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9. November 2018

Whitney

They were the Cosbys of Dodd Street.

Ich kann mich noch grob daran erinnern, dass mich die Nachricht von Whitney Houstons Tod im Februar 2012 nicht wirklich überraschte. Wie auch schon einige Monate zuvor im Fall von Amy Winehouse nicht. Beide Sängerinnen befanden sich seit langem in einer Abwärtsspirale aus Drogensucht, deren Ende absehbar war. Dabei war Whitney Houston einst einer der größten Stars der Musik-Branche, die “Queen of Pop”, der ihr Label Arista Ende der 1990er Jahre noch einen bombastischen 100-Millionen-Deal für kommende Alben angeboten hatte. Wenige Zeit später war Mitte der 2000er Jahre ihre Karriere am Tiefpunkt, Houston fast bankrott aufgrund eines verschwenderischen Lebensstils. Die Kurve bekam sie nicht mehr.

Regisseur Kevin Macdonald, der im Jahr von Houstons Tod bereits Bob Marley in seiner Dokumentation Marley gehuldigt hatte, widmet sich in Whitney nun dem Aufstieg und Fall jener Frau, die in den Achtzigern und Neunzigern Rekorde aufstellen sollte. Darunter fallen sieben Nummer-Eins-Hits am Stück, ihr Song “I Will Always Love You” ist bis heute die meistverkaufte Single einer Sängerin und ihr Soundtrack zu ihrem Film The Bodyguard das 6. meistverkaufte Album aller Zeiten. Mit jenem Film beförderte sie sich 1992 in die Stratosphäre der Stars – doch wer hoch steigt, droht tief zu fallen. Womöglich fielen nur wenige ehemalige Superstars tiefer als Whitney Houston, deren traumhafter Aufstieg ein alptraumhaftes Ende nahm.

Ähnlich anderen Musik-Talenten wie Michael Jackson oder Beyoncé planten Houstons Eltern ihre Karriere von langer Hand. Mutter Cissy war selbst einst Sängerin, unter anderem als Background für Aretha Franklin. Doch der rasante Chart-Sturm anderer Teenager machte Whitney neidisch und ungeduldig. “The music that she was envious of was fad music”, zeigte ihr dann Deforest Soaries, Pastor ihrer Heimatgemeinde, auf. “And the music her parents were preparing her for was legacy music.” Womit sie angesichts solcher Songs wie “How Will I Know” oder “I Wanna Dance With Somebody” letztlich Recht behalten sollten. So gewann sie im Alter von 23 Jahren schließlich kurz nach ihrem Platten-Deal ihren ersten von sechs Grammys.

Mit dem Erfolg kamen jedoch auch die Drogen. In Whitney schildern ihre Brüder Gary und Michael, die sie auf ihren Tourneen begleiteten, von dem täglichen Konsum, der in der Regel Marihuana und Kokain beinhaltete. Dies alles weit vor der Zeit, ehe Houston ihren späteren Mann Bobby Brown kennenlernte, der gerne als schlechter Einfluss gesehen wurde. Und auch damals schon unter dem Niveau von Whitney erschien, wie ein Talking Head gesteht. Für Whitney, die zuvor unter anderem mit Eddie Murphy liiert war, schien das prollige Gehabe von Brown wohl anziehend – oder wie ihr Bruder Michael es erklärt: “We from the hood.” Die Houstons stammen ursprünglich aus Newark, New Jersey, in der es 1967 zu Rassenunruhen kam.

Peripher streift Macdonald auch kurz die Dichotomie von Whitneys Charakter, die im Familien- und Freundeskreis nur unter ihrem Spitznamen “Nippy” bekannt war. Deforest Soaries spricht in Whitney von der Notwendigkeit der Afro-Amerikaner, sich der Kultur des weißen Amerikas anzupassen, um erfolgreich zu sein. “You gotta have double conciousness”, so der Pastor. Quasi eine Parallel-Persönlichkeit, die sich von der eigenen Kultur entfremdet. “And that can cause you to wonder: who is the real me? Am I an extension of that? Or is that an extension of me?” In diesem Konflikt erinnert Whitney an O.J.: Made in America, dessen schwarzer Star seinen Erfolg ebenfalls (mit) dadurch begründete, dass er sein „Schwarz-Sein“ reduzierte.

