1. September 2017

Toivon tuolla puolen [Die andere Seite der Hoffnung]

I don’t understand humor.

Das Flüchtlingsproblem ist ein bewegendes Thema – nicht nur im Alltag, sondern auch im Kino. Speziell bei der Jury der Berlinale scheinen Filme zur Flüchtlingskrise auf offene Ohren zu stoßen. So erhielt Gianfranco Rosi im vergangenen Jahr für seinen Dokumentarfilm Fuocoammare über angeschwemmte Flüchtlinge auf der Mittelmeerinsel Lampedusa den Goldenen Bären. Dieses Jahr prämierte die Jury derweil mit Toivon tuolla puolen (in Deutschland als „Die andere Seite der Hoffnung“ vertrieben) eine lakonische Dramödie über die Asyl-Situation in Helsinki. Der finnische Auteur Aki Kaurismäki erhielt für seinen 18. – und nach eigenen Aussagen angeblich finalen – Spielfilm dafür den Silbernen Bären für die Beste Regie.

Kern der Geschichte bildet dabei das Schicksal des syrischen Flüchtlings Khaled (Sherwan Haji), der in Helsinki Asyl beantragt. Der Bürgerkrieg in seiner Heimat beraubte ihn seiner Verlobten sowie seiner Familie. Nur Schwester Miriam überlebte, auf der gemeinsamen Flucht nach Europa wurden die Geschwister jedoch an der Grenze getrennt. Khaled sucht nun zum einen nach Asyl in Finnland, will zum anderen aber auch seine Schwester wiederfinden. Nach einen Neuanfang sehnt sich unterdessen auch Wikström (Sakari Kuosmanen), der zu Beginn seine Tätigkeit als Handelsvertreter für Hemden aufgibt und seine Frau verlässt, um seinen Traum als Gastronom eines eigenen Restaurants in die Tat umzusetzen.

Über weite Strecken lässt Kaurismäki die Geschichten von Khaled und Wikström dabei parallel zueinander laufen, ehe sie der 60-jährige Regisseur für den finalen Schlussakt zusammenführt. Wikströms Ambitionen, im heruntergekommenen Lokal „Zum goldenen Krug“ sein Glück als Restaurateur zu finden, wohnt dabei am ehesten der für Kaurismäki typische Humor inne. Nicht zuletzt dank dessen wenig motivierten Personal rund um Maître d’hôtel Calamnius (Ilkka Koivula) und Praktikanten-Kellnerin Mirja (Nuppu Koivu). Eine „erstklassige Lage“ hatte Wikström da der Immobilienmakler versprochen, in der „viele reiche Studenten“ leben würden. Von denen sieht man in der Folge jedoch wenig im „Goldenen Krug“.

„Beruflich verändern“ wolle er sich, erklärt Wikström noch eingangs. Und versucht daher, einer seiner Kundinnen seinen gesamten Lagerbestand zu verkaufen. Die Ladenbesitzerin hat aber kaum Interesse an den Hemden des Maklers, plant vielmehr selbst ihre Auswanderung nach Mexiko-Stadt. „Die Zeiten sind schlecht“, erklärt sie. Lobt aber Wikströms Restaurant-Idee. Die verspreche „ein einträgliches Geschäft“, denn in schlechten Zeiten würden die Leute viel trinken – in guten sogar noch mehr. Zur finanziellen Win-Win-Situation will das Restaurant aber nicht so recht werden, trotz etwaiger – liebevoll dilettanitsch umgesetzter – kulinarischer Kurskorrekturen seitens Wikström und seines Teams. Doch die Hoffnung, sie stirbt zuletzt.

