20. August 2016

Weiner

Never quit. Never quit.

Es ist eine bezeichnende Szene in Josh Kriegsmans und Elyse Steinbergs Dokumentation Weiner. Humorvoll und ironischer Weise treffend zugleich. Mitten in New York City will sich der demokratische Bürgermeisterkandidat Anthony Weiner mit dem Rad in den Straßenverkehr stürzen. “Why are they filming you?”, fragt ihn eine Passantin mit Verweis auf Kriegmans Kamera. “Most of the time I don’t know why they’re filming me”, entgegnet Weiner. “Are you somebody I’m supposed to know?”, hakt die Fußgängerin nach. “Believe me, no“, erwidert ihr Gegenüber. Im Verlauf der nächsten Wochen bis zur Wahl des neuen Stadtoberhauptes wird Anthony Weiner aber weitaus mehr zum Begriff werden, als es ihm ursprünglich lieb gewesen sein dürfte.

Mit 35 Jahren für seinen New Yorker Distrikt zum Kongressabgeordneten geworden, stolperte Weiner wie viele Politiker letztlich über einen Skandal. Am 27. Mai 2011 schickte er – wohl versehentlich – über seinen privaten Twitter-Account ein anzügliches Selfie von sich selbst. Und musste rund zwei Wochen später nach zwölf Jahren im Kongress sein Amt niederlegen. Über drei Jahre hinweg pflegte Weiner mit sechs Frauen das Sexting, stritt jedoch zuerst ab, dass das getwitterte Bild ihn selbst zeige. “Almost immediately I knew I had to lie about this”, reflektiert er in Weiner. Und schließt dabei auch seine frischangetraute Ehefrau Huma Abedin, eine von Hillary Clintons politischen Beraterinnen, mit in sein anfängliches Lügenkonstrukt ein.

Die Dokumentation begleitet Weiner nun in den zwei Monaten vor der New Yorker Bürgermeisterwahl von 2013, als sich der heute 51-Jährige zum zweiten Mal um das Amt im Big Apple bewarb. Bereits 2005 hatte er es versucht, musste sich bei den demokratischen Vorwahlen jedoch Fernando Ferrer geschlagen geben. Ferrer hatte kurz darauf gegen Michael Bloomberg selbst das Nachsehen. Für Weiner ist die Bürgermeisterwahl die Chance für eine Rückkehr auf die politische Bühne. Und, so stellt es die Dokumentation und Weiner selbst dar, für Gattin Huma die Chance, mit einem Wahlerfolg ihres Mannes diesen von dem Skandal zu bereinigen. Und damit in gewisser Weise vor Hillary Clintons Präsidentschaftskandidatur 2016 auch sich selbst.

Und anfangs ist die Aussicht auf eine Rehabilitation nicht schlecht. Es scheint genug Gras über den Skandal zwei Jahre zuvor gewachsen zu sein, abgesehen von wenigen Journalisten, die weiter an der alten Wunde kratzen. Thema ist der Sexting-Vorfall von 2011 natürlich dennoch. Das Wort „Fehler“ ist unabwendbar, wenn Weiner oder Huma die Wahltrommel rühren. Er habe Fehler gemacht, heißt es öfters von der Gattin und ihm selbst. Aber eben auch eine zweite Chance verdient. Weiner besinnt sich auf das, was er am besten kann: ein Mann des Volkes sein. Mehrfach zeigt ihn die Dokumentation bei Paraden und Straßenumzügen. Egal ob von der kolumbianischen, jamaikanischen oder homosexuellen Minderheit der Stadt.

Zuversichtlich und strahlend gibt sich Anthony Weiner dabei, Huma wirkt meist betroffen und enttäuscht. Über den Vorfall von 2011 zu sprechen ist sichtlich keine schöne Angelegenheit für sie. Als Weiner dann acht Wochen vor der Wahl in Umfragen mit gut 25 Prozent an der Spitze liegt, löst sich jedoch selbst Humas Stimmung. Plötzlich sehen wir sie lachen, wirkt sie allgemein gelöster. Die Chance auf das politische Comeback, sie scheint greifbar. Bis zum 23. Juli 2013, als ein neuer Sexting-Skandal die mediale Runde macht. Wie wird dieser angegangen, fragt jemand aus Weiners Wahlkampf-Team. Werden die Vorwürfe abgestritten? Nein, stellt Weiners Kommunikationschefin Barbara Morgan klar. Keine Fehler nochmal machen.

