18. Juli 2012

Lake of Fire

Everybody is right when it comes to the issue of abortion.

Als ein Mann seinen Rabbi aufsucht und ihm von den Problemen mit seiner Frau berichtet, erklärt ihm der Rabbi daraufhin, dass der Mann Recht habe. Anschließend hört der Rabbi die Frau des Mannes an und stimmt ihr, nachdem sie ihre Sicht der Dinge wiedergegeben hat, zu, dass sie Recht habe. „Aber Rabbi“, belehrt ihn einer seiner Studenten. „Sie können doch nicht beide Recht haben.“ Und der Rabbi erwiderte seinem Studenten: „Weißt du was? Du hast Recht“. Die Parabel des Juristen Alan Dershowitz in der Dokumentation Lake of Fire steht sinnbildlich für die USA, wo jeweils rund die Hälfte der Bevölkerung für und gegen Abtreibung ist. “Everybody is right when it comes to the issue of abortion“, sagt Dershowitz.

Und damit ist das Dilemma eines der kontroversesten Themen der Vereinigten Staaten im Grunde sehr gut zusammengefasst. Es ist ein Konflikt zwischen säkularen und klerikalen Bürgern, die einen “pro life“, die anderen “pro choice“. Die Selbstbezeichnung drückt es aus: Niemand ist „gegen“ sondern „für“ etwas, die eigene und vermeintlich richtige Meinung. Die Folge ist “a religious war“, wie es der Soziologe Dallas Blanchard an einer Stelle sagt. Das “pro life“-Lager sieht Abtreibungen als Mord an Babys an und tötet seinerseits diejenigen, die diese „Morde“ verüben. Ärzte, die Abtreibungen durchführen, werden zur Zielscheibe des Hasses und Frauen mit Abtreibungswunsch, sind zwiegespalten.

So auch Regisseur Tony Kaye, dessen eigene Freundin einst 1978 das gemeinsame Kind abgetrieben hat. “My task (..) was to be supportive“, schrieb Kaye am 31. Oktober 2007 in einem Gastartikel im Guardian. 17 Jahre und sechs Millionen Dollar eigenfinanziertes Kapital kostete es Kaye, um sein „Baby“ Lake of Fire zur Welt zu bringen. In fast schon epischen zweieinhalb Stunden beleuchtet er beide Lager ausführlich, lässt “pro life“-Anhänger wie Randall Terry zu Wort kommen oder “pro choice“-Befürworter. Kaye begleitet Abtreibungen, dokumentiert Morde an Ärzten und lässt Intellektuelle wie Dershowitz oder den Linguisten Noam Chomsky philosophieren, ab wann ein menschlicher Fötus zur Person wird.

Wer die Bilder der abgetöteten Föten sieht, kleine Hände mit kleinen Fingern und halbe Gesichtsfetzen mit Äuglein, dürfte sich schwer tun, dies nicht als „Mensch“ zu klassifizieren. Für religiöse Menschen ist Abtreibung somit sowohl eine moralische als auch zuvorderst eine Glaubensfrage. Ihre Gegner nähern sich dem Dilemma von juristischer Seite. Kann ein Fötus als Person angesehen werden, wenn er sich seiner eigenen Existenz und damit einem Drang, zu „existieren“, nicht gewahr ist? Chomsky wirft zudem in den Raum, dass auf unseren Händen auch Zellen leben, die wiederum die Basis für menschliches Leben sein könnten. „Verhindern“ wir durch Händewaschen also die Entstehung menschlichen Lebens?

Es ist jene philosophische Komponente, die Lake of Fire von anderen Dokumentationen zum Thema wie 12th and Delaware unterscheidet. Letzterer kann als komprimierte Version von Kayes Film gesehen werden, ähneln sie sich doch in ihrer Botschaft und über weite Strecken im Inhalt. Abseits seiner philosophischen Gesprächspartner verliert sich Kaye allerdings oft in Redundanzen und Ausschweifungen, wenn er mehrere Anschläge von fundamentalistischen “pro life“-Anhängern zeigt, die sich wenig ergänzen. Obschon Kaye objektiv bleiben will, wird sein Film dadurch verstärkt in die Richtung der “pro choice“-Bewegung gerückt, wenn ein junger Mann seine Meinung total nach der des Papstes ausrichtet.