Noch weniger Spaß hat Khaled. Pflichtbewusst beantragt er nach seiner Ankunft Asyl bei der nächsten Polizeistation. Kein Problem sei dies, sagt ihm der Beamte: „Sie sind nicht der Erste.“ In der Tat trifft der junge Syrer in der Unterbringungszelle auf zwei andere Flüchtlinge, darunter auch Mazdak (Simon Hussein Al-Bazoon). Fünf Aufnahmestellen hat der Iraker bereits hinter sich, seit einem Jahr hält er sich in Finnland auf. Und klagt ein auch hierzulande bekanntes Lied für Flüchtlinge: Es gehe für ihn weder vor noch zurück. „Ich brauche Arbeit“, sehnt er sich nach Beschäftigung, ohne einen Job in Aussicht zu haben. Dennoch gibt er Khaled Tipps, wann er lächeln sollte und wann besser nicht. Nicht jeder ist so hilfsbereit, wie Khaled hörte.

Weitestgehend liefert Toivon tuolla puolen eine leicht romantisch verklärte Sicht auf die Flüchtlingskrise, inszeniert sich bisweilen wohl auch seines Humors Willen als Sozialmärchen. Selbst wenn der Film nicht alles beschönigt, so wie die Sicht des finnischen Außenministeriums zur politischen Situation in Aleppo. Genauso auch wenn Khaled wiederholt auf eine Truppe Rechtsradikaler trifft, die sich unter dem Namen „Liberation Army Finland“ firmieren, was wohl als filmisches Pendant zur realen ähnlichen Gruppierung der Soldiers of Odin in Skandinavien gedeutet werden kann. Dennoch klingt Kaurismäkis Sozialkommentar stets eher minimal und subtil an, anstatt die gebührende Aufmerksamkeit zu erhalten.

Natürlich kann auch dies als Kommentar verstanden werden, wenn Khaled sachlich-nüchtern von all den Toten erzählt, die ihm der syrische Bürgerkrieg beschert hat. Quasi wenn der Schock zum Alltag wird. Wie er es geschafft habe, alle Grenzen in Europa teils mehrmals zu überqueren, wird er da von einer staatlichen Behördenmitarbeiterin gefragt. „Alle haben weggesehen“, erklärt Khaled. „Wir verursachen Probleme.“ Mit dem Grenzübergang werden diese Probleme weitergereicht an die Behörden des Nachbarstaates. Ein etwas intimerer Blick in das Innenleben von Khaled und Mazdak wäre aber vielleicht nicht verkehrt gewesen. So sehen wir – typisch für einen Kaurismäki-Film – die Flüchtlinge zumeist gelangweilt beim Rauchen.

Toivon tuolla puolen ist somit in gewisser Weise durchaus repräsentativ. So entfiel von den 1.135 Asylanträgen, die allein zwischen Januar und März 2017 in Finnland eingereicht wurden, jeder Dritte auf einen Flüchtling aus Irak oder Syrien. Diese harren in den Aufnahmestellen der Dinge, können nicht arbeiten, sind teilweise von ihren Familienmitgliedern getrennt und müssen sich mit Animosität mancher Einheimischer auseinandersetzen. Erfahren aber auch viel Zuspruch und Unterstützung. So wie Khaled im Film, sei es bei etwaigen Fluchtversuchen oder später, wenn sich Wikström seiner annimmt. Da verwundert es nicht, dass Kaurismäki seine Geschichte trotz dramatischer Ereignisse zum Schluss versöhnlich enden lässt.

Der finale Film im Œuvre des finnischen Kultregisseurs – insofern es denn bei seiner Ankündigung bleibt – scheint dabei ein würdiger Vertreter seines Schaffens zu sein. Ich selbst bin mit Kaurismäkis Filmografie nur vereinzelt vertraut, störte mich gar nicht so sehr am reduzierten Spiel des Ensembles und amüsierte mich zugleich über den visuellen Look des Films, der wirkt, als verorte sich die Handlung ans Ende der 1980er oder Anfang der 1990er. Narrativ hätte ich mir dennoch einen stärken Pendelausstoß in eine der beiden Genre-Richtungen gewünscht. So ist Toivon tuolla puolen als Drama etwas zu unernst und als Komödie wiederum zu seriös. Vielleicht war es aber auch gerade das, was die Berlinale-Jury im Frühjahr angesprochen hatte.

6/10

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