8. Oktober 2016

Kollektivet [Die Kommune]

Ich sage nur, dass die Miete hoch ist.

Freie Liebe, Gemeinschaftssinn, die 68er Bewegung ist ja durchaus charmant, wenn auch wohl wenig mehr als eine platonische Idee. Ein erstrebenswertes Gut, in der Realität jedoch nicht wirklich umsetzbar. Ähnlich verhält es sich auch mit einer Zweckgemeinschaft innerhalb von Thomas Vinterbergs Kommune in Kollektivet (hierzulande: Die Kommune). In dieser versucht ein Ehepaar seine Trennung durch den Gedanken der Kommune zu überbrücken, während sich Ehefrau und Geliebte ein Dach über den Kopf teilen müssen. Autobiografisch von Vinterberg angehaucht – er selbst verließ seine Frau für eine andere und lebte in einer Kommune – weiß der Film nicht so recht, was er erzählen will. Und versagt somit als Ganzes.

Mit dem Tod seines Vaters erbt Architekturdozent Erik (Ulrich Thomsen) dessen 450m²-Haus. Viel zu groß für ihn und seine Gattin Anna (Trine Dyrholm), Nachrichtensprecherin des nationalen Fernsehens, sowie deren 14-jährige Tochter Freja (Martha Sofie Wallstrøm Hansen). Anna schlägt daher vor, eine Kommune zu bilden. Gesagt, getan und kurz darauf ziehen sechs weitere Personen in das Haus ein. Erik bändelt unterdessen mit seiner 24 Jahre alten Studentin Emma (Helene Reingaard Neumann) an. Um ihren Mann nicht ganz zu verlieren, schlägt Anna vor, dass Emma in die Kommune einzieht. Hier stößt das liberale 68er-Konzept schließlich an seine Grenzen, als Anna nun allmählich emotional und psychologisch zu Grunde geht.

Vinterberg erzählt in Kollektivet prinzipiell also zwei Geschichten – oder eigentlich nur eine. Die vom Ende der Ehe zwischen Anna und Erik, die Kommune ist eher Setting denn wirklich Thema für die Handlung. Letztere wiederum irritiert mit einigen Versatzstücken und Ideen. So will Anna ihren Mann dazu bringen, in das größere Haus zu ziehen. „Wer beengt wohnt, wird engstirnig“, sagt sie. Um das Haus zu finanzieren, müssen jedoch weitere Personen einziehen. Was wiederum zu beengtem Wohnen führt. Und somit zu Engstirnigkeit? „Die Miete ist hoch“, erinnert Erik zugleich bei jedem Vorstellungsgespräch. Dennoch ziehen mit Ole (Lars Ranthe) und Allon (Fares Fares) gleich zwei Personen ein, die über kein Geld verfügen.

Wieso die in der Kommune leben wollen, ist insofern nachvollziehbar. Für das befreundete Paar Steffen (Magnus Millang) und Ditte (Anne Gry Henningsen) geht es wohl eher um das Konzept des Gemeinwesens. Immerhin ist Ditte eine Professorin, müsste also über ein annehmbares Einkommen verfügen. Die Zusammenstellung der Kommune wirkt folglich etwas willkürlich. So wird über Allons Einzug erst gestritten, er dann aber doch aufgenommen. Und Ditte gilt bei Erik und Ole als „dominante Zicke“, gegen die man „von Anfang an energisch auftreten“ müsse. So wirkt die Kommune in Kollektivet eher als Zweckgemeinschaft, denn als soziale Bewegung. Auch die Motive von Anna als Initiatorin des ursprünglichen Hausprojekts wirken etwas schwach.

