6. März 2017

Moonlight

See that? Now you can see everything.

So vorhersehbar die Gewinner der Oscars inzwischen sind – dies schließt die Auszeichnung von Moonlight als besten Film mit ein –, war der Fauxpas zum Abschluss der 89. Academy Awards dann doch überraschend ungewöhnlich. Viel Aufhebens wurde darum gemacht, dass statt dem schnulzigen Musical-Märchen über zwei weiße Künstler nun der Preis für den besten Film an eine Produktion ging, die gänzlich auf weiße Schauspieler verzichtete. Und das ein Jahr nach #OscarSoWhite (oder vielleicht gerade deswegen?). Zumal Barry Jenkins’ Moonlight die Geschichte eines armen schwarzen Jungen erzählt, der sich mit seiner Homosexualität und den harten Reaktionen seiner Umwelt auf diese auseinandersetzen muss. Das sagt zumindest die Inhaltsangabe.

Wirklich viel zu sehen ist davon in Jenkins’ Film aber nicht. Bis auf einen klischeehaft inszenierten Moment wird aus ihm, so würde zumindest ich argumentieren, nicht einmal deutlich, dass es sich um die Coming-of-Age-Geschichte eines schwulen Jungen handelt. Als Kind wird Chiron (Alex Hibbert) von den anderen Kindern durch eine leerstehende Sozialwohnungs-Anlage in Miami gejagt, wo ihn der lokale Drogendealer Juan (Mahershala Ali) findet. Dieser nimmt sich des Jungen an, gibt ihm etwas zu essen und lehrt ihn das Schwimmen. Einen Vater hat Chiron nicht und seine Mutter Paula (Naomie Harris) verbringt ihre Zeit damit, sich zu prostituieren, um ihrer Drogensucht, unterfüttert durch die Produkte von Juan, zu frönen.

Untergliedert in drei Akte folgt Jenkins Chiron im Mittelteil (nun von Ashton Sanders gespielt) in dessen High School. Weiterhin wird der Jugendliche von seinen Altersgenossen gemobbt, die Mutter ist immer noch drogensüchtig. So bleiben dem Teenager nur Teresa (Janelle Monáe), Juans Freundin, und Kevin (Jharrel Jerome), ein Mitschüler. Letzterer hatte schon in jungen Jahren (dargestellt von Jaden Piner) dem introvertierten Chiron geraten, sich gegen die anderen Jungen körperlich zur Wehr zu setzen. Zwischen viel Sex-Talk und “Nigger”-Getöne nähern sich Kevin und Chiron dann während einer nächtlichen Begegnung am Strand an, ehe die Situation kurz darauf eskaliert und Moonlight sich auf den Weg in sein finales Schlusskapitel begibt.

Nun Anfang 20 ist Chiron (Trevante Rhodes) nicht mehr der Hänfling von einst, aber auch nicht mehr so unschuldig wie noch als Kind. An jene Vergangenheit erinnern ihn zwei Anrufe von Paula einerseits und Kevin (André Holland), nun Betreiber eines Diners, anderseits. Letztlich ist der Schlussakt in gewisser Weise Aufarbeitung der beiden vorherigen Kapitel, die inhaltlich wiederum praktisch identisch sind. Moonlight erzählt uns dabei von einem schwarzen Jungen, dem die Liebe seiner drogensüchtigen Mutter fehlte, während er in der Schule und Freizeit von seinen Altersgenossen gehänselt wurde. Dass Chiron homosexuell ist und was diese Homosexualität für ihn bedeutet, macht Jenkins allerdings nicht wirklich zum Thema.

Zwar fällt im ersten Kapitel das Wort „Schwuchtel“, dies lässt sich jedoch genauso gut als simple Beschimpfung unter Cisgender-Jungen verstehen. Unterdrückt Chiron seine sexuelle Ortientierung? Wir erfahren es nicht, weil sich der Film durchweg lediglich an der Oberfläche seiner Figuren bewegt. Welche Rolle Kevin in Chirons Leben einnimmt oder welche Folgen die plötzliche Abwesenheit von Juan auf den Jungen hat, bleiben offen. Dass Moonlight sporadisch in drei Lebensabschnitten seiner Figur vorbeischaut, aber dabei keinerlei Einblicke bietet, bricht ihm schlussendlich das Genick. Der Wandel der Figur im Schlussakt soll womöglich überraschen, ihm fehlt allerdings die Basis und ein Verständnis für die Unruhe des Protagonisten.

