30. Juli 2016

Saga – Volume Six

Hold on, Accountin’ never works late.

Die Ruhe vor dem Sturm ist ein Ausspruch, den ich schon in den vorherigen Ausgaben von Saga habe fallen lassen. Aber wenn man etwas im Leben lernt, dann, dass auf den Wetterdienst kein Verlass ist. Auch in Volume Six warten Brian K. Vaughan und Fiona Staples mit keinen umstürzlerischen Ereignissen auf. Im Gegenteil, endet der sechste Band sogar derart, als würde ein erster, größerer Arc damit sein Ende finden. Das Tempo zum Auftakt der Comic-Serie vermag auch Volume 6 nicht zu erreichen, ganz ohne Ereignisse kommt er deswegen natürlich dennoch nicht aus. Insofern setzt der Band das fort, was zuletzt in Volume 4 und Volume 5 angestoßen wurde – selbst wenn er in gewisser Weise fast schon ein Epilog dazu ist.

Schließlich fand die Dengo-Storyline, welche die beiden Vorgänger bestimmte, zum Abschluss von Volume 5 mit der Wiedervereinigung von Prince Robot IV und seinem Sohn ein Ende. Der Zeitsprung, mit dem Vaughan jenen Band abschloss, setzt er dieses Mal fort. Die Zeit als Baby hat Hazel nun schon lange hinter sich gelassen und lebt mit ihrer Großmutter Klara sowie Last Revolution-Überbleibsel Lexis in einer Haftanstalt auf Landfall. Dort hat sie es besonders ihrer Lehrerin Noreen angetan, während Klara und Lexis versuchen, ihren Mithäftlingen D. Oswald Heists subversive Bibliographie näher zu bringen. Etwas, von dem die Transgender-Insassin Mr./Ms. Petriochor (Orange Is the New Black lässt grüßen) wenig hält.

Der Zeitsprung hilft, um Hazel als eigenständige Figur einzuführen. “Nothing makes a kid grow up faster than wartime”, meint sie zwar noch zu Beginn. Hat aber selbst von diesem Kriegszustand nichts wirklich erlebt. Ohnehin ist der Krieg zwischen Landfall und Wreath längst in den Hintergrund gerückt, insofern der Konflikt tatsächlich noch irgendwo fortbesteht. Wenn Hazel dann später hinsichtlich des Zwistes der Kulturen sinniert, dieser existiere “not because we’re so different from each other… it’s because we’re all so goddamn alike”, mag das grundsätzlich zwar stimmen, existiert in Saga aber aktuell dennoch nur als tradiertes Element. Das Comic hinterfragt inzwischen nicht mehr viel, sondern sucht einen Abschluss für den ersten Akt.

Wieso es da ausgerechnet Hazel ihrer Lehrerin Noreen angetan hat, bleibt da offen. Als sich das Kind der Erzieherin offenbart (“We’re not children. We’re eggs. But sooner or later, those eggs begin to crack”), will die es jedenfalls unterstützen. Womöglich auch, weil Hazel durchaus das Potential hätte, als Mischling den Konflikt der Parteien zu beerdigen. Hier wird wiederholt das Element der Hoffnung und der Gefahr zugleich repräsentiert. Hazel verkörpert ebenso beides wie Heists Werke. Zugleich ist die Überbrückung der Animositäten schon auf ihrem Weg, wie die Wiedervereinigung und Zusammenarbeit von Alana, Marko und Robot IV zeigt. Drei unterschiedliche Rassen, die inzwischen nahezu freundschaftliche Bande miteinander pflegen.

Alana und Marko, am Ende von Volume 5 wiedervereint, verbrachten die letzten Jahre damit, den Aufenthaltsort von Hazel herauszufinden. “In some ways, my parents were never closer than in the years after mom lost me but reconnected with dad”, sagt Hazel. Wie so oft sollen ihre Worte eine Zeitspanne überbrücken und mit Bedeutung füllen, ohne dass wir als Leser diese in den Panels erleben. Ein Einbruch zu Beginn muss Indiz genug sein, die vermeintliche Nähe zwischen den Figuren existiert jedoch nur in den Worten ihrer Tochter. Und die ist selbst seit Jahren von ihren Eltern getrennt. So verkommt die Marko-Alana-Storyline primär zur humorvollen Reunion mit Robot IV sowie Ghüs, ohne dass der Schmerz der Kinds-Trennung hervortritt.

Das diesmal vorherrschende Beziehungsthema (Hazel/Noreen/Petrichor, Alana/Marko) wird ausgeweitet auf das homosexuelle Reporter-Duo Upsher und Doff, die in Volume 6 in die Handlung zurückkehren. Mit dem Ableben von The Brand plant Upsher die Wiederaufnahme seiner Recherchen zu Alana und Marko, von Doff eher missgünstig betrachtet. “Why don’t we just leave them alone?”, fragt er. Und zieht Parallelen zu sich und seinem Partner. “Maybe it’s just two people who like to screw even though everybody else thinks it’s gross and immoral.” Doch Upsher hat Blut geleckt, was das Paar wiederum in ihren Nachforschungen auf Kollisionskurs mit The Will führt, der nach erfolgreicher Gesundung weiter Rache für The Stalks Tod üben will.

Auf Sophie, Gwendolyne und Lying Cat müssen wir dieses Mal verzichten (immerhin Izabel kehrt in zwei Panels kurzzeitig zurück), wirklich spannend gerät das Abenteuer der beiden Journalisten allerdings nicht. Offensichtlich ist zudem, dass The Will (noch) nicht der Alte ist. Welchen Weg Vaughan mit der Figur einschlagen will, erscheint offener denn je – obschon Hazel im vergangenen Band anderes angedeutet hat. Kurze, drogeninduzierte Auftritte von The Stark und The Brand sind zwar ganz nett, vermögen jedoch nicht das (ohnehin schwache) Profil Letzterer zu stärken. So überraschend ihr Tod kam, so wenig ausgefeilt wirkt – zumindest bislang – ihre Charakterisierung im Vergleich zu The Stalk, die ja eingangs ein ähnliches Schicksal ereilte.

Immerhin beweist Vaughan, dass er problemlos eine Randfigur wie Lexis zu einem funktionierenden Tertiärcharakter entwickeln kann, auch Petrichor könnte eine willkommene Ergänzung für das Ensemble sein. Narrativ versucht Saga im sechsten Band jedenfalls ein paar offene Enden zusammenzuführen, ehe wohl in den kommenden Ausgaben erneut am Konstrukt gerüttelt wird. Ob es da die Offenbarung im Schlusspanel gebraucht hat respektive sie denn nötig war, wird sich zeigen müssen. Volume 6 endet auf manch positiver Note (zumindest stimmungstechnisch), wirkt insofern aber – auch aufgrund vergangener Ereignisse – etwas zu harmonisch und gekünstelt. Was Saga nun gut täte, wäre ein neuer Sturm.

7/10

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