5. Mai 2017

Casting JonBenet

People are quick to judge.

Über kurz oder lang wird jede Tragödie verfilmt, egal ob der 11. September 2001 oder das Erdbeben im Indischen Ozean von 2004. Auch persönliche Dramen, insbesondere Mordfälle, sind oft der Fokus von Spielfilmen, da verwundert es nicht, dass auch die Tötung der 6-jährigen JonBenét Ramsey in der Nacht auf den 26. Dezember 1996 ihren Weg ins Fernsehen findet würde. Kitty Greens Casting JonBenet ist allerdings keine gewöhnliche Dokumentation über den Mord an der 6-jährigen Schönheitskönigin, sondern eher eine Art Making of eines solchen Films. Green lädt zu einem Casting-Prozess ein, der wiederum weniger auf ein Reenactment hinarbeitet, als dass er selbst im Fokus dieser originellen Aufarbeitung des Mordfalls steht.

Während sich verschiedene Schauspielerinnen und Schauspieler für die jeweiligen Rollen vorstellen, lässt Kitty Green sie die Ereignisse von 1996 aus ihrer Erinnerung und Vorbereitung für das Casting rekapitulieren. Wie seiner Zeit die Sechsjährige mit Kopftrauma und stranguliert von ihrem Vater John Ramsey am Morgen des 2. Weihnachtsfeiertages gefunden wurde, nachdem ihre Mutter Patsy Ramsey zuvor eine 3-seitige Lösegeldforderung über $118,000 entdeckt und die Polizei alarmiert hatte. “Everyone pointed their finger at Patsy”, formuliert eine der Darstellerinnen den Vorwurf, Patsy Ramsey, einst selbst Schönheitskönigin bevor sie ihre Tochter für solche Wettbewerbe unterstützte, habe ihr Kind in jener Nacht ermordet.

“I hope she didn’t do it”, gesteht eine andere Schauspielerin, “but I think she might have.” Auf die Details des Kriminalfalls geht Green nur am Rande ein. Von der handgeschriebenen, fast 3-seitigen Lösegeldforderung, die exakt jene Summe einforderte, die John Ramsey zuvor als Weihnachtsbonus erhielt, bis hin zum forensischen Fehlverhalten der Polizei am Tatort. Casting JonBenet dreht sich vielmehr um das Hörensagen von dem Fall JonBenét Ramsey in der Gesellschaft. Die Casting-Bewerber plaudern eifrig, um letztlich den Zuschlag für die Rolle zu erhalten. “I’m here auditioning for the part of the police chief”, stellt sich ein Darsteller vor. Ergänzt aber sogleich: “But if I fit any other part perfectly I’d be willing to take that as well.”

Die Bewerber plaudern dabei munter über ihr eigenes Leben und persönliche Traumata. So wachte einer der John-Darsteller mal neben seiner toten Freundin auf, ein anderer war 1996 mit einer Mitarbeiterin des echten John liiert und eine der Patsy-Bewerberinnen wiederum erzählt, als ihr Bruder ermordet wurde, standen ihre Eltern zur Trauerverarbeitung mit den Ramseys in Kontakt. Es ist eine illustre Gruppe an Laiendarstellern, von denen einer nebenberuflich als Sexualerzieher arbeitet und zufällig (?) auch allerlei Sex-Spielzeug beim Casting präsent hat. So schneidet Green in einer Szene amüsanter Weise zu dem Bewerber inklusive Lederpeitsche, nachdem die anderen Vorsprechenden zuvor über den Erpresserbrief fachsimpelten.

Immer wieder integriert Green solche absurd-lustigen Szenen, darunter auch, wenn diskutiert wird, ob Burke, der 9-jährige Bruder von JonBenét, diese mit einer Taschenlampe erschlagen haben könnte. Dafür sei er nicht stark genug, meint eine Patsy-Schauspielerin – ehe Green und Co. die Burke-Vorsprecher mit Taschenlampen auf Wassermelonen eindreschen lassen. Etwaige Nikolaus-Darsteller erzählen wiederum von jährlichen Hintergrundchecks und den Gründen für das Tragen weißer Handschuhe, weil 1996 auch ein solcher Nikolaus-Darsteller und Nachbar zu den möglichen Tatverdächtigen gehört hatte. “People are quick to judge”, heißt es an einer Stelle und Casting JonBenét baut seinen ganzen Film im Grunde darauf auf.

Die Dokumentation wechselt dabei vom Casting-Prozess im 4:3-Bildformat in das in 16:9 gefilmte Reenactment sowie Studio-Vorbereitungen. Inwieweit den Bewerbern klar war, für was sie hier letztlich vorsprachen, ist unklar. Aber auch so ist der Ansatz des Behind-the-Scenes-Elements, ähnlich Robert Greenes letztjährigem – allerdings weniger überzeugenden – Kate Plays Christine, ein interessanter, der Casting JonBenet nicht nur eine eigene Dynamik verleiht, sondern auch über das Gros ähnlicher Filme hinweg hebt. Was genau in jener Weihnachtsnacht des Jahres 1996 wirklich geschah und wer JonBenét Ramsey ermordete, vermag auch Green nicht aufzuklären. Aber wie ihr Film zeigt, haben viele Leute viele Vorstellungen darüber.

6.5/10

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