entscheiden hat, indem man die letzten drei Kapitel nicht verfilmte, das kleinste Übel. Dass Weitz sich scheinbar einem Producer’s Cut unterwerfen musste, lässt zumindest noch etwas Hoffnung für einen möglichen Director’s Cut zu. Die Kinofassung jedoch ist in ihrer Form desolat. Mit einem ungemeinen Tempo schnellt Weitz praktisch durch die Geschichte, die von unsäglichen Schnitten gezeichnet ist, was unweigerlich Logikfehler nach sich ziehen muss (und tut). Von allem ein wenig ist nicht genug und kann der Handlung keinen Gefallen tun. Das Traurigste an The Golden Compass ist die Tatsache, dass man den Film von all seinen starken Eigenschaften befreit hat. New Line beschränkt sich einzig auf den Abenteuer-Aspekt und zwingt den Charakteren somit eine unablässige Bewegung auf. Ruhephasen sind hier die Seltenheit und so wirkt die Handlung mehr als unglaubwürdig. Immer zum richtigen Augenblick tauchen die richtigen Figuren auf, um Lyra auf die nächste Etappe zu helfen. Essentielle Punkte der Geschichte werden hierbei quasi im Vorbeigehen mitgeteilt (am frechsten noch in Lyras erster Begegnung mit Iorek Byrnison der Fall). Nur nicht zu lange aufhalten, lediglich so viel sagen, dass man halbwegs der Handlung folgen kann. Die Straffung ist das Todesurteil für den gesamten Film.

Der Inbegriff der Scheiterung ist hier die von Eva Green dargestellte Serafina Pekkala. Ihre Integrierung in das Geschehen ist bezeichnend für die gesamte Gezwungenheit des Filmes und macht gerade die letzte Einstellung in Verbindung mit Weitz’ Audiokommentar überhaupt keinen Sinn. Zwar wird die Prophezeiung um Lyra öfters kurz angerissen, jedoch nicht ernsthaft verfolgt. Von dem vorbestimmten Schicksal und der möglichen Auslöschung allen Lebens ist ebenso wenig die Rede. Da Lyra im Bewusstsein aller Bestandteil einer wichtigen Prophezeiung ist, verwundert es durchaus, dass sie insbesondere von den Zigeunern oftmals – und widersprüchlich zu Pullmans Schilderungen – aus den Augen gelassen wird. Auch hier könnte es wieder nur am Producer’s Cut liegen, doch macht dies den Film keineswegs besser. Während New Line seinen Film somit von seinen wissenschaftlichen Gesichtspunkten befreit, subtrahiert er auch seine Charaktere von deren Eigenschaften. Von Lyras Wandel ist im Film nichts zu merken, da Weitz hier keinen solchen Wandel propagiert. Er lässt seine Figuren nicht reifen, zumindest nicht nachvollziehbar. Stattdessen ist auch die Charakterzeichnung wie alles andere stets abrupt und von einer Gewalt durchzogen, die einen erschaudern lässt. Mit ungemein wenig Liebe wurde hier an das Projekt herangegangen, von New Line alles bloß auf ein neues erfolgreiches Produkt ausgelegt. Doch auch Chris Weitz ist deswegen keinesfalls frei von Schuld, war das Projekt – Producer’s Cut hin oder her – einfach eine Nummer zu groß für ihn. Lieber bedient er sich dann im Spielzeugenladen der Traumfabrik und übernimmt die Anfangs- und Endsequenzen von anderen großen Filmen.

...und sein Ende dann von Spielbergs Jurassic Park.

