Am I the only one who sees the shirt?Soldaten dienen gemeinhin dazu, Befehle von Leuten auszuführen, die wissen, was sie tun. Bewaffnete Schachfiguren also, die je nach Spielzug in Position gebracht und bisweilen, für ein höheres Ziel, auch geopfert werden. Problematisch beziehungsweise interessant wird es immer dann, wenn Soldaten plötzlich anfangen, (mit) zu denken. So weigerte sich Elias Koteas’ Captain Staros in The Thin Red Line den Hügel 210 zu stürmen, um das Leben seiner Männer zu wahren. Die Konsequenzen sind dabei meist dieselben: Das Ziel der Vorgesetzten wird erfüllt, die Leidtragenden sind die widerspenstigen Soldaten. Wo Terrence Malick der Staros-Episode nur begrenzt Raum in seinem Meisterwerk einräumte, nahm der britische Comic-Autor Andy Diggle ein derartiges Szenario als Aufhänger für seine Comic-Serie The Losers. Unter dem Banner des DC-Imprints Vertigo erschien die Reihe um eine Gruppe tot geglaubter US-Militärs von 2003 bis 2006 und erhielt dieses Jahr, wie so viele andere Comics inzwischen, (s)eine Kinoadaption.
Innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte hatte sich Vertigo zum lachenden Dritten neben den Größen Marvel und DC Comics entwickelt und mit Comic-Reihen wie The Sandman, Preacher oder 100 Bullets neue Duftmarken in der Szene setzen können. Wie in den vielen Fällen (Neil Gaiman/The Sandman, Garth Ennis/Preacher, Alan Moore/Watchmen) zeichnet sich auch The Losers als „amerikanisches“ Werk aus britischer Federführung aus. Gemeinsam mit Zeichner Jock präsentierte Diggle seine Version einer A-Team-artigen Truppe von Freunden, die von der eigenen Regierung geopfert werden. Als Vertigo-Imprint hatte Diggle nun die Möglichkeit, diese Geschichte ohne Weichspülcharakter zu erzählen und so nutzte Jock die Chance, bisweilen graphisch explizit zu werden. Es ist aber vor allem der von Ausgabe zu Ausgabe variierender Zeichenstil, der etwas störend gerät und den wechselnden Zeichnern geschuldet ist. Mehr Konstanz und Realismus (wie etwa bei Pia Guerra in Brian K. Vaughans Y: The Last Man) wäre wünschenswert gewesen.
Für eine Comic-Verfilmung eignen sich 32 Ausgaben in 6 Bänden erdenklich schlecht. Vor allem hinsichtlich des Handlungsverlaufs, den The Losers spätestens im finalen Band Endgame einschlägt. Was in den ersten Bänden Ante Up und Double Down noch als nettes und überschaubares domestic teasing beginnt, gerät unter Diggles Führung schließlich etwas größenwahnsinnig. Insofern war es also die richtige Entscheidung von Drehbuch-Mitautor und Produzent Peter Berg, sich in seiner Adaption primär auf die Goliath-Storyline aus den ersten beiden Bänden zu konzentrieren. Gewürzt mit dem Hintergrund der Losers aus der Ausgabe The Pass im dritten Band Trifecta, sowie einigen „romantischen“ Panels der Close Quarters-Ausgabe London Calling, gibt der von Sylvain White inszenierte The Losers schließlich ein überaus gelungenes Bild ab. Ein derart gutes, dass der Film ohne Frage als die beste (direkte) Comic-Verfilmung seit Guillermo del Toros Hellboy bezeichnet werden darf.
