29. September 2007

Vorlage vs. Film: Thank You for Smoking

Thank You for Smoking (1994)

Die Studentenverbindung Skull & Bones ist nicht unbekannt, nicht zuletzt dank des entsprechenden Spielfilms The Skulls (2000) mit Paul Walker. In der Tat ist Skull & Bones eine ausgesprochen einflussreiche Verbindung, die unter anderem US-Präsident George W. Bush und zwei seiner Vorgänger hervorgebracht hat. Zudem stellt sie weitere mächtige Wirtschaftsbosse, Journalisten und viele mehr. Einer dieser Männer ist Christopher Buckley, kein berühmter und kein berüchtigter Mann. Im Prinzip relativ unscheinbar verdient er seinen Lebensunterhalt mit dem Verfassen satirischer Romane. Aber er studierte an der Yale University, war Mitglied von Skull & Bones und später Chefredakteur des Magazins Esquire, sowie der Redenschreiber des ehemaligen Präsidenten George Bush. Größere Bekanntheit erlangte Buckley dann 1994, als sein zweiter Roman Thank You for Smoking für einige Kontroversen sorgte.

Der Held seiner Handlung ist Nick Naylor, Vizepräsident der Akademie für Tabakstudien und zugleich ihr Pressesprecher. Naylor war früher Journalist, ehe er fälschlicherweise den Tod des Präsidenten verkündete, und ist ein geborener Tatsachenverdreher oder wie er sich nennt: ein Möglichmacher. Als Sprachrohr der Tabaklobby ist er zugleich das Gesicht, das 300 Millionen Amerikaner mit Zigaretten in Verbindung bringen (und 250 Millionen von ihnen zum Hass auf ihn verleitet). Nick liebt jedoch seinen Job, schon allein deswegen, weil er ihn gut beherrscht. Und außerdem muss er auch noch seine Hypothek abbezahlen. Als Nick in einer landesweiten Talkshow einen Punktsieg für die Tabaklobby landet, avanciert er zum Liebling des Tabak-Tycoons Doak Boykin, allgemein nur „Captain“ genannt. Dies wiederum fährt Nicks Chef BR in die Parade, der eigentlich bereits seine Assistentin Jeanette auf Nicks Posten hieven wollte.

Nicks Leben gerät schließlich besonders aus den Fugen, als eine seiner vielen Morddrohungen beinahe wahr gemacht wird. Er wird von Terroristen einer Anti-Raucher-Bewegung entführt und durch Nikotinpflaster beinahe ins Jenseits befördert. Fortan genießen er und sein Arbeitgeber zwar die daraus folgende Publicity, hat aber neben Bodyguards nun auch das FBI an den Fersen. Seine Karriere gerät derweil immer mehr ins Schlingern. Was Nicks Leben dabei bestimmt, ist der Druck seiner Firma - sowie von 55 Millionen Rauchern -, der auf seinen Schultern lastet. Und seine Libido. Denn Nick muss sich auch mit mehreren Affären herumschlagen, unter anderem mit seiner potentiellen Nachfolgerin Jeanette, aber auch mit der neugierigen Lokalreporterin Heather Holloway. Da ist er schon froh, wenn ihm mal die Zeit bleibt, sich mit seinen beiden Freunden Polly und Bobby Jay zum Essen zu treffen oder seinen Chiropraktiker aufzusuchen.

Besonders zu Beginn wirken Buckleys Worte dabei oft hölzern und er verliert sich in vielen kurzen, beschreibenden Sätzen. Diese lassen ihn mitunter stümperhaft erscheinen und seine ausufernden Beschreibungen von nebencharakterlichen Hintergrundgeschichten sind etwas unnötig. Dies lässt dann allerdings in der Mitte des Buches nach und es entwickelt sich ein so lustig wie flotter Plot, dessen Herr in jeder Lage Nick ist. Buckley macht einem nichts vor, lässt den Leser an jedem Gedanken und jeder Einschätzung Nicks teilhaben. Hierbei nimmt er durch Nicks argumentative Art eine anti-lobbyistische Haltung ein, denn Nick ist sich sehr wohl bewusst, dass er immer Möglichkeiten sucht, die Wahrheit zu verdecken, dass Rauchen schädlich ist. Thank You for Smoking ist ein passabel geschriebenes, unterhaltsames Buch, wobei von einem Yale-Absolventen und Redenschreiber des US-Präsidenten mehr zu erwarten gewesen wäre.


Thank You for Smoking (2005)

If you argue correctly, you`re never wrong.