Völlig unnötig – und falsch fokussiert – beginnt Weitz The Golden Compass mit einer Off-Erzählung, die in jene neue Welt einführt. Nach der weiblichen Erzählstimme folgt der Schwenk hinüber in die Handlung, hinein in einen Wald und zur Heldin der Geschichte. Genauso wie Peter Jackson seinen The Fellowship of the Ring sechs Jahre zuvor begonnen hat. Bei seiner finalen Einstellung ließ sich Weitz dann von Steven Spielbergs Jurassic Park inspirieren, was man neben der Einstellung auch der musikalischen Untermalung von Alexandre Desplat anmerkt. Die Propagierung des Alethiometers als „einziges seiner Art“ rückt das Ganze dann erneut in das Tolkiensche Licht. Wäre The Golden Compass nicht von New Line Cinema, man hätte ihn fraglos den Vorwurf des Plagiats angehängt. Und nicht einmal die Darstellung des Alethiometers vermag Weitz zu gelingen. Sein „Eintauchen“ in bebildertes Geschehen, vor allem in Verbindung mit Lyras plötzlichem Beherrschen des Apparates, beißt sich mit dem Rest des Filmes. Dieser ist ohnehin, wie durch die Effekte bereits angesprochen, von einer derartigen Künstlichkeit durchzogen, dass einen seine Sterilität geradezu anwidert. Lediglich die erste Außenaufnahme verfügt über eine Spur von Wärme, die später überkandidelten Farben weichen muss. Insgesamt gesehen krankt und scheitert The Golden Compass an etlichen Dingen, angefangen von seiner viel zu durch gehetzten Geschichte bis hin zu seinem dilettantischen Regisseur. Das Potential, eine gelungene Adaption zum einen und einen funktionierenden Film zum anderen zu drehen, war durchaus vorhanden. Ausgeschöpft haben es vor allem New Line aber auch Weitz nur sehr bedingt. Die letzte Hoffnung ist hier wohl ein möglicher Director’s Cut, sollte dieser nicht nur die Schnitt- sondern auch Handlungslücken zu schließen vermögen. Andernfalls wären die kommenden beiden Filme lediglich dann zu retten, wenn ein kompetenter Regisseur hinter der Kamera sitzt, der sich nicht von New Line Cinema und Toby Emmerich unterbuttern lässt.

3.5/10

Kommentare:

  1. nicht dass ich mir freiwillig einen Film mit der australischen Gewitterziege anschauen würde, nur sind deine Bildvergleiche willkürlich. Mir fallen spontan 212 andere Filme ein, in denen in den Sonnenuntergang geritten, geflogen, gehoppelt werden, oder hat sich Weitz explizit zu Jurassic Park geäussert.

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  2. Die Szene in Verbindung mit der Musik ist jedoch ziemlich deckungsgleich ;)

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  3. Muss jmk recht geben, das ist nicht besonders stichhaltig. Habe den Film auch gesehen und die Parallelen zu LOTR lauern eher an anderen Ecken. Und die JP-Analogie ist nun wirklich albern. Zumal Desplats wunderschöne Musik mehr als eigenständig ist.

    Ansonsten: Diese Kategorie solltest du bald mal in die ewigen Blog-Jagdgründe befördern. Buch und Film direkt abzugleichen ... absolut sinnlos.

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  4. @MVV: Jo, ihr seht das so, ich seh das anders. Und die Kategorie behalte ich schön bei, da tangiert es mich nur peripher, was der gute Herr Vega dazu zu äußern hat.

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  5. Wow, welch ausführlicher Vergleich. Hat mich beinahe so viel Zeit gekostet ihn zu lesen, wie ich für meine Kritik des Films zum schreiben brauchte... ;-)

    Zum Romanteil kann ich auch nur meinen Respekt aussprechen. Wirklich sehr detailiert besprochen, mit einigen schönen Zitaten untermauert und auch inhaltlich kann ich dir über große Strecken nur zustimmen.

    Beim Film allerdings gehen unsere Meinungen dann doch stark auseinander. Ich halte Weitz für durchaus fähig solch ein Projekt zu stemmen und auch die Art der Inszenierung weiß zu gefallen - ich mache für das Schnittmassaker wirklich das Studio verantwortlich und denke, dass ein möglicher Director's Cut den Film als würdige Adaption etablieren könnte.

    Von deinen Kritikpunkten kann ich am ehesten noch den am "Der Herr der Ringe" ähnlichen Prolog nachvollziehen. Auf den Vergleich mit "Jurassic Park" wäre ich nie gekommen, wenngleich das Ende von "Der goldene Kompass" natürlich alles andere als gelungen ist.

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  6. und denke, dass ein möglicher Director's Cut den Film als würdige Adaption etablieren könnte

    Zu Wünschen wäre es auf jeden Fall.

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  7. Wie haben die Jungs von FilmJunk doch so schön gesagt? THE GOLDEN CUMPISS ... :fall:

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  8. tja, leider kann man von einer Fortsetzung nirgends was lesen. daher lohnt sich für mich der Kauf der DVD nicht.
    Ich fand den Film gut, stylisch, die Handung interessant, und freute mich auf den Anschluss.

    Da er nun nicht zu kommen scheint, hab ich nun die drei Bücher gelesen. Und was muss ich sagen: http://lalia.wordpress.com/2009/03/19/his_dark_materials/
    ich bin immer noch zwiegespalten, da große Teile total super waren, aber so wenig erklärt, soe viele Wendungen, die keinen Sinn machen und dann der Schluss *oh mei* kein happy End ist ja noch zu ertragen, aber nicht so. *g*

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