Der unchronologischen Ereigniskette des Comics wird von White erstmal ein Riegel vorgeschoben. Dementsprechend beginnt The Losers also mit der Adaption von The Pass, wenn auch dessen Geschehnisse aus unerfindlichen Gründen vom Mittleren Osten nach Bolivien verlegt werden. Unter den Klängen von Ram Jams „Black Betty“ donnern nun die Losers nach kurzer graphischer Einführung durch den Dschungel und veranschaulichen, wofür der folgenden Film in den nächsten neunzig Minuten stehen wird. Die Farben sind satt und kräftig, derart prägnant, dass der Charakter einer Comic-Verfilmung evident ist. Mit Ram Jam hat White bereits eine exzellente Eröffnung gestartet und greift damit seiner überaus gelungenen musikalischen Untermalung - das Highlight wird noch angesprochen - voraus. Als entscheidendes Merkmal zeigt sich jedoch, dass das Casting gelungen ist. Nicht nur aus optischer Hinsicht, sondern auch im Zusammenspiel der Darsteller, kauft man bereits zu diesem frühen Zeitpunkt ab, dass die Losers Freunde repräsentieren. Viel mehr als zum Beispiel in Grown Ups der Fall.Im Folgenden nehmen nun die Ereignisse aus The Pass ihren Lauf. Die Kinder werden gerettet, der Helikopter in die Luft gejagt, die Losers sind offiziell verstorben. Zu diesem Zeitpunkt hadert Clay (Jeffrey Dean Morgan) mit seinem Schicksal, ein Militärmann zu sein, nur ohne zum Militär zu gehören. Er will Rache an der Stimme, die den Abschuss angeordert hat, während die übrigen Teammitglieder nur ihr Leben zurückhaben wollen. „You want your life back? You’re gonna have to steal it“, gibt Clay später die Prämisse des Filmes wieder und greift in gewissem Sinne dem Ende voraus. Es folgt der Auftritt von Aisha (Zoe Saldanha), welche die Losers mit einer Suizidmission ködert, um sie auf den kleinsten gemeinsamen Nenner Max zu bringen. Ebenjener Max (Jason Patric) versucht sich derweil am Kauf von terroristischen Sonarwaffen aus indischer Hand, die es letztlich für die Losers gelten wird, auszuschalten. Um jedoch der Spur von Max habhaft zu werden, müssen sie erst einen Anhaltspunkt haben.
Der Film hakt nun diese Stationen ab, zieht die Schlinge um Max Stück für Stück ein wenig enger, während er das Band der Freundschaft bei den Losers zugleich etwas aufzulösen beginnt. Speziell die Beziehung zwischen Clay und seiner rechten Hand, Roque (Idris Elba), ist angesichts des sakrosankten Umgangs mit Aisha mehr als angespannt. Es sind daher diese vier Figuren, die im Grunde die zentrale Achse des Filmes darstellen, auch wenn es Chris Evans’ Jensen schafft, bisweilen in die Spitzengruppe vorzudringen (primär dank seiner eigene Szene des Goliath-Einbruchs). Dem Comic über weite Teile entsprechend sind es also Pooch (Columbus Short) und Cougar (Óscar Jaenada), die etwas zurückfallen, aber dennoch in den Momenten, in denen sie gefordert sind, den Anforderungen gerecht werden (was jedoch auch der Integration von Evans in diesen Szenen geschuldet ist). Und das ist in einem Film wie The Losers essentiell, funktionieren Vehikel wie diese oder der The A-Team weniger aufgrund ihrer Geschichte, denn ihrer Figuren.Dabei ist ein Vertigo-Comic nicht gleich ein Vertigo-Film. Um dem PG-13-Rating gerecht zu werden und auch die Sympathien der Zuschauer zu gewinnen, werden charakterliche Abstriche gemacht. So kommt Saldanhas Aisha weitaus freundlicher daher als die bitchige Amazone, die erst schlägt und dann Fragen stellt. Auch Roque wurde aufgewärmt im Vergleich zu seinem pragmatischen Comic-Pendant. Ähnlich verhält es sich mit Max, der hier weniger die düstere Schimäre ist als vielmehr ein rassistischer Kotzbrocken, der mit knackigen Einzeilern („Who wants to be a billionaire?“), durchaus gelungen, ein paar Lacher aus dem Publikum herausquetscht. Aber auch mit dem Light-Versionen der etwas unterkühlten Figuren bleibt White der Vorlage nicht nur in charakterlicher Hinsicht treu. Unabhängig vom Ton des Filmes und auch der Treue gegenüber der Handlung ist es gerade die audio-visuelle Verpackung, die The Losers (s)einen gewissen Charme verleiht.
