24. April 2010

Sin Nombre

Not in God’s hand, perhaps in the Devil’s.

Die USA sind ein Einwandererland – oder waren es mal. Inzwischen ist man weit weniger bereit, all die müden, armen und sich zusammendrängenden Massen, die sich nach Freiheit und den American Dream sehnen, aufzunehmen. Was diese nicht daran hindert, dennoch jedes Jahr in müden und armen Massen ihren Weg über die Grenze zu schlagen. Zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts suchten jährlich über 800.000 Menschen als illegale Einwanderer ihr Heil in Amerika. Gegen Ende des Jahrzehnts ging die Zahl schließlich auf eine halbe Millionen zurück. Der Großteil stammt aus Mexiko (56 Prozent) und Lateinamerika (22 Prozent). Vergangenes Jahr widmeten sich gleich zwei Regisseure der oft tödlich endenden Reise in Richtung der USA. Während Rebecca Cammisas Dokumentation Which Way Home im Februar für einen Academy Award nominiert war, fand Cary Fukunagas Debütfilm Sin Nombre dagegen lediglich Anklang bei einigen Kritikern.

Der US-Regisseur Fukunaga, selbst Einwandererkind – der Vater ist Japaner, die Mutter Schwedin – verwebt in Sin Nombre gekonnt zwei Handlungsstränge miteinander, die sich in ihrem Ursprung diametral gegenüberstehen. Auf der einen Seite begleitet er die honduranische Jugendliche Sayra (Paulina Gaitán) sowie ihren Vater und Onkel auf ihrer Reise nach New Jersey. Zu Fuß und ab Mexiko dann auf dem Rücken von Zügen soll sich ihr Traum von der US-Ostküste erfüllen. Auf der anderen Seite rückt Fukunaga die mexikanische Gang La Mara Salvatrucha ins Zentrum. Die Maras finden ihren Ursprung in Los Angeles, von wo aus sie anschließend ihre Wurzeln gen Zentral- und Lateinamerika schlugen. Hier steht Willy (Édgar Flores), Gangname “El Casper”, im Fokus. Seine Beziehung zu seiner Freundin Martha Marlen (Diana Garcia) wird nicht nur ihr Schicksal, sondern auch das von Sayra und den Maras verändern.

So sehr sein Film sich auch mit der beschwerlichen Reise der Immigranten beschäftigt – sie versammeln sich zu Hunderten auf den Bahnhofgleisen und warten darauf, dass der Zug einfährt –, sorgt in Fukunagas Geschichte doch das Gangszenario für die Musik. Es ist eine Milieustudie, wenn Fukunaga zu Beginn den kindlichen Smiley (Kristyan Ferrer) in die Initiationsriten schubst. Zuerst gilt es, 13 Sekunden cortés (dt. Höflichkeiten) auszutauschen, wenn die Gangmitglieder auf Smiley von allen Seiten eintreten. Dieselbe Strafe muss er wenige Tage später erneut einstecken, als er und Casper sich weigern, Lil’ Mago (Tenoch Huerta) von Caspers Beziehung zu erzählen. So sehr Smiley zu den Maras dazugehören will, so sehr scheint Casper inzwischen aus seiner Umgebung herausgewachsen. Nur widerwillig tritt er auf seinen Protege ein, eher ungewollt hilft er diesem dabei, seinen ersten Mord zu begehen. Schon bald darauf steht Casper dann am Scheideweg.