Auch wenn Houston ihre Songs nicht selbst schrieb, so finden sich in einigen von ihnen doch Textzeilen, die Einblicke in ihre Seele zu geben scheinen. “Can’t you see the hurt in me?”, singt sie zum Beispiel in “Run To You” oder “Can’t run from myself, there’s nowhere to hide” in “I Have Nothing”. Ein Leiden, dem Macdonald im späteren Verlauf von Whitney mehr Beachtung schenkt, nachdem der Film eingangs bereits offenbarte, dass Houston als Kind gehänselt wurde und letztlich deswegen eine katholische Schule besuchte. “She was running away from her demons”, reflektiert ihre Schwägerin Patricia Houston gegen Ende. Und Joey Arbagey, Produzent vom Platten-Label Arista, mutmaßt “deep down she was a girl in pain”.

Macdonald wirft noch einen möglichen sexuellen Missbrauch der Sängerin im Kindesalter in den Ring, schenkt ihm aber nicht den Raum, den er verdient hätte. Wer Whitney wirklich war, was sie fühlte und dachte, vermag auch der Regisseur nicht zu beantworten. So geben die Interviewten auch unterschiedliche Einschätzungen zu Whitneys Ehe mit Bobby Brown, die mal als wahre Liebe deklariert wird, dann nur als co-abhängige Beziehung. Das mag auch daran liegen, dass gerade Bobby Brown oder auch Cissy Houston nur begrenzt und aus einer gewissen Defensive heraus über Whitney sprechen wollen. Einschätzungen wie zu Whitneys belastetem Verhältnis zu ihrer Tochter Bobbi Kristina obliegen daher Tanten und Bekannten.

Dennoch liefert Whitney interessante Bilder, teilweise aus privaten Videos, zu Nippy und ihrem Verhältnis zu Whitney. Zudem gibt Macdonald einen guten Überblick über den Verlauf ihrer Karriere mit allen Höhepunkten wie Houstons Darbietung der US-Nationalhymne beim Super Bowl XXV im Jahr 1991. Der Aufstieg von Whitney ist sympathisch und mitreißend, die Doku gewichtet ihn zudem etwas stärker als den anschließenden Niedergang im 21. Jahrhundert, als der verschwenderische Lebensstil sie fast in die Pleite trieb. Comeback-Versuche, auch als Schauspielerin in Filmen wie Sparkle, wollten nicht mehr gelingen. Woran genau und wieso Houston schlussendlich scheiterte, bleibt offen – wie bei so vielen Todesfällen von Prominenten.

Am Ende dienten die Drogensucht und der Absturz von Whitney Houston für viele wie Saturday Night Live nur noch als Lachnummer. Die Queen of Pop musste abdanken – so leicht wie Menschen einem Star huldigen, so schnell verstoßen sie ihn auch wieder. “Take me for what I am”, bat Whitney dabei noch passend in “I Have Nothing”, jenem Lied, mit dem Kevin Macdonald auch Whitney im Abspann beschließt. Dessen Lyrics passen wohl am besten auf das Leben der großen Sängerin, die darin fast schon fleht: “Don’t walk away from me, I have nothing, nothing, nothing if I don't have you.” Whitney Houston mag an jenem 11. Februar 2012 gestorben sein, ihre Musik jedoch wird fortleben. “Legacy music” – wie von ihren Eltern geplant.

7.5/10

10. August 2018

Touching the Void [Sturz ins Leere]

Bloody hell, I’m gonna die to Bonnie M.

Er besteige den Mount Everest, weil er existiere, soll George Mallory berühmterweise 1923 über seine geplante Besteigung des höchsten Bergs der Erde gesagt haben. Der Gipfelsturm steht für viele Bergsteiger als ultimative Bewältigung einer Herausforderung. So auch für Joe Simpson und Simon Yates, zwei Briten, die im Jahr 1985 die Westseite des Siula Grande in Peru im Alpin-Stil erklimmen wollten. Und dies am Ende beinahe mit ihrem Leben bezahlten. Allen voran Simpson, der sich beim Abstieg die Kniescheibe brach und beinahe in einer Gletscherspalte starb. Eine Überlebensgeschichte, die er 1988 in seinem Buch Touching the Void festhielt, das Regisseur Kevin Macdonald im Jahr 2003 als Dokumentation auf die Leinwand brachte.

Bekannt wurde die Geschichte von Joe Simpson weniger aufgrund der Tatsache, dass es ihm und Simon Yates gelang, die 1.371 Meter hohe Westseite des Siula Grande zu besteigen. Sondern angesichts des Umstandes, dass Yates beim Abseilen des verletzten Simpson das Seil zu diesem kappen musste, als Letzterer drohte, Yates mit in den Tod zu reißen. “It seemed like a blasphemy to have done such a thing”, beschreibt Yates in Simpsons Roman auf Seite 126. “It went against every instinct; even self-preservation.” In Macdonalds Dokumentation nimmt das Kappen des Seils eine untergeordnete Rolle ein. Dabei hätte der Film im Grunde ausreichend Zeit, verschwendet er sie doch weder für eine Exposition noch ein Ende.