Moonlight erzählt seine Geschichte in Momenten. Der eine Moment, in dem Juan dem kleinen Chiron von seiner eigenen Kindheit auf Kuba erzählt. Gefolgt von dem Moment, in dem er ihm das Schwimmen beibringt. Ein Moment, in welchem Chiron erfährt, dass es Juan ist, von dem seine Mutter ihre Drogen erhält sowie mehrere Momente, in denen er die Ablehnung anderer Jungen auf sich zieht. Scheinbar, weil er komisch läuft und er läuft wohl komisch, da er homosexuell ist. Ob das die Figur tatsächlich ist, bleibt unklar. Im ersten Kapitel dürfte Chiron zu jung sein, um sich bereits seiner Sexualität gewahr zu sein. Ihr widmet sich Jenkins dann zwar stärker im Mittelteil, aber die Handlung ist nahezu identisch mit den 35 Minuten zuvor.

Insofern funktioniert Moonlight also auch als ganz „gewöhnlicher“ Film über einen schwarzen heterosexuellen Jungen, der mit seiner drogensüchtigen Mutter in einer Sozialwohnung lebt und von Klassenkameraden gemobbt wird. Die Situation eskaliert, ein Wandel findet statt. Persönlichkeiten ändern sich – wer hart war, wird weich, wer weich war, wird hart. Ein direkter Zusammenhang zu Hetero- oder Homosexualität besteht nicht, höchstens einer zu Männlichkeits-Idealen und Rollenbildern. Moonlight will besonders sein, ein schwarzer LGBT-Film, ist jedoch Letzteres nur ausgesprochen oberflächlich und könnte allgemein nahezu 1:1 in eine ärmliche Trailer-Park-Kleinstadt der Südstaaaten in ein White-Trash-Milieu verlegt werden.

Das Besondere an Jenkins’ Film will mir nicht klar werden. Die Handlung ist ausgesprochen generisch und wenig originell. Mahershala Ali liefert eine gewohnt solide Leistung in seinen wenigen Minuten auf der Leinwand ab, Naomie Harris wiederum verliert sich wie so oft in grenzenlosem Overacting ihrer 0815-Darbietung einer drogensüchtigen Frau. Die sechs Jungdarsteller sind in Ordnung, aber ähnlich wie Ali kaum da und dann bereits wieder weg. Es wäre wohl besser gewesen, sich konkret auf eine bestimmte Lebensphase von Chiron zu fokussieren, genauso wie auf seine Homosexualität. “At some point you got to decide for yourself who you’re gonna be”, sagt Juan zu Chiron. Barry Jenkins hätte sich das mal lieber zu Herzen genommen.

4.5/10

Kommentare:

  1. Interessant. Die Kritik, die du anbringst ist für mich die große Stärke des Films. Nicht eine spezielle Umgebung und Typ Mensch anzusprechen, sondern alle Menschen zu erreichen (von dir als generisch beschrieben). Ich persönlich hatte starke Erinnerungen an meine eigene Jugend oder, um es plump auszudrücken: Ich konnte mich mit einem Mann, drogenvertickenden Afroamerikaner und Homosexuellen identifizieren, obwohl ich ganz normal aufgewachsen bin. Die gezeigten Momente erinnerten an eigene Momente, die sich oft ihren Weg nach oben bahnen, obwohl man gerade nicht daran gedacht hat. Weil sie so präsente Stationen darstellen. Und abseits der emotional sehr nahen Geschichte, mochte ich die gesamte Umsetzung des Films, visuell, musikalisch und schauspielerisch.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich bin eben niemand, der in die Hände klatscht, wenn ich einen Film sehe wo ich mir denke "hey, das ist mir letzte Woche beim Bäcker auch passiert". Für mich ist es eben einfach eine gewisse Dissonanz, das dieser Film, der als schwarzer LGBT-Film vermarktet wird, nicht wirklich viel mit dem Thema Homosexualität zu tun hat. Er bewegt sich für mich viel zu sehr an der Oberfläche der Dinge, wiederholt sich im zweiten Akt, anstatt dass er mal an irgendeiner Stelle konkret wird. Wenn ich diesen Film beispielsweise – um in der Stereotype des Genres zu bleiben – mit Céline Sciammas BANDE DE FILLES vergleiche, verrät mir letzterer Film sehr viel mehr über seine Figur, die Welt in der sich diese bewegt und die Konflikte, die sie ausfechten muss. In der Summe ist Sciammas Film für mich visuell, musikalisch und schauspielerisch MOONLIGHT klar überlegen (und dabei selbst nicht einmal ein besonders herausragender Film).

      Oder anders gesagt: MOONLIGHT - bzw. diese Oscar-Filme generell – ist einfach nichts für mich.

