23. August 2013

Jagten

Da werden die Männer zu Mäusen und die Mäuse zu Männern.

Schon Martin Luther sagte, eine Lüge sei wie ein Schneeball. „Je länger man ihn wälzt, desto größer wird er.“ Eine ähnliche Erfahrung muss auch Mads Mikkelsens Kindergärtner Lucas in Thomas Vinterbergs Jagten machen als ihn eines der Kinder des sexuellen Übergriffs bezichtigt. Er habe dem Kind seinen erigierten „Pippimann“ gezeigt – kurz darauf ist Lucas erst arbeitslos, dann seine Nase gebrochen, sein Sohn verprügelt und sein Hund ermordet. Bei Kindern hört der Spaß eben auf, das scheint auch Lucas zu ahnen als er erstmals von der Bezichtigung erfährt. Besondere Dramatik erhält das Szenario dann dadurch, dass es sich bei dem betroffenen Kind um die Tochter von Lucas’ besten Freund handelt.

Im vergangenen Jahr kam es in Deutschland laut dem Bundeskriminalamt zu 14.865 sexuellen Missbrauchsfällen mit Kindern, fast jeder Dritte davon (32,2 Prozent) durch Bekannte der Familie. Ähnlich wie Jodaeiye Nader az Simin entschließt sich Jagten, dem Publikum zu zeigen, dass der Protagonist unschuldig ist und beschränkt sich auf die Darstellung wie der Schneeball fortan gewälzt wird. Verschiedene Dinge bleiben daher außen vor, allen voran das vermeintliche Opfer in Person von Klara (Annika Wedderkop). Der Film spricht es zwar nicht an, aber es ist offensichtlich, dass das Mädchen an einer Zwangsneurose leidet – genauso wie unter ihrem zerrütteten Zuhause mit ihren beiden verstrittenen Elternteilen.

Diese verlieren Klara mehrfach aus den Augen, sodass sie auf sich allein gestellt durch das heimische Dorf wandert. In Lucas findet das Kind dann jene Fürsorge, die ihm daheim nicht vergönnt ist. Ein Liebesbeweis wird von dem Kindergärtner jedoch abgewiesen, was zur Lüge aus dem Mund des Mädchens führt. Die Leiterin der Tagesstätte alarmiert daraufhin die Polizei und setzt sich mit den Eltern zusammen, um sie zu informieren, dass ihre Kinder vermutlich alle missbraucht wurden, da eines der Symptome Albträume seien. Schnell ist Lucas vorverurteilt, was umso beeindruckender ist, da es sich dabei um Freunde aus seiner eigenen Jugend handelt. Angefangen mit Klaras Vater Theo (Thomas Bo Larsen).

Für Vinterberg ist Jagten ein Film über Liebe, Freundschaft und den Verlust von Unschuld. Ein wirkliches Gespür für diese Freundschaft bietet sein Film allerdings nicht. Zu schnell und bereitwillig wendet sich bis auf einen Freund – dieser allerdings nicht öffentlich – und seinen Sohn jeder von Lucas ab. Der Film lässt viele Fragen offen, beispielsweise wenn eine sich verlaufene Klara nicht jenen Supermarkt wiedererkennt, in dem ihre Familie scheinbar regelmäßig einkauft, dann aber problemlos alleine zu Lucas’ Haus findet. Offenbar geht ihr Vater öfters mit ihr zu Lucas als Einkaufen. Währenddessen wird Mikkelsens Figur immer mehr von der Identifikationsfigur zum Ärgernis – ein Opfer bleibt sie dabei durchweg.

„Du lässt dir zu viel gefallen, das hab ich immer gesagt“, muss sich Lucas da an einer Stelle auch von einem Freund sagen lassen. Dies soll von Vinterberg womöglich christlich konnotiert werden, gemäß Matthäus 5,39: „Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar“. Entsprechend ließe sich dann auch das absurde Finale lesen. Nur wirkt Lucas in seiner Passivität und seinem fehlenden Aufbegehren nicht gerade wie jemand, der tatsächlich unschuldig ist. Und wüsste es der Zuschauer nicht, würde man es ihm vermutlich auch nicht glauben. Eine entsprechende Ambiguität wie sie vergleichsweise der thematisch nicht unähnliche Doubt an den Tag legte, spart sich Vinterberg allerdings.

Vielleicht nicht die klügste Entscheidung wie Jagten sich zudem insgesamt zu oft selbst im Weg steht. So überzeugt Vinterbergs Geschichte letztlich weder wirklich als Film über sexuellen Kindesmissbrauch, noch als einer über Liebe, Freundschaft und Unschuldsverlust. Das Ende setzt dem Ganzen schließlich die Krone auf. Der polnische Schriftsteller Stanisław Jerzy Lec sagte mal, es gäbe keine ewigen Wahrheiten, ewige Lügen dagegen schon. In eine ähnliche Richtung zielte wohl Vinterberg, allerdings nicht im Dienste seines Protagonisten. Dieser wird von Mads Mikkelsen zwar eindringlich mit Bravour gespielt, nur verkommt sein Lucas eben auch zum Schluss weniger zum Mann und bleibt stattdessen eine Maus.

5/10

Blu-ray
Die Detailschärfe und Tiefe des HD-Transfers sind nahezu makellos ausgefallen, der Film wird dem Bild somit nicht gerecht. Auch die Tonspur überzeugt durch ihre Räumlichkeit und gute Verständlichkeit bei den Dialogen. In der Synchronfassung wird Mikkelsen nach fast einem Jahrzehnt wieder von Matthias Klie statt Lutz Schnell oder Axel Malzacher gesprochen (was wohl an Klies sanfterer Stimme lag). Vorzuziehen ist aber natürlich das dänische Original mit deutschen Untertiteln. Zu den Extras zählen ein paar geschnittene Szenen, die den Film noch tiefer geritten hätten als er bereits ist, und zwei kurze Interviews mit dem Regisseur sowie dem Hauptdarsteller.

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