22. November 2009

Okuribito

The last shopping of your life is done by others.

Im August gab es in Japan einen politischen Umsturz. Die seit fast einem halben Jahrhundert regierende Partei der Konservativen wurde von den Liberaldemokraten mit einem erdrutschartigen Sieg abgewählt - und damit auch die jahrelange politische Tradition. Für viel Aufhebens sorgte dieser politische Wechsel jedoch nicht, Japan ist schließlich eher ein Land der leisen Töne. Die japanische Gesellschaft orientiert sich an wa, dem Streben nach Harmonie. Es gilt als unehrenhaft, die Harmonie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Um Harmonie und unehrenhaftes Verhalten geht es auch in Yôjirô Takitas neuem Film Okuribito (bei uns: Nokan – Die Kunst des Ausklangs).

Wegen mangelndem Interesse wird das Orchester des jungen Cellisten Daigo Kobayashi (Masahiro Motoki) aufgelöst. Dabei muss der sein wertvolles Instrument noch abbezahlen. Um einen Neuanfang zu wagen, verkauft er sein Cello und zieht mit seiner Frau Mika (Ryôko Hirosue) von Tokio in seine Heimatstadt im japanischen Norden. Eine Zeitungsannonce verspricht einen Job für Unerfahrene, und plötzlich sieht sich Kobayashi der Aufgabe eines nokanshi, eines Aufbahrers und Einsargers, gegenüber. Doch die Stelle ist gut bezahlt, also verschweigt er sein eigentliches Tätigkeitsfeld, während er langsam die Leidenschaft für das nokan, das Aufbahren, entdeckt.

Die Arbeit des Aufbahrens und Herrichtens des Leichnams wurde früher übrigens auch in Deutschland separat von einem eigenen Berufszweig vorgenommen. Inzwischen ist dies jedoch in den Aufgabenbereich des Bestatters gefallen, wie auch jahrelang in der exzellenten US-Serie Six Feet Under zu sehen war. Dies ist auch in Takitas Film der Fall, in dem die nokanshi die Ausnahme von der Regel darstellen oder eine Nische besetzen, wie es die Sekretärin der neuen Firma von Kobayashi diesem erklärt. Das Herrichten und Aufbahren des Leichnams zum letzten Abschiednehmen ist dabei zur Tradition verkommen, gerade auch bei Unfallopfern.

Dass die Prozedur nicht nur etwas Kaltes und Steriles haben muss, zeigt sich in Okuribito. Die sprichwörtliche „letzte Reise“ kommt in Takitas Film zuhauf vor. Sei es Kobayashi, der scheinbar seine letzte berufliche Reise in Angriff nimmt, oder sein alternder Chef Sasaki (Tsutomu Yamazaki), der als letzte Unternehmung in Kobayashi selbst seinen designierten Nachfolger ausfindig macht. Dass dabei auch die letzte Reise nur einen Anfang darstellt (womit sich der Kreis schließt), wird fortwährend deutlich. Takita selbst schenkt dem Film eine Metapher, wenn Kobayashi eines Morgens auf dem Arbeitsweg Lachse beobachtet, die gegen die Strömung zum Laichplatz gelangen wollen.

Auch Kobayashi ist ein Lachs, der wieder heimisch werden will. Nachdem Takita erst das nokan selbst unter verschiedenen Umständen präsentiert, ist die Überraschung – zumindest für den westlichen Zuschauer – doch recht groß, als ein alter Jugendfreund Kobayashi plötzlich die kalte Schulter zeigt. Auch Gattin Mika reagiert mehr als unterkühlt. Es hat den Anschein, als sei der Beruf eines nokanshi in der Gesellschaft verpönt, was eine emotional ausufernde Aufbahrung nochmals verstärkt. Obschon die Arbeit von Sasaki und Kobayashi etwas von einer zeremoniellen Schönheit hat, scheint sie für ihre Mitmenschen die Harmonie aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Wie so viele japanische Dramen - man denke an Shôhei Imamuras Unagi - gefällt auch Takitas Film durch seine ausgeglichene Ruhe. Eigentlich könnte man den ganzen Tag dabei zusehen, wie Kobayashi nokan ausübt und in der Freizeit versucht, auf seinem abgenutzten Kindercello Erinnerungen an den Vater zu evozieren. Takita erschafft Bilder von berührend schöner Simplizität, unterlegt von Joe Hisaishis Musik. Hier fügt sich auch das Ensemble um Motoko, Yamazaki und Hirosue nahtlos ein, die Okuribito zum exzellenten japanischen Drama machen. Selten hat man sich im Kino wohl respektvoller und anmutiger dem Tod und dem, was danach kommt, gewidmet.

8.5/10

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