6. Oktober 2014

Fed Up

Junk is still junk even it it’s less junky.

Früher war ordentlich Speck auf den Rippen ein Zeichen für Wohlstand. Je dicker, desto reicher. Heutzutage sind Übergewicht und Fettleibigkeit dagegen Gesundheitsprobleme. Allen voran in den USA. Ein Aspekt, den auch Regisseurin Stephanie Soechtig (Tapped) in ihrer Dokumentation Fed Up in den Vordergrund rückt. Mit einer Fettleibigkeitsquote von 31,8 Prozent zählen die USA zu den Spitzenreitern – fast ein Drittel des Landes sind folglich fettleibig. In zwei Jahrzehnten, so der Film, werden es vermutlich 95 Prozent sein. Und im Jahr 2050 sei dann jede/r Dritte an Diabetes erkrankt. “My doctors have said that I am a statistic”, sagt die 12 Jahre alte und 105 Kilogramm schwere Maggie Valentine. “I don’t really know what it means.”

Die Zwölfjährige zählt zu einer wachsenden Zahl an fettleibigen Kindern und Jugendlichen in den USA – ein oft im wahrsten Sinne des Wortes hausgemachtes Problem. Zumindest im Falle der Kinder, die Soechtig für ihren Film als Beispiele gewinnen konnte. “That’s what I’ve grown up doing”, erklärt der 15-jährige Brady Kluge, der ebenfalls 105 Kilo wiegt. Seine Familie lebe in den Südstaaten, wo die Speisen eben gern frittiert gegessen werden. Auch seine Eltern hätten Übergewicht – so wie deren Eltern vor ihnen. Anders kennt es auch der 14-jährige Joe Lopez nicht. “I guess it’s culture”, sagt sein Vater Edgar Lopez. Alle in der Familie wären fett. “For the Hispanic family big is beautiful”, heißt es diesbezüglich von der Mutter.

Wirklich fett wollen die Jugendlichen aber nicht sein. Nicht nur, weil sie in der Schule gehänselt werden, sondern auch, weil es Gesundheitsrisiken birgt. Laut Fed Up gab es 1980 noch keinen Fall von Typ-2-Diabetes – früher bekannt als Altersdiabetes – unter US-amerikanischen Heranwachsenden. “It was unheard of for young people to get it”, bestätigt der Ex-Präsident Bill Clinton. Inzwischen seien über 50.000 Jugendliche betroffen. Des Rätsels Lösung, entdeckte der französische Physiologe Dr. Jean Mayer Anfang der 1950er Jahre, sei körperliche Betätigung. “Lack of exercise must be related to weight gain”, so das Fazit von Dr. Mayer, der seine These anhand von Labormäuse bestätigt sah. Es folgte ein bis heute währender Fitness-Boom.

Zwischen 1980 und 2000 verdoppelten sich die Mitgliedschaften in Fitness Clubs in den USA. “During that same time, the obesity rate also doubled”, heißt es von Journalistin Katie Couric, die als Erzählerin des Films und eine seiner Produzentinnen fungiert. Auch Maggie Valentine ist sportlich aktiv, geht vier Mal die Woche Schwimmen und am Wochenende mit ihrem Hund spazieren. Wie also ist dies möglich, dass das Land trotz der Tatsache, dass es Fitness betreibt, dennoch fetter statt fitter wird? Eben weil nicht jede konsumierte Kalorie sich entsprechend verbrennen lässt. Zudem auch nicht jede verbrannte Kalorie identisch ist. Die Energiebilanz, so zeigt sich in Fed Up, ist weitaus komplexer als man denken möchte. Und kein Ausweg.

“We are not going to exercise our way out of this obesity problem”, schiebt Ernährungsberaterin Marge Wootan solchen Hoffnungen einen Riegel vor. Denn um einen halben Liter Cola zu verbrennen, müsste ein Kind 75 Minuten Fahrrad fahren. Und für einen Keks 20 Minuten Joggen. “Most people don’t have that much time in their day”, weiß Wootan. Zudem Kalorien sich voneinander unterscheiden, 160 Kalorien, die durch Mandeln konsumiert werden, nicht mit 160 Kalorien aus Erfrischungsgetränken gleichzusetzen sind. Denn die Nüsse besitzen Ballaststoffe, die vom Körper erst verarbeitet werden müssen, weshalb der Blutzucker nicht so schnell steigt, wie im Falle von Cola und Co., die ohne Ballaststoffe daherkommen. Dafür mit Maissirup.

