3. November 2017

All These Sleepless Nights

So much was supposed to happen and nothing happened.

Die Phase des Lebens zwischen dem Ende der Teenager-Zeit und dem Erwachsenwerden ist eine ganz spezielle. Eine Phase des Entdeckens und Erlebens verschiedener Momente, die helfen, zu der Person zu werden, die man sein wird. “Reminiscence bump” beschreibt jenen Umstand, das Menschen am meisten an Erinnerungen aus dieser Phase in ihrem Leben festhalten. Der polnische Regisseur Michał Marczak leitet seinen jüngsten Film Wszystkie nieprzespane noce – international als All These Sleepless Nights vertrieben – mit der Erklärung des “reminiscence bump” ein. Zugleich liefert diese das Thema und die Prämisse für das Doku-Drama, welches lose ein Jahr am Leben seines Protagonisten in Warschau teilnimmt.

Der Film wird dabei mit dem Ende der Beziehung von Krzys (Krzysztof Bagiński) zu seiner langjährigen Freundin Monika eingeläutet. Und begleitet schließlich Krzys, wie er mit seinem besten Freund Michał (Michał Huszcza) eine WG gründet. Wir folgen Krzys und Michał von einer Party zur nächsten – genauso wie zu nächtlichen Wanderungen durch die Stadt. So lange, bis Krzys in Eva (Eva Labeuf) bei einer Party Michałs Ex-Freundin kennenlernt. Beide beginnen eine Romanze und Krzys beschließt wenig später, aus der WG auszuziehen. Seine Gesellschaft ändert sich für Krzys, doch die Partys bleiben. Jeder Moment ist dabei ganz besonders in All These Sleepless Nights. Und doch sind sie alle letztlich im Grunde genauso gut austauschbar.

Im Fokus steht dabei Krzys, ohne dass der Zuschauer nähere Einblicke in seinen Charakter erhält. Er manövriert aus seiner ersten ernsten Beziehung, verarbeitet diese in einer Romanze, wohnt zuerst mit einem Freund alleine, später dann nur für sich. Macht alkoholgeschwängerte Bekanntschaften mit Fremden auf Partys, führt tiefsinnige Gespräche auf Toiletten. Und ist hierbei auf der Suche nach (s)einer eigenen Identität und einer Richtung. Marczaks Film wirkt infolgedessen wie eine weniger prätentiöse moderne Version eines Terrence-Malick-Films. Beide thematisieren die Sinnsuche, Einsamkeit und Liebe in ihren Werken. Marczak fokussierter – sowohl in seiner Kameraarbeit, aber insbesondere auch hinsichtliche der narrativen Herangehensweise.

“I feel like I constantly want to sabotage myself”, gesteht Krzys. Später wird er eine Bekanntschaft fragen: “Can you see my loneliness?” Krzys ist auf der Suche, nur weiß er nicht so recht, wonach. Wenn eine alkoholisierte Eva bei ihrem ersten Kennenlernen festhält “I feel like I know you” ist das nicht nur lustig, sondern fundierter als es den Anschein hat. Krzys, Michał und Eva sehen in gewisser Weise sich selbst in einander. Das macht ihnen ihre Gesellschaft so bedeutsam, aber stößt sie letztlich wohl auch voneinander ab. Wenn Krzys mit seinem Freund Adam (Adam Repucha) in einem Bad über das Leben und die Liebe sinniert, um festzuhalten “it might be a few years before I understand all that”, gibt dies den Kern der Sache wieder.

Noch fehlt diesen jungen Menschen die Einordnung und ein Blick auf das große Ganze. Sie leben im Jetzt und Hier und wenn sie nachts oder frühmorgens durch die leere Straßen Warschaus spazieren, auf dem Heimweg von der letzten Party, fühlen sie sich naturgemäß wie “the gods of the city”, wie es Eva ausdrückt. Laut der Inhaltsangabe sind Krzys und Michał Kunststudenten, zu sehen kriegt der Zuschauer davon nichts. Wir begleiten beide nur von einem Event zum nächsten und manchmal auch dazwischen. Und kriegen ihre Streitereien mit, sei es wegen Krzys Umgang mit Eva oder seiner Haltung zu einer weiblichen Bekanntschaft seines besten Freundes auf einer später Party. Alles, so scheint es, ist im Wandel.

Jeder von ihnen sucht wie Krzys nach etwas Bestimmtem, ohne zu wissen, was. Sie alle haben aber eine Ahnung, eine Erwartung. “So much was supposed to happen and nothing happend”, bringt es gegen Ende eine Bekannte von Krzys auf den Punkt. Sie habe gewusst, woher er komme, erzählt Krzys in Bezug auf Evas Reflektion zu seiner Verarbeitung des Beziehungsendes mit Monika. Wohin er will, so scheint es, wusste Eva aber genauso wenig wie Krzys selbst. Sodass ihre Beziehung im Laufe von All These Sleepless Nights auch zum Scheitern verurteilt ist. Zwischen Partys, Frauen, Musik und Drogen mäandert Krzys daher durch das Nachtleben seiner Stadt, wirkt dabei aber nie vollends zufrieden oder glücklich.

Faszinierend ist die Tatsache, dass Michał Marczak weniger einen Spielfilm als eine Dokumentation abliefert. So spielen sich Krzys, Michał, Eva und Co. scheinbar selbst – respektive Versionen von ihren Persönlichkeiten. Die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion verschwimmen somit, angesichts des narrativen wie visuellen Flusses des Films ist es dennoch bemerkenswert, dass selbst große Teile von ihm nicht gespielt im klassischen Sinne sind. Die drei Hauptfiguren sind dabei eindringlich und charismatisch, vom pragmatischen Michał Huszcza über die bezaubernde Eva Labeuf hin zum nachdenklichen Krzysztof Bagiński. Fast schon ein Charakter für sich ist dabei die Musikauswahl, die als Soundtrack des Lebens der Figuren dient.

All These Sleepless Nights inszeniert das Leben als eine Momentaufnahme. Und genauso als eine Abfolge von Momenten. Manche von ihnen waren für Krzys, Michał und Eva schöner als andere. Getreu dem “reminiscence bump” werden sie sich an alle jedoch eindringlicher erinnern als an später in ihrem Leben gemachte Erfahrungen. Nicht nur – aber natürlich auch – weil sie nun filmisch von Michał Marczak festgehalten sind. Als Zuschauer verliert man sich wie bei Terrence Malick in diesen das Leben abbildenden ruhelosen und doch beruhigenden Bildfragmenten. “We all have an archive of beautiful moments in our minds”, philosophiert Adam gegenüber Krzys gegen Ende des Films. All These Sleepless Nights ist letztlich selbst solch ein Archiv.

7/10

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