12. Dezember 2014

Kreuzweg

Als Christen sind wir für die Schlacht geboren.

Wer eine Armee rekrutiert, fängt am besten damit bei den Jüngsten an. „In unserem Herzen tobt eine Schlacht zwischen Gut und Böse“, sagt Pater Weber (Florian Stetter) am Anfang von Dietrich Brüggemanns Kreuzweg im Firmungsunterricht seiner Gemeinde. Täglich sei man 100 Versuchungen ausgesetzt in der Schlacht zwischen Gott und dem Teufel, erklärt er einer Gruppe Jugendlicher. Mit ihrer Firmung würden sie ihrer Umwelt zeigen: „Dieser Mensch ist ein Soldat Jesu Christi.“ Es gilt, den Versuchungen zu widerstehen, Verzicht zu üben. Einen besonderen Eindruck hinterlässt die Rede bei der 14-jährigen Maria (Lea van Acken), die sich fortan in den Kopf setzt, für Gott den größten Verzicht anzustreben: den auf ihr Leben.

Dabei ist die Jugendliche hin und hergerissen zwischen den Erwartungen ihrer Eltern, Kirchengemeinde und von Gott sowie ihren eigenen Gefühlen. Als sie in der Schulbibliothek ein Gespräch mit ihrem Mitschüler Christian (Moritz Knapp) beginnt, der sie in seinen Kirchenchor einlädt, stürzt das die 14-Jährige in ein Dilemma. Schließlich singt Christians Chor nicht nur Bach, sondern auch Gospel und Soul. Beide werden von Pater Weber und Marias Mutter (Franziska Weisz) als „dämonische Rhythmen“ angesehen. Ein neuerlicher Streit entbrennt beim Vesper der sechsköpfigen Familie. „Meinetwegen könnten wir einfach eine glückliche Familie sein“, keift die Mutter ihre älteste Tochter an, die unterdessen in Tränen ausbricht.

Dietrich Brüggemann zeichnet in seinem jüngsten und auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch prämierten Film das Bild einer schrecklich christlichen Familie. Die scheint seit langem von Spannungen durchzogen, auch da das jüngste Kind, der vierjährige Johannes, an einer unbekannten Krankheit zu laborieren scheint. Er müsse nicht von Maria auf den Arm genommen werden, herrscht die Mutter sie bei einem Ausflug ins Grüne an – und verfrachtet den Vierjährigen stattdessen dafür in einen Kinderwagen. „Der Tag kann noch so schön sein, Maria findet immer einen Grund für schlechte Laune“, ist dann die nächste Breitseite aus dem Mund der Mutter, als Maria für ein anschließendes Familienfoto nicht lächeln will.

Einen wirklichen Zugang erfährt man als Zuschauer dabei nicht zur problematischen Beziehung zwischen Maria und der Matriarchin. Widerworte duldet diese nicht, weder von ihrer Tochter noch vom Kindermärchen Bernadette (Lucie Aron). Ihr Ehemann scheint das schon längst eingesehen zu haben und lässt die Gattin schalten und walten wie sie möchte. Die angespannte Situation zu Hause mit ihrem kleinen Bruder, der immer noch nicht gesprochen hat, und ihr gleichzeitiger Wunsch, zumindest ansatzweise ein Leben wie ihre Mitschüler zu haben, bilden den Rahmen für Marias fortwährende Passion, die Dietrich Brüggemann mit den 14 Stationen des Kreuzwegs Jesu Christi auf seinem Weg zum Kalvarienberg kontrastiert.

Hierbei bedient sich Brüggemann in seinen Einstellungen – bis auf zwei Ausnahmen mit Dolly Shot und Kranfahrt – einer unbewegten Kamera, was den Szenen etwas Theatralisches verleiht. Aber zugleich wirkt eine derartige Mise-en-scene auf Dauer auch anstrengend, da oftmals nur minimale Aktionen die Szenen bestimmen. Im Vordergrund steht das Spiel von Lea van Acken und ihre Interaktion mit ihrer Umwelt. Darunter auch mit Mitschüler Christian, der versucht, sich ihr zu nähern. „Ich weiß genau, was ich will“, erklärt diese ihm, als im Sportunterricht das Gerücht die Runde macht, Christian sei in sie verliebt. „Ich will zu Gott“, blockt sie Christian ab. „Dabei stör ich dann wohl“, räumt dieser wie alle resignierend das Feld.

Als Parallele zu den letzten Tagen Jesu ist Kreuzweg bisweilen zwar ganz nett, vermag aber nicht wirklich unter die Oberfläche vorzudringen – insofern man die Geschichte nicht als reines Spiegelbild von Jesu Handeln liest. Marias Weg scheint vorherbestimmt – weniger von einer göttlichen Macht als von ihr selbst. Die Ohnmacht ihrer Umwelt ist etwas erstaunlich, das Ende des Films zugleich vorhersehbar. Der dargestellte Wahnsinn, der Christliche im Speziellen wie der Religiöse im Allgemeinen, wird in Kreuzweg nicht hinterfragt. Zumindest im Ansatz wäre dies vielleicht geschickter gewesen, so bleibt einem als Zuschauer nur, einer Figur dabei zuzusehen, wie sie für eine Nichtigkeit ihr Leben opfern will. Eben wie ein echter Soldat.

6/10

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