19. März 2013

Detropia

Thank God for the opera.

In der Regel dienen Vorher-Nachher-Grafiken der Veranschaulichung von Verbesserungen. Solche würden sich bei der US-Stadt Detroit wohl kaum finden. War Detroit im Jahr 1930 noch “the fastest growing city in the world”, so ist die Stadt inzwischen “the fastest shrinking city in the United States”. Rund 10.000 Häuser wurden in den vergangenen Jahren abgerissen, alle 20 Minuten zieht eine Familie aus. Das berichtet uns Detropia, der neue Film von Heidi Ewing und Rachel Grady, Regisseurinnen von Jesus Camp und 12th and Delaware. In den letzten 50 Jahren verlor Detroit die Hälfte seiner Bevölkerung, Michigan wiederum im vergangenen Jahrzehnt gut 50 Prozent seiner Arbeitsplätze im Fertigungsbereich.

Detroits Niedergang hängt natürlich auch mit der jüngsten Wirtschaftskrise zusammen. Für den Ex-Lehrer und Bar-Besitzer Tommy Stephens läutete 2008 jedoch weniger eine Rezession denn eine neuerliche Depression ein. “We were in 1929”, echauffiert er sich. Kamen früher die Fabrikarbeiter der Automobilhersteller nach der Arbeit in seine Bar und orderten Großbestellungen, bleiben diese inzwischen aus. Woran das liegt, zeigt uns der Film, als er ein Gewerkschaftstreffen besucht. Der Autozulieferer American Axle hatte zuvor bereits 2.000 Arbeitsplätze nach Mexiko verlagert und droht nun auch die letzte Fabrik in Detroit zu schließen. Es sei denn, die Arbeiter nehmen Lohnkürzungen von bis zu 25 Prozent hin.

“To humiliate us”, schnaubt Gewerkschaftsführer George McGregor. Seine Arbeiter lehnen eine Verhandlung entsprechend ab, American Axle schloss daraufhin die Fabrik. Wie sehr die Stadt, in der Henry Ford einst seine Firma begründete, von der Automobilbranche abhängt, zeigt sich auch in anderen Facetten. Zum Beispiel bei der Michigan Oper, die von drei Auto-Konzernen finanziell abhängig ist. “Everything in Detroit is at stake”, sagt daher auch Oper-Direktor David Dickiera. Mit dem Problem der verstärkten Abwanderung beschäftigt sich auch das Rathaus der Stadt, eine Lösung zeichnet sich jedoch nicht ab. Die Probleme sind dabei nicht ausschließlich Detroit-bezogen, sondern teils von landespolitischer Natur.

Denn im internationalen Wettbewerb scheint China den USA den Rang abgelaufen zu haben. Das merkt auch Tommy Stephens, als er mit Ewing und Grady eine Automobilmesse besucht. Dort stellt der chinesische Autohersteller BYD (Built Your Dreams) ein Elektroauto für den Preis von $20.000 vor. Wenige Meter weiter verlangt General Motors für seinen in Detroit hergestellten Chevrolet mit Elektroantrieb das Doppelte. Alles, so will Detropia zeigen, ist in Detroit vernetzt. Die Automobilbranche stützt die Arbeiter und die Oper, die Oper dann Etablissements wie den Coffeeshop auf der anderen Straßenseite und die Arbeiter der Fabriken unterstütz(t)en wiederum die Bar von Tommy Stephens. Ein einziger, großer Kreislauf.

Alles hängt scheinbar mit der Automobilbranche zusammen. Ideen des Rathauses, die verstreut lebende Bevölkerung zu bündeln und das Umland dann in Farmen umzugestalten, treffen bei den Detroitern keinen Nerv. Im Gegenteil, sie wecken Segregationserinnerungen. Die vielen leerstehenden Gebäude sorgen mit ihren niedrigen Mietpreisen derweil für einen Gentrifizierungseffekt. (Performance-)Künstler wie Steve und Dorota Coy ziehen nach Detroit, weil sie hier günstige Lofts und Ateliers nicht nur mieten, sondern sogar kaufen können. Die brachliegenden Gebäude bilden zudem gleich ein künstlerisches Motiv. Gentrifizierung als Chance, propagiert Detropia in seinem finalen Akt – allerdings nicht konsequent.

Gerade die Gentrifizierung hätte der Film konkreter ansprechen können, kommt ihr Potential für eine „Re-Population“ doch etwas zu kurz. Genauso wie die anderen Ursachen für den Niedergang Detroits, der nicht nur durch die Rezession von 2008 zu erklären ist. Wo liegen Alternativen zur Automobilbranche, wo die Chancen zur Regeneration? Letztlich hätte Detropia mehr aus seinen Möglichkeiten machen können, auch als warnendes Beispiel für andere “motor cities” wie sie in Bochum zu finden sind. Dennoch ist Ewing und Grady ein kurzweiliger und interessanter Beitrag gelungen, der bei all seinen Requiem-Elementen auch Hoffnung birgt. “It’ll come back”, zeigt sich selbst Tommy Stephens zuversichtlich.

6.5/10

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