1. Juni 2018

Visages Villages [Augenblicke: Gesichter eine Reise]

Art is meant to surprise us, right?

Kunst bewegt – im Fall von Visages Villages nicht nur ihre Betrachter, sondern auch ihre Erschaffer. Die französische Filmemacherin Agnès Varda und der französische Streetart-Wandmaler JR machen sich in ihrer Dokumentation, die in Deutschland unter dem – zwar treffenden, aber wenig poetischen – Namen Augenblicke: Gesichter einer Reise erscheint, auf eine Reise durch das ländliche Frankreich. An verschiedenen Stationen platziert JR immer wieder seine auf Fotografien basierenden riesigen Wandtapeten, während Varda die Geschichte hinter den Motiven dokumentiert. Genauso wie ihre sich entwickelnde Freundschaft zu JR. Die inzwischen 90-Jährige und der Mann, der ihr Enkel sein könnte, verbindet mehr als nur die Kunst.

JR hat ein Faible für ältere Menschen, schätzt Varda später, ehe sich beide aufmachen, die 100 Jahre alte Großmutter des Künstlers zu besuchen. Mit seiner Sonnenbrille, die stets seine Augen verdeckt, erinnere er sie an ihren Freund und Kollegen Jean-Luc Godard, merkt Varda mehrmals an. Und ärgert sich verstärkt, warum JR ihre diesen finalen Einblick in seine Seele verwehrt, wo doch ihre Bindung aneinander immer stärker wird. Im Austausch miteinander merkt man dabei Visages Villages seine Inszenierung an, gerade in den Momenten, wenn sich die alte Frau mitunter vergisst, ob der Erregung hinsichtlich des Verhaltens des Jüngeren. In diesen Momenten verlässt der Film die Pfade der beobachten Dokumentation und wirkt gestellt.

Weitaus faszinierender als die Begegnung zwischen Agnès Varda und JR ist ohnehin die der beiden Künstler auf ihrer Reise mit der normalen Bevölkerung und deren Alltag. Wenn die Tochter eines alten Minenarbeiters berichtet, wie sich ihr Vater früher eine Stulle mit unter Tage genommen hat, oder sich ein Postbote erinnert, wie ihm früher auf seiner Tour die Leute von ihrer Farm Gemüse und Obst zugesteckt haben, liefert Visages Villages interessante und vor allem menschliche Einblicke in die ländlichen Regionen Frankreichs. Varda und JR erzählen von Schichtarbeitern, die ihre Kollegen nur zum Arbeitswechsel sehen, und von Ziegen, denen die Hörner abgebrannt werden, damit sie sich bei ihrer Rauferei nicht verletzen können.

In diesen zwischenmenschlichen Momenten liegt die Stärke des Films, mit der Varda auf ihre eigene Weise die Schönheit des Augenblicks einfängt, während JR den Beteiligten eher mit seinen Bildplakaten ans Herz greift. So avanciert die Fotografie einer Kellnerin in einem kleinen Ort praktisch derart selbst zur Attraktion, dass die zweifache Mutter immerzu Selfies mit Touristen über sich ergehen lassen muss. Eher persönlich bewegend gerät derweil, wenn Varda an einem Küstenort aus ihrer Vergangenheit einem ehemaligen Weggefährten Tribut zollt. Generell sind die Einblicke der 90-Jährigen in ihre Biografie dabei intensiver als die des 35-Jährigen, der ähnlich einem Kollegen wie Banksy ein gewisses Mysterium um sich aufbaut.

Auf gewisse Art erinnert Visages Villages an Lucy Walkers Film Waste Land. Auch dort diente die künstlerische Abbildung von Menschen, denen man im Alltag wenig Beachtung schenkt, dazu, deren Persönlichkeiten Raum zur Entfaltung zu bieten. Der fiel bei Walker etwas größer aus als hier bei Varda der Fall, da diese sich selbst als Künstlerin gemeinsam mit JR zum einen mehr in den Vordergrund stellt und zum anderen von Ort zu Ort und damit von Person zu Person springt. Was all diese Segmente eint, ist ein Gefühl der Verlassenheit – sei es der zerstörte Bunker an einem Strand der Normandie, eine unvollendete Dorfsiedlung oder die Tochter des Minenarbeiters, die sich als einzige in ihrem Viertel weigert, für einen Neubau umzuziehen.

Das Ergebnis hätte man sich auch gut als Mini-Serie vorstellen können, wie sie heute inflationär auf den Streaming-Plattformen landen. Zum Beispiel als 10-teilige Serie à 25 Minuten, die auch die Vorbereitung von JRs Team, die Schwierigkeiten der Umsetzung und den Prozess selbst beleuchten würde. Hier hätten die Objekte im Fokus gestanden, der immerhin kurzweilige Film dagegen nutzt lieber die etwas gekünstelt wirkende Beziehung der beiden Personen als roten Faden. Nur widmet er sich dieser auch nie ausführlich, sondern eher sporadisch. Kulminierend in einem aufgesetzt wirkenden Finale, das eher die Augen rollen lässt, als so ergreifend zu geraten, wie von den Machern erhofft. Ein netter Ausflug ist Visages Villages aber allemal.

6.5/10

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