6. Dezember 2015

Mistress America

Five feet to the left and unhappy.

Wenn etwas die Figuren von Noah Baumbachs Filmografie eint, dann ihr Status als Außenstehende am Rande der Gesellschaft. Beobachter des Lebens, Zuschauer des Alltags. Ob in Kicking and Screaming, Greenberg, Frances Ha oder While We’re Young – überall finden sich Charaktere, die ihren Platz in der Welt suchen. Und damit in gewisser Weise auch sich selbst. Figuren, die etwas verloren wirken. Überwältigt von den Möglichkeiten und den daraus resultierenden Erwartungen an sich selbst. Da macht Baumbachs jüngster Film, Mistress America, den er mit seiner Hauptdarstellerin und Freundin Greta Gerwig geschrieben hat, keine Ausnahme. Denn auch er wird bestimmt von solchen Themen wie Unsicherheit und Selbstfindung.

Frisch an die Universität nach New York gewechselt, misslingt der Literaturstudentin Tracy (Lola Kirke) der Anschluss. Ihre Mutter ermutigt sie, sich bei ihrer designierten Stiefschwester Brooke (Greta Gerwig) zu melden. Die lebensfrohe Fitnesstrainerin, die derzeit plant, ein innovatives Restaurant zu eröffnen, hat es Tracy sofort angetan. Als Brooke jedoch ihr Lebensstil in die Parade fährt und ihr die Finanzierung ihres Lebensprojekts abhanden kommt, muss sie sich auf einen Road Trip in die Vergangenheit begeben. Begleitet wird sie dabei von Tracy, die die Situation als Vorlage einer Kurzgeschichte nutzt, sowie von Tracys Kommilitonen Tony (Matthew Shear) und seiner eifersüchtigen Freundin Nicolette (Jasmine Cephas Jones).

Der Einstieg in Mistress America gerät dabei etwas holpriger als der zu Frances Ha. Ein Zugang zu Tracy fällt schwer, ihr Außenseiterstatus wird mehr durch Bilder als Szenen kommuniziert. So isst sie beispielsweise in der Unimensa zu Pizza noch Cheerios. Auch Gerwigs Brooke ist anfangs eine zwiespältige Figur. Enorm von sich selbst vereinnahmt muss der Zuschauer sich ihrem Charakter gegenüber erst erwärmen. Zugleich ist nachvollziehbar, wieso die verloren wirkende Tracy sogleich von Brookes Lebensstil beeindruckt ist. “I could only agree with her”, läutet sie den Film ein. “It was too much fun to agree with her.” Hat man sich jedoch erstmal in die Geschichte eingefunden, läuft diese rund wie ein Schweizer Uhrwerk.

Schnell zeigt sich, dass der Film weniger Tracy als Brookes Geschichte erzählt. Wie bereits Frances in Frances Ha will Brooke etwas Eigenes für sich auf die Beine stellen. “I’ve spent my whole life chasing after things and knocking at doors”, erklärt sie. “I’m tired of running towards people. I want to be the place that people come to.” Dumm nur, dass ihr Lebensgefährte ihr die finanzielle Unterstützung entzieht, nachdem er sieht, dass sie fremdgegangen ist. Nun bleibt Brooke nur ihre Nemesis Mamie-Claire (Heather Lind) um Hilfe zu bitten, nachdem diese ihr einst nicht nur eine Geschäftsidee, sondern auch Freund Dylan (Michael Chernus) ausgespannt hat. “She was the last cowboy”, schwärmt Tracy. “All romance and failure.”

Gerade im zweiten Akt läuft Mistress America zur Höchstform auf, wenn die verschiedenen Lebensentwürfe von Tracy, Tony und Nicolette mit denen von Brooke, Mamie-Claire und Dylan kontrastiert werden. Mit unbekümmertem Unverständnis begegnet die 30-jährige Brooke da den Eifersüchteleien von Nicolette. “There’s no cheating when you’re 18”, klärt sie die Jugendliche auf. “You should all be touching each other all the time.” Für die jungen Leute sind die Älteren zugleich abschreckendes Beispiel und potentielles Spiegelbild einer zehn Jahre entfernten Zukunft. Die hat sich selbst in besonders guter Erinnerung. “I saw Nirvana live”, erklärt Dylan an einer Stelle stolz. Und ergänzt später: “I was the people, people make television shows about.”

Baumbach skizziert eine Welt, in der jeder den Fokus zuerst auf sich selbst richtet. So pflegt Brooke ihre sozialen Netzwerke, um sich selbst anzupreisen und zu bewerben. Welche Ironie, dass ihr Freund gerade dadurch im Ausland mitbekommt, dass sie mit einem anderen rumgemacht hat. Und als ihr eine ehemalige Schulkameradin in einem Bistro vorhält, Brooke hätte sie früher gemobbt, tut diese das als Nichtigkeit ab. “Everyone’s an asshole in high school.” Auch Tracy hat weniger Altruismus als vielmehr Material für ihre Geschichte im Kopf. Schließlich will sie in einen elitären Kreis eines Literaturclubs ihrer Universität aufgenommen werden. In Mistress America gilt über weite Strecken das Motto: Jeder ist sich selbst der Nächste.

“You can’t really know what it is to want things until you’re at least 30. And then with each passing year it gets bigger because the want is more and the possibility is less. Like how each passing year of your life seems faster because it’s a smaller portion of your total life. Like that. But in reverse.”

Am meisten zeigt sich diese Haltung bei Tracy, die ihre Umwelt mehr und mehr ihren Plänen unterwirft. “You used to be so nice”, hält ihr Tony in einer Szene vor. “I’m just the same in another direction now”, entgegnet die ihm. Womöglich färbte auf sie nur das Verhalten ihrer baldigen angeheirateten Schwester ab, und der Wunsch, von der Zuschauerin zur Teilnehmerin zu avancieren. Immerhin bemüht sich Tracy durchaus, den wahnwitzigen Projektwunsch von Brooke, ein Restaurant mit einem Friseursalon und einem Stadtteilzentrum zu kreuzen, am Leben zu erhalten. Nichts so sehr als Basis für ihre Geschichte als aus Zuneigung zu Brooke. Denn selbst wenn sie diese in gewisser Weise als Versagerin sieht, blickt sie aber auch zu ihr auf.

Etwas unrund gerät wiederum der Schluss, der sich zurück auf das Level der ersten 20 Minuten einpendelt. Gut möglich, dass sich diese Kritikpunkte bei Wiederholungssichtungen jedoch auflösen. Ungeachtet dessen vermag Mistress America aber trotz seines Screwball-Charakters mit seinem spritzigen Humor und zahlreichen genüsslichen Dialog- und Monologzeilen nicht ganz so gelungen den Zeitgeist einzufangen wie Frances Ha vor ihm. Dessen Charaktere wirkten zugleich etwas dreidimensionaler als hier der Fall, wo sie bisweilen prosaisch daher kommen. Als Schwesternfilm zu Frances Ha und While We’re Young funktioniert Mistress America aber durchaus vorzüglich, genauso wie als einer der besten Einträge des Filmjahres 2015.

7.5/10

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