Was also tun? Einfach etwas bewusster essen? Mehr auf Produkte mit Labels wie „Wenig Fett“ oder „30% weniger Fett“ zurückgreifen? Eher nicht. Denn wenn am Fett gespart wird, fällt dies auch zu Lasten des Geschmacks. Was die Firmen mit Zucker aufzuwiegen versuchen. Das Resultat sind vielleicht zehn Kalorien weniger, aber kein gesünderes Produkt. Zwischen 1977 und 2000 haben die Amerikaner ihren täglichen Zuckerkonsum verdoppelt. “Sugar is poison”, sagt der Kinderarzt Dr. Robert Lustig. Und dennoch sind 80 Prozent der Lebensmittel zusätzlich mit Zucker oder einer Form von Zucker versetzt. Vom Joghurt bis hin zur Fertig-Spaghettisoße. Die Zucker-Lobby, so Fed Up, tunkt überall ihre Finger in den Honigtopf.

Immerhin sei Zucker achtmal mehr suchterzeugend als Kokain. Was von den Firmen natürlich ausgenutzt wird. Die bewerben ihre Produkte einerseits mit bekannten Marken, von Spongebob bis Beyoncé, andererseits auch immer überall auf Augenhöhe mit ihrer Klientel. Junk Food gibt es in den USA nicht nur im Supermarkt, auch an Tankstellen, Drogerien, sogar im Baumarkt. Vor der Zuckermafia ist kein Entkommen – für fette Kinder gleich zweimal nicht. “Once you start overeating, it becomes the worst habit, and it just grows”, weiß Brady Kluge. Sogar in ihrer Bildungseinrichtung wird den Kindern nicht geholfen. Die Hälfte der Schulmensen verkaufe inzwischen Fast Food an die Schülerinnen und Schüler – direkt aus der Pizza Hut-Box auf die Teller.

Hier sehen wir dann auch Maggie, wie sie sich mittags einen Cheeseburger mit Pommes aufs Tablett packt – um in der Szene darauf in die Kamera zu heulen, sie wäre ja so gerne dünn. Zuvor bereits zeigte eine Einstellung, wie die Zwölfjährige in einer Unterrichtspause ein Nutello & Go isst. Auch die übrigen Jugendlichen scheinen in ihrem zuckerhaltigen Ganztagesspeiseplan keinen Widerspruch zu sehen. Morgens wird Kellogg’s und Co. gefrühstückt, für die Schule ein Weißbrot mit Erdnussbutter und Marmelade geschmiert. Kein Wunder, staunt da ein Hausarzt nicht schlecht, wenn einer seiner Patienten mehr Gewicht auf den Rippen hat als vor ein paar Jahren. Auch wenn seine Mutter behauptet, sie würden seither auf dessen Zufuhr achten.

Da muss man sich nicht wundern, wenn man doppelt so viel wiegt, wie man sollte. Fed Up konfrontiert die Protagonisten nicht wirklich mit diesem Umstand, präsentiert dafür aber bisweilen offensichtliche Aussagen wie die, dass Lebensmittelfirmen daran gelegen ist, dass die Leute viel essen. Entsprechend ist es gut, dass zum einen viel süchtig machender Zucker in den Produkten steckt und zum anderen dessen Verzehrmenge nicht von der World Health Organization (WHO) in irgendeiner Art und Weise reglementiert wird. Immerhin ertappt der Film mal einen Lobbyisten-Arzt, der sich seine Studien von Coca Cola und Pepsi bezahlen lässt, aber nicht artikulieren kann, wieso der Konsum dieser Produkte keine Fettleibigkeit begünstigt.

Von dem ein oder anderen Aspekt der Dokumentation hätte man sich, wie auch bei Soechtigs Tapped, zwar nähere Einblicke gewünscht – zum Beispiel zur Tatsache, dass viele schlanke Menschen durch viszerales Fett um ihre Eingeweide ebenfalls, oft unbewusst, an Stoffwechselerkrankungen leiden können –, trotz allem gerät Fed Up aber über weite Strecken informativ. Wie so oft dürfte der Mehrwert in den USA größer sein als im Ausland, obschon – das sollte man nicht vergessen – auch Deutschland zu den zehn fettesten Ländern der Welt zählt. Ein Vorteil einer immer fettleibiger werdenden Gesellschaft ist zumindest derjenige, dass bei 95 Prozent fetten Menschen in Amerika kaum welche übrig bleiben, um diese deswegen zu hänseln.

7/10

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