Auch wenn Planungen für mindestens ein anderes Buch bestehen, ist Thank You for Smoking der bis dato einzige verfilmte Roman von Christopher Buckley. Und es ist äußerst löblich, dass sich Regisseur und Autor Jason Reitman nicht auf die Hilfe und Unterstützung seines Vaters (Ivan Reitman, Ghostbusters) verlassen hat (im Gegensatz zu beispielsweise Sofia Coppola). Reitman, der von 1998 bis 2004 in sechs komödiantischen Kurzfilmen filmische Erfahrung gesammelt hat, adaptierte Buckleys Drehbuch zu einer kleinen, spitzfindigen Film-Satire mit einem bescheidenen Budget von lediglich sieben Millionen Dollar. Dafür konnte er viele Stars bis in die Nebenrollen gewinnen, die er alle persönlich mit einem Brief anschrieb, um ihnen nahe zubringen, weshalb gerade sie für die Rolle geeignet wären. Jede seiner ersten Wahlen hat akzeptiert.

Nick Naylor (Aaron Eckhart) ist geschiedener Vater und Pressesprecher sowie Vize-Präsident der Akademie für Tabakstudien in Washington D.C. Während er sich mit seiner politischen Nemesis, Vermonts Senator Ortolan Finisterre (William H. Macy), über Bilderwarnungen auf den Packungen von Zigaretten herumschlägt, will sein direkter Vorgesetzter, BR (J.K. Simmons), dass Nick in Hollywood dafür sorgt, dass Zigaretten wieder sexy gemacht werden - im Kino. Als wäre das noch nicht genug, versucht Nick zudem noch seinen Sohn Joey (Cameron Bright) richtig zu erziehen, seine Affäre mit der hiesigen Lokalreporterin Heather Holloway (Katie Holmes), die auch noch einen Artikel über ihn verfasst, am Laufen zu halten und lebend aus einer Geldübergabe mit dem an Lungenkrebs erkrankten Marlboro Man Lorne Lutch (Sam Elliott) heraus zu kommen.

Am meisten Aufsehen erregte Reitmans Film wohl deswegen, weil Katie Holmes’ Ehemann Tom Cruise darauf bestand, eine Nacktszene aus dem Film zu schneiden. Dabei weiß doch spätestens seit Sam Raimis The Gift jeder, wie die Brüste von Holmes aussehen. Großartig geschadet hat es dem Film scheinbar nicht und Thank You for Smoking konnte weltweit das Sechsfache seiner Kosten einspielen. Dass es nicht mehr war, lag wohl an der Einstellung, der Film sei anti-raucherfreundlich eingestellt, dabei hebt Reitman hervor, dass seine Intention durchaus neutral sei. In der Tat geht der Film sehr viel weniger als die Buchvorlage auf die nackten Zahlen ein, welche Nick gerne und in den meisten Fällen verdreht, sodass das Endbild seiner Idee entspricht. Wie er seinem Sohn Joey im Film so schön dialektisch erklärt: Wenn man richtig argumentiert, liegt man nie falsch.

Und wenn Nick etwas kann, dann reden. Dementsprechend setzt Reitman dessen Worte einem Gewehrmündungsfeuer gleich und hält den gesamten Film in einem sehr satirischen Ton, untermalt mit innovativen Schnitten und Kameraeinstellungen. Über allem strahlt dann das Zahnpastalächeln von Aaron Eckhart, der den geleckten Nick ebenso geleckt spielt. Auch die anderen Darsteller von Sam Elliott über J.K. Simmons bis hin zu Robert Duvall (Doak Boykin), Rob Lowe (Jeff Megall), David Koechner (Bobby Jay) und Maria Bello (Polly) erweisen sich als sprichwörtliches Faust-aufs-Auge. Die Figur der Jeanette wurde dagegen gestrichen und Teile ihres Charakters in die Figur von Heather Holloway eingearbeitet. Das ist an sich nicht weiter schlimm, fährt dem erzählerischen Ende der Vorlage jedoch in die Parade, weshalb das Filmende abgewandelt werden musste.

Hauptkritikpunkt der Adaption ist ihre emphatische Verschiebung der Ideale. So erhält Senator Finisterre eine ausführliche Portraitierung und nimmt mehr am Geschehen teil. Ebenso fällt die Gewichtung der Vater-Sohn-Beziehung aus. Sieht Nick im Roman Joey lediglich ein Mal, nimmt er ihn im Film sogar auf Geschäftsreisen mit und lässt ihn als sein Gewissen fungieren. Die Intention ist klar: Durch die Beziehung zu Joey soll Nick sympathischer wirken. Statt um Frauengeschichten geht es also um seinen erzieherischen Auftrag. Nur ist diese 0815-US-Familienmoral von gestern. Auch die fehlerhafte Gewichtung des Mordanschlags und dessen Hintergründe hätten dem Film mehr Zug gegeben. So ist Thank You for Smoking eine immer noch gelungene Adaption, die allerdings etwas vor sich hinplätschert und die Gewichtung auf die falschen Ideale setzt.

6.5/10

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