„Ich langweile mich. Ich brauche Veränderung“, erklärt sie eingangs gegenüber Erik. Andere Stimmen wolle sie hören, was keine wirklich glückliche Ehe skizziert. Kaum steht die Kommune, hat sie abends am Tisch nicht einmal mehr ein offenes Ohr für Eriks architektonische Ideen. Das leiht ihm schließlich kurz darauf Emma, die seine Entwürfe überschwänglich lobt. „Du bist so klug“, gibt ihr Erik sogleich das Kompliment zurück. Zuvor begann die Affäre zwischen Dozent und Studentin indem sich die Charaktere im offen einsehbaren Büro von Erik küssten. Die Affäre des Mannes wirkt somit durch Vinterbergs Inszenierung letztlich durch die Gattin (mit-)verschuldet. Mit der Kommune hängt sie jedoch nicht wirklich zusammen.

Für die soziale Bewegung bringt der Film wenig bis kein Interesse auf, was umso erstaunlicher ist, da er nicht nur nach ihr benannt ist, sondern Vinterberg in Interviews auch von seinen Erfahrungen in seiner eigenen Kommune schwärmt. Wer Ole, Allon, Steffen, Ditte und Mona (Julie Agnete Vang) sind, erfährt das Publikum nicht. Wie sie von der Kommune profitieren und diese genau funktioniert ebenso wenig. Die Männer trinken Bier und führen keine Strichliste, also muss die Gemeinschaftskasse aufkommen. Und Ole verbrennt Allons Besitztümer, die dieser im Haus rumliegen lässt. Damit hat es sich auch schon, jenseits vom gemeinsamen Einnehmen der Mahlzeiten. Was die Charaktere von der Kommune haben, bleibt unklar.

Entsprechend irritiert, wieso Anna nicht von ihr lassen will, genauso wenig wie Erik. Der droht vielmehr in vereinzelten cholerischen Anfällen sogar, das Gemeinschaftsprojekt aufzulösen, will aber dennoch nicht darauf verzichten. Die Handlung von Vinterberg wirkt nicht allzu ausgearbeitet, ebenso wenig die Figuren. Bis auf Anna und Erik ist keine von ihnen dreidimensional, Emma bleibt durchweg dramaturgisches Instrument, das sich dem Fortgang der Geschichte unterordnet, aber kein Leben atmet. Freja erhält vom Regisseur derweil eine zusätzliche und ebenfalls unerhebliche Handlung, in welcher sie eine Beziehung mit einem älteren Jungen eingeht. Was Vilads, der sechsjährige Sohn von Steffen und Ditte, mit Argwohn beobachtet.

Als eines der wenigen humoristischen Elemente leidet der Sechsjährige an einem angeborenen Herzfehler, mit wenigen Jahren Lebenserwartung. „Ich werde nur Neun“, sagt Vilads da immer wieder mit aufgesetzter Melancholie und fragt Emma bei ihrem ersten Treffen, ob sie „bummsen“ wollen. Die Erwachsenen lachen darüber, weil es wohl doch etwas charmant ist, wenn ein Kleinkind, dessen Tage nummeriert sind, seine eigene Sterblichkeit lamentiert. Das Szenario ist etwas absurd, wie es skandinavische Dramen durchaus sehr gerne mal sind. Es führt aber wie quasi alles in Kollektivet auch nirgends hin. Über eine Botschaft oder einen Kommentar verfügt der Film nicht. In der Folge wirkt er mit fortschreitender Laufzeit irrelevant.

Ein positives Bild zeichnet Vinterberg nicht über die Kommune. Allerdings auch kein negatives, dafür ist sie zu wenig Thema. Und auch als Variation von „Szenen einer Ehe“ und dem Scheitern einer Liebe hat Kollektivet zu wenig Fleisch am Knochen. „Der Umgang mit Menschen ist wahrer Umgang“, sinnierte einst der österreichische Lyriker Ernst Freiherr von Feuchtersleben. „Man geht ewig umeinander herum, ohne sich näher zu kommen.“ So lässt sich der jüngste Film des dänischen Independent-Filmemachers vielleicht am ehesten beschreiben. Mit diesem unterbietet dieser zudem den bereits wenig gelungenen Jagten zuvor. Vielleicht sollte sich Vinterberg mal wieder seinen Hit Festen ansehen. Als erstrebenswertes Gut für sein zukünftiges Schaffen.

3.5/10

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