Die Motivation im Vorfeld der Besteigung des Siula Grande im peruanischen Gebirgszug Cordillera Huayhuash bleibt spärlich. So kommt es, dass Simpson und Yates ungeachtet des nicht einfachen Aufstiegs bereits nach 20 Filmminuten auf dem Gipfel sind. Vier Minuten später ist Simpsons Bein dann gebrochen. Der Fokus soll klar auf seinen Sturz in die Gletscherspalte liegen, der ihm nicht den Tod brachte, ihn aber zu einer zähen Rückkehr ins Lager der beiden Bergsteiger zwang. Naturgemäß hat es Touching the Void hier schwer, die Gedankengänge von Simpson während dieser Zeit nachzuzeichnen. Selbst wenn er wie auch Yates hier als Talking Heads die Erlebnisse von damals reflektieren. Einblicke, die auch sonst eher rar sind.

“We climb ‘cos its fun. And mainly it is fun”, sagt Simpson im Film. “And every now and then it went wildly wrong. And then it wasn’t.” Geht etwas schief, kann dies schwere, gar tödliche Folgen haben. Die Emotionen, die Simpson jedoch mit dem Bergsteigen allgemein damals verband, fehlen dem Film leider. So berichtet er im Buch ausführlich, wie der nächste Gipfel zum nächsten Traum wird. Ehe man sich immer – buchstäblich – höhere Ziele setzt, die entsprechende Risiken, aber auch den gewissen Kick mit sich bringen. Und dass, sobald der Gipfel gestürmt ist, auf das ekstatische Gefühl der Errungenschaft schnell das der Leere folgte. “It makes you feel more alive”, erklärt Yates den Grund für die Besteigung im riskanten Alpin-Stil.

Beide Männer wissen jedoch, dass 80 Prozent der Unfälle beim Absteigen erfolgen. Und als das Wetter sich ins Gegenteil verkehrte, verflog 1985 auch der letzte Enthusiasmus von Simpson nach Erreichen des Gipfels. “The mountain had lost its excitement, its novelty, and I wanted to get off it as soon as possible”, schreibt Simpson auf S. 68. Dabei hatte er sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal das Bein gebrochen. Ein Vorfall, der kurz danach das Ende für den Bergsteiger bedeuten könnte. Schließlich kletterten Simpson und Yates wie so viele Bergsteiger im Team, um sich aufeinander verlassen und absichern zu können. Was mit einem gebrochenen Bein jedoch kaum mehr möglich ist. Vielmehr lebensbedrohlich für beide Männer.

“In an instant an uncrossable gap had come between us and we were no longer a team working together”, reflektiert Simpson auf S. 75. Sowohl im Buch als auch im Film setzt der Brite den Beinbruch mit seinem Tod gleich. Allein Yates’ Bestreben, den Freund die verbliebene Strecke abzuseilen – zu einem Zeitpunkt, wo sich beide nur rund 300 Meter unter dem Gipfel des über 6.000 Meter hohen Berges befanden –, scheint somit alles andere als selbstverständlich zu sein. Sich selbst zu retten, um nicht mit dem Partner gemeinsam zu sterben, aber wie die Resonanz im Anschluss zeigte, ebenfalls nicht. Umso bedauerlicher, dass Macdonald relativ zügig über dieses Thema hinweggeht, um sich der beschwerlichen Rückkehr Simpsons zu widmen.

Neben den Talking Heads der Betroffenen stellt Macdonald die Vorfälle von 1985 zudem mit den britischen Darstellern Brendan Mackey als Joe Simpson und Nicholas Aaron als Simon Yates nach. Selbst wenn beide Schauspieler nur wenig Ähnlichkeit mit ihren Vorlagen besitzen und die Identifikation mit ihnen im Film primär über die farblichen Unterschiede ihrer Jacke geschieht. Die nachgestellten Szenen als solche sind jedoch prinzipiell gelungen und ergänzen die Aufnahmen des Siula Grande exzellent. Ärgerlich ist dafür, dass der narrative Faden nur bedingt vorhanden ist und Macdonald meist abrupt und ungeschickt zwischen den einzelnen Tagen des Auf- und Abstiegs schneidet. Aus erzählerischer Sicht wäre generell mehr drin gewesen.