Ein anderer junger Mann erklärt während einer Protestaktion, Sodomiten und Blasphemisten müssten sofort exekutiert werden. Als ein Journalist nachfragt, ob dazu auch Flüche wie „gottverdammt“ ausreichen, wird er vom Protestant bestätigt. Insofern wird der Wahn der “pro life“-Bewegung von ihren eigenen Taten und Bemerkungen demaskiert. So auch in der Ironie, wenn John Burt, ein ehemaliges Mitglied des Ku-Klux-Klans und Abtreibungsgegner, in die Kamera seufzt: “Politics and religion in the United States don’t mix at all any more“. Er und die anderen verschreiben sich einerseits Jesus Christus und leben andererseits aber die alttestamentarische Auge-für-Auge-Zahn-für-Zahn-Mentalität vor.

Dass es überhaupt zur Abtreibungsdiskussion gekommen ist, verdankt sich dem Urteil „Roe v. Wade“ von 1973, in dem „Jane Roe“, die bürgerlich Norma McCorvey heißt, vor Gericht ihr Recht auf eine Abtreibung durchgesetzt hat. Zum Hassobjekt der Rechten geworden, traute sich McCorvey später 14 Jahre lang nicht mehr aus dem Haus und hatte Suizidgedanken, ehe sie sich der “pro life“-Bewegung zuwandte und nun von ihren ehemaligen Anfeindern als Geläuterte gefeiert wird. Sie avancierte vom Saulus zum Paulus und verrät Kaye in seiner Dokumentation: “I’m a servant of Christ now“. Gut möglich, dass sie aber nur keine Lust mehr hatte, aus Angst das Haus nicht zu verlassen.

Angesichts der Tatsache, dass die USA das Land mit der höchsten Rate von  Schwangerschaften Minderjähriger in der entwickelten Welt sind, würde ihre Bevölkerungszahl wohl ohne Abtreibung rapide steigen. Ein Drittel aller sexuell aktiven Mädchen, und das ist jede Zweite, wird in den Vereinigten Staaten vor ihrem 20. Lebensjahr schwanger. 1999 war es noch ein Viertel. In seinem Segment It's Not Always a Wonderful Life der Dokumentation Freakonomics warf Eugene Jarecki sogar die These in den Raum, dass Roe v. Wade für den Kriminalitätsabfall in den USA der 1990er Jahre gesorgt hätte. Wie sich hierin zeigt, ist nicht so sehr Abtreibung das Problem, sondern ihre Auslöser in der Gesellschaftsstruktur der USA.

Zwischen christlichem Fanatismus und Selbstbestimmungsrecht der Frau beleuchtet Lake of Fire in seinen über zwei Stunden Laufzeit derlei Fragen mit Opfern, Tätern und Beobachtern des Streitthemas „Abtreibungen“. Eine Straffung um mindestens 20 Minuten hätte Kayes Film dabei nicht geschadet, aber auch so ist sein Herzensprojekt auf jeden Fall bei der ersten Sichtung so informativ wie emotional ergreifend. Dass Frauen selbst bestimmen sollten, was mit ihrem Körper geschieht, steht außer Frage. Wenn Schwangerschaftsabbrüche jedoch zum regulären Arztbesuch verkommen, wie bei Kayes finaler Gesprächspartnerin, die mit 28 Jahren zum bereits vierten Mal abtreibt, läuft etwas merklich falsch.

Eine ähnliche Patientin fand sich auch im aufgrund seiner Komprimierung gelungeneren 12th and Delaware in der jugendlichen Britney, die innerhalb von nur sechs Monaten zum zweiten Mal eine Abtreibungsklinik aufsuchte. Das Problem in den Vereinigten Staaten sind daher nicht die Abtreibungen, sondern die ungeplanten Schwangerschaften. Sie machen ruund 80 Prozent der Schwangerschaften aus, was bei einem an sich aufgeklärten Land wie den USA eigentlich nicht sein sollte. Sexualaufklärung scheint somit ein generelles Problem zu sein, auch wenn in den vergangenen Jahren die Zahl der Schwangerschaften Minderjähriger stetig gesunken war. 12th and Delaware zeigte, dass das Thema weiterhin akut ist.

Von Lake of Fire und Tony Kaye kann der Zuschauer dabei weder eine Antwort noch eine klare Position erwarten. Der Regisseur ist bis heute angeblich unschlüssig, welcher Seite er sich näher fühlt, wobei die Tatsache, dass er inzwischen vier Kinder hat und im Guardian schrieb, er suche gelegentlich nach seinem abgetriebenen Kind, durchaus eine Tendenz erkennen lässt. Vermutlich hält es Kaye aber auch nur so, wie es Dershowitz – neben Chomsky sicherlich der klügste Gesprächspartner des Films, dessen Frau selbst ebenfalls einst abgetrieben hat – gegen Ende formuliert: “In the end, each of us has to decide (…) This is a choice that cannot be made by others“. Jeder muss sie für sich selbst treffen.

7/10

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