Die anschließende Pressekonferenz live auf CNN hat etwas Absurdes. Während Weiner und Huma sich zu einem Statement aufraffen, läuft unten im News-Ticker die Nachricht, dass ein Mann elf Frauen getötet hat. Und das Amanda Bynes wegen psychischer Probleme klinisch behandelt wird. Humas Zuversicht weicht wieder Resignation. Sie scheint zu ahnen, was sich in den kommenden sechs Wochen bewahrheiten wird: das frischgewachsene Gras wird von den Medien flugs abgemäht. Die politischen Inhalte von Weiners Kampagne interessieren nicht mehr, On-Topic-Fragen werden nicht mehr gestellt. Der Fokus liegt auf dem Sexting-Skandal mit einer 22-Jährigen, die diesen zu eigenen Zwecken für ihre 15 Minuten Ruhm ausschlachtet.

Was als Dokumentation von Weiners Wahlkampf begann, avanciert in Weiner fortan zumindest auf einer zweiten Ebene zum Festhalten des Verfalls der Medien. Der Politiker Anthony Weiner interessiert nicht (mehr), der Mensch tat es ohnehin nur bedingt. Mit den Fernsehsendern und Journalisten gegen sich schwinden Weiners Chancen, selbst wenn ein Teil der Menschen weiter an seiner Seite steht. “Never quit. Never quit”, appelliert da ein Bürger. Eine andere schimpft gegenüber den Medien, sie interessiere keine privaten Skandale des Kandidaten, sondern wie er ihrem Stadtteil helfen wolle. Doch alle Hoffnung kommt zu spät. “I lied to them”, sieht Weiner im Dialog mit Josh Kriegman einen der Gründe. Und ergänzt: “I got a funny name.”

Die Wortspiele mit Weiner/Wiener liegen auf der Hand, die Medien – allen voran die gehässige New York Post – pflegen sie mit Genuss. “The name of a man is a numbing blow from which he never recovers”, leitet den Film ein Zitat von Marshall McLuhan ein. Und dieses wird sich im Fall des ehemaligen Kongressabgeordneten aus New York gleich doppelt bewahrheiten. Die Schatten der Vergangenheit reichen bis in die Gegenwart. Unschuldig daran ist der 51-jährige New Yorker keineswegs, selbst wenn Eheprobleme als Gründe für die neuerlichen Sexting-Vorfälle genannt werden. Aus Fehlern gilt es zu lernen. Zumindest, nicht dieselben erneut auf dieselbe Weise zu machen. Und daran war Anthony Weiner schlussendlich gescheitert.

“Why have you let me film this?”, fragt Josh Kriegman am Ende von Weiner den Namensgeber seines Films, als die Wahl verloren ist. Der zuckt nur mit den Schultern. Was als mögliches Dokument seines Aufstiegs zum Bürgermeister und Instrument im Wahlkampf dazu gedacht war, wurde letztlich durch den neuerlichen Skandal eingeholt. Das Ergebnis ist ein intensiver Einblick nicht nur in einen klassischen US-Wahlkampf von außen wie innen, sondern auch in das Privatleben des Kandidaten. “The laws of entertainment gravity are gonna suck the documentary into the same vortex”, sinniert Weiner. Ähnlich wie der Sexting-Skandal ad absurdum geführt wurde. Und irrt sich doch. Denn Weiner ist ein absoluter Gewinn.

8/10

Kommentare:

  1. Klingt ziemlich fantastisch. Bei mir hat "The Newsroom" den Fall Weiner erst wieder aktuell gemacht. Die Doku werde ich mir bestimmt auch einmal anschauen. Danke für den Tipp!

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    1. Wusste ich gar nicht (mal) mehr, dass das Thema in THE NEWSROOM war.

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