Am Ende des ersten Aktes kreuzen sich beide Handlungsstränge, wenn Casper, Smiley und Lil’ Mago die Reisenden auf den Dächern des Zuges ausrauben – darunter Sayras Familie. Als Sayra droht, von Lil’ Mago vergewaltigt zu werden, ergreift Casper die Initiative und tötet seinen Boss. Er schickt Smiley vom Zug, wohl wissend, sich die Rache der Maras und deren Boss El Sol (Luis Fernando Peña) aufzubürden. “I’m a dead man”, erklärt er Sayra später, die ihn im Gegensatz zu den anderen Passagieren nicht skeptisch beäugt. Sie sieht in Casper, der nun wieder zu Willy wird, ihren Beschützer und entwickelt Gefühle für ihn. Eine Bindung, die diesem ausgesprochen unwohl ist. “I fucked up my life already and now I’m afraid I fucked up yours, too”, sieht er Sayra in Gefahr, wenn sie sich an seine Seite stellt. Derweil wird Smiley bei seiner Rückkehr von El Sol damit beauftragt, selbst für die Exekution von Casper zu sorgen, will er ein Mara bleiben.

Die Reise der Immigranten spielt zu diesem Zeitpunkt nur noch eine untergeordnete Rolle. Fukunaga, der zwei Jahre lang recherchiert hat und selbst mit Immigranten auf Zügen gefahren ist, präsentiert dennoch bleibende Eindrücke. Von der Zuggesellschaft, die sich der schwarzen Passagiere bewusst ist und sie einfach akzeptiert. Von „Haltestellen“, an denen sich die Reisenden auffrischen können. Einmal zeigt der Amerikaner eine Gruppe von Kindern, die den Immigranten Obst zuwerfen, einige Szenen später sind es dagegen Steine, die aus den Händen der Jugendlichen fliegen. “You have to see it as an adventure”, erklärt Sayra ihr Vater, der sie einst verlassen und in den USA eine neue Familie gegründet hat, zu Beginn. Aber Abenteuer sind selten ungefährlich und sie werden auch bei Sayras Familie ihren Tribut einfordern. Waren die Zugdächer zu Beginn des zweiten Aktes noch voll, findet sich am Filmende kaum noch wer auf ihnen.

Leider stellt Fukunaga seine Figuren hinter die Geschichte zurück. So bleiben sie meist eindimensionale Schachfiguren in einem Spiel, das sie nicht beeinflussen können. Caspers Wandel scheint durch Martha Marlen beeinflusst, was angesichts seiner Vergangenheit aber ungenügend wirkt. Genauso wie nicht vollends klar wird, wieso Sayra unbedingt die riskante Reise auf sich nehmen muss, zeigt doch eine der geschnittenen Szenen, dass sie es so schlecht in Honduras gar nicht getroffen hat. Die Charaktere bleiben also primär Mittel zum Zweck, Martha Marlen lediglich Auslöser für Caspers endgültige Wandlung, Smiley als Protege und Freund, der letztlich die Loyalität zur Gruppe wählt und das hilflose Mädchen, das es zu beschützen gilt. Ein einfaches Schema, das aber durch Fukunagas intensive Recherche und die daraus folgende Kulisse auf dem Rücken eines Zuges dem Film seine ihm innewohnende Kraft und Eindringlichkeit schenkt.

Speziell Flores gefällt als schwermütiger Außenseiter, der zwar keine Angst vor dem Tod hat, aber davor, nicht zu wissen wann und wo dieser eintritt. Gaitán wiederum ist die gute Seele des Films, die ihrem Vater zuliebe nach Amerika geht und schließlich auch Caspers Güte erkennt. Beide zusammen stellen ein gefälliges Paar dar, stets eingebettet von Adriano Goldmans wunderschönen Bildern, die entgegen dem aktuellen Trend klassisch auf 35 mm gedreht wurden. Wie gekonnt Cary Fukunaga die beiden Handlungsstränge miteinander verwebt und sie schließlich in ständiger Fortbewegung der Kulisse gelungen zu einem Ende bringt, zeugt von Talent. Es wundert daher nicht, dass er mit der Adaption von Charlotte Brontës Jane Eyre den Sprung nach Hollywood geschafft hat. Mit Sin Nombre ist ihm ein beeindruckendes Debüt auf visueller wie narrativer Ebene gelungen.

9/10

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