      Löschen
    2. So habe ich es auch nicht gemeint.^^ Ich habe mich nicht daran erinnert, sondern es war vielmehr ein Gefühl dafür da. Schwierig auszudrücken. Die Vermarktung habe ich so noch nicht gesehen oder wahrgenommen und für mich ist es auch kein LGBT-Film (schon gar kein Oscar-Film), sondern schlicht eine Geschichte über das Aufwachsen und die Liebe. Diese Vermarktung sehe ich überall. Dass dies in einem solchen Millieu stattfindet und diese Liebe gleichgeschlechtlich ist, kommt dabei gar nicht so zum tragen, finde ich. Ich denke, es war auch genau nicht das Ziel, sondern vielmehr, mit Sereotypen zu brechen und eine Idee davon zu vermitteln, wie Afroamerikaner ihre Umgebung wahrnehmen, wenn man die Handlung in ein filmisch, klassisch "schwarzes Setting" verlegt.

      Deinen Vorschlag werde ich gleich mal recherchieren. Dazu kann ich natürlich wenig sagen, außer, dass die Beschreibung interessant klingt.

      Löschen
    3. Also Liebe finde ich weit hergeholt. Wenn alles Liebe ist, was mit Masturbation zu tun hat, dann stimmt es wohl was Caught in the Act damals besangen :)

      Für mich liefert der Film absolut 0 Fundament, dass es eine Liebesgeschichte ist, nur weil zwei Figuren, die man zuvor in einer Szene sah, einem sexuellen Akt folgen. Dafür hätte der Film ihre Beziehung näher beleuchten müssen. Ich bin generell kein Fan von Geschichten, wo zwei Figuren auftreten, die eine zur anderen sagt "du bist doof" und jetzt darauf schließen muss, dass da wohl eine ellenlange Geschichte dahintersteckt, die mir die Geschichte, die ich aktuell verfolge, aber nicht bereit ist zu zeigen. Das ist so wie in ATTACK OF THE CLONES, wenn Obi-Wan und Anakin sich gegenseitig von ihren früheren Abenteuern erzählen, die das Fundament ihrer tiefen Freundschaft darstellen.

      Ich habe mehrfach vom schwarzen LGBT-Film gelesen, und wie wichtig das sei, dass gerade so ein Film jetzt als bester Film ausgezeichnet wird usw. usf. Auch das der Film nicht mit Stereotypen bricht, sehe ich nicht. Die schwarze Welt, die wir hier gezeigt bekommen, ist wie praktisch jede andere schwarze Welt (von PRECIOUS bis zu THE WIRE) die man schon zu sehen bekam – also sehr stereotyp.

      Für mich ist MOONLIGHT einfach von vorne bis hinten totaler Durchschnitt. Sowas habe ich schon 100x gesehen und mindestens 90x besser. Das ändert ja per se nichts daran, dass es der größte, tollste, beste Film des Jahres sein mag – nur eben nicht für mich ;)

      Löschen
  2. Hehe, schön gesagt. Liebe nehme ich universeller wahr. Zuneigung, Annäherung, die Liebe zu sich selbst oder einfach jemanden näher an sich heranzulassen im Falle von Moonlight. Mit Stereotypen (brechen) meine ich konkreter das nicht typische Verhalten in der FILMISCH stereotypen Umgebung. Es ist durchaus nicht selbstverständlich gewesen - und hier fehlt mir vielleicht die Erfahrung, das mag sein - dass jemand, der sich zunehmend gegen seine Umwelt abhärten muss noch so intim wahrgenommen werden kann. Und darin liegt für mich die "Liebe". Das ganze, um noch mal zu den Stereotypen zu kommen, dann noch in eine vor Hollywood triefende Diner-Szene zu verlegen ist da fast schon frech. Ich verstehe aber durchaus deine Kritik, auch andere, die die Verfremdung to much und den Inhalt zu dünn finden. Abseits dessen, habe ich gerade Mel Gibsons Apocalypto gesehen und nun eine ganz neue Dimension dieser Ansicht entdeckt...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Letztendlich ist das wohl schlicht eine Deutung, die der Zuschauer aus dem Film ziehen muss, statt einer, die er einem anbietet. Und mir war es letztlich nicht tief oder vielschichtig genug, ich bin mir aber bewusst, dass ich mit meiner Ablehnung des Films eher der Minderheit zugehörig bin.

      Löschen
    2. Zur Deutung: Stimmt...und häufig sagt das meist mehr über einen selbst aus, als über den Film.

      Löschen