10. August 2018

Touching the Void [Sturz ins Leere]

Bloody hell, I’m gonna die to Bonnie M.

Er besteige den Mount Everest, weil er existiere, soll George Mallory berühmterweise 1923 über seine geplante Besteigung des höchsten Bergs der Erde gesagt haben. Der Gipfelsturm steht für viele Bergsteiger als ultimative Bewältigung einer Herausforderung. So auch für Joe Simpson und Simon Yates, zwei Briten, die im Jahr 1985 die Westseite des Siula Grande in Peru im Alpin-Stil erklimmen wollten. Und dies am Ende beinahe mit ihrem Leben bezahlten. Allen voran Simpson, der sich beim Abstieg die Kniescheibe brach und beinahe in einer Gletscherspalte starb. Eine Überlebensgeschichte, die er 1988 in seinem Buch Touching the Void festhielt, das Regisseur Kevin Macdonald im Jahr 2003 als Dokumentation auf die Leinwand brachte.

Bekannt wurde die Geschichte von Joe Simpson weniger aufgrund der Tatsache, dass es ihm und Simon Yates gelang, die 1.371 Meter hohe Westseite des Siula Grande zu besteigen. Sondern angesichts des Umstandes, dass Yates beim Abseilen des verletzten Simpson das Seil zu diesem kappen musste, als Letzterer drohte, Yates mit in den Tod zu reißen. “It seemed like a blasphemy to have done such a thing”, beschreibt Yates in Simpsons Roman auf Seite 126. “It went against every instinct; even self-preservation.” In Macdonalds Dokumentation nimmt das Kappen des Seils eine untergeordnete Rolle ein. Dabei hätte der Film im Grunde ausreichend Zeit, verschwendet er sie doch weder für eine Exposition noch ein Ende.

Die Motivation im Vorfeld der Besteigung des Siula Grande im peruanischen Gebirgszug Cordillera Huayhuash bleibt spärlich. So kommt es, dass Simpson und Yates ungeachtet des nicht einfachen Aufstiegs bereits nach 20 Filmminuten auf dem Gipfel sind. Vier Minuten später ist Simpsons Bein dann gebrochen. Der Fokus soll klar auf seinen Sturz in die Gletscherspalte liegen, der ihm nicht den Tod brachte, ihn aber zu einer zähen Rückkehr ins Lager der beiden Bergsteiger zwang. Naturgemäß hat es Touching the Void hier schwer, die Gedankengänge von Simpson während dieser Zeit nachzuzeichnen. Selbst wenn er wie auch Yates hier als Talking Heads die Erlebnisse von damals reflektieren. Einblicke, die auch sonst eher rar sind.

“We climb ‘cos its fun. And mainly it is fun”, sagt Simpson im Film. “And every now and then it went wildly wrong. And then it wasn’t.” Geht etwas schief, kann dies schwere, gar tödliche Folgen haben. Die Emotionen, die Simpson jedoch mit dem Bergsteigen allgemein damals verband, fehlen dem Film leider. So berichtet er im Buch ausführlich, wie der nächste Gipfel zum nächsten Traum wird. Ehe man sich immer – buchstäblich – höhere Ziele setzt, die entsprechende Risiken, aber auch den gewissen Kick mit sich bringen. Und dass, sobald der Gipfel gestürmt ist, auf das ekstatische Gefühl der Errungenschaft schnell das der Leere folgte. “It makes you feel more alive”, erklärt Yates den Grund für die Besteigung im riskanten Alpin-Stil.

Beide Männer wissen jedoch, dass 80 Prozent der Unfälle beim Absteigen erfolgen. Und als das Wetter sich ins Gegenteil verkehrte, verflog 1985 auch der letzte Enthusiasmus von Simpson nach Erreichen des Gipfels. “The mountain had lost its excitement, its novelty, and I wanted to get off it as soon as possible”, schreibt Simpson auf S. 68. Dabei hatte er sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal das Bein gebrochen. Ein Vorfall, der kurz danach das Ende für den Bergsteiger bedeuten könnte. Schließlich kletterten Simpson und Yates wie so viele Bergsteiger im Team, um sich aufeinander verlassen und absichern zu können. Was mit einem gebrochenen Bein jedoch kaum mehr möglich ist. Vielmehr lebensbedrohlich für beide Männer.

“In an instant an uncrossable gap had come between us and we were no longer a team working together”, reflektiert Simpson auf S. 75. Sowohl im Buch als auch im Film setzt der Brite den Beinbruch mit seinem Tod gleich. Allein Yates’ Bestreben, den Freund die verbliebene Strecke abzuseilen – zu einem Zeitpunkt, wo sich beide nur rund 300 Meter unter dem Gipfel des über 6.000 Meter hohen Berges befanden –, scheint somit alles andere als selbstverständlich zu sein. Sich selbst zu retten, um nicht mit dem Partner gemeinsam zu sterben, aber wie die Resonanz im Anschluss zeigte, ebenfalls nicht. Umso bedauerlicher, dass Macdonald relativ zügig über dieses Thema hinweggeht, um sich der beschwerlichen Rückkehr Simpsons zu widmen.

Neben den Talking Heads der Betroffenen stellt Macdonald die Vorfälle von 1985 zudem mit den britischen Darstellern Brendan Mackey als Joe Simpson und Nicholas Aaron als Simon Yates nach. Selbst wenn beide Schauspieler nur wenig Ähnlichkeit mit ihren Vorlagen besitzen und die Identifikation mit ihnen im Film primär über die farblichen Unterschiede ihrer Jacke geschieht. Die nachgestellten Szenen als solche sind jedoch prinzipiell gelungen und ergänzen die Aufnahmen des Siula Grande exzellent. Ärgerlich ist dafür, dass der narrative Faden nur bedingt vorhanden ist und Macdonald meist abrupt und ungeschickt zwischen den einzelnen Tagen des Auf- und Abstiegs schneidet. Aus erzählerischer Sicht wäre generell mehr drin gewesen.

Zwar mag Simpsons Buch mitunter etwas repetitiv ausfallen, es gibt aber dennoch bessere Einblicke in die Vorkommnisse von 1985. Touching the Void ist zwar durchaus ein intensives Erlebnis und eine informative Übersicht, bewegt sich die meiste Zeit aber dann doch zu sehr an der Oberfläche der Geschichte. “The accident opened up a whole new world for me”, zieht Joe Simpson auf Seite 215 schließlich 18 Jahre später fast ein positives Fazit. Der Unfall veränderte seine Persönlichkeit und Ansprüche. Vielleicht rettete ihm erst dieses Nahtod-Erlebnis sogar wirklich das Leben. George Mallory jedenfalls verlor seines. Ein Jahr nach seinem berühmten Zitat verschwand Mallory am Mount Everest – erst 1999 fand eine Expedition seine Überreste.

7/10

Kommentare:

  1. Ich hätte vermutet, dass du diesen Film (noch) besser einschätzt. Vielleicht liegt es am Vergleich mit der Vorlage? Auf jeden Fall habe ich nun Lust bekommen, diese zu lesen... :)

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    1. Früher war der auch eher eine 8, dieses Mal hatte er mich aber nicht so mitgenommen und das Buch gibt einfach bessere Einblicke.

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