21. Dezember 2013

The Selfish Giant

Shoes off!

Britische Sozialdramen sind oft vollkommen anders als Sozialdramen aus anderen Ländern. Zumindest erwecken sie einen solchen Anschein. Schaut man sich Filme wie Fish Tank, This is England und Co. an, wird das Bild einer ärmlichen White Trash Kultur evoziert. Dysfunktionale Familien, die mit viel Wut im Bauch zumeist schreiend miteinander kommunizieren und dabei kaum zwei Sätze ohne das Wörtchen “fuck” in all seinen Varianten auskommen. Insofern fügt sich Clio Barnards Nachfolger ihres renommierten Dokudramas The Arbor vorzüglich in dieses Subgenre der britischen Filmlandschaft ein. The Selfish Giant ist eine atmosphärisch dichte und exzellent gespielte Milieustudie zweier Problemkinder.

Für die Handlung des Films kehrt Barnard wie in The Arbor zurück ins nordenglische Bradford. Hier lernt das Publikum Arbor (Conner Chapman) kennen, einen aggressiven Jungen, der augenscheinlich an ADHS oder einer anderen Verhaltensstörung leidet. Was ihn nicht davon abhält, unentwegt Energy Drinks zu konsumieren. An seine Seite stellt ihm Barnard den kräftigeren Swifty (Shaun Thomas), eines von vielen Kindern einer am Existenzminimum lebenden Großfamilie. Beide Jungen haben nur einander, wird Swifty doch in der Schule aufgrund seiner ärmlichen Verhältnisse und seines Erscheinungsbildes gemobbt. Verstärkt lässt sich der Teenager dann von Arbor in einen destruktiven Strudel reißen.

Eine neue Dimension nimmt die Situation an, als Arbor nach einer Rauferei der Schule verwiesen und Swifty immerhin suspendiert wird. Fortan haben sie auch den Tag für sich und nutzen ihn, um Sperrmüll zu finden, den sie an den Schrotthändler Kitten (Sean Gilder) verkaufen können. Während Arbor angefixt ist von dem Geld, das sich durch Kupferkabel losschlagen lässt, fokussiert sich Swifty auf Kittens Rennpferd, zu dem er eine besondere Beziehung entwickelt. Eine Qualität, die auch Kitten nicht verborgen bleibt, ebenso wie die Probleme, die Arbor ihm bescheren könnte. Die sich andeutende Bevorzugung wird auch dem Knaben deutlich, was sich daraufhin in einem Anflug von Eifersucht niederschlägt.

The Selfish Giant ist die Sorte Film, die keine Helden und Sieger kennt – lediglich Verlierer. Arbors Mutter ist mit der Erziehung ihrer Kinder gänzlich überfordert. Bereits ihr Ältester, Martin (Elliott Tittensor), ist von der Schule geflogen und in die Kriminalität abgerutscht. Was wiederum Konsequenzen auf das Leben seiner Mutter hat. “Every time I try to get us out of trouble, he just gets us deeper in”, zeigt Arbor in Michael Corleone Manier an einer Stelle unerwartet altruistische Einblicke in sein Leben. Sowohl er als auch Swifty wollen mit ihrem Schrotthandel jeweils ihre Mütter finanziell unterstützen. Was bei Swifty umso dringlicher erscheint, da sein Vater – passend ‘Price Drop’ genannt – ihr Hab und Gut verkauft.

Clio Barnard zeichnet eine trostlose Welt, in der speziell für Arbor wahrlich keine Alternative zu dem Leben zu bestehen scheint, in welches er mehr und mehr abrutscht. Eine Gesellschaft am Rande der Gesellschaft – die Figuren wirken größtenteils sich selbst überlassen. Verloren im Nichts ihrer Existenz. Heraus ragt die herzliche Freundschaft von Arbor und Swifty, die streckenweise an Steinbecks Of Mice and Men erinnert und ähnlich tragisch verläuft. Relativ früh wird klar, dass bei der grundsätzlich depressiven Stimmung des Films ein Happy End à la Hollywood nicht möglich scheint. Eine weitere Qualität des britischen Kinos, das weitaus authentischer, realer daherkommt als die buchstäbliche Traumfabrik in den USA.

Im Mittelpunkt des Films steht die eindringliche Darstellung von Conner Chapmans Arbor, der – ohne Vater aufgewachsen – hier zugleich selbst an die Hand genommen gehört, dies aber zugleich in gewisser Weise für Swifty leistet. “If you don’t stand up for yourself, you’ll never have owt”, trichtert er dem sanften Riesen in einer Szene ein. Wie die Jugendlichen in den britischen Genrekollegen sind ihre Altersgenossen – Arbor, Swifty und selbst Martin – orientierungslos. Eine verlorene Generation. Die Vorhersehbarkeit des Films ist dabei kein Manko, zu sehr lebt The Selfish Giant vom starken Spiel seines Ensembles und dem beinahe poetischen Abgesang auf seine Figuren. Vollkommen anders, absolut britisch.

7.5/10

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