Grundsätzlich arbeitet White viel mit Videoclip-Ästhetik, sprich Slow-Motion und schnelle Schnitte, was jedoch dem Flair, ein bewegtes Comic zu sein, nur zuarbeitet. So gibt es gegen Ende des zweiten Aktes eine Schießerei, in die Aisha involviert ist und in der sie einen an der Decke angebrachten Spiegel zerschießt. White nutzt nun die herab fallenden Scherben exzellent, um einen Blickwechsel innerhalb der Szene zu inszenieren (siehe Screenshot). Auch die Einblendungsidee der Ortsangaben passt sich dem Comic-Flair exzellent an und gefällt allein durch ihre kreative Aufbereitung. Nicht minder lobenswert ist der Compilation-Soundtrack, der auf stimmige Weise Stücke wie „Sweet Misery“ von Amel Larrieux oder „U.R.A. Fever“ von The Kills mit der Handlung verbindet. Höhepunkt des Filmes ist jedoch der Goliath-Einbruch von Jensen in der Mitte des Filmes. Nicht nur aufgrund seiner Vorlagentreue und der exzellenten Darstellung von Evans selbst weiß diese Szene zu unterhalten, sondern speziell durch die Integration von Journeys Klassiker „Don’t Stop Believing“, der den Film schlussendlich auch ausleitet.Nun wartet The Losers nicht mit dem üblichen Brimborium anderer Comic-Verfilmungen auf, schon alleine, weil hier keine Helden am Werk sind, sondern sich das Ganze eher als Action-Komödie versteht. Diesbezüglich dürfte der Film für diejenigen, die mit der Comic-Serie nicht vertraut sind, eher unspannend sein, da die Geschichte des Filmes - die in ziemlich offensichtlicher Weise auf mehrere Filme verteilt werden muss (ob diese folgen, ist eine andere Frage) - so manches Erzählelement wie Aishas Agenda erst mal hinten anstellt. Als direkte Verfilmung eines Comic-Bandes ist White jedoch ein verhältnismäßig großer Griff gelungen. Ob der Treue gegenüber der Vorlage was Handlung, Charaktere und Stimmung angeht, kann sich ein Christopher Nolan noch eine Scheibe abschneiden. Aufgrund seiner kompakten Zusammenfassung ist der Trailer von The Losers zwar fast der bessere Film, dennoch ist auch dieser ein netter Spaß für zwischendurch, der vermutlich nicht zum Klassiker oder Kultfilm avancieren wird, aber dennoch ein rühmlicher Vertreter seines Genres ist. Es gibt sie also noch, die guten Comic-Filme. Don’t stop believing…
7/10
Na das klingt ja mal vielversprechend auch wenn
AntwortenLöschendiesbezüglich dürfte der Film für diejenigen, die mit der Comic-Serie nicht vertraut sind, eher unspannend sein
Hab das Comic leider noch nicht gelesen, hat mich irgendwie nie wirklich angesprochen, andere Vertigo Titel waren da weitaus interessanter für mich.
Nach Deiner Rezi werde ich vermutlich jetzt doch mal einen Blick wagen.
Hab gerade gesehen, dass der bei euch in Deutschland gar nicht in die Kinos kommt (oder zumindest noch nicht angekündigt wurde). Wo durftest Du denn den sehen? Gibt es da schon eine Disc-Release von dem ich nichts weiß?
AntwortenLöschenJa, in den USA ist er bereits erschienen, das Kombo-Paket (Blu-Ray+DVD+Digital Copy) hab ich mir deshalb gleich nach Start über den Atlantik schicken lassen.
AntwortenLöschenFeine Sache, danke für den Hinweis
AntwortenLöschen