9. November 2018

Whitney

They were the Cosbys of Dodd Street.

Ich kann mich noch grob daran erinnern, dass mich die Nachricht von Whitney Houstons Tod im Februar 2012 nicht wirklich überraschte. Wie auch schon einige Monate zuvor im Fall von Amy Winehouse nicht. Beide Sängerinnen befanden sich seit langem in einer Abwärtsspirale aus Drogensucht, deren Ende absehbar war. Dabei war Whitney Houston einst einer der größten Stars der Musik-Branche, die “Queen of Pop”, der ihr Label Arista Ende der 1990er Jahre noch einen bombastischen 100-Millionen-Deal für kommende Alben angeboten hatte. Wenige Zeit später war Mitte der 2000er Jahre ihre Karriere am Tiefpunkt, Houston fast bankrott aufgrund eines verschwenderischen Lebensstils. Die Kurve bekam sie nicht mehr.

Regisseur Kevin Macdonald, der im Jahr von Houstons Tod bereits Bob Marley in seiner Dokumentation Marley gehuldigt hatte, widmet sich in Whitney nun dem Aufstieg und Fall jener Frau, die in den Achtzigern und Neunzigern Rekorde aufstellen sollte. Darunter fallen sieben Nummer-Eins-Hits am Stück, ihr Song “I Will Always Love You” ist bis heute die meistverkaufte Single einer Sängerin und ihr Soundtrack zu ihrem Film The Bodyguard das 6. meistverkaufte Album aller Zeiten. Mit jenem Film beförderte sie sich 1992 in die Stratosphäre der Stars – doch wer hoch steigt, droht tief zu fallen. Womöglich fielen nur wenige ehemalige Superstars tiefer als Whitney Houston, deren traumhafter Aufstieg ein alptraumhaftes Ende nahm.

Ähnlich anderen Musik-Talenten wie Michael Jackson oder Beyoncé planten Houstons Eltern ihre Karriere von langer Hand. Mutter Cissy war selbst einst Sängerin, unter anderem als Background für Aretha Franklin. Doch der rasante Chart-Sturm anderer Teenager machte Whitney neidisch und ungeduldig. “The music that she was envious of was fad music”, zeigte ihr dann Deforest Soaries, Pastor ihrer Heimatgemeinde, auf. “And the music her parents were preparing her for was legacy music.” Womit sie angesichts solcher Songs wie “How Will I Know” oder “I Wanna Dance With Somebody” letztlich Recht behalten sollten. So gewann sie im Alter von 23 Jahren schließlich kurz nach ihrem Platten-Deal ihren ersten von sechs Grammys.

Mit dem Erfolg kamen jedoch auch die Drogen. In Whitney schildern ihre Brüder Gary und Michael, die sie auf ihren Tourneen begleiteten, von dem täglichen Konsum, der in der Regel Marihuana und Kokain beinhaltete. Dies alles weit vor der Zeit, ehe Houston ihren späteren Mann Bobby Brown kennenlernte, der gerne als schlechter Einfluss gesehen wurde. Und auch damals schon unter dem Niveau von Whitney erschien, wie ein Talking Head gesteht. Für Whitney, die zuvor unter anderem mit Eddie Murphy liiert war, schien das prollige Gehabe von Brown wohl anziehend – oder wie ihr Bruder Michael es erklärt: “We from the hood.” Die Houstons stammen ursprünglich aus Newark, New Jersey, in der es 1967 zu Rassenunruhen kam.

Peripher streift Macdonald auch kurz die Dichotomie von Whitneys Charakter, die im Familien- und Freundeskreis nur unter ihrem Spitznamen “Nippy” bekannt war. Deforest Soaries spricht in Whitney von der Notwendigkeit der Afro-Amerikaner, sich der Kultur des weißen Amerikas anzupassen, um erfolgreich zu sein. “You gotta have double conciousness”, so der Pastor. Quasi eine Parallel-Persönlichkeit, die sich von der eigenen Kultur entfremdet. “And that can cause you to wonder: who is the real me? Am I an extension of that? Or is that an extension of me?” In diesem Konflikt erinnert Whitney an O.J.: Made in America, dessen schwarzer Star seinen Erfolg ebenfalls (mit) dadurch begründete, dass er sein „Schwarz-Sein“ reduzierte.

Auch wenn Houston ihre Songs nicht selbst schrieb, so finden sich in einigen von ihnen doch Textzeilen, die Einblicke in ihre Seele zu geben scheinen. “Can’t you see the hurt in me?”, singt sie zum Beispiel in “Run To You” oder “Can’t run from myself, there’s nowhere to hide” in “I Have Nothing”. Ein Leiden, dem Macdonald im späteren Verlauf von Whitney mehr Beachtung schenkt, nachdem der Film eingangs bereits offenbarte, dass Houston als Kind gehänselt wurde und letztlich deswegen eine katholische Schule besuchte. “She was running away from her demons”, reflektiert ihre Schwägerin Patricia Houston gegen Ende. Und Joey Arbagey, Produzent vom Platten-Label Arista, mutmaßt “deep down she was a girl in pain”.

Macdonald wirft noch einen möglichen sexuellen Missbrauch der Sängerin im Kindesalter in den Ring, schenkt ihm aber nicht den Raum, den er verdient hätte. Wer Whitney wirklich war, was sie fühlte und dachte, vermag auch der Regisseur nicht zu beantworten. So geben die Interviewten auch unterschiedliche Einschätzungen zu Whitneys Ehe mit Bobby Brown, die mal als wahre Liebe deklariert wird, dann nur als co-abhängige Beziehung. Das mag auch daran liegen, dass gerade Bobby Brown oder auch Cissy Houston nur begrenzt und aus einer gewissen Defensive heraus über Whitney sprechen wollen. Einschätzungen wie zu Whitneys belastetem Verhältnis zu ihrer Tochter Bobbi Kristina obliegen daher Tanten und Bekannten.

Dennoch liefert Whitney interessante Bilder, teilweise aus privaten Videos, zu Nippy und ihrem Verhältnis zu Whitney. Zudem gibt Macdonald einen guten Überblick über den Verlauf ihrer Karriere mit allen Höhepunkten wie Houstons Darbietung der US-Nationalhymne beim Super Bowl XXV im Jahr 1991. Der Aufstieg von Whitney ist sympathisch und mitreißend, die Doku gewichtet ihn zudem etwas stärker als den anschließenden Niedergang im 21. Jahrhundert, als der verschwenderische Lebensstil sie fast in die Pleite trieb. Comeback-Versuche, auch als Schauspielerin in Filmen wie Sparkle, wollten nicht mehr gelingen. Woran genau und wieso Houston schlussendlich scheiterte, bleibt offen – wie bei so vielen Todesfällen von Prominenten.

Am Ende dienten die Drogensucht und der Absturz von Whitney Houston für viele wie Saturday Night Live nur noch als Lachnummer. Die Queen of Pop musste abdanken – so leicht wie Menschen einem Star huldigen, so schnell verstoßen sie ihn auch wieder. “Take me for what I am”, bat Whitney dabei noch passend in “I Have Nothing”, jenem Lied, mit dem Kevin Macdonald auch Whitney im Abspann beschließt. Dessen Lyrics passen wohl am besten auf das Leben der großen Sängerin, die darin fast schon fleht: “Don’t walk away from me, I have nothing, nothing, nothing if I don't have you.” Whitney Houston mag an jenem 11. Februar 2012 gestorben sein, ihre Musik jedoch wird fortleben. “Legacy music” – wie von ihren Eltern geplant.

7.5/10

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