25. September 2014

Manakamana

Makes your ears pop, doesn’t it?

Früher, erinnert sich eine nepalesische Frau, habe es Tage gedauert, ehe man von Cheres im Chitwan-Distrikt den 1302 Meter hohen Manakamana-Tempel im Gorkha-Distrikt erreichte. Heute wird die Distanz über 2772 Meter von einer Gondelbahn überbrückt, die rund zehn Minuten braucht. Seit 1998 fährt die Bahn von einem Distrikt Nepals in den anderen, um die Fahrgäste auf ihren Weg zum Manakamana zu bringen. Der Tempel, ein geweihter Ort der Hindu-Göttin Parvati, soll Pilgern, die sich auf die Reise begeben, um dem dortigen Schrein zu huldigen, ihre Wünsche erfüllen. Ein Thema, wie geschaffen für Stephanie Spray vom Sensory Ethnography Lab der Harvard University, die mit Kollege Pacho Velez Manakamana inszenierte.

Das Sensory Ethnography Lab, kurz SEL genannt, ist ein fachübergreifendes Zentrum, welches mittels Medien anthropologische Arbeiten zur ästhetischen Völkerkunde erschafft. Bekannt ist es wohl durch seinen Direktor, Lucien Castaing-Taylor, der mit seiner Kollegin Ilisa Barbash die renommierten Dokumentationen Sweetgrass und Leviathan inszenierte. Bei Manakamana sind beide als Produzenten vertreten, während Spray und Velez Pilger mit der Manakamana-Gondel zum Tempel fahren lassen. Die Kamera verlässt dabei nie die Gondel, die Schnitte zwischen den verschiedenen Fahrgästen geschehen, wenn die Gondel in der jeweiligen Station im Dunkeln ihre Passagiere wechselt. Die einzige Konstante ist die Gondel mit Kamera.

Wie auch die Werke von Castaing-Taylor und Barbash oder auch mit Abstrichen Michelangelo Frammartinos Le quattro volte ist Manakamana ein quasi meditatives Bilderzeugnis, dem keine Handlung zu Grunde liegt. Die Mitglieder von SEL sind Anthropologen und Beobachter, weshalb ihre Dokumentationen selbst innerhalb des Genres eine Ausnahmestellung einnehmen. Nichts wird hinterfragt oder erklärt, egal ob Fischer oder ein Schaf-Trek in den Bergen Montanas bei der Arbeit begleitet wird. Im Mittelpunkt von Sprays und Velez’ Film steht dabei der Weg der nepalesischen Gondelfahrer auf ihrem Weg zum Tempel. Wie ihn diese beschreiten, ihn gestalten. Die Hintergründe ihrer Reise bleiben dabei offen.

Manche von ihnen sind vielleicht Touristen, die meisten aber wohl Bittsteller. Ihre Reise bestreiten viele in stiller Demut, so wie ein Großvater und sein Enkel zu Beginn. Auch ein Ehepaar, dem der Zuschauer gleich zweimal begegnet, hat sich wenig zu sagen. Bei der Hinfahrt sieht man noch einen Hahn in der Tragtasche des Mannes, bei der Rückfahrt schauen nur noch dessen Füße aus dieser heraus. Die Opfergabe verlief also erfolgreich. Für eine solche wird an einer Stelle auch die Gondel gewechselt, wenn eine Handvoll Ziegen sich auf ihren letzten Trek machen. Rückkehrer sind derweil ein Trio älterer Damen, die nicht nur alte Mythen, sondern auch ihre Ansichten über die Schönheit der Berge vor der Kamera reflektieren.

Bemerkenswert gerät dabei eine Gondelrückfahrt zweier junger Frauen – eine von ihnen Abendländerin –, die auf den ersten Blick wie Fremde wirken, die sich ein Transportmittel teilen, ehe das peinliche Schweigen doch durch Small Talk abgelöst wird, der eine Bekanntschaft der Frauen aufzeigt. Das Highlight dieser zweistündigen Dokumentation sind jedoch zwei andere Damen, die mit einem Eis am Stiel die zehnminütige Rückfahrt nach Cheres überbrücken wollen. Dabei lassen sich die Frauen derart viel Zeit, dass ihnen ihr Eis buchstäblich vom Stiel schmilzt und eine entsprechende Sauerei hinterlässt. Was die Damen mit herzlichen Gelächter quittieren, welchem man sich auch als Zuschauer nicht verwehren möchte – oder könnte.

Auf simple Art und Weise vermitteln Spray und Velez in Manakamana einen Einblick in eine fremde Kultur und deren (religiöse) Gepflogenheiten. Visuell ansprechend und durchaus spannungsvoll gestaltet durch die unsichtbaren Schnitte bei den Fahrgastwechseln. Ob die Passagiere für ihre umgerechnet 3,75 Euro (Hin- und Rückfahrt) tatsächlich ihre Wünsche erfüllt bekommen, bleibt offen – und ist damit sicherlich ein Spiegelbild seines Filmpublikums. Denn auf Manakamana muss man sich als solches einlassen und im Vorfeld vermutlich wissen, was eine SEL-Dokumentation einem bieten kann/wird. In diesem Fall ist dies ein zweistündiger Ausflug in zwei von Nepals 75 Distrikte – und das, ganz ohne die Gondel beziehungsweise sein Sofa zu verlassen.

7/10

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