24. Mai 2015

Bitch Planet #1-3

Non-Compliance is not recommended.

Wenn man die zivilisierte Menschheit mit dem Aufkommen von staatlichen Gebilden gleichsetzt, ist die Menschheit gut 6.000 Jahre alt. Und dennoch wird selbst heute noch, im Jahr 2015, über Frauenquoten debattiert. Frauen sind auch in der Gegenwart dem Mann noch nicht gleichgestellt, selbst wenn seit Jahren in Deutschland eine Frau das Land führt. In anderen Ländern ist es um die Gleichstellung der Frau noch weitaus schlechter bestellt. Nun ist das Medium des Comics nicht gerade eines, in dem Feminismus weit oben auf der Themenliste steht. Weshalb eine neue Serie wie Bitch Planet von Kelly Sue DeConnick und Valentine De Landro umso mehr Aufmerksamkeit erregt. Und für Kritiker zu den bisherigen Comic-Highlights von 2015 zählt.

Inspiriert von Women-in-Prison-Exploitation-Filmen wie sie Roger Corman in den 1970ern produzierte – man denke an The Big Doll House oder Caged Heat – dreht sich auch Bitch Planet um eine Haftanstalt für Frauen. Diese befindet sich auf dem so genannten Auxiliary Compliance Outpost, im Volksmund aber schlicht Bitch Planet genannt. Hierhin werden jene Frauen verbannt, die sich nicht fügsam (engl. non-compliant) geben. Beispielsweise die 42-jährige Marion Collins, deren Ehemann eine Affäre hatte. “I drove him to it”, räumt die Gattin ein. “He felt unloved.” Sie fügte sich dem Ehebetrug nicht, machte Drohungen – und wurde Richtung Bitch Planet geschickt. Ein Schicksal, das sie sich in der ersten Ausgabe mit fünf anderen Frauen teilt.

Das Bild, das DeConnick und De Landro von ihrer futuristischen Welt zeichnen, ist nach den ersten drei Ausgaben von Bitch Planet noch etwas vage für den Leser. Die Gesellschaft wird von einem Konzil so genannter “Fathers” geleitet, Frauen wiederum scheinen sich einem bestimmten Erscheinungsbild unterwerfen zu müssen, das eine übersteigerte Form unseres heutigen Schlankheitswahns darstellt. “Eat less, poop more” heißt es da eingangs als Werbereklame, auch später wird von einer Parasitic Worm Diet geschwärmt und drei Mädchen teilen sich gemeinsam einen Zucker-, Salz- und Glutenfreien Muffin, sodass jede von ihnen nur 15 Kalorien zu sich nimmt. Es ist eine Gesellschaft, aus deren Reihe man nicht tanzen sollte.

Eine der Neuankömmlinge, die fettleibige Penny Rolle, tut dies dennoch. “What have you done to yourself?”, wird sie bei ihrer Verhandlung von einem der Fathers gefragt. Mit der Versicherung: “All we want to do is help.” Dabei helfen, sie fügsamer zu machen, sie mehr in das diktierte Frauenbild zu pressen. “Obey” lautet daher eine weitere Reklame in den Straßen, die Erinnerungen an John Carpenters They Live! wachruft. Getreu Gloria Gaynor scheint sich Penny zu denken: “I am what I am.” Ihr ist die dritte Ausgabe gewidmet, die in Rückblenden der Figur einen biografischen Hintergrund schenkt, der ansonsten allenfalls angerissen wird. Ein Schema, das die Macher in jeder dritten Ausgabe für eine der Figuren umsetzen wollen.

Als Hauptfigur zeichnet sich dabei die athletische Kamau Kogo ab. Sie wird von der Bitch Planet-Leitung dazu auserkoren, ein Häftlingsteam für den Wettbewerb Duemila, auch als Megaton bekannt, zusammenzustellen. Eine Veranstaltung “to celebrate our clans” wie Father Josephson in der zweiten Ausgabe erklärt. Die sportliche Betätigung sei “a healthy channel for what could otherwise be a destructive impulse to form factions”, wird Kamau gesagt. Zugleich dient der Wettbewerb dazu, das ausgestrahlte Programm The Feed – dessen Sichtung vorgeschrieben ist – zu zieren. Dieses wiederum kämpft weniger um TV-Quoten als um Zuschauerteilnahme. “Ratings are meaningless”, so Josephson, “engagement is the measure that matters.”

Was genau Duemila/Megaton ist, wer die Clans sind, wieso genau The Feed funktioniert und was es mit dem New Protectorate auf sich hat, welches die Fathers leiten, ist nach drei Ausgaben noch unklar. Ein Hauch von Running Man zeichnet sich ab, muss jedoch zu diesem Zeitpunkt noch abgewartet werden. Wie in anderen Women-in-Prison-Exploitationern werden die Gefangenen aber auch in Bitch Planet rigoros unterdrückt und planen infolgedessen ihre Flucht – oder zumindest eine Art von Revanche. Das eint sie mit Genrefilmen wie The Big Doll House oder Caged Heat, während das bisherige Bild der Comics eher noch an ein Mash-up aus Netflix’ Orange is the New Black mit Sci-Fi-Filmen wie Stuart Gordons Fortress erinnert.

Der feministische Charakter des Comics drückt sich zuvorderst dadurch aus, dass die weiblichen Figuren sich auf Bitch Planet ebenso wenig fügsam zeigen, wie sie es wohl auf der Erde taten. Bis dahin wirken kurze Essays von Autorinnen am Ende jeder Ausgabe thematisch weitaus näher am Feminismus wie die im Comic gezeigten Elemente. Wobei auch hier betont werden sollte, dass die bisherigen drei Ausgaben (genau genommen sind es inzwischen vier) als Exposition dienen. Die Welt von Bitch Planet scheint dabei allerdings ebenso von männlichem Chauvinismus bestimmt zu sein wie von Rassismus. So wird Penny wegen ihrer Frisurenwahl kritisiert und The Feed berichtet an einer Stelle von einer interkulturellen Ehe als Verbrechen.

Entsprechend besitzen drei der scheinbar fünf weiblichen Gefängnis-Figuren einen afroamerikanischen Hintergrund, immerhin ist die Wahrscheinlichkeit in den USA, dass afroamerikanische Frauen ins Gefängnis gehen, dreimal höher als bei weißen Frauen. Insofern sind die Figuren – zumindest das, was man von ihnen bislang erfährt – interessant genug, um mit dem ebenfalls spannenden Women-in-Prison-Element Bitch Planet eine vielversprechende Zukunft zu bieten. Ob das Comic seinem feministischen Anspruch gerecht werden kann, muss an dieser Stelle jedoch noch abgewartet werden. 30 Ausgaben haben Kelly Sue DeConnick und Valentine De Landro wohl geplant, folglich gibt es noch ausreichend Möglichkeiten, um sich weiter zu steigern.

7/10

Keine Kommentare:

Kommentar posten