26. November 2009

Revanche

In der Stadt wird man entweder arrogant oder ein Lump.

Schon lange gilt Österreich als der kleine Bruder von Deutschland. Wenn es nach den Österreichern geht, wohl schon zu lange. Stets im Schatten der Deutschen können sich die Österreicher weder in der Musik (DJ Ötzi zählt nicht), noch im Sport für ihren Status revanchieren. Wenn es ums Filme drehen geht, haben sie jedoch dem großen Bruder in den letzten Jahren wenn schon nicht einiges voraus, dann doch zumindest Augenhöhe erreicht (was hinsichtlich des deutschen Kinos allerdings nicht unbedingt als Kompliment anzusehen ist). Die Fälscher gewann im Vorjahr den Oscar als bester fremdsprachiger Film. Was hinsichtlich des Status’ des Oscars auch nicht unbedingt viel heißen muss, aber immerhin bringt es Aufmerksamkeit. Mit Revanche waren die Österreicher dieses Jahr erneut bei der prestigereichsten Preisverleihung vertreten, mussten jedoch – zu recht – dem japanischen Vertreter den Vorrang lassen. Nichtsdestotrotz eine bemerkenswerte Leistung, innerhalb von einem Jahr zwei Mal nominiert zu werden. Schließlich hatte es zuvor lediglich 1986 mit 38 – Auch das war Wien eine österreichische Oscarnominierung in dieser Rubrik gegeben.

Zu Beginn nimmt Regisseur Götz Spielmann nicht nur eine Szene vorweg, sondern deutet sie sogleich zur Metapher für den ganzen Film um. Ein Gegenstand wird in einen See geworfen. Der Aufprall ins Wasser löst Wellen aus, die schließlich wieder verebben. Sinnbildlich für das Bild wird hier aufgeschlüsselt, dass ein Ereignis Wellen schlagen kann. Revanche erzählt die Geschichte von Alex, aber auch von Tamara, Susanne und Robert. Tamara (Irina Potapenko) ist eine Prostituierte in Wien. Sie stammt aus der Ukraine, spricht aber durchaus Deutsch, wenn auch mit grammatikalischen Fehlern. Diese sind dafür sehr süß und charmant („Gehe ich spazieren“). In den Augen von Tamaras Zuhälter Konecny (Hanno Pöschl) ist Tamara „zu Schad’ für’s Puff“. Er will sie in eine eigene Wohnung stecken, wo sie zur Edelhure für die Beletage Wiens umfunktioniert werden soll. Damit Tamara das verdeutlicht wird, lässt sie Konecny auch gerne mal von einem Freier zusammenschlagen, um sie in die „sichere“ Wohnung zu treiben.

Was Konecny nicht weiß: Tamara ist mit Alex (Johannes Krisch), einem Ex-Häftling und Aushilfe im Puff, liiert. Bei ihm darf Tamara sogar ihre Familie in der Ukraine anrufen. In Konecnys Wohnung will Tamara daher nicht. Der Zuhälter ist ihr verständlicherweise unheimlich. Wenn es nach Alex geht, könnten sie auch lieber heute als morgen nach Ibiza abhauen. Dort kann er bei einem Kumpel in einer Bar als Teilhaber einsteigen. Nur fehlen ihm 80.000 Euro. Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Eben. Sein Plan, eine örtliche Bank zu überfallen, wird von Tamara wenig enthusiastisch aufgenommen. Aber auch sie will ihrem tristen Leben entfliehen. Bei der Flucht kommt es allerdings zu einer Schießerei mit dem Streifenpolizisten Robert (Andreas Lust). Der hat nach eigener Aussage „auf die Reifen gezielt“, aber stattdessen Tamara getroffen. Diese verstirbt im Wald, Alex wiederum sucht Unterschlupf bei seinem Großvater (Johannes Thanheiser), der in der Umgebung lebt. Erstmal Gras über die Sache wachsen lassen. Wäre da nicht Susanne (Ursula Strauss), Roberts Ehefrau und Bekannte von Alex’ Großvater, die sich ständig auf dem Gut der beiden herumtreibt.

Spannend wird es schließlich, als Alex herausfindet, dass Robert für Tamaras Tod verantwortlich ist und im selben Ort wie sein Großvater wohnt. Während er diesem beim Holzhacken behilflich ist, nähert sich Susanne allmählich an Alex an. Beide beginnen aus individuellen Gründen eine Affäre miteinander. Alex selbst befasst sich mehr und mehr mit seinem Zielobjekt Robert. Sonntags joggt dieser an einem kleinen See entlang und Alex wartet auf ihn. Manchmal die Umgebung auslotend, dann wieder mit geladener Waffe auf Robert zielend. Was Revanche nun auszeichnet, ist die nicht vorhandene Effekthascherei, mit der Spielmann seine Geschichte erzählt. Sehr ruhig und besonnen lässt der Österreicher seine Bilder für sich sprechen, wirkt dabei nie aufgeregt. Weder beim Banküberfall, noch während der Flucht. Als Tamara stirbt und Alex im Wald hält, fokussiert Spielmann die Kamera von außen gut eine halbe Minute auf den stillstehenden Wagen. Man hört Alex nicht Schreien, hört ihn nicht Weinen. Man sieht einfach nur das Bild.

Auch auf die Eskalation zwischen Alex und Robert wartet man vergeblich. Revanche ist weniger Thriller als Charakterstudie. Des Öfteren sieht man Alex gemeinsam mit seinem Großvater ihr Vesper zu sich nehmen. Die Männer kommen sich wieder näher, wenn auch in Stille. Susanne und Robert wiederum haben ihre eigenen Probleme. Nachdem Robert den Tod Tamaras nicht verarbeiten kann, schließt er seine Frau emotional aus. Übernimmt Nachtschichten und bricht schließlich zusammen. Er hat doch auf die Reifen gezielt. Da Spielmann zu Beginn den Polizisten bei Schießübungen gezeigt hat, kann man sich denken wie sehr ihn Tamaras Tod mitnimmt. Er ist ein guter Schütze. Und er hat doch auf die Reifen gezielt. Die Entwicklung, die Spielmanns Film später nimmt, ist letztlich wenig überraschend und doch unerwartet. Als Zuschauer ist man einen Film wie Revanche nicht (mehr) gewöhnt. Zum Vergleich ließe sich Reservation Road heranziehen – den Roman, nicht den Film –, der am Ende einen ganz anderen und irgendwie typisch amerikanischen Verlauf nimmt. Nicht so Revanche, der durchweg stimmig, stringent und spannend ist. Und das ohne allzu viel Aufheben und besser als alles, was wir Deutschen dieses Jahr hervorbrachten.

8.5/10

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