24. November 2015

Tangerine

You didn’t have to Chris Brown the bitch.

Bereits Kant wusste, dass Sparsamkeit in allen Dingen die vernünftige Handlung eines rechtdenkenden Menschen ist. Das mag Regisseur Sean Baker vielleicht trösten, auch wenn er sein jüngstes No-Budget-Projekt Tangerine eher umsetzte, weil ihm für eine größere Produktion die Mittel fehlten. Vielleicht auch ganz gut so, erregte sein $100,000 teuerer und mit drei iPhone-5-Smartphones gedrehter Film schließlich unter anderem wegen seiner Umsetzung beim Sundance Filmfestival Aufmerksamkeit. Wie ich immer gerne zu sagen pflege: Manchmal ist weniger mehr und nach einem etwas holprigen Start schickt sich auch Tangerine an, diese Haltung mit einer solide gespielten und durchweg kurzweiligen Geschichte zu untermauern.

Die spielt am Heiligabend in Los Angeles, als die transsexuelle Prostituierte Sin-Dee (Kitana Kiki Rodriguez) von ihrer gleichgearteten Freundin Alexandra (Mya Taylor) erfährt, dass ihr Freund und Zuhälter Chester (James Ransone) sie mit einer Frau betrogen hat als sie eine vierwöchige Haftstrafe verbüßte. Kurz darauf stürmt Sin-Dee durch die Stadt auf der Suche nach jener Frau. Alexandra wiederum muss sich buchstäblich mit widerspenstigen Kunden herumschlagen, wo sie doch eigentlich nur einen Gesangauftritt von sich am Abend bewerben möchte. Nicht minder leicht hat es der armenische Taxifahrer Razmik (Karren Karagulian), der eine illustre Gesellschaft durch die Stadt fährt, um seiner Schwiegermutter aus dem Weg zu gehen.

Wirkt Tangerine zu Beginn noch etwas steif, wenn Baker die Eröffnungsszene in einem Donut-Laden im Shot-Reverse-Shot-Verfahren dreht, gewinnt der Film glücklicherweise Dynamik, als Sin-Dee ihre persönliche Odyssee beginnt. Baker dreht das Ganze anfangs im Wechsel zwischen kurzer Dialogszenen und von Trap Music unterlegten Sequenzen, in denen Sin-Dee den Handlungsort wechselt. Zumindest audiovisuell muss der Zuschauer also erst reinfinden in dieses iPhone-Experiment, ehe einen irgendwann Bakers cinematografische Welle erfasst und mitnimmt. In gewisser Weise ist Tangerine dabei eine Art fußläufiger Road Trip, der die beiden Transsexuellen auf ihren individuellen Missionen begleitet und wieder zusammenführt.

Ähnlich wie Sean Bakers Vorgängerfilm Starlet lebt sein jüngstes Projekt dabei von seinen Figuren und ihrer Interaktion, die Geschichte bildet eher den Rahmen, um ihren jeweiligen Charakter zu betonen. Sin-Dee offenbart sich dabei als Mensch mit explosivem Temperament – speziell wenn es darum geht, dass ihr Freund sie mit einer Frau betrügt. Es wird nicht das einzige Geheimnis bleiben, dass im Verlaufe von Tangerine aufgedeckt wird. “Shit floats to the surface”, kommentiert eine Figur gegen Ende passend. Grundsätzlich fokussieren sich Baker und sein Co-Autor Chris Bergoch auf Sin-Dee und Alexandra, die übrigen Figuren, darunter auch Chesters Affäre Dinah (Mickey O’Hagan) sowie Chester selbst, bleiben Mittel zum Zweck.

Etwas bedauerlich ist das lediglich im Falle von Razmik, dessen Geschichte lediglich als ein Nebenplot erscheint, um einerseits Bakers regelmäßigen Kollaborateur Karagulian einzubinden und die Laufzeit auf knapp 90 Minuten zu strecken. Völlig frei von Fehlern ist der Film also keineswegs. Fragt Sin-Dee beispielsweise in einer Szene einen Passanten nach Feuer für eine gestohlene Zigarette, präsentiert sie später plötzlich eine Crackpfeife – für die sie aber kein Feuerzeug mitgenommen hat. Auch Alexandras abendlicher Gesangauftritt steht etwas für sich, ohne dass seine Bedeutung für die Figur eine stärkere Einbindung erhält. Es handelt sich hierbei allerdings eher um Kleinigkeiten eines größeren Ganzen, das an sich durchaus zu gefallen weiß.

Nicht zuletzt dank dem überzeugenden Spiel von Rodriguez und Taylor, beides Laiendarsteller. Es ist nachvollziehbar, wieso Tangerine ähnlich wie Me and Earl and the Dying Girl zu Jahresbeginn in Sundance das Publikum begeisterte. Unterm Strich ist Baker ein Independent-Hit aus dem Bilderbuch gelungen. So nett das Gimmick der iPhone-Fotografie ist, hätte es dem Film sicher besser zu Gesicht gestanden, wenn etwas mehr Geld und Arbeit in ihn geflossen wäre. Die Kameraarbeit wäre runder dahergekommen, das Drehbuch ebenfalls. Vielleicht verhilft das positive Feedback zu Tangerine nun Baker dazu, dass er sich nach vielen Independent-Filmen einer größeren Produktion zuwenden kann. Er wäre da nicht der erste Indie-Regisseur.

6/10

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