Zwar mag Simpsons Buch mitunter etwas repetitiv ausfallen, es gibt aber dennoch bessere Einblicke in die Vorkommnisse von 1985. Touching the Void ist zwar durchaus ein intensives Erlebnis und eine informative Übersicht, bewegt sich die meiste Zeit aber dann doch zu sehr an der Oberfläche der Geschichte. “The accident opened up a whole new world for me”, zieht Joe Simpson auf Seite 215 schließlich 18 Jahre später fast ein positives Fazit. Der Unfall veränderte seine Persönlichkeit und Ansprüche. Vielleicht rettete ihm erst dieses Nahtod-Erlebnis sogar wirklich das Leben. George Mallory jedenfalls verlor seines. Ein Jahr nach seinem berühmten Zitat verschwand Mallory am Mount Everest – erst 1999 fand eine Expedition seine Überreste.

7/10

15. Februar 2014

State of Play vs. State of Play

Das Remake gehört wohl zu Hollywood wie das Ei zur Henne. Schließlich hat auch Originalität ihre Grenzen. Daher nutzt die Traumfabrik gerne eigene Filme – insofern genug Zeit verstrichen ist, damit das Original bei der Zielgruppe nicht zu präsent wirkt – oder Werke aus dem Ausland, die von Erfolg gekrönt waren, als Ausgangsmaterial für ihre eigenen Produktionen. So auch vor etwa fünf Jahren, als Universal mit State of Play eine zweistündige Adaption der gleichnamigen fünfeinhalbstündigen BBC-Serie von 2003 in die Kinos brachte. Ein Trend, den zuletzt David Fincher mit House of Cards und demnächst Utopia weiterführt. Nur eben mit namhaften Schauspielern, die das Publikum auch sehen möchte.

So waren für State of Play zunächst Brad Pitt und Edward Norton in den Hauptrollen geplant, ehe Meinungsverschiedenheiten und Verzögerungen kurzfristig Russell Crowe und Ben Affleck ans Set von Kevin Macdonald spülten. Und obschon seine weniger als halb so lange Version von David Yates’ Serie nach Drehbuch von Paul Abbott bei den Kritikern gut ankam, floppte der Film sowohl in den USA als auch international an den Kinokassen (trotz fehlender Konkurrenz). Dabei macht Macdonalds Remake vieles – wenn leider auch nicht alles – richtig. Aber welche Version ist nun besser oder gut? An dieser Stelle soll wieder mal ein Head-to-Head feststellen, welche Geschichte in den Druck gehen darf.

The Reporter

Das Erbe von Woodward und Bernstein tritt in Paul Abbotts Geschichte der Reporter Cal McAffrey an, in der BBC-Version von John Simm (höchstens Doctor Who-Fans hierzulande ein Begriff) gespielt. Eher klein und schmächtig ist er bemüht, seinem alten Kumpel Stephen Collins, für den er einst Wahlkampf machte, über den plötzlichen Tod seiner Geliebten zu helfen. Nur um selbst mit Collins’ entfremdeter Gattin zu korpulieren. Was mehr Zeit beansprucht, als es sollte. Wenig nuanciert wird man mit Simm nicht so recht warm, auch nicht als investigativer Journalist. Das mag auch daran liegen, dass er diesen Job mit James McAvoy – dessen Figur im Remake ausgespart wurde – teilen muss. Günter-Wallraff-Faktor: 45%

Man kann verstehen, wieso fürs Remake zuerst an Brad Pitt gedacht wurde. Stattdessen gab kurzfristig dann ein löwenmähniger Russell Crowe den Schnüffler von der Zeitung, eingeführt als sich im Auto mit Junk Food vollstopfender Radio-Gröler. Immerhin sehen wir Crowes McAffrey weitaus mehr „Investigation“ betreiben, auch der Tatsache geschuldet, dass er mit Polizeiermittler Bell (hier: Harry Lennix) bekannt ist. Wenn Crowes Figur den Killer auf sich lenkt, dann nicht, während er sich gerade verlustiert. Insofern darf dieser Cal McAffrey ein glaubwürdigerer Journalist sein als sein britischer Kollege, eben weil er – wenn auch nicht unbedingt äußerlich – mehr dessen Bild entsprechen mag. Günter-Wallraff-Faktor: 55%

The Girl

Unfairerweise verdient sich Kelly Macdonalds Version der naseweisen Della schon allein deshalb einen Sonderpunkt, weil ihr schottischer Akzent im britischen Original ein Highlight für sich ist (nie klang das Wort “murder” schöner). Allerdings erfährt die Figur – wenn auch nachvollziehbar – einen leicht extremen Wandel von der selbstbewussten Schnüfflerin zur eingeschüchterten Petze, als ihr Leben während der Recherche in Gefahr gerät. Zwar fängt sich die Figur gegen Ende wieder etwas, doch da ist der „Vertrauensbruch“ bereits geschehen. Die zudem im Verlauf verstärkt subtil angedeutete sexuelle Spannung zwischen Della und Polizeichef Bell hilft dem Ganzen auch nicht wirklich. Tamara-Dewe-Faktor: 50%

In der US-Version avanciert Della schlauerweise zur Bloggerin der Zeitung, die sich den Respekt von Cal McAffrey erst durch Rechercheerfolge verdienen muss. Insofern nimmt sie eher die Funktion eines “rookies” ein, wenn auch ihre Recherche identisch mit der ihres britischen Pendants ist. So erklärt sich vermutlich, weshalb sie nach dem Krankenhaus-Attentat weniger eingeschüchtert als bestärkt wirkt, was sicherlich dem Film dienlich ist. Zwar nicht ganz so sexy wie Kelly Macdonald überzeugt die Dynamik zwischen McAdams’ Della und McAffrey mehr als in der BBC-Fassung. Selbst wenn ihre Beziehung später fast in romantische Bahnen gelenkt wirkt, was eher verstört. Tamara-Dewe-Faktor: 50%

The Politician

Die Rolle des sichtbar steifen, aber politisch vielversprechenden Regierungsvertreters übernahm in David Yates’ Serie David Morrissey (eher bekannt als “Governor” in The Walking Dead). Hier darf Morrissey noch am ehesten die ganze Palette seiner schauspielerischen Fähigkeiten zeigen, von verunsichert über erzürnt bis am Boden zerstört. Und obschon viel für Sympathiebonus seitens der Zuschauer für ihn spricht (Geliebte und Kind tot, Ehefrau schläft mit bestem Freund), vermag dieser Stephen Collins nie recht seine ihm angeheftete gewisse Durchtriebenheit abzulegen. Dies mag auch am Wissen um Morrisseys Walking Dead-Rolle liegen. Insofern also: politically correct. John Edwards-Faktor: 60%

Wer denkt, David Morrissey ist steif, hat die Rechnung ohne Ben Affleck gemacht. Zwar überzeugt Affleck – enormes Kinn hin oder her – als Kongressabgeordneter, nur vermag sein Spiel sich nie der Figur richtig zu öffnen. Dass er und Russell Crowe Uni-Kumpels sein sollen, erfordert ordentlich “suspension of disbelief”. Immerhin ist Afflecks Stephen Collins im Gegensatz zu seinem britischen Kollegen weitaus weniger präsent im US-Film und wirkt zugleich weitaus unschuldiger beziehungsweise weniger verdächtig. Was dem Twist zum Schluss sicherlich zuträglicher ist. Das fehlende Schauspiel Afflecks ist hierbei allerdings hinderlich, weshalb man mit Ed Norton besser gefahren wäre. John Edwards-Faktor: 40%

The Wife

Die Rolle der betrogenen Anne Collins fiel in der sechsteiligen Serie Polly Walker (bekannt aus der HBO-Serie Rome) zu. Was nicht ohne Probleme ist. Es mag zum Teil an ihrer Frisur liegen, aber Walkers Frau zwischen zwei Männern will in keiner Konstellation so recht überzeugen. Sie passt weder wirklich zu Morrisseys noch zu Simms Figur, was auch daran liegt, dass wir von ihrem Charakter wenig mitbekommen. Umso unerklärlicher ist ihr Wandel im Schlussakt, der sie von der Opferrolle eher in die Bitch-Ecke rückt. Sie ist im Grunde nur da, um als “sexual interest” zu fungieren – was für weibliche Figuren selten positiv endet. Insofern: viel “Screen time” für einen blassen Charakter. Jenny Sanford-Faktor: 40%

Noch blasser, wenn auch ansehnlicher, kommt Robin Wright im Spielfilm daher. Zwar hat auch ihre Figur eine Affäre mit McAffrey, immerhin jedoch nur in der Vergangenheit. So wundert man sich zwar, wieso Collins und der Reporter weiterhin befreundet sind, ist aber zugleich dankbar, dass der Film für Bettspiele keine Zeit opfert. Abgesehen von zwei Szenen, in denen auf dieser Affäre rumgekaut wird, hat Anne Collins nichts zu tun. Was sich grundsätzlich dadurch erklärt, dass die UK-Figur nur für Sex existierte und insofern für das Remake in Ordnung geht. Wrights Rolle bleibt ein Nicht-Charakter, aber immerhin einer, der nett aussieht und für den nicht mehr Zeit als nötig aufgewandt wurde. Jenny Sanford-Faktor: 60%

The Editor

Es gibt Schauspieler, die können wenig falsch machen. Der wunderbare Bill Nighy ist einer von ihnen. Denn als scharfzüngiger Herausgeber im BBC-Original ist sein Cameron Foster eher einer von der Truppe – die meist geschlossene Tür seines Büros zum Trotz. Mehr kumpelhaft kommt das Verhältnis mit McAffrey daher, zugleich hält Nighys Chef vom Dienst seiner Truppe den Rücken frei und übernimmt mehrfach aktiv eine Rolle in der Recherche. Hierbei fungiert Cameron durchaus auch als “comic relief” – gerade im Doppel mit Sohnemann Dan –, dennoch nimmt man Nighy seine redaktionelle Kompetenz durchweg ab. Entsprechend ist dies eine absolut atmende dreidimensionale Figur. Ben Bradlee-Faktor: 65%

Im Kinofilm übernimmt Helen Mirren die redaktionelle Aufgabe der Herausgeberin. Darunter leidet am meisten die Beziehung zu ihren Reportern, wirkt Mirrens Cameron doch oftmals wie der Redaktion aufs Auge gedrückt denn als Teil von dieser. Das mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass Cameron im Film weniger direkt in die Recherche eingebunden ist, somit eher eine passive Rolle einnimmt. Der Großteil der Figur wird für den Sub-Plot der heimgesuchten Medienkrise aufgewandt, was zwar seine eigenen Vorzüge hat (s. The Tone), worunter jedoch die Ausarbeitung des Charakters leidet. In ihrer Funktion als Herausgeberin ist Cameron aber durchaus glaubwürdig. Ben Bradlee-Faktor: 35%

The Middleman

Das Zünglein an der Waage in Paul Abbotts Handlung gibt derweil der windige bisexuelle Mittelsmann Dominic Foy, im Original von Marc Warren als blonder Pimp gespielt. Über mehrere Episoden müssen McAffrey, Della und Co. diesen erst in eine Position bringen, in der er die politischen Verwicklungen um Collins’ tote Geliebte aufklärt – ehe dieser ihm den Kiefer zerdeppert. Auch wenn Foy als Witzfigur angelegt ist, will man nicht so recht glauben, welche Rolle der Figur hier zugeschrieben wurde. Was zum Teil auch an Warren selbst liegt. Grundsätzlich wird auf seinen Charakter jedoch, wie auch auf den von Anne Collins, für nur bedingten Erlös generell zu viel Zeit vergeudet. Tirath Khemlani-Faktor: 40%

Weniger wie ein Zuhälter aber nicht minder flamboyant kommt Jason Batemans Interpretation der Rolle daher. Ähnlich wie bei Robin Wright wird für ihn nur wenig Zeit aufgespart. Zwar immer noch mit dem Makel der Witzfigur behaftet, wird sein Dominic Foy zumindest als das behandelt, was er ist: ein Mittel zum Zweck, um die Handlung auf die Zielgerade zu bringen. Dies geschieht zugegeben relativ schnell – und als off-screen eingefangenes Geständnis auf Videoband –, ist jedoch dadurch verzeihbar, dass man so ein wohl bis zu einstündiges Katz-und-Maus-Spiel vermieden hat. Insgesamt kommt dieser schmierige Mittelsmann dennoch kompakter und somit konsequenter daher. Tirath Khemlani-Faktor: 60%

The Tone

Ein Merkmal der 2003er BBC-Serie ist nicht nur der heutzutage fast als Standard zu findende Newsroom in der Redaktion, sondern auch die Einbindung von Humor in die Handlung. Dies mag angesichts der politischen Verschwörung und der daraus resultierenden Toten zwar verwundern, ist dennoch aufgrund der Protagonisten wie McAvoys Dan Foster, Rebekah Statons Liz oder Sean Gilders Sergeant ‘Chewy’ Cheweski ganz amüsant. All diese Figuren fehlen natürlich im US-Remake. Von Westminster und der Zeitungslandschaft kriegt der Zuschauer dennoch nur bedingt etwas mit, wenn auch zumindest Vorgehensweisen von Letzterer in der ersten Hälfte eine Rolle spielen. Reality-Check-Faktor: 40%

Zwar ist Humor in Kevin Macdonalds Version kein Fremdkörper, sondern gerade im Zusammenspiel zwischen Russell Crowe und Rachel McAdams ein wiederkehrendes Element, dennoch vergeudet der Film keine Zeit darauf. Erfrischend, wenn auch leicht altbacken, ist der in die Handlung verwobene Subplot der Medienkrise, die sich in Faktoren wie Facelifts für den Zeitungskopf oder Dellas Funktion als Bloggerin niederschlägt. Zum US-Kongress erhalten wir zwar auch hier keinen Einblick, dafür erfährt der Plot mit der Privatisierung durch Sicherheitsunternehmen à la Blackwater wie im Falle der Medienkrise ein zeitgenössisches Update. Eine gelungene Neuausrichtung der Handlung also. Reality-Check-Faktor: 60%

Fazit

Die britische TV-Fassung überzeugt dadurch, dass die Recherche über eine Woche verteilt wird, während die Adaption sie auf zwei Tage komprimiert. Aber dies schien nötig, um dieselbe Geschichte in weniger als der Hälfte der Zeit zu erzählen. Leider ging so manch liebenswerte Figur verloren, glücklicherweise aber auch viel Ballast. Die jeweilige Besetzung nimmt sich nur bedingt etwas, Andrew Macdonalds Film wirkt jedoch aktueller. Wer sich also nur für die Geschichte von State of Play interessiert, darf dem amerikanischen Film-Remake den Vorzug geben. Dieses setzt sich mit 5:3 im Head-to-Head durch. Winner on points: State of Play (US-Film)!

8. Mai 2012

Marley

Could you be loved and be loved?
(“Could You Be Loved?”, Uprising, 1980)

Je größer der Mann, desto umfangreicher seine Biografie. So beanspruchte Nelson Mandelas „Mein langer Weg zur Freiheit“ über 800 Seiten. Ganz so ausführlich würde eine Autobiografie von Bob Marley vermutlich nicht werden, nicht zuletzt, da die Reggae- und Rastafari-Legende bereits 1981 mit 36 Jahren an Krebs verstarb. Dennoch benötigte Oscarpreisträger Kevin Macdonald beinahe zweieinhalb Stunden, um auch nur oberflächlich das Leben und Schaffen Marleys anzureißen. Nachdem sowohl Martin Scorsese als auch Jonathan Demme abgewunken und eine Dokumentation über Robert Marley aufgegeben hatten, versuchte sich der Schotte Macdonald an einer Chronologie von dessen Leben. Das Ergebnis, Marley, reüssiert und scheitert dabei zugleich. Aber: Don’t worry about a thing.

Marleys Geschichte beginnt im Dörfchen Nine Mile des im Inneren von Jamaika gelegenen Saint Ann Parishs. Hier erinnert einer seiner dort noch ansässigen Cousins daran, dass Robert als Kind gehänselt wurde, da er aufgrund seines weißen Vaters Norval als „Mischling“ galt. In einer kleinen Hütte lebend half er der Mutter aus, freundete sich mit dem von der Küste zugezogenen Neville Livingston an, der später zu Bunny Wailer werden würde, und begann sich an Musik auszuprobieren. Später zog die Familie nach Kingston und lebte im Armenviertel Trench Town, während Marley als Jugendlicher die Schule schmiss und als 18-Jähriger mit Livingston, Peter Tosh und anderen eine Band gründete, die sich irgendwann The Wailers nannte. Es folgten erste Erfolge in der Heimat und später auch in Europa.

Der internationale Durchbruch mit „No Woman, No Cry“ (1975) führte zu Tourneen in Europa und den USA, die wiederum dazu, dass erst Livingston und dann Tosh die Gruppe wegen Meinungsverschiedenheiten verließen. Marley ließ sich davon nicht unterkriegen, engagierte sich Mitte der 1970er mit Benefiz-Konzerten für den Frieden in seiner gewaltgeladenen Heimat im Kampf zwischen Rechten und Linken genauso wie 1980 bei der Unabhängigkeit von Simbabwe. Nebenbei unterstützte er seine Landsleute von seinem jamaikanischen Anwesen in der 56 Hope Road, glaubte eine Hautkrebsdiagnose an seinem Zeh aus dem Jahr 1977 besiegt zu haben und zeugte von 1967 bis 1978 insgesamt neun Kinder mit sieben Frauen. Wie sagte es Marley selbst: Love the life you live and live the life you love.

Auf dem Weg durch dieses Leben greift Macdonald nur selten auf Videomaterial von Marley selbst zurück. Vielleicht war nicht genug vorhanden, aber die vielen Talking Heads machen dies meist wett. Von Familienmitgliedern wie Marleys Mutter, seiner Witwe Rita sowie den Kindern Cedella und Ziggy über Freunde und Weggefährten wie Neville Garrick, Allan Skill Cole oder Bunny Wailer bis hin zur deutschen Krankenschwester Waltraud Ullrich, die Marley während eines Aufenthalts in einer bayrischen Krebsklinik pflegte. Sie zeichnen je nach Sichtweise das Bild eines zugleich offenen und warmherzigen, aber auch strengen Menschen, der für seine Musik lebte und bis zuletzt glaubte, er könne den Krebs besiegen. Das Bild einer Legende, die wie Jeder Fehler besaß.

So zeichnen besonders die Kinder ein ambivalentes Bild ihres Vaters. Die Eltern ihrer Freunde verboten das gemeinsame Spielen, da Bob und Rita stets bekifft seien, Marley wiederum wies (vielleicht aufgrund der eigenen Erfahrungen) darauf hin, dass sie keine Freunde bräuchten, da sie Geschwister hätten. Auch die Abwesenheit und Promiskuität des Vaters dürfte ein Problem gewesen sein, wenn auch Rita und die Kinder nur teils darauf eingehen. Flexibel und stur zeigte sich Marley auch gegenüber Livingston und Tosh was die Vermarktung ihrer Band angeht, weshalb es etwas schade ist, dass Macdonald Bunny Wailer nach der abgehandelten Band-Trennung nicht mehr zu Wort kommen lässt. Ohnehin schrammt Marley oft nur mit Glück an der Hagiografie vorbei, so kritikarm gerät er.

Zugleich arbeitet Macdonald nahezu jedes Ereignis und Thema oberflächlich ab. Zum Beispiel die Bedeutung für Marley, dass er schwarz und weiß zugleich war, von der Familie seines Vaters verstoßen wurde, wie er über seinen Krebs wirklich dachte und wie er seinen Landsleuten insbesondere in den unruhigen Zeiten der 1970er gegenüberstand. Vieles kann man sich anhand der Informationen in Marley zusammenreimen, ausgiebig setzt sich der Film aber mit keinem Thema auseinander. Macdonald will nicht den Familienmenschen Marley dokumentieren, nicht seine Rolle für die Geburt des Reggae oder die Verbreitung der Rastafari-Bewegung, Marley will einen Überblick über das Leben der Musiklegende bieten, von der Geburt bis zum Tod. Allgemein statt speziell sein also.

Sichtlich schwerer fällt dem schottischen Regisseur die Nachzeichnung eines ganzen Lebens, wo er zuvor in seinen gerühmten One Day in September (1999) und Touching the Void (2003) lediglich die Ereignisse einiger Tage aufarbeiten musste. Fraglich, ob man einer Vita wie der von Bob Marley überhaupt in einem Film, selbst wenn dieser gut 150 Minuten dauert, vollends gerecht werden kann. Macdonald jedenfalls gelingt dies nur bedingt, dahingehend, dass Marley einen Überblick verschafft wie ein Lexikoneintrag. Wen es nach weiteren Details gelüstet, der muss zu einer literarischen Biografie greifen. Und als Überblick fällt die Dokumentation inhaltlich wie inszenatorisch durchaus gelungen aus. Was sie quasi zu einer Art filmbiografisches Buffet macht und von allem ein wenig bietet.

Geschickt wechseln sich Archivmaterial, Stills, Konzertausschnitte, Landschaftsaufnahmen von Jamaika und Talking Heads ab, gewürzt mit Auszügen aus der Discografie von Bob Marley und The Wailers. Die über zwei Stunden verstreichen dabei ohne wirklich Längen, was nicht zuletzt der überzeugenden Montage, aber auch der faszinierenden Person Marleys zu verdanken ist. Erfrischend zudem, dass Macdonald hier mal nicht auf Reenactment zurückgreifen muss. So ist Marley vielleicht nicht die beste Dokumentation, die man über die Ikone hätte drehen können, dennoch ist sie unterhaltsam und grundsätzlich informativ geworden. “Man is a universe within himself”, habe Bob Marley mal gesagt. Und nach Marley weiß man: Je größer der Mann, desto umfangreicher